Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Ingeborg Bachmann

Ingeborg BachmannIngeborg BachmannIngeborg BachmannIngeborg Bachmann

Writer
Born 25/6/1926
Deceased 17/10/1973
Member since 1957

Georg-Büchner-Preis 1964
Laudatory Address by Werner Weber
Acceptance Speech by Ingeborg Bachmann
Diploma

Scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht.

Jury members
Juryvorsitz: Hanns W. Eppelsheimer
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid (Ehrenpräsident), Richard Gerlach, Hermann Kasack (Ehrenpräsident), Marie Luise Kaschnitz, Karl Krolow, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Gerhart Pohl, Dolf Sternbergerk, W. E. Süskind, Fritz Usinger

Ein Ort für Zufälle

Wie jeder, der hier gestanden ist und es nicht wert war, Büchner das Schuhband zu lösen, habe ich es schwer, den Mund aufzutun, den Dank trotzdem abzustatten mit einer Rede. Wovon reden? Von etwas Naheliegendem am besten. Es liegt nahe für mich, vielleicht auch für Sie.

»Konsequent, konsequent«, sagte dann Lenz, und wenn jemand anderer was sprach: »Inkonsequent, inkonsequent.« Es war die Kluft unrettbaren Wahnsinns, erfahren wir.

Konsequenz, das Konsequente ist, wie Sie wissen, meine Damen und Herren, in fast allen Fällen etwas Furchtbares, und das Erleichternde, das Lösen, Lebbare, das kommt inkonsequent einher. Konsequenz, das Folgerichtige, im Verfolgen des Risses – eines Risses, der für Lenz durch die Welt ging und der ihn nur traurig den Kopf schütteln ließ auf alles, was man ihm sagte, in guter Absicht, wie wir auch wissen – diese Konsequenz ergibt sich nicht nur durch die körperlichen und geistigen »Zufälle« eines Individuums. Zufälle: ein merkwürdiges Wort, mit dem Büchner die Lenzsche Krankheit behaftet. Lassen Sie uns daran festhalten. Der Wahnsinn kann auch von außen kommen, auf die einzelnen zu, ist also schon viel früher von den Innen der einzelnen nach außen gegangen, tritt den Rückweg an, in Situationen, die uns geläufig geworden sind, in den Erbschaften dieser Zeit. Denn ich vergesse nicht, daß ich in Ihrem Land bin mit seinen Zufällen, die sich der Diagnose nicht ganz, aber im Grunde entziehen, wie alle Zufälle; Zufälle, die sich mitunter aber einer Optik und einem Gehör mitteilen, das sich diesem Zufall aussetzt, dem Nachtmahr und seiner Konsequenz.

Verwechseln Sie, was ich zu sagen versuchen werde, nicht mit Eindrücken. Ich habe womöglich welche, aber wer wird sich auf Eindrücke verlassen! Es wird von einer Gegend hier die Rede sein – nicht von Darmstadt, von Hessen nicht –, auf die kein Finger mehr zu legen ist, einer Gegend, umständehalber, und einer Stadt, da mehr sich nicht anbietet, einer, die sich auf »Teilung« hinausreden ließe. Teilung: das ist ein anderes, ein fleißiges Wort, es nimmt vieles ab, das Denken nicht zuletzt. Es hört sich an nach: Operation, postoperative Schmerzen nicht ausgeschlossen, letaler Ausgang selten. Es muß also, wenn es um Zufälle geht, etwas weit zurückliegen, intermittieren, konsequent, aber wiederkommen mit neuen Zufällen. Die Beschädigung von Berlin, deren geschichtliche Voraussetzungen ja bekannt sind, erlaubt keine Mystifizierung und keine Überhöhung zum Symbol. Was sie erzwingt, ist jedoch eine Einstellung auf Krankheit, auf eine Konsequenz von variablen Krankheitsbildern, die Krankheit hervorruft. Diese Einstellung kann jemand nötigen, auf dem Kopf zu gehen, damit von dem Ort, von dem sich leicht Hunderterlei berichten ließe, dem aber schwer beizukommen ist, Kunde gegeben werden kann. Ein Kundschafter ist ein Ortsfremder – er ist somit im Vorteil und im Nachteil. Seine Darstellung ist ihm ganz und der Sache nie ganz angemessen. Aber Darstellung verlangt Radikalisierung und kommt aus Nötigung.

