Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Marie Luise Kaschnitz

Marie Luise Kaschnitz

Writer
Born 31/1/1901
Deceased 10/10/1974
Member from 1949 to 1954
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1955
Laudatory Address by Kasimir Edschmid
Acceptance Speech by Marie Luise Kaschnitz
Diploma

Stets dem Geiste zugewandt, Antikisches und Heutiges in humanem Sinne verbindend und auf eine neue für uns gültige Weise formend...

Jury members
Juryvorsitz: Hermann Kasack
Friedrich Bischoff, Bernard von Brentano, Kasimir Edschmid, Rudolf Hagelstange, Gertrud von le Fort, Wilhelm Lehmann, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Gerhard Storz, Fritz Usinger

Dankrede

Mit Lob und Tadel ist es sonderbar bestellt. Der Tadel, die abfällige Kritik, ja selbst die viel gefürchtetere Nichtbeachtung rufen in uns eine Menge von Abwehrkräften hervor. Das Selbstbewußtsein wird gestärkt, man ist doch mehr, als die andern glauben oder man wird es eines Tages besser machen, so gut, daß alle staunen werden über das verkannte Genie. Die öffentliche Anerkennung hat ganz andere Folgen, sie stimmt uns nachdenklich und kritisch gegen uns selbst und vielleicht ist gerade das ihr tieferer Sinn. Ich jedenfalls habe mir seit dem Tag, an dem Hermann Kasacks freundlicher Brief mich endlich in Athen erreichte, viele Gedanken gemacht. Ich fühlte mich nämlich durch den in Aussicht gestellten Preis in eine besondere Beziehung gesetzt zu dem Mann, dessen Namen er doch nicht zufällig trägt. »Was würde Büchner dazu sagen«, dachte ich und schon stand er fast leibhaftig vor mir, dieser Riese des Leidens und der Auflehnung – ich hatte ihm Rechenschaft abzulegen – davor schützten mich weder meine wohlwollendsten Leser noch die Deutsche Akademie. Also saß ich in unserm Hotelzimmer zu Füßen der Akropolis in der schweigenden Gegenwart Georg Büchners, des Antiklassikers und Revolutionärs, der gewiß nie das Land der Griechen mit der Seele gesucht hat und der keine Zeit und keine Mittel hatte, ins Ausland zu reisen. Mein eigenes Leben ging mir durch den Sinn – wie ich, im Gegensatz zu Büchner, nie eine ganz bestimmte Vorstellung davon gehabt hatte, wie man die Weltordnung ändern müßte und nicht einmal den verzehrenden Wunsch, meine eigenen Anliegen dem allgemeinen Wohl zum Opfer zu bringen. In meinem persönlichen Leben hatte ich versucht, das Nächstliegende gut und den mir nahestehenden und nahekommenden Menschen Gutes zu tun, was eine ziemlich bequeme und eher dankbare Aufgabe ist. Meine Arbeit erschien mir, im Vergleich mit den wenigen Werken des jung Gestorbenen oft vom künstlerischen Spieltrieb bestimmt, ein Herumversuchen auf vielen literarischen Gebieten, ich sah keine große Linie, keinen inneren Zusammenhang aus einer unverrückbaren Gesinnung heraus. La poetessa delle macerie – die Trümmerdichterin – hatte mich eine italienische Zeitschrift vor kurzem genannt, aber einen Augenblick lang hatte mir das fast mißfallen, weil mir schien, daß auch in meinen Kriegs- und Nachkriegsgedichten weniger das Chaos als die Sehnsucht nach einer neuen Ordnung wesentlich seien. All meine Gedichte waren eigentlich nur ein Ausdruck des Heimwehs nach einer alten Unschuld oder der Sehnsucht nach einem aus dem Geist und der Liebe neu geordneten Dasein – in meinen Essays und Tagebüchern, ja auch in meinen Hörspielen, die ich durchaus nicht als uneheliche Kinder ansehe, überall habe ich nur versucht, den Blick des Lesers auf das mir Bedeutsame zu lenken, auf die wunderbaren Möglichkeiten und die tödlichen Gefahren des Menschen und auf die bestürzende Fülle der Welt. Den billigen Trost, den manche Leser vom Gedicht erwarten, habe ich nie geben wollen, und wenn meine Verse im Gegensatz zu den sogenannten hermetischen oder surrealistischen eher verständlich waren, so hängt das damit zusammen, daß mein Weg in der Lyrik mich von der Natur zum Menschen geführt hat und daß ich nie ganz vergessen konnte, daß ich mich Menschen mitteilte, freilich solchen, die die Mühe des Ungewohnten und nur langsam zu Begreifenden nicht scheuen.

