Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Max Frisch

Max FrischMax Frisch

Writer
Born 15/5/1911
Deceased 4/4/1991
Member since 1954
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Georg-Büchner-Preis 1958
Laudatory Address by Rudolf Hagelstange
Acceptance Speech by Max Frisch
Diploma

Max Frisch, der in seinem epischen und dramatischen Werk die Spannungen im Menschen unserer Zeit aufspürt...

Jury members
Juryvorsitz: Hermann Kasack
Friedrich Bischoff, Kasimir Edschmid, Hanns W. Eppelsheimer, Adolf Grimme, Rudolf Hagelstange, Wilhelm Lehmann, Fritz Martini, Rudolf Pechel (Ehrenpräsident), Gerhart Pohl, Rudolf Alexander Schröder (Ehrenpräsident), Fritz Usinger

Dankrede

Hochverehrte Damen und Herren, die Sie versammelt sind in dieser Stunde, um zu vertreten: die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt und das Land Hessen, und liebe Bürger und Leser, die Sie, wie ich, nur sich selbst vertreten – ich habe, indem ich danke für eine Ehre, die mich überrascht hat und beglückt, wohl nicht zu untersuchen, ob ich sie denn auch verdiene und wieso gerade ich. Dankend für ein Geschenk, für Geld, womit sich etwas Lebensnotwendiges kaufen läßt, nämlich Muße, und dankend für Lorbeer, der unsere Selbstbezweiflung nicht überwuchern wird, habe ich in dieser Stunde etwas zu sagen, was uns, wie ich meine, gemeinsam angeht und was den Geist von Georg Büchner, unter dessen Namen unsere Feier steht, zumindest nicht verunglimpft, etwas Freimütiges also.

Bezüge zu Georg Büchner, zu Hessens großem Sohn, sind für einen Zürcher auf der Straße zu finden; auf der Anhöhe über meiner Vaterstadt, beim sogenannten Rigiblick, befindet sich sein zweites Grab, das ich als Bub, meinen Fußball unterm Arm, mit ungeduldiger Andacht zu besichtigen angehalten wurde, und unten in der Zürcher Altstadt, wenn wir nach Wirtschaftsschluß, von der freundlichen Polizei auf die Straße gestellt, die mitternächtlichen Hausfassaden betrachten, findet sich die Inschrift (früher eine Tafel, jetzt leider eine Inschrift im Mörtel):

»Hier wohnte im Winter 1836/37 und starb dreiundzwanzigjährig der Dichter und Naturforscher Georg Büchner.«

In derselben Häuserreihe, am Nachbarhaus links, findet sich übrigens eine andere Tafel, weithin lesbar:

»Hier wohnte vom 21. Februar 1916 bis 2. April 1917 Lenin, der Führer der Russischen Revolution.«

Emigranten! Revolutionäre! – mit Unterschieden freilich: der eine hinterläßt »Woyzeck«, der andere hinterläßt die Sowjetunion. Es gibt wenige Emigranten, denen sich die Hoffnung aller Emigranten erfüllt: Das Land, das sie haben fliehen müssen, nicht bloß wiederzusehen, sondern umzustürzen durch ihre Heimkehr. Einer dieser wenigen ist Lenin. Büchner stirbt im Exil, wie die Inschrift meldet: als Dichter und Naturforscher. Er ist nicht zufällig Naturforscher, nicht beiläufig; er erforscht die Natur (nicht die Moral) der Fische und Amphibien, ebenso die Natur der Menschen, wenn diese beispielhalber mit Erbsen gefüttert werden, und es ist ihm eine entsetzliche Ahnung, jedoch nicht verwunderlich, daß eine Revolution, die zwar Köpfe liefert und einige Freiheiten, aber kein Brot für die hungernde Masse, scheitern muß. Er ist ein Realist, wie das Junge Deutschland wohl keinen mehr hatte, nicht ein Stürmer und Dränger, dessen Leidenschaftlichkeit sich einmal auch ins Politische verrennt, sondern ein politisches Genie selbst, und Herwegh hat recht, wenn er den Verlust nicht allein eines Dichters, sondern eines politischen Führers beklagt: »Doch hätt er uns ein Leitstern sollen sein in dieser halben, irr gewordenen Zeit.« Denn was den Dichter betrifft, diesen Dichter, so ist das Politische nicht Illustration, sondern seine Leidenserfahrung selbst; er ist ein politischer Mensch. Er ist es in der Agitation, in der Kapitulation, in der Vision des »Woyzeck «-Fragmentes, indem für ihn zu einer Zeit, da Deutschland noch auf die bürgerliche Revolution hinzögert, bereits die nächste Revolution wetterleuchtet, die proletarische, deren Führer später im Nebenhaus wohnt: genau achtzig Jahre später, Spiegelgasse 12 und Spiegelgasse 14, getrennt durch eine sogenannte Brandmauer... Zwar nicht von Büchner, aber von Becker, seinem Freund, notiert der deutsche Untersuchungsrichter schon 1839:

»So mußte es kommen, daß er in der Schweiz, wo auch die Zügellosigkeit freien Spielraum findet, einem Kommunismus verfiel, welcher leider nur allzutief sein Wesen schon ergriffen hatte –.«

Wie wenig wandeln sich die Untersuchungsrichter! Zwar kommt 1848.

Aber dann wieder lesen wir:

»Heute fand bei etwas betrüblichem Wetter die Büchnerfeier statt. Der schwarz-rot-goldenen Fahne der deutschen Studierenden folgten vom Polytechnikum aus ca. 150 Teilnehmer, vorwiegend Studierende aller Nationen; stark vertreten war auch die Professorenwelt, weniger die Deutschen Zürichs, denen die Sympathie für einen Republikaner vom Schlag Büchners infolge der politischen Änderungen in Deutschland etwas ferner liegen mag.«

Das war 1875.

Die Liste deutscher Emigranten, die in der Schweiz auf ein anderes Deutschland hofften, ist imposant, selbst wenn wir uns, in diesem Zusammenhang, nur auf Schriftsteller beschränken... Unweit von Zürich, draußen auf der kleinen Ufenau, hat Ulrich von Hutten, Streiter mit Schwert und Feder, die Ruhe der Verbannung gefunden. Nicht alle, die bei uns sterben, sind verfolgt, Rainer Maria Rilke zum Beispiel; auch Stefan George, dessen Geist sich mit der Schweiz überhaupt nicht berührt, war 1933 noch nicht verfolgt, im Gegenteil, er floh vor dem Einverstandenwerden, und bei Thomas Mann findet sich zweierlei, ein erster Aufenthalt, weil das Vaterland ihn verstößt, und ein letzter, weil die sprachliche Heimat ihm genügt. Nicht zu vergessen ist Nietzsche, der sich selbst in die Höhe des Engadins verbannt; Richard Wagner gehört zu jenen, die hier ein kurzes Gewitter abwarten, da und dort eine Marmortafel hinterlassend.

Hermann Hesse hingegen läßt sich endgültig nieder, schon nach dem ersten Weltkrieg, und wird Staatsbürger, so daß die Schweiz zu ihrem zweiten Nobelpreis für Literatur kommt. Dann aber – nach einer Emigration der Avantgarde, einer unblutigen, aber nicht unbedeutenden, nach Wedekind, nach Hugo Ball und Tristan Tzara und anderen, die im Café »Odeon« sitzen und den Dadaismus starten – kommen schon wieder die klassischen Flüchtlinge, die, wie Georg Büchner, einem Todesurteil entfliehen. Dachau oder Schweiz! Ich schweige von den Namenlosen, aber ich schweige nicht von der Tatsache, der vielleicht verständlichen oder mindestens begründbaren, aber durch kein Eigenlob verdeckbaren Tatsache, wie viele Namenlose damals zurückgewiesen wurden in den sicheren Tod. Georg Kaiser verbirgt sich, Zuckmayer macht noch Premiere, verbeugt sich und verschwindet, Thomas Mann spricht öffentlich wider Hitler, Musil geistert unerkannt durchs Land. Viele auch bleiben in der Mausefalle, was die Schweiz nun ist – nicht Loge, sondern Mausefalle –, Juden vor allem, verbunden mit uns auf Gedeih und Verderb. Daraus geht das Zürcher Schauspielhaus hervor (wie auch schon die Zürcher Universität, wenige Jahre vor Büchners erster Vorlesung gegründet, nicht zu denken ist ohne den Anteil deutscher Emigranten). Nach 1945 dann, als die Emigranten der Hitler-Zeit teils bleiben, weil sie mit uns in eine Symbiose geraten sind, die von beiden Seiten nicht vorgesehen war, teils aber aufbrechen, um mit kleinem Gepäck und großer Hoffnung in ihre Heimat zurückzukehren, besuchen uns Schriftsteller, die ich nicht zur Emigration rechnen möchte, Flüchtlinge zwar vor der bitteren Kälte und dem öden Hunger jener Jahre, aber hochmütige, die außer der Idee, mehr erlitten zu haben als alle Welt, wenig bringen und außer Lebensstandard, um dessentwillen sie uns als Spießer verachten, gar nichts aufnehmen, bis die deutsche Währungsreform, Gott sei es gedankt, solche Verbrüderung tilgt. Aber die Emigration, die wirkliche, bleibt unvergeßlich – eines Tages sitzt da (und er sei der Letzte in dieser flüchtigen Liste) Bert Brecht, eintreffend von Deutschland via Dänemark, Finnland, Moskau, China, Hollywood, schüchtern sich erkundigend, wie es in Deutschland drüben wohl aussehe jetzt.

»Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?

Folgend den Bomberschwärmen

Komm ich nach Haus.

Wo denn liegt sie? Wo die ungeheuren

Gebirge von Rauch stehen.

Das in den Feuern dort

Ist sie.

Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?

...«

Ich erinnere mich, wie er den Brief öffnet und liest, den wir, von Berlin kommend, wie antike Boten von Hand zu Hand überbringen: eine Einladung nach Deutschland, unterzeichnet von einem russischen Offizier. Und ich erinnere mich, wie Brecht die deutsche Grenze übertritt, probeweise, beim Zollhaus in Konstanz, zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren, befangen von seinem Willen zur Unfeierlichkeit, eine Weile stumm, dann seine Zigarre anzündend, die der arme B. B. doch hat ausgehen lassen, und dann, seinen Hals herumschiebend im hemdlosen Rockkragen, was seine unwillkürliche Geste der Verlegenheit war, äußert er sich über das Wetter in Deutschland, um uns abzulenken, verstohlen musternd die Heimat, die er aus großem Schmerz besungen hat als Bleiche Mutter.

Kehren wir zu Büchner zurück!

»Ich habe mich seit einem halben Jahr vollkommen überzeugt«, schreibt Büchner aus Straßburg, »daß nichts zu tun ist und daß jeder, der im Augenblick sich aufopfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt.«

Dieser Satz soll uns beschäftigen.

Büchner war ein Dichter des politischen Engagement, auch wenn er seinen »Danton« nicht geschrieben hat, um Revolution zu lehren, sondern »um sich Geld zu machen«, wie sein Bruder zitiert, und wie man hinzufügen müßte: aus Lust an seinem Genie und aus Not, nämlich aus der Not eines politischen Menschen. Ekel vor dem Handeln, die tödliche Langeweile, die seinen Danton befällt, so daß er lieber nicht mehr reden würde, der Wortmächtige, und sich eigentlich nicht wehrt, die Langeweile, die Leonce sich mit sprachlichen Seifenblasen verspielt, während sie bei Lenz zum Irrsinn erstarrt, das ist Büchner, der eben noch die Welt, nämlich das Großherzogtum Hessen, verändern wollte und in einem Liebesbrief schreibt: »Ich fühle mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte.« Und im gleichen Brief: »Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag den Gedanken nicht weiterdenken. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an deine Brust legen!« Es ist, meine ich, nicht Dispens von der Politik, wenn Büchner dichtet. Im Gegenteil. »Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle«, heißt es im gleichen Brief an die Braut: »– ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.« Und man möchte beifügen: es darzustellen die einzige Genesung aus unsrer Ohnmacht. – Weder »Danton« noch »Woyzeck« sind Tendenzstücke; dennoch wüßten wir, wo Büchner steht, auch ohne den »Hessischen Landboten«, und spüren sein politisches Engagement gerade dort, wo er durch Gestaltung sich persönlich davon befreit – sogar noch im Lustspiel, in »Leonce und Lena«, wo das Gelächter, so wenigstens höre ich es, aus der Inversion des Engagement entsteht.

»Friede den Hütten, Krieg den Palästen!«

So tönt der Aktivist.