Es ist zehn Häuser nach Sarotti, es ist einige Blocks vor Schultheiß, es ist fünf Ampeln weit von der Commerzbank, es ist nicht bei Berliner Kindl, es sind Kerzen im Fenster, es ist seitab von der Straßenbahn, ist auch in der Schweigestunde, ist ein Kreuz davor, ist eine Kreuzung davor, es ist so weit nicht, aber auch nicht so nah, ist – falsch geraten! – eine Sache auch, ist kein Gegenstand, ist tagsüber, ist auch nachts, wird benutzt, sind Menschen drin, sind Bäume drum, kann, muß nicht, soll, muß nicht, wird getragen, abgegeben, kommt mit den Füßen voraus, hat blaues Licht, hat nichts zu tun, ja ist, ist vorgekommen, ist aufgegeben, ist jetzt und schon lange, ist eine ständige Adresse, ist zum Umkommen, kommt, kommt vor und hervor, ist etwas – in Berlin.

In Berlin sind jetzt alle Leute in Fettpapier gewickelt. Es ist Maiensonntag. Myriaden von Bierflaschen stehen bis zum Wannsee hinunter, viele Flaschen schwimmen auch schon im Wasser, nah an die Ufer gedrängt von Dampferwellen, damit die Männer sie noch herausfischen können. Die Männer öffnen die Flaschen mit den bloßen Händen, sie drücken mit dem Handballen die Verschlüsse auf. Einige Männer rufen befriedigt in den Wald: Wir schaffen es schon. Die Frauen in den Fettpapieren erwecken Mitleid, manche dürfen aus dem Papier und sich mit den fettigen Kleidern ins Gras setzen. Dann dürfen auch die Kranken an Land gehen. Wir haben so viele Kranke hier, sagt die Nachtschwester und holt die überhängenden Patienten vom Balkon zurück, die ganz feucht sind und zittern. Die Nachtschwester hat schon wieder alles durchschaut, sie kennt das mit dem Balkon, wendet den Griff an und gibt eine Spritze, die durch und durch geht und in der Matratze steckenbleibt, damit man nicht mehr aufstehen kann. Das letzte Passagierflugzeug fliegt ein, es gibt noch die Tropfen, dann muß Ruhe sein; die Luftpost und Luftfracht später ist kaum mehr zu hören.

Jetzt fliegt jede Minute ein Flugzeug durchs Zimmer, bollert an dem Haken mit dem Waschlappen vorbei, prasselt eine Handbreit über der Seifenschale. Die Flugzeuge, knapp vor der Landung, in den Einflugschneisen, die durch die Zimmer führen, müssen leiser fliegen. Die Krankenhäuser haben sich beschwert. Die Flugzeuge dämpfen sich zwar, aber es ist schrecklicher als zuvor, sie gehen summend über die Köpfe, über die verschwitzten Haare, diese gedämpften Flugzeuge, die unter dem Plafond vorbeiwischen. In den Krankenhäusern ist eine unerhörte Aufregung wegen dieser vielen Flugzeuge, die sich dämpfen und dann so still werden, daß man sie nicht mehr hört, aber man horcht trotzdem, schon von dem Moment an, wenn man ein Sirren zu vernehmen anfängt, als hätte man eine Stimmgabel am Ohr; dann hört man sie besser, dann sind sie da, dann sind sie weg, dann surrt es beinahe noch, dann nicht mehr. Dann fängt der nächste Beinaheton an, jetzt ist man auch nicht mehr zufrieden, daß man sie kaum mehr hört, der Oberarzt muß deswegen auf die Straße und ihnen die Befunde zeigen, die vielen Bogen mit den Hieroglyphen hinauf schwenken. Im Augenblick ist abgeholfen, aber im nächsten flugfreien Augenblick läuten alle Kirchenglocken von Berlin, es steigen Kirchen aus dem Boden, die ganz nah herankommen, lauter neue kahle, ungefärbte Kirchen mit Glockentürmen und protestantischen Tonbändern. Die Aufregung wird immer größer wegen des Läutens, der Regierende Bürgermeister soll selber kommen, man schreit, daß die Kirchen hier weg sollen, die Patienten heulen, flüchten auf den Gang, aus den Zimmern rinnt das Wasser auf den Gang, es ist Blut drin, weil einige sich die Zungen durchgebissen haben wegen der Kirchen. Der Anstaltspfarrer sitzt im Besuchersessel, er erzählt immer wieder, daß er Schiffspfarrer gelernt hat und ums Kap der Guten Hoffnung gefahren ist. Von den Glocken weiß er nichts, er nimmt den Zwieback vom Teller, keiner wagt etwas zu sagen wegen dem Zwieback und der Glocken, er fragt auch nicht, ob etwas fehlt, und dreht seinen grünen Jägerhut in der Hand.

