Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Paul Celan

Paul CelanPaul Celan

Poet
Born 23/11/1920
Deceased 20/4/1970

Georg-Büchner-Preis 1960
Laudatory Address by Marie Luise Kaschnitz
Acceptance Speech by Paul Celan
Diploma

Aus der Tiefe poetischer Eingebungen geholt, findet in seinem Werk das Wort zur Inständigkeit des Dauernden.

Jury members
Juryvorsitz: Hermann Kasack
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid, Hanns W. Eppelsheimer Adolf Grimme, Rudolf Hagelstange, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Gerhart Pohl, Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Fritz Usinger

 
LAUDATOR
Marie Luise Kaschnitz
Born 31/1/1901
Deceased 10/10/1974
Writer

Paul Celan, der Dichter, den wir heute hier feiern dürfen, ist im Jahre 1920 in Tschernowitz geboren, er stammt also aus der Bukowina, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum alten Österreich-Ungarn und damit zum deutschen Kulturkreis gehörte. Daß Celan unter den tragischsten Umständen seine Heimat verlassen mußte und nun seit mehr als zwölf Jahren in Paris lebt, hat ihm nicht nur Deutschland über alle geographischen Weiten hinaus ferngerückt. Es hat ihn auch seinem einzigen und kostbarsten Muttererbe, der deutschen Sprache, entrückt – freilich im positivsten Sinn. Der falschen Vertrautheit des Alletageredens enthoben, war er imstande, diese mit soviel Bitterkeit geliebte deutsche Sprache für sich neu zu entdecken und auf eine neue Weise über sie zu verfügen, schöpferisch und frei. Im Besitz einer visionären Begabung und ausgestattet mit Traumfähigkeiten und halb unbewußten Erinnerungen an chassidische und biblische Überlieferungen traf er in Frankreich auf die in den romanischen Ländern ungebrochene Tradition der klassischen Formgesetze. Er nützte ihre Möglichkeiten zur Bildung eines neuen Stils, der sowohl natürlich wie künstlich, sowohl persönlich wie überpersönlich ist. Auf diese Weise wuchs er, ein deutscher Dichter, hinaus über sein Schicksal, das uns mit Scham und Trauer erfüllt.
Im Laufe von elf Jahren hat Celan vier Gedichtbände veröffentlicht, an deren erster Stelle der 1948 in Wien erschienene Band »Der Sand aus den Urnen« steht. Im Jahre 1952 erschien bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart der Band »Mohn und Gedächtnis«, in den der Cyklus »Sand aus den Urnen« und die »Todesfuge« übernommen wurde. Ebendort folgte 1955 der Band »Von Schwelle zu Schwelle«. Der Band »Sprachgitter«, der von dem langen Gedicht »Engführung« beschlossen wird, ist 1959 im Verlag S. Fischer in Frankfurt erschienen. Dort wurde auch 1958 Celans Übertragung der »Zwölf« von Alexander Block gedruckt. In der Neuen Rundschau erschienen von Celan Übertragungen von Gedichten von Apollinaire, Char, Jessenin, Mandelstamm, Nerval und von zwei Sonetten von Shakespeare. Der Inselverlag gab 1958 Celans Übertragung des Bateau Ivre von Rimbaud und 1960 seine Nachdichtung der »Jungen Parze« von Paul Valery in einer bibliophilen Ausgabe heraus.
Wenn wir nun anhand dieser Bücher versuchen, Celans künstlerischen Weg zu verfolgen, finden wir von einem Gedichtband zum ändern ein bewußtes Beschneiden des Üppig-Blühenden und Wuchernden, im Inhalt wie in der Form. Was sich in dem Wiener Band in langen daktylischen Zeilen märchenhaft verkleidet noch ausbreitet, zieht sich im Laufe der Jahre zu Schlüsselworten und Rätsel Wendungen zusammen, und in dem Maße, in dem der Dichter über die Sprache Herr wird, bedient er sich ihrer immer leiser und zögernder, so als sollte am Ende wirklich das Lied der Zikaden stehen. In den frühen Gedichten schweift seine Phantasie noch aus, malt und läßt klingen, da gibt es noch Rosen und Flügelrauschen in Avalun, da ist der Tod noch malvenfarben und der Cherub von Akra ritterlich gepanzert, und noch in der erschütternden Todesfuge mit ihren monotonen Wiederholungen wird die entsetzliche Begebenheit balladenhaft beinahe erzählt. Einen Nachklang dieser knabenhaften Romantik hören wir noch in dem Gedicht »Ein Knirschen von eisernen Schuhen«, das ich Ihnen vorlesen möchte.