»O, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen.« So Leonce: »Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! sie studieren aus Langeweile, sie verlieben, sie verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und – das ist der Humor davon – alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken warum, und meinen weiß Gott was dazu.«

Das ist der Ton, der uns zur Zeit vertrauter ist, der Ton des Anti-Engagement, Humor aus Ekel, Endspiel-Töne, Clownerie mit dem Nichts, heute als Ionesco-Ulk in jeder deutschen Stadt geläufig – »und das ist der Humor davon: alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken warum, und meinen weiß Gott was dazu«... Man fragt sich, was Georg Büchner wohl sagen möchte zur heutigen Gesellschaft.

»Friede den Hütten, Krieg den Palästen!«

– nun: Die Hütten sind rar geworden, das muß man sagen, wenigstens im Westen, und was er vielleicht für Paläste halten würde, gehört keinem Fürsten, sondern einem Trust, und Büchner würde staunen, wie er damals gestaunt hat:

»Überall freundliche Dörfer mit schönen Häusern, und dann, je mehr Ihr Euch Zürich nähert und gar am See hin, ein durchgreifender Wohlstand ... die Straßen laufen hier nicht voll Soldaten, Akzessisten und faulen Staatsdienern, man riskiert nicht von einer adligen Kutsche überfahren zu werden –.«

Wir haben Georg Büchner zu melden: Die Republik, zu seiner Zeit noch ein gefährliches Wort, ist ausgerufen hüben und drüben. Ein durchgreifender Wohlstand findet sich nicht nur, wenn Ihr euch Zürich nähert; die Sorge, von einer adligen Kutsche überfahren zu werden, ist unsere geringste, und zudem ist jedermann versichert. Der Kapitalismus kann es sich leisten, sozialer zu sein als seine Gegner, und die Unterdrückung ist ohne Willkür; kein Rechtsdenkender kommt heute ins Gefängnis, und von Inquisition kann nicht die Rede sein, jedenfalls geht die Inquisition wo immer möglich nicht über Boykott hinaus; jedenfalls stellt uns niemand nach, wenn wir von Freiheit reden, im Gegenteil, wir sollen von unsrer Freiheit reden, je lauter, um so lieber, und wenn wir nicht von Freiheit reden, so nur, weil die Regierungen selbst so viel davon reden, und in der Tat, nehmt alles nur in allem, wenigstens über Gott, wenn auch nicht über Atomwaffen, dürfen wir befinden, wie wir wollen – Georg Büchner würde staunen! und doch, wieder unter uns Zeitgenossen gesprochen, fühlen wir uns kaum wohler als sein Hauptmann: »‘s ist so was Geschwindes draußen!« Man fühlt das Rasiermesser am Hals.

»Red er doch was, Woyzeck! Was ist heut das Wetter?« »Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm: Wind!«

Geheuer ist uns nicht.

»Hohl, hörst du? alles hohl da unten!«

»Ich furcht mich.«

»‘s ist so kurios still. Man möcht den Atem halten. – Andres!«

»Was?«

»Red was!«

Regienotiz: (Starrt in die Gegend).

Betrachten wir die Gegend, wo‘s so kurios still ist, wenigstens literarisch – nicht im Hinblick auf ästhetische Fragen, sondern fragend nach unserem Engagement als Schriftsteller heute –, so scheint es auf den ersten Blick, daß die jüngere Literatur (die nach Brecht) eher zum Anti-Engagement neigt, zum »Leonce«-Ulk unter der Etikette französischer Avantgarde. Ich weiß nicht, wie lange das Abenteuer, das darin besteht, daß der Zuschauer sich als Narr erlebt, wenn er Sinn erwartet, als Abenteuer besteht; denn der Mensch hat einen seltsamen Hang zum Sinn; ich weiß nur soviel: Was hinter dem »Leonce«-Ulk steht, ist nicht Hang zum Unsinn als Mode, sondern Georg Büchner, und das heißt (gestatten Sie das längst vermodete Wort) Verzweiflung, wie wir sie aus seinen Briefen kennen:

»Zu was soll ein Ding, wie diese (gemeint: die Gesellschaft), zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben derselben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann.«

Das ist mehr als Spiel mit dem Anti-Stück.

»Und die große Klasse selbst? Für sie gibt es nur zwei Hebel: materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsere Zeit braucht Eisen und Brot – und dann ein Kreuz oder sonst so was.«

Ich zitiere diese bekannte Brief stelle an Gutzkow, weil sie zeigt, wo Büchner, rasch von Erfahrung belehrt, sein Engagement kündigt. Und dann ein Kreuz oder sonst so was! – das ist nicht blasphemisch, aber anti-ideologisch, wie schon im »Danton«, wenn es angesichts des Kerkers heißt:

»Geht einmal euren Phrasen nach bis zum Punkt, wo sie verkörpert werden. Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen.«

Das ist noch Entdeckung.