Man bittet ihn zu gehen, weil gelüftet werden muß. Die Brandmauern am Lützowplatz werden beleuchtet von großen Scheinwerfern, es ist schon alles verraucht, der Brand muß vorbei sein. Und mit Taschenlampen wird noch genau zwischen die Grasbüschel geleuchtet, da ist nichts mehr, nur verkohlte Knöchelchen, angekohlter Boden, kein ganzes Skelett, nur Knöchelchen. Das Programm ist schon im Gang, bei immer stärkerer Beleuchtung auf großen Halden, es gibt immer mehr Bauplätze, auf denen aber noch niemand zu bauen anfängt. Die Stimmung ist gut. Ein riesiges Schild wird herumgetragen. Scharnhorstreisen. Alle sind dafür, das Programm geht weiter im Kadewe, das Kadewe-Banner fliegt weiß und blau hoch oben, alle wollen auf einmal hinein in das Kadewe, man sieht schon, es wird nicht gehen, aber die Stimmung wird immer besser, die Leute sind nicht zu halten, sie bedrängen die Verkäuferinnen, wollen sich alle aus der Hand lesen lassen, dann wollen sie alle auf einmal die Horoskope haben, man reißt sich die Lottozettel aus den Händen und rennt an die Automaten, das Geld wird so laut hineingeworfen, daß die Kugeln durch die Kästen springen und in einigen Zimmern nach Schlafmitteln gejammert wird. Aber es gibt diese Nacht nichts mehr. Die Leute hören wenigstens auf zu johlen und sind nur noch lustig, die Dekoration wird abgerissen und von den obersten Stockwerken geworfen, die Rolltreppen sind verklemmt von vielem Zeug, die Lifts sind schon ganz angestopft mit Schals und Kleidern und Mänteln, die alle mitsollen, aber die dicken Kassiererinnen stecken mitten darin, sind am Ersticken und rufen: Das muß alles bezahlt werden, das werdet ihr noch bezahlen!

Auf den Gängen muß schon wieder gewischt werden. Einige bekannte Personen sind hier auch heimlich eingeliefert worden, nachts bei Blaulicht, die meisten sind aber Anverwandte, die alle keinen Halt angeben können, Adressen haben sie, aber keine nächsten Angehörigen. Wichtigster Punkt: der nächste Angehörige. Alle liegen schweigend. Die Nachtschwester sagt, er ist im Kommen, er kommt von da oder dort, es gibt gleich ein Flugzeug, es kommt vor, darauf verlassen sie sich. Gemeint sein muß der nächste Angehörige. Der Chefarzt erwartet jede Minute das Flugzeug, er verspricht sich alles davon, dann sagt er: Alle können nächste Woche nach Hause. Alle husten und hoffen und haben die Fieberthermometer in der Achselhöhe, unter der Zunge, im After, und die zehn Zentimeter langen Nadeln im Fleisch. Die dunklen, kalten Balkone sind abbruchreif, keiner traut sich heute nacht aufs Geländer zu steigen und der Nachtschwester zu drohen, die für den Nachtarzt heißen Kaffee kocht; alle machen die Pläne allein, der Plan ist ein Tunnel, oder man müßte direkt hinaus in die Wüste, müßte das Kamel aus dem Zoo befreien, es lospflocken, anschirren, damit reiten durch Brandenburg. Auf das Kamel wäre Verlaß. Fliehen auf dem Kamel. Da kommt mitten in der Nacht eine Gebührenerhöhung, ein Schweißausbruch wie noch nie. Es ist ganz furchtbar. Das Zimmer kostet jetzt tausend Goldmark. Alle greifen nach den Klingeln und drücken den Knopf.