»Ein Knirschen von eisernen Schuhn ist im Kirschbaum.
Aus Helmen schäumt dir der Sommer. Der schwärzliche Kuckuck
malt mit demantenem Sporn sein Bild an die Tore des Himmels.

Barhaupt ragt aus dem Blattwerk der Reiter.
Im Schild trägt er dämmernd dein Lächeln,
genagelt ans stählerne Schweißtuch des Feindes.
Es ward ihm verheißen der Garten der Träumer,
und Speere hält er bereit, daß die Rose sich ranke...

Unbeschuht aber kommt durch die Luft, der am meisten dir gleichet:
eiserne Schuhe geschnallt an die schmächtigen Hände,
verschläft er die Nacht und den Sommer. Die Kirsche blutet für ihn.«

Celans Ton wird danach ruhiger und einfacher, freilich nicht in dem Sinne, daß er sich jetzt glatterer Wendungen und herkömmlicherer Bilder bediente. Er befragt, nach seinen eigenen Worten, noch immer die Stunde, die eigene und die der Welt, den Herzschlag und das Äon, aber er tut es jetzt in dichteren, auch im Rhythmus weniger ausladenden Versen. Von diesen sollen Sie das Gedicht die »Krüge Gottes« hören, in dem Celan die souveräne und gleichgültige Macht des Göttlichen zu dem hilflos emotionalen Wesen der Menschen in Gegensatz stellt.

»An den langen Tischen der Zeit
zechen die Krüge Gottes.
Sie trinken die Augen der Sehenden leer und die Augen der Blinden,
die Herzen der waltenden Schatten,
die hohle Wange des Abends.
Sie sind die gewaltigsten Zecher:
sie führen das Leere zum Mund wie das Volle
und schäumen nicht über wie du oder ich.«

Anders wieder tönt es aus den Gedichten des Bandes »Von Schwelle zu Schwelle«, in denen fragend, mahnend, rätselnd und deutend ein Du angesprochen wird, das bald die Geliebte, bald die Mutter, bald den Freund und bald den Dichter selber meint. Dem Rätsel der Sprache wird hier schon bewußt nachgegangen, das Gedicht »Mit wechselndem Schlüssel« ist da ein rechtes Schlüsselgedicht und Sie sollen es später hören. Zunächst möchte ich Sie auf die veränderte lyrische Haltung dieses Bandes aufmerksam machen, darauf nämlich, daß hier das Besinnen und Erwägen, die Frage nach dem Ort des bedrohten Ichs in der Welt sparsamer und zarter, auch mit geringerer Wortzahl und Zeilenlänge vor sich geht und daß diesem Weglassen und Aussparen eine stärkere Intensität entspricht. Ich lese Ihnen als Beispiel einer solchen zugleich behutsamen und kühnen Zusammenfassung das Gedicht »Welchen der Steine Du hebst«.

»Welchen der Steine du hebst –
du entblößt,
die des Schutzes der Steine bedürfen:
nackt,
erneuern sie nun die Verflechtung.

Welchen der Bäume du fällst –
du zimmerst
die Bettstatt, darauf
die Seelen sich abermals stauen,
als schütterte nicht
auch dieser
Äon.

Welches der Worte du sprichst –
du dankst
dem Verderben.«

Auf das ausbreitende Schildern in märchenhaften und glühenden Traumbildern folgte, wie wir sahen, bei Celan der wortkargere Anruf, auf diesen wieder folgt die Feststellung, die den Text der Gedichte noch mehr zusammenrückt und das Zeitwort manchmal völlig verschwinden läßt. Viele Gedichte des letzten Bandes »Sprachgitter« sind solche Feststellungen, in denen wohl noch gelegentlich und dann mit besonders schmerzlichem Klang eine Frage auftönt, in denen aber doch meist die Dinge nur genannt und so mit aller Schwere der Unverbundenheit uns ins Bewußtsein gehoben werden. Für diesen noch spröderen, noch geheimnisvolleren Stil ist das Gedicht »Nacht« kennzeichnend.