»Und dann ein Kreuz oder sonst so was.«

Das ist schon Erfahrung – mit einer Handbewegung, die alle Embleme hinter sich wirft, nicht das Kreuz im besondern, sondern alles, womit man Kreuzzüge etikettieren mag.

Spricht dieser Büchner nicht wie ein Heutiger?

Vor die Wahl gestellt, ein Engagement auf die Dogmen des Ostens oder ein Engagement auf die Dogmen des Westens einzugehen, entscheiden sich die meisten von uns (nach ihren Werken zu schließen) für l‘art pour l‘art, was meistens eine Tarnung ist. Was bleibt uns andres übrig, um wahrhaftig zu bleiben? Wir können das Arsenal der Waffen nicht aus der Welt schreiben, aber wir können das Arsenal der Phrasen, die man hüben und drüben zur Kriegsführung braucht, durcheinander bringen, je klarer wir als Schriftsteller werden, je konkreter nämlich, je absichtsloser in jener bedingungslosen Aufrichtigkeit gegenüber dem Lebendigen, die aus dem Talent erst den Künstler macht. Alles Lebendige hat es in sich, Widerspruch zu sein, es zersetzt die Ideologie, und wir brauchen uns infolgedessen nicht zu schämen, wenn man uns vorwirft, unsere Schriftstellerei sei zersetzend. Wir brauchen‘s nicht an die große Glocke zu hängen; aber das ist ja unser Engagement! Was die Zeitungen, im Auftrag der Macht, täglich in schlachtbereite Fronten bringen, wir zersetzen es mit jeder echten Darstellung einer Kreatur. Indem wir keine Stellung nehmen (so sagt man doch?) zu Alternativen, die keine sind, haben wir durchaus eine Wirkung. Seien wir diesbezüglich unbesorgt! Was hassen sie denn mehr, hüben wie drüben, als Darstellung vom Menschen, die das Hüben und Drüben aufhebt? – Das ist das eine –

Der andere Punkt, der unser Anti-Engagement bestimmt, ist heikler zu besprechen... Georg Büchner, als er über die Landesgrenze floh, und die deutschen Emigranten alle, die sich im Solothurnischen trafen, wo unsere Polizei sie am Ärmel nahm, damit sie mit der Fackel der Republik nicht etwa ins fürstendienerische Deutschland liefen, sie alle glaubten noch an das Vaterland. In ihren tapferen Herzen brannte ein einziger Wunsch: Zurück ins Vaterland! oder besser: Vorwärts in ein neues Vaterland! Sie warteten und hofften, wo wir, glaube ich, nicht mehr warten und hoffen. Glauben Sie an ein neues Deutschland? Ich frage. Glaube ich an eine neue Schweiz? Ich bin Schweizer und begehre nichts andres zu sein, mein Engagement als Schriftsteller aber gilt nicht der Schweiz.

»Man ist immer noch ein Nationalist!« so lese ich im eignen Tagebuch 1946: »– wenn ich hier (in Mailand) meine Landsleute sehe, wie sie mit ihrer Währung die italienischen Läden plündern, ärgere ich mich bleich. Warum eigentlich? Die offenbare Enttäuschung verrät unsere heimliche Annahme, daß das eigene Volk, nur weil wir ihm selber gerade angehören, schließlich doch ein Mustervolk sei – und somit würde es also genügen, daß ich mich über mich selbst ärgere.«