Auf dem S-Bahnhof Bellevue humpeln die Versehrten die Stiegen herunter, das Licht schwankt wie in einem Gewölb, die meisten haben Armbinden, gelb mit schwarzen Kreisen, Stöcke zum Stützen, geschiente, verkürzte Gliedmaßen. Alles ist versehrt, nicht durch Geschosse, sondern inwendig, die Körper sind durcheinander, sie sind oben oder unten zu kurz, das Fleisch ist ganz stumpf und gelähmt in den Gesichtern, ganze Mund- und Augenwinkel sind schief, und der unsichere Bahnhofsschatten macht alles noch ärger. Die Schaffnerin am Schalter muß die Decke mitsamt der S-Bahn stemmen, denn es dröhnt wieder. Die Frau hat zum Glück diese riesigen Muskeln und Hände, sie stützt, während sie gleichzeitig Fahrkarten ausgeben muß, schon wieder die S-Bahn, weil der Gegenzug zur Friedrichstraße darüber hinwegrollt. Da fällt doch ein Teil der Decke herunter, auf dem auch die Siegessäule steht, dann rattert wieder die Bahn, Richtung Wannsee. Es ist eine Katastrophe. Die Leute suchen Zuflucht im Restaurant nebenan, sie hocken unter den Tischen, sie wollen den Angriff abwarten, aber die Schaffnerin kommt und sagt, es sei kein Angriff. Es geht weiter. Es wird nicht mehr vorkommen.

Der Chefarzt darf nicht mehr belästigt werden, das Ergebnis steht schon seit Jahren auf dem Blatt, aber es wird nicht gezeigt. Es muß eine »Disharmonie« sein. In der ganzen Stadt sickert etwas durch, alle wollen »Disharmonie« gelesen oder gehört haben, manche haben es sich schon gedacht. Aber es steht nirgends öffentlich. Es werden noch mehr Bäume gepflanzt, alle in den Sand, Bäume aus Wüstenerfahrung. Alles geht endlich arbeiten, schweigend. Alle in weißen frischen Hemden, die im Nacken zugebunden sind. Es ist jetzt keine Aufregung mehr. Es dämpft sich alles. Die meisten sind auch im Halbschlaf.

Die Straßen heben sich um fünfundvierzig Grad. Die Autos, die auf den Horizont zu unterwegs sind, rollen natürlich zurück, die Radfahrer verlieren den Halt, sie purzeln am schnellsten auf einen zu, man kann auch nicht hindern, daß die Autos Schaden anrichten, da kommt alles zu spät, ein Sportwagen rast rückwärts in die Anstalt hinein, alle Eimer, Spucknäpfe, Eßkarren und Tragbahren spritzen hoch. Es ist eine Detonation. Der Chefarzt geht darüber hinweg, es wird still aufgeräumt, er muß rasch weg in die Stadt, muß zum Skat. Aber im Funkturmrestaurant beginnt es jetzt auch. Die ganze Stadt kreist, das Restaurant hebt und senkt sich, bebt, ruckt, es kommt alles immer mehr ins Rutschen, Potsdam ist mit allen Häusern in die Häuser von Tegel verrutscht, die Kiefern hängen mit allen Nadeln verkrallt ineinander. Im Restaurant klammern sich alle an die Stuhllehnen und sprechen weiter, keiner gibt es zu, jetzt schaut einer den anderen an, wie das letzte, was er sehen wird, jetzt sind die Augen von allen ineinander, während die Tische mit den gebratenen Enten und Mandeln im hohen Seegang sind; dann schwenken die Gläser den Wein, die Gabel biegt die Zinken nach unten, die Messer schneiden fahrig ins Ketchup, die rote Sauce rinnt übers Tischtuch, das sofort weggerissen und allen gezeigt wird, dann steht der Einsturz bevor, es ist etwas Furchtbares, es schluchzt, ist in einem Hals, kann nicht vor und zurück, es ist nie wieder gutzumachen.

In der Akademie sind alle Türen und Fenster aus Glas, es gibt keine Vorhänge, damit alles im Licht liegt, es wird gleich nach Mitternacht hell, nur die Porträts sind mit Tüchern verhängt. Die Ausstellung ist eröffnet, lauter Köpfe, es sind auch alle anwesend vor ihren Bildern. Die Aussteller suchen noch nach dem Bild, das zerschnitten werden soll. Vorher ist ein langes furchtbares Warten, jeder meint, er wird geköpft, aber dann ist es ein anderer. Trotzdem muß alles weinen. Das Feuer, das plötzlich ausbricht, aus dem Keller kommt, ist die Rettung, alles flüchtet hinaus, zu den Autos auf dem Vorgelände, springt in die Autos. Manche haben Feuer gefangen, laufen in den Tiergarten, werfen sich hin und werden gelöscht, es sind lauter bekannte Personen. Bei Kempinski treffen sich alle wieder, der Vorfall ist vergessen, die Kellner bringen die kleinen Waschbecken für die Füße, jeder zieht die Socken aus und stellt die Füße ins warme Seifenwasser. Die Füße werden warm und leicht. Es ist eine Wohltat. Das schwarze Wasser fließt über den Böden. Die Kellner kommen mit den Servietten und trocknen die Füße.