»Kies und Geröll. Und ein Scherbenton, dünn,
als Zuspruch der Stunde.

Augentausch, endlich, zur Unzeit:
bildbeständig,
verholzt
die Netzhaut –:
das Ewigkeitszeichen.

Denkbar:
droben, im Weltgestänge,
sterngleich,
das Rot zweier Münder.

Hörbar (vor Morgen?): ein Stein,
der den ändern zum Ziel nahm.«

Über solche Feststellungen führt Celans bisheriger Weg noch einen Schritt hinaus: der Titel »Engführung« seines letzten Gedichts läßt an eine Fugenfigur denken, und wenn hier noch einmal Celans innere Lebensgeschichte zum Ausdruck kommt, so ist es nun eine völlig entpersönlichte, deren Verfremdung strengen Gesetzen gehorcht.
Es war eine Aufgabe zu zeigen, wie Celans Gedichtinhalte und Gedichtformen sich im Laufe der Jahre seiner Arbeit gewandelt haben – es ist eine andere, deutlich zu machen, wie unverkennbar er auch derselbe geblieben ist. Immer und durch alle Stilwandlungen hindurch beschwört er die innere, nicht die äußere Welt. Aber diesen inneren Erlebnissen leiht er Gestalt und Bewegung der äußeren Dinge, das ist das Ungewohnte und Faszinierende schon von Anfang an. Er hat die Außenwelt in sich hineingenommen und springt dort in der kühnsten Weise mit ihr um. In dem Mikrokosmos seiner Lyrik gibt es, bei aller Künstlichkeit der Darstellung, nichts Krampfhaftes, nichts, das nicht einleuchtete, wenn man nur die Geduld aufbringt, es aus sich heraus leuchten zu lassen. Er selbst kann zu Riesengröße aufwachsen und um Baumäste Herzgarn spinnen oder ganz klein werden und die Sandkörner zählen, das sind Traumfähigkeiten, wie der ganz kurzsichtige und der ganz weitsichtige Blick. Schon in den frühen Gedichten führt einer »den Bogen mit schneeigen Zähnen«, ist das Herz der Geliebten ein »Kahn im Getreide«, der »nachtwärts gerudert wird«, hüpft das Du als »ein Krüglein Blau leicht über die Schlafenden hin«. Celan verliert beim Kartenspiel »die Augensterne«, redet »Muscheln und leichtes Gewölk« und sieht »ein Boot im Regen knospen«, später spricht er noch geheimnisvoller von »seelenbeschrittenen Fäden« und »rückwärts gerollter Glasspur«, – das ist im Grunde überall dieselbe ihm eigentümliche Fähigkeit, den Vorgängen seines Innern Welt anschließen zu lassen, wo und wann immer er will. Er hat wie jeder Lyriker seine bevorzugten Dinge und Tätigkeiten, es wäre fesselnd zu verfolgen, wie Sand, Schnee und Stein, wie Pappeln, Krüge und Haar in seinen Versen immer wiederkehren und wie sie ihre Bedeutung wechseln, ohne daß ihre Bedeutsamkeit an Gewicht verliert. Die beherrschende Rolle des Wassers als Regen, Quelle, Brunnen und Meer ist vielen Gedichten abzulesen, da gibt es schon in dem Band »Mohn und Gedächtnis« das großartige und unheimliche Bild des auf dem Meere wogenden Tisches, dem zur Seite die Särge ans Land gerudert werden. In einem Gedicht in »Von Schwelle zu Schwelle« ist »der ewige Mund vom Meer gezeitigt und taucht empor zum unendlichen Kusse«, und in dem Gedichtband »Sprachgitter« muß einmal in der Zeit des Niedrigwassers der ungebetene Gast vom Brunnen erzählen; in diesem Gedicht heißt es »Wasser – welch ein Wort«. Das Zählen, dem Erzählen verwandt, wird bei Celan immer wieder geübt. »Zähle die Mandeln, zähl midi hinzu«, heißt es in der für Celan so charakteristischen Verbindung verschiedenartiger Objekte, im »Sprachgitter« zählt das Sandvolk bis zehn und nicht weiter, in der »Engführung« wird dann nicht mehr gezählt, aber musikalische Elemente beherrschen das Gedicht, dem die Oberstimmen wie ein Echo nachklingen.
Eine ähnlich beharrliche Wichtigkeit wie Sand und Stein, Wasser und Zahl haben in Celans Lyrik auch das Wort und die Worte, die er schon in »Mohn und Gedächtnis« »Rutengänger im Stillen« nennt. In dem Band »Von Schwelle zu Schwelle« steht das Gedicht »Mit wechselndem Schlüssel«, das ich schon erwähnt habe und das ich Ihnen jetzt vorlesen möchte.