Dies ist der andere Punkt, die Frage, ob wir das Nationale, bloß weil es untilgbar ist, zum Ziel machen oder aber (was zur Zeit geläufiger ist) zum Ärgernis in uns selbst; ich denke an deutsche Freunde, die in Italien oder Griechenland, kaum hat man sich die Hand geschüttelt, ihren Unwillen kundgeben darüber, wieviel Deutsche man in Italien oder Griechenland trifft. Ist das kosmopolitische Liebedienerei oder steckt mehr darin? Die Frage drängt sich auf, ob und inwieweit die deutsche Intelligenz willens und imstande ist, den eignen Menschenschlag zu lieben. Nicht zu lobpreisen oder zu verpönen, sondern zu lieben, das heißt: anzunehmen. Und gemeint ist natürlich, wenn wir von Menschenschlag sprechen, nicht das Volk der Dichter und Denker, sondern das deutsche Volk. Haben die deutschen Schriftsteller es lieb? Gemeint ist auch nicht Volkstum mit alten Bräuchen, sondern das aktuelle, das Volkswagenvolk. Denn das übliche Bedürfnis, immer sofort von Elite zu reden, wobei die gerade Anwesenden stets zur Elite gehören, ist bedenklich: Der Menschenschlag als solcher wird desavouiert – von Volksverächtern, die zwar keine Fürsten sind, aber wie Büchner schrieb:

»– sie reden eine eigene Sprache, das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.«

Büchner liebte sein Volk und litt:

»– da man bei aller Vorliebe für sie doch sagen muß, daß sie eine ziemlich niederträchtige Gesinnung angenommen haben, und daß sie, es ist traurig genug, fast an keiner Seite mehr zugänglich sind als gerade am Geldsack.«

Schon Börne spricht anders vom Volk:

»Ich mußte lachen«, schreibt er aus Paris, »als ich nach Darmstadt kam und mich erinnerte, daß da vor wenigen Tagen eine fürchterliche Revolution gewesen sein soll... Es ist eine Stille auf den Straßen gleich der bei uns in der Nacht« (bei uns: in Paris!) »und die wenigen Menschen, die vorübergehen, treten nicht lauter auf als die Schnecken... Das ist deutsches Volksmurren.«

Das ist, so sagen wir, die Melodie der durchschnittlichen Elite von heute, der weltmännische Hohn auf den deutschen Spießer, jener Groll, der bei Nietzsche noch die Dimension des Fluchs hatte, heute zum Vokabular touristischer Anbiederung gehört: Desavouierung des eignen Menschenschlags, sobald man als Volk zum Vorschein kommt. ... Unsere durchaus literarische Frage geht dahin: Wie sollen Schriftsteller, wenn sie eigentlich den eignen Menschenschlag nicht leiden können, Menschen darstellen, ohne bloße Satiriker zu werden oder abzuwandern auf die Gefahr hin, daß wir im Allerweltsmenschen eben den Menschen verfehlen? Für Proust, zum Beispiel, ist es selbstverständlich, daß die Menschen allesamt, ob großartig oder niederträchtig, Franzosen sind; er rühmt nicht Frankreich, wenn einer, den er darzustellen hat, menschliche Größe gewinnt, und er geifert nicht auf Frankreich, wenn die meisten sich als Ekel erweisen. Auch bei Musil (und überhaupt liegt es in Österreich wieder anders) sind die Österreicher, die er seziert, immer österreichische Menschen, Menschen, die halt Österreicher sind. Oder Garcia Lorca! wie spanisch müßte der uns vorkommen, wenn er seinen Menschenschlag nicht ein für allemal angenommen hätte; erscheinen seine Menschen nicht gerade dadurch, daß Spanier-sein für sie keine Frage wird, als Menschen? Es ist eine alte Einsicht, daher nicht weiter auszuführen: daß Weltliteratur nie entsteht aus Flucht vor der eignen Art, sondern aus Darstellung der eignen Art. Man kann den Menschen nur darstellen, wo man ihn erfahren hat. Aber genügt Erfahrung? Man müßte auch noch den Wirtschaftswundermenschen, fürchte ich, akzeptieren können; denn mit bloßer Satire ist wenig getan – zum Dichter werden wir nicht daran... Und vor allem: Satire macht uns noch nicht vaterlandlos! Mit anderen Worten: Wenn also Vaterlandlosigkeit erwogen wird als etwas, dem unser Engagement gilt, so meine ich keineswegs die Desavouierung des eigenen Menschenschlags, im Gegenteil, sondern die Freiheit gegenüber dem eignen Menschenschlag, indem wir ihn in seiner Realität einmal akzeptieren.

Ich komme zum Schluß!...