Wegen der Politik heben sich die Straßen um fünfundvierzig Grad, die Autos rollen zurück, die Radfahrer und Fußgänger wirbeln zurück zu beiden Seiten der Straße, man kann nicht hindern, daß die Autos Schaden anrichten. Die Fußgänger verfangen sich, halten ihr Gebiß zusammen, sie sprechen nicht, aber sie schauen, mit den Händen fest über dem Mund, schauen aus nach einem Halt. Mit den Augen sagt einer: Am besten ist es noch hier, man bleibt am besten hier, hier kann man es noch am besten aushalten, besser ist es sonst nirgends. Dann wiederholt sich alles auf dem Funkturm, aber die märkische Sandwüste mit den letzten Kiefern und Birken darin liegt ganz ruhig da, während alles sich dreht. Am besten: man schaut mit den Augen fest in den Sand. Der Schwindel hört auf, die Kissen im Rücken werden von der Schwester aufgeschüttelt. Es ist besser. Am besten ist es noch hier. Ins Gewitter gekommen ist der See. Zweihundert gezählte Blitze sind in ihn gefahren. Ins Gewitter ist die weitere Umgebung gekommen, die weißen Vögel sind darum fortgeflogen. Aber am See entsteht eine Musik, rasch hingeworfen, rasch dem gewellten Wasser anvertraut, das bald friert, auftaut, verschlammt, wieder friert. Die Angeln, steif, sind eingemauert im Eis, mit den Tönen an den Haken, auch die Musik ist erfroren, während über die Avus das Autorennen geht, der donnernde Lärm von Berlin die ängstliche Stille Berlins ins Gebet nimmt. An Schlaf ist nicht zu denken. Die rote Grütze, die es abends gibt, wird von den Patienten zurückgeschickt, niemand bringt einen Löffel hinunter, niemand will mehr einen Blitz zählen und dazu seinen Löffel voll schlucken. Die Schwestern tragen mißbilligend alle Blumen aus den Zimmern und stellen die Vasen auf den Gang.

Auf dem Weg zur Krummen Lanke, neben der Perle des Grunewalds, die einen Stich hat, liegt der riesige Laubbaum, gefällt, abgebrochen einen Meter über dem Boden, quer über den Weg. Die Patienten, denen Spaziergang verordnet ist, wollen trotzdem hinunter ans Wasser, aber die Schwester befiehlt allen, stehenzubleiben, steigt allein über den Baum, sieht nach, hebt die Äste, schaut, ob Blut an den Ästen ist, ob der Baum jemand getötet hat. Sie winkt, man weiß jetzt nicht, ob sie Blut gefunden hat oder nicht. Man wird unruhig, jeder will wissen, ob er hier erschlagen worden ist, es wird unangenehmer, niemand hat einen Mantel mit, es regnet schon wieder, das Geschrei geht los, keiner will auf seine Station zurück, weil er nicht weiß, ob es die richtige ist. »Es muß mehr sein als eine Disharmonie«, schreien ein paar und fangen an, um sich zu schlagen. »So ist keine Disharmonie, es muß etwas Schlimmeres sein, man muß es uns sagen!« E regnet alle durch bis auf die Haut, die Hemden sind angeklatscht, es geht jetzt rascher wegen der Kälte, wegen dem Regen im Mund, dem Wasser in der Nase, dem Bach über den Augen. Der Kollaps ist schmerzlos unter dem Baum.