»Mit wechselndem Schlüssel
schließt du das Haus auf, darin
der Schnee des Verschwiegenen treibt.
Je nach dem Blut, das dir quillt
aus Aug oder Mund oder Ohr,
wechselt dein Schlüssel.

Wechselt dein Schlüssel, wechselt das Wort,
das treiben darf mit den Flocken.
Je nach dem Wind, der dich fortstößt,
ballt um das Wort sich der Schnee.«

In einem ändern Gedicht dieses Bandes umdrängt die Welt »waldig von Hirschen georgelt« das Wort, und der Dichter wiegt »das Verwunschene zu ihm hin«, während im Titelgedicht des »Sprachgitters« die Sprache trennend zwischen den Menschen steht. In vielen Versen dieses Bandes sind Worte großartig, unverbunden, hingesetzt, wie überhaupt neben der Aussage über die magische Rolle der Sprache immer auch die Sprachkunst in all ihren Möglichkeiten zur Wirkung gelangt. Diesen von Celan verwendeten Kunstformen, seinen dringenden Wiederholungen und kühnen Entsprechungen, seinen schöpferischen Übertreibungen und genialen Worteinsparungen werden die Literarhistoriker einmal nachgehen und aus ihnen Celans Eigenart erklären. Wort- und Sinn-Empfindlichkeit und sprachschöpferische Begabung haben Celan auch befähigt, Dichtung aus anderen Sprachen ins Deutsche, in sein vielschichtiges, vielstimmiges Deutsch zu übertragen: die ihm verwandten Russen Block und Jessenin, und Mandelstamm, der, seiner Zeit vorausgreifend, ein Bruder Celanschen Geistes ist – aber auch Valery, dessen Verdichtung mythologisch-philosophischer Gedankengänge ihm doch fernstehen mußte. Diesen Übertragungen im einzelnen gerecht zu werden, bin ich nicht befugt. Mir liegt noch daran, Ihnen deutlich zu machen, daß Celan, der das Handwerk wie kaum einer der jungen Lyriker beherrscht, weit davon entfernt ist, im Kunstreichen und Künstlichen sich selbst zu genügen. Seine Einsamkeit ist beständig auf der Suche nach Communication, er spricht nicht für sich selbst, sondern für sich und die ändern, deren Ängste und Hoffnungen die seinen sind. Seine Fähigkeit, in Eiszeiten und Lichtjahren zu denken, hindert ihn nicht, die Essenz der Jetztzeit auszupressen, einen bitteren, tod- und lebenspendenden Trank. Das Wort »wir« ist ihm, und nicht nur als Ausdruck der Liebesgemeinschaft, ein ewiges Wunschwort – ein »Wir« erscheint noch im »Sprachgitter« in den Zeilen

»Auch wir hier, im Leeren,
stehn bei den Fahnen.«

Eine metaphysische Verbindung wird in vielen Gedichten tastend gesucht. In dem frühen »Die feste Burg« hält ein »tieferes Aug« im »abendlichsten aller Häuser Ausschau« – in dem Köln-Gedicht des Sprachgitters sind in den ungesehenen Domen »Verbannt und Verloren« daheim. Der Tod, mit dem Weißhaar geheimnisvoll gleichgesetzt, ist der teuflische Meister aus Deutschland und der finstere Haldengott, aber auch die Erlösung, die in dem Gedicht »Schneebett« ein letztes »Wir« fallen und fallen und ein Fleisch mit der Nacht werden läßt. So vermittelt uns Celan die Wahrheit, die, nach seinen eigenen Worten, der spricht, der vom Schatten spricht, und verbindet sich mit uns in der lebendigen Schwermut, die in all seinen Gedichten zum Ausdruck kommt. »Wir waren tot, wir konnten atmen«, heißt es einmal, und dieses Sterben und wieder Atmen vollziehen wir mit ihm, der sein Leben der Sprache abgewonnen hat und der heute hier als der Gebende steht.