Dies alles bedachte ich und auch, wie es nun weitergehen sollte – das ist nämlich auch eine Folge von Preisverteilungen, daß man zunächst ganz fest davon überzeugt ist, daß einem von nun an nie mehr etwas einfallen wird. Ich hatte gerade einen Brief aus Deutschland bekommen, einen, der nicht nur mich, sondern Sie alle angeht, weil nämlich darin, und von einem jungen Menschen, gefragt wird, was denn der Dichter, zumal der Lyriker, den satten und zufriedenen Deutschen noch zu sagen hätte, was er, selbst eingespannt in eine mechanisierte Scheinordnung, überhaupt noch zu sagen hätte. Diese Frage nun führt über den eigenen Wert oder Unwert weit hinaus. Noch einmal erinnerte ich mich an meine sogenannten Trümmergedichte, die Sonette aus dem letzten Kriegsjahr, die Rückkehr nach Frankfurt, die große Wanderschaft und die Zukunftsmusik, all jene Verse, deren Entstehungsgeschichte mich mit Hessen und besonders mit der Stadt Frankfurt so unauflöslich verbindet, und ich mußte zugeben, daß in schlechten Zeiten besser als in scheinbar guten dichten sei. Was ich mir im Augenblick als Thema vorstellte, war eine Besinnung und Mahnung, ähnlich jenem großartigen Gedicht von Kipling, daß mit dem Refrain »Lest we forget« der Macht- und Prachtentfaltung des beginnenden viktorianischen Zeitalters das andere niemals zu vergessende gegenüberstellt. Aber das war kein neuer und nicht einmal mein eigener Gedanke, und so endeten denn diese Zweifel und Selbstanklagen auch keineswegs damit, daß die schweigende Gegenwart Büchner nun vollends Gestalt annahm, sich zu mir herabbeugte und mir ein Lorbeerblatt reichte. Vielmehr sah ich plötzlich von mir und von uns allen ab und erinnerte mich an den Woyzeck, diese kurze Szenenfolge, die ich unzählige Male gelesen habe, deren leidenschaftliche und rücksichtslose Menschlichkeit mich hingerissen hat und deren Dialoge ich mir zum Vorbild genommen habe bei manchem dramatischen Versuch. Mit einemmal standen sie mir alle wieder vor Augen, diese erbarmungswürdigen Gestalten, Woyzeck mit seinem gehetzten Gang und seinem stechenden Blick, der apoplektisch-rührselige Hauptmann, der skurrile und grausame Arzt, der gute Kamerad und die hitzige Marie, die sich von dem Zerquälten, Zappeligen fortsehnt zu einem Mann, der wie ein Baum dasteht in seiner prächtigen Uniform. Ich hörte die Stimmen, die Woyzeck hört, draußen auf dem Felde und hinter den Wänden seiner Kammer, den stampfenden Rhythmus des ewigen Begehrens und die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts, auch das »stich tot, stich tot« aus der Tiefe, diesen ganzen Hexensabbath, der erst als Woyzeck seine Bluttat, wenigstens im Geiste, schon begangen hat, zum Schweigen kommt. Ich vernahm noch einmal das trostlose Märchen der alten Frau, in welchem Sonne, Mond und Sterne, diese lieblichen und strahlenden Erscheinungen dem armen Waisenkind nur die Vergänglichkeit des Irdischen enthüllen und die Erde ihm nichts anderes ist als ein seelenloses tönernes Ding. Und ich erinnerte mich an die in dem Stück immer gegenwärtige Frage nach dem Sinn des Lebens, der ja auch und gerade für Woyzeck die Liebe sein könnte, wäre der Mensch nicht ein Abgrund von Schlechtigkeit und müßte ihn nicht erst die Grabeskälte dem furchtbaren Kreislauf seiner Begierden entziehen.