Berlin ist aufgeräumt. Die Geschäfte sind übereinandergelegt, geschichtet zu einem Haufen, die Schuhe und Zollstöcke, etwas von dem Reis und dem Kartoffelvorrat und Kohlen natürlich, die vielen Kohlen, die der Senat gespeichert hat, liegen deutlich erkennbar am Rand herum. Der Sand ist jetzt überall, in den Schuhen, auf den Kohlen. Die großen Schaufenster, obenauf die mit dem Geheimnamen Neckermann und Defaka, sind als Glasdächer über allem, man sieht durch, kann aber nur wenig erkennen. Eine Kneipe in Altmoabit hat darunter noch offen, niemand versteht, wie das möglich ist. Es ist doch schon aufgeräumt. Der Wirt schenkt doppelte Doornkaats ein, er gibt selber einen aus, seine Kneipe ist die beste gewesen, die älteste, immer voller Leute. Die Leute sind aber nicht mehr in Berlin. Er spendiert noch einmal eine Runde, es wird immer sofort ausgetrunken, er muß wieder geben, so geht das, doppelter Korn, großes Bier und immer doppelt. Die Spree und der Teltowkanal sind schon vollgelaufen mit Korn, die Havel schäumt bis obenhin vom Bier, niemand kann mehr deutlich reden unter dem vielen aufgeschichteten Glas; alles, was gesagt wird, läuft zu den Mundwinkeln heraus, fast unverständlich, es will auch niemand mehr reden, nur noch so etwas sagen, an den Mundwinkeln läuft sowieso alles weg, alles doppelt. Dann läuft es auch aus den Augen heraus, es ist fast nichts mehr zu sehen.

So still ist‘s geworden und Nacht. Seit damals war niemand mehr auf der Straße. Versandet und verwachsen sind die alten Villen, sinken immer tiefer ein in den Gärten. Am Knie der Koenigsallee fallen, jetzt ganz gedämpft, die Schüsse auf Rathenau. In Plötzensee wird gehenkt. In der Telephonzelle rollen die Pfennigstücke – alle umsonst eingeworfen – unten wieder heraus. Es kommt keine Verbindung zustande. Von Halensee bis zum Zentrum ist kein Mensch zu finden. Im Cafe Kranzler, bei gelöschtem Licht, obwohl Nacht ist, kauen an allen Tischen die alten Frauen, mit Filzhüten auf dem Kopf, an ihren Kuchenstücken, sie nehmen oft zwei gleichzeitig in den Mund, weil niemand es sehen kann. Die Kellnerin bleibt mit den hohen Absätzen in der Schlagsahne hängen und bespritzt sich die Rüschen im Haar und über dem Bauch. Die alten Frauen fressen und fressen, und die alten Männer stehen vor dem Kranzler, mit den Hutständern in der Hand, einige knien auf den Trottoirs und zeichnen ihre alten Frauen auf den Asphalt, machen obszöne Witze mit blauer und rosa Kreide, sie kreiden ihre Frauen breit auf den Boden, nackt, mit schweren Schenkeln, die Karabiner dazwischen. Im Kranzler halten die Frauen die Filztöpfe fest über die Augen gezogen, sie kauen und greifen zu, seit damals.

Die Kranken haben eine Stunde Ausgang und kommen nach wenigen Minuten zurück. Ein Amerikaner, aus Blei vermutlich, mit kurzem weißem Helm und gesenkter Maschinenpistole, steht angewachsen am Verteiler, Stadtring Süd. Die Manöver gehen über Stunden, das Grollen, das dumpfe zornige Murmeln ist leicht vernehmbar durch die billigen Vorhänge. Die Hilfsschwester sagt, sie höre nichts, es seien bloß die Manöver; sie putzt die Klinken und Wasserhähne, lacht und singt: Das ist kein Krieg. Die Lastwagenkolonne mit den jungen rotnasigen Engländern kommt zum Stehen, zwei sowjetische Posten gehen auf die Straße, es wird geredet und gezählt, dann versteht einer den anderen nicht. Die Hilfsschwester redet dazwischen. Auf einmal sind viele Arten von Panzerwagen da, die einen wollen die anderen nicht nach Berlin hineinlassen, es entsteht eine Aufregung. Die Hilfsschwester muß lachen und gibt heimlich eine Zigarette. Dann gehen wieder Posten hin und her und lassen sich nichts anmerken, niemand hat das mit der Zigarette gesehen. Die Zigarette darf geraucht werden in Berlin. Die Panzer fahren schließlich hintereinander alle in die Stadt. Die Schwester singt.