Georg Büchner als Dichter aus politischem Engagement, Büchner als Emigrant, davon sind wir ausgegangen, um unseren eignen Standort als Schriftsteller zu suchen – wobei es mich von Herzen locken würde (aber ich tu‘s nicht!), Namen deutscher Schriftsteller zu nennen, denen ich mich auf dieser Suche, ohne persönliche Bekanntschaft, zeitgenössisch verbunden fühle, sei es im Engagement oder Anti-Engagement, verbunden nicht zuletzt durch etwas Emigrantisches. Nicht zufällig habe ich mich mit Emigranten befaßt! Das Emigrantische, das uns verbindet, äußert sich darin, daß wir nicht im Namen unsrer Vaterländer sprechen können noch wollen; es äußert sich darin, daß wir unsere Wohnsitze, ob wir sie wechseln oder nicht, überall in der heutigen Welt als provisorisch empfinden. Wir können in München oder in Zürich oder in Rom wohnen. Es sind Wohnsitze nach Wahl, ach, nach Laune und Zufall der Bequemlichkeit, bestimmt vor allem durch einzelmenschliche Beziehungen. Wir stellen eine Bedingung: Unser Wohnort soll uns das unausgesprochene Gefühl der Unzugehörigkeit gestatten. Oder wie Friedrich Dürrenmatt, von einem schweizerischen Kritiker befragt, wie er sich zum Problem Schweiz stelle, sehr einfach sagte:

»Sie irren sich, Herr Doktor, die Schweiz ist mir kein Problem, es tut mir leid, sondern halt ein angenehmer Ort zum Arbeiten.«

Gemeint ist also, wenn ich vom Emigrantischen spreche, das bei vielen Existenzen nachzuweisen wäre, und nicht bei deutschen allein – denken wir an die amerikanischen Schriftsteller, die nur besuchsweise oder paßhalber die Staaten sehen, sonst aber in Spanien leben, womöglich mit Bart, oder in Rom, mindestens in Paris, ja sogar die Franzosen selbst, denen Paris bisher die Welt bedeutete, ziehen aufs Land, lassen sich nieder am Genfer See oder auf Capri –, gemeint ist also nicht die viel und gern genannte Heimatlosigkeit der Linken, sondern ein Gefühl der Fremde schlechthin, das übrigens nicht melancholisch ist, ein klares und trockenes Gefühl, ein modernes Gefühl:

»Heimat ist unerläßlich, aber sie ist nicht an Ländereien gebunden.« (Tagebuch 1949.) »Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen. Insofern ist sie vielleicht an die Sprache gebunden. Vielleicht: denn in der Sprache allein ist sie ja nicht. Worte verbinden nur, wo unsere Wellenlängen übereinstimmen –«

Wir sind also nicht heimatlos, indem wir vaterlandlos sind. Und gemeint ist auch nicht (oder nicht in erster Linie) das wachsende Bewußtsein heutiger Menschen, daß Radioaktivität sich nicht an Landesgrenzen hält. Das kommt hinzu! Dieses Bewußtsein, das uns kein Leitartikel mehr ausreden kann, macht freilich ironisch, indem uns mancherlei, was sich nach wie vor als vaterländische Politik gibt, wie Spuk aus Schießscharten einer mittelalterlichen Burg erscheint, nämlich nutzlos und irr; aber das Gefühl der Fremde, das wir meinen, wurzelt tiefer. Wir sind Emigranten geworden, ohne unsere Vaterländer zu verlassen; wir müssen es nur noch uns selbst zugeben. Die erste Station für Büchner war Straßburg; unsere erste Station ist die Ironie. Die zweite Station für Büchner war Zürich, wo er arbeitete, während der Freund im Vaterland zugrunde ging, so sauber wie möglich, wo er an Hand eigner Präparate über vergleichende Anatomie der Fische und Amphibien las; auch unsere zweite Station ist Arbeit, ob in Zürich oder anderswo, so sauber wie möglich, so wahrhaftig wie möglich, so zersetzend wie möglich – es gibt auch für uns (auch ohne Typhus) kein Zurück ins Vaterland.