Mit erschreckender Deutlichkeit stand mir damals das ganze finstere Werk vor Augen, und doch richtete ich mich daran auf, wie vielleicht auch Sie sich in diesem Augenblick daran aufgerichtet haben. Jedes vollkommene Kunstwerk erfüllt uns ja – auch wenn es als »schwarze Poesie«, als Gegenbild von Glaube und Hoffnung erscheint mit Mut und mit Glück. Mit einemmal wußte ich auch: die deutschen Leser und Hörer sind weder ruhig, noch zufrieden, noch satt. Sie haben nur einen andern Hunger, eine andere Unruhe und eine andere Furcht, als die welche ihnen einst den Weg so leicht machte zu den Dingen der redenden und der bildenden Kunst. Jedes wirkliche, das heißt in der ihm gemäßen Form vollendete und in seinem Ausdruckswillen unerbittliche Kunstwerk mußte zu ihnen sprechen, heute wie je. Es handelte sich nicht um Programme, nicht um die Ausmerzung oder Wiedereinführung des Gegenständlichen, sondern um die härteste innere Wahrheit und um die äußerste Bemühung um die Form. Es handelte sich vor allem um das Erbarmen, das ja nichts anderes als ein Mitlieben und Mitleiden, ein Offensein und Offenbleiben ist.

Ich habe Ihnen geschildert, was für Gedanken ich mir in der letzten Zeit gemacht habe. Dadurch, daß ich sie aussprechen durfte, bin ich frei geworden und im Stande, mich über die Anerkennung, die schöne Feier und die Anwesenheit so vieler Freunde herzlich zu freuen. Ich danke dem Ministerium, dem Magistrat der Stadt Darmstadt und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für das Vertrauen, das in der Verleihung eines so bedeutenden Preises zum Ausdruck kommt, das Vertrauen in meinen guten Willen, meine Arbeitskraft und meinen Mut. Ich denke mit Dankbarkeit an zwei Männer, die ich gern hier wüßte, an den in Oslo lebenden Max Tau, der 1933 als Lektor des Cassirerverlages mein erstes Buch herausbrachte und dem ich an Ermutigung außerordentlich viel verdanke, und den verstorbenen Eugen Claassen, der fast alle meine Gedichte gedruckt hat und der, gerade vor einem Jahr hier in Darmstadt, das Manuskript meiner Römischen Betrachtungen mit einer bei ihm seltenen freudigen Zustimmung für seinen Verlag übernahm.

Und nun möchte ich Ihnen zum Schluß noch von einem Erlebnis berichten, das ich an unseren letzten Tag in Griechenland hatte und das mir für unser heutiges Zusammensein und Auseinandergehen und für unser aller Arbeit tröstlich erscheint. Wir sind an diesem Tag mit Freunden in das Hymettosgebirge gefahren, um ein byzantinisches Kloster zu sehen. Diese alten griechischen Klosterkirchen sind sehr klein und dunkel, sehr gedrungen und fest, wie in den Boden gerammt. In der Kirche von Kaisariani nun haben wir jeder ein paar lange dünne Kerzen gekauft, sie angezündet und, ein wenig nach außen geneigt, um einen Leuchter gesteckt. Danach haben wir die früheren Mönchszellen angeschaut, sind unter den herrlichen alten Platanen umhergegangen und haben die Hände auf den, von einer fruchtbarkeitbewirkenden Quelle überronnenen, marmornen Widderkopf gelegt. Viel später, als es schon dunkel war und wir fort und auseinandergehen wollten, kamen wir noch einmal bei der Kirche vorbei. Da sahen wir nun durch ein vorher gar nicht bemerktes kleines Fenster gerade auf unsere Lichter, die, noch kaum kürzer geworden, still in der inzwischen geschlossenen Kirche brannten. Dieser Anblick hatte etwas seltsam Erregendes, so als sei schon eine lange Zeit verstrichen und als seien wir selbst nur Geister, die vorbeiziehen an der Stätte ihres menschlichen Tuns. Aber zugleich hatte doch jeder von uns ein beglückendes Gefühl: daß nämlich jedes echte Zusammensein über seine eigentliche Dauer aufrechterhalten bleibt und daß auch die von uns angezündeten Lichter noch fortleuchten, wenigstens für ein paar nächtlich Vorübergehende und für eine kleine Zeit.