In der Friedrichstraße ist noch ein anderer Übergang, eine Ausland Einfahrt für Rotkreuzwagen und schwarze, große Autos, deren Fenster mit Vorhängen geschlossen sind. Es ist dunkel, es wird geflüstert, die Uniformierten winken ab und zeigen, wo der Checkpoint Charlie ist, immer geradeaus, in der anderen Richtung, bis Mitternacht. Am richtigen Übergang sind sie nicht gerade ungehalten, daß man am falschen Übergang war, aber es wird schon wieder geflüstert, man denkt, man hat einen Fehler gemacht und hält den Paß hoch, jetzt wird Schlagermusik angedreht, und die schönsten Pässe bekommen einen Stempel. Dann muß man vom Auto den Lack abziehen, es geht schnell, der Lack geht in Streifen wie kaltes Wachs ab, dann muß man dreimal auf Blech klopfen, einmal mit dem Fuß gegen den Reifen stoßen, dann bekommt man eine Mark, die muß auf den Boden geworfen werden, Kopf oder Adler. Alle grüßen, man grüßt in den Rückspiegel und fährt zurück.

Die Woche fängt an mit Nepal und Ghana. Am Dienstag werden unter Beschwerden und wütenden Kommentaren die Kongolesen hin- und hergerissen von einer Seite der Friedrichstraße zur anderen, am Mittwoch hat Pakistan einen Rundreiseautobus, am Donnerstag sind die Abordnungen vom Südpol nur auf einer Seite und werden auf der anderen verschwiegen. Die gemischten Besucher vom nächsten Abend fahren mit den Perücken vom Schüler-Theater weg und bekommen am Schiffbauerdammtheater die Kostüme dazu geschenkt, dann gibt es eine Stockung, die Mittelamerikaner reißen das Brandenburger Tor aus und nehmen es zum Andenken mit, dann kommen die Malaien und verschwinden mit der Siegessäule. Plötzlich haben die Zigeuner Berlin besetzt und schlagen die Zelte auf, die Berliner flüchten in die Außenbezirke, dann waschen die Zigeuner allen die Wäsche, die flattert bis Lichterfelde. In der Philharmonie eröffnen die Fanfaren mit einem neuen Stück, es muß Sonntag sein. Es ist Auferstehung. Ostern. Unter den Linden sind schwarz, rot und gold die Osterglocken versteckt. Die Gedächtniskirche fährt zum Himmel.

Die Kinder hat man auf die Straße geschickt und auf die Betonsperren. Sie reiten auf den Sperren und haben hundert Wünsche. Sie wollen Soldat oder Flieger oder Spion werden, wollen heiraten und sonntags Hühnchen, wollen Stacheldraht und Pistolen und Lakritzen und abends Märchen. Die Posten, die zu groß sind, um sich mit Kindern anzulegen, sind aber insgeheim aufgebracht und jagen sie zum Essen nach Hause. Die Kinder sind wie die Kletten auf dem Beton. Die Posten fluchen. Alle warten auf den Zirkus. Die unruhigen, festen Ponys, die in ihrer Haut schwappenden langsamen Elefanten kommen, eskortiert von den Alliierten, die Allee herauf. Der Zirkusdirektor im offenen Auto winkt den Passanten zu, die warten müssen, er spricht unaufhörlich über einen Lautsprecher, er preist seine Löwen und Affen an, aber nicht die Kamele, die zuletzt kommen und ihren Kopf still und hoch tragen. Die Kamele bleiben immer weiter zurück, sondern sich ab, sie gehören zum selben Zirkus, aber sie haben nichts mehr damit zu tun. Die Kranken haben nur auf die Kamele gewartet, gehen auf die Kamele zu, stellen sich unter ihren Schutz. Die Felle riechen inbrünstig nach Wüste, Freiheit und Draußen, jeder geht mit seinem Kamel und kommt ungehindert weiter, querfeldein geht‘s, durch den Frost, man schwimmt mit dem Kamel durch die Gewässer, sitzt endlich auf, es geht durch alle Forste und Gewässer. Das Kamel scheut kein Wasser, es hört keinen Pfiff, keinen Rettungswagen, keine Sirene, keine Nachtglocke, keinen Schuß. Noch ein Forst, dann wieder ein Forst. Im Sand wird das Kamel immer schneller. Ein letzter Forst. Man ist draußen.