»Unter meinem Fenster rasseln beständig die Kanonen vorbei, auf den öffentlichen Plätzen exerzieren die Truppen, und das Geschütz wird auf den Wällen aufgefahren... das Ganze ist doch nur eine Komödie«, schreibt Büchner aus Straßburg. »Der König und die Kammern regieren, und das Volk klatscht und bezahlt.«

Sind denn wir, die wir schreiben, nicht Streiter gerade im Bewußtsein, daß vieles eine Komödie ist? Es fragt sich nur immer wieder, wie man streiten kann. Ist Schweigen schon eine Waffe? Der König und die Kammern warten auf unseren Treueid, ich hoffe: vergeblich, es sei denn, sie erfoltern ihn wieder einmal. Wir wollen nicht versprechen, Märtyrer zu sein, aber Schriftsteller solange wie irgend möglich. Sind denn wir, die wir versuchen, das Leben schreibend zu bestehen, nicht vereidigt einer anderen Instanz, treu in einem andern Sinn, Zeugen einer andern und unbedingten, vom Wechsel der Könige und Kammern freien Freiheit? – über die Landesgrenzen hinweg, über die Sprachgrenzen hinweg, über die Rassengrenzen hinweg verbunden in unsrer Bejahung des einzelnen, selber nichts andres als einzelne, gemeinsam in unsrer produktiv-stillschweigenden Absage an die Vaterländer überhaupt. Ich frage! – und ich möchte nicht mißverstanden werden: Wir sind keine Idealisten. Nicht als ob es keine Geschichte gäbe, die uns prägt auch als einzelne! Wir sind abhängig von unsrer Herkunft. Nicht Internationalisten wollen wir sein, keine Träumer. Seid umschlungen, Millionen! ist nicht unsere Melodie. Welche denn? Wir suchen sie... Wir wissen nur, daß wir fertig werden müssen mit dem Nationalen, ohne es zu leugnen oder zum Ziel zu machen, und das heißt: Die Landesgrenzen zwischen der Bundesrepublik und der kleinen Schweiz, beispielsweise, die Landesgrenze zwischen der kleinen Schweiz und Frankreich, das stets voran ist und schon wieder dabei, Grande Nation zu machen, möchte ich deswegen nicht aufgehoben wissen; wir meinen nicht die europäische Integration, die wohl kommen muß, aber die etwas andres bedeutet; denn der Umstand, daß der gleiche Jeep und der gleiche Düsenbomber jetzt in Griechenland, in Spanien, in Deutschland, in Frankreich, in der Türkei und in der neutralen Schweiz bereitstehen, löscht ja die Vaterländerei in keiner Weise – man verbündet sich bloß, um einer Ost-West-Front willen, zur Standardisierung der Waffen, was auch für den Fall, daß man sie wieder einmal gegeneinander verwendet, nur begrüßenswert ist: Jedem das gleiche Florett! das ist nichts als fair... Was aber uns verbindet, ist die geistige Not des einzelnen angesichts solcher Fronten, das Gefühl unsrer Ohnmacht und die Frage, was tun.

»Ich habe mich seit einem halben Jahr vollkommen überzeugt, daß nichts zu tun ist und daß jeder, der im Augenblick sich aufopfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt.«

Das schrieb Georg Büchner, dem es an Mut nicht fehlte, auf seinem Weg in die Emigration, und es tönt wie Resignation; aber welch eine Tat hat dieser selbe Georg Büchner vollbracht, indem er eine einzelne Kreatur, Woyzeck mit Namen, so dargestellt hat, daß wir sie unter keiner heutigen oder künftigen Ideologie je vergessen können!

Wir haben nicht sein Genie –

Wir haben Talente.

Schon das ist Auftrag. Die Wahrhaftigkeit der Darstellung, und wäre es auch nur eine übliche oder ausgefallene Ehe, was da zur Darstellung gelangt, oder die ungeheuerliche Deformation des Menschen, der von Staats wegen hat töten müssen, eines Soldaten also – gleichviel, wo Wahrhaftigkeit geleistet wird, sie wird uns immer einsam machen, aber sie ist das einzige, was wir entgegenstellen können: Bilder, nichts als Bilder und immer wieder Bilder, verzweifelte, unverzweifelte, Bilder der Kreatur, solange sie lebt:

»Ich verlange in allem«, so heißt es im »Lenz«, »Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist‘s gut; wir haben nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.«

Es ist eine Resignation, aber eine kombattante Resignation, was uns verbindet, ein individuelles Engagement an die Wahrhaftigkeit, der Versuch, Kunst zu machen, die nicht national und nicht international, sondern mehr ist, nämlich ein immer wieder zu leistender Bann gegen die Abstraktion, gegen die Ideologie und ihre tödlichen Fronten, die nicht bekämpft werden können mit dem Todesmut des einzelnen; sie können nur zersetzt werden durch die Arbeit jedes einzelnen an seinem Ort.