Der Holzstoß ist errichtet am Bahnhof Zoo, Ecke Joachimsthalerstraße. Es ist Zeitungsstille. Keine der Zeitungen, mit denen das Feuer angefacht werden kann, ist erschienen. Der Kiosk ist leer, nicht einmal die Verkäuferin ist da. Sie hat sich verlobt mit der Bundeswehr. Die Leute zögern, dann nimmt jeder beherzt ein Scheit. Einige tragen ihr Scheit sofort unter dem Überzieher nach Hause, andere fangen an Ort und Stelle mit dem Taschenmesser ins Holz zu schnitzen an, was ihnen in den Sinn kommt: Sonnenzeichen, Lebenszeichen. Ein paar Leute machen gemeine Bemerkungen und sagen, das Holz sei feucht. Ein uralter Mann fuchtelt mit seinem Holzscheit und schreit: Sabotage! Es wird den andren in die Hände gespielt! Und wirklich gehen die Scheite schon reihum, einer spielt dem andern ein Scheit zu, aber niemand zündet, alle sind ganz vernünftig. Bald ist das Holz weg, und der Verkehr geht weiter. Mit einemmal erscheinen die Zeitungen doch, erst die ganz kleinen Zeitungen, mit schwarz verfetteten Buchstaben, mit schwartigen Balken, überschüssigem kalten Fett, das an den Rändern herunterläuft. Dann die ganz großen Zeitungen, die mageren, ganz ausgekochten, mit dünner Brühe überlaufenden, die mit den Handschuhen in die Hand genommen werden.

Der Brief sieht bedrohlich aus, ist schwarzgrün oder schwarzblau. Man ahnt es bereits. Es ist nicht der erwartete Brief, es ist ein anderer Brief. Er ist kurz. Die Versicherung, die für Berlin zuständig ist, erklärt, daß sie nicht zuständig ist, es ist ein vorvertragliches Leiden. Der Schmerz wird niedergehalten, und weil keiner der Ärzte da ist – weil sie nur da sind bei den großen Anlässen am Vormittag, nur bei den Visiten – sagen alle zu den Schwestern, es sei ungerecht, es stimme nicht, es sei dann ja alles unheilbar. Die Schwestern lassen nicht erkennen, auf welcher Seite sie sind und wieviel sie wissen. Sie setzen die Tabletts mit den Fruchtsäften ab, lassen auch einmal eine Flasche Bier zu, hinter dem Rücken der Ärzte, blinzeln, als dürfte man Vertrauen fassen, als sei es nicht unheilbar. Immer diese Gefälligkeiten! Die Schwestern reden an der Hauptsache vorbei, es ist »Diplomatie«, ja, so heißt es, es sickert langsam durch. Alle sagen, unter den niedergehaltenen Schmerzen, es sei jetzt die »Diplomatie«. Man wird nichts tun können. Die Erschöpfung ist zu groß. Alle trinken ihre Säfte und liegen schweratmend da. Die Leinentücher werden glattgestrichen. Einen Augenblick lang ist alles gut.

Berliner Zimmer, dämmriges Gelenk in der lichten Zimmerflucht, an dem hohen Plafond die Stucktröstung, eine Erinnerung, daß es damals in Schöneberg war. Bedenkzelle zwischen lauten Zimmern. Die Flausen, die Federn darin, die alle gelassen haben, es ist lange her, ist nicht lange her. Es ist ein Fest, es sind alle eingeladen, es wird getrunken und wird getanzt, muß getrunken werden, damit etwas vergessen wird, etwas, es ist – falsch geraten! – ist heute, war gestern, wird morgen sein, es ist etwas in Berlin. Alle tanzen schweigend, die jungen Leute legen die Wangen aneinander. Dann trinken alle doch sehr viel, ein großer schwarzer Kater bäumt sich bis zur rosenverzierten Decke. Die letzten Gäste schreien sich die Seele aus dem Leib, sie wissen nicht mehr, was sie reden: Kann ich, kann ich, hab‘ ich, hab‘ ich, mach‘ ich, mach‘ ich! Die Autos springen alle nicht an, es wollen alle übernachten in diesem Zimmer. Der Chefarzt wird zu spät zum Skat kommen, er hat ausnahmsweise noch einmal hereingesehen und den Finger auf den Mund gelegt. Man weiß nicht, ob Hoffnung ist, aber wenn keine Hoffnung ist, so ist es jetzt doch nicht ganz furchtbar, es dämpft sich, es muß nicht Hoffnung sein, kann weniger sein, braucht nichts zu sein, es ist nichts, es ist, ist vorbei an Scharnhorst, Versicherungen, Zigarren, Schokoladen, Leiser, Feuersozietät, Commerzbank, Bolle, vorbei, das letzte Flugzeug ist eingeflogen, das erste fliegt ein nach Mitternacht, fliegt alles gehörig hoch, nicht durch das Zimmer. Es war eine Aufregung, war weiter nichts. Es wird nicht mehr vorkommen.