Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Martin Walser

Martin WalserMartin Walser

Writer
Born 24/3/1927
Member since 1968
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1981
Laudatory Address by Peter Hamm
Acceptance Speech by Martin Walser
Diploma

... für ein vielgestaltiges und erfindungsreiches Werk, das mit raschem Witz und stürmischer Sprachkraft in unermüdlichem Bemühen das Gesicht seiner Zeit und ihrer Menschen zu ergründen sucht.

Jury members
Juryvorsitz: Peter de Mendelssohn
Beda Allemann, Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Kultusministerium), Ludwig Harig, Geno Hartlaub, Herbert Heckmann, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bruno Snell (Ehrenpräsident), Dolf Sternberger (Ehrenpräsident), Gerhard Storz (Ehrenpräsident), Bernhard Zeller, Eva Zeller, Ernst Zinn

Walsers Tendenz

LAUDATOR
Peter Hamm
Born 27/2/1937
Writer and Critic

Die Situation ist einigermaßen bedenklich. Hier soll ein Preis verliehen werden im Namen eines steckbrieflich gesuchten Aufrührers, der selbst nur für einen Preis gut war, nämlich den, der auf seinen Kopf ausgesetzt war. Wenn auch zweifelhaft sein dürfte, wo er, der »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« predigte, heute stünde: hier jedenfalls kaum.
Freilich, die Paläste, wo sie noch Vorkommen, sind heute vornehmlich von Banken, Versicherungen, gelegentlich noch von Nobel-Hotels oder Regierungen belegt. Und die Hütten wichen Mietskasernen, oder man überließ sie jenen, die man, in grotesker Verkehrung der Tatsachen, Gastarbeiter nennt. Wie müßte ein aktualisierter Kampfruf also lauten? Friede den Mietskasernen! Krieg den Bungalows!? Oder: Friede den Eigenheimen! Krieg den Villen!? Oder gleich auf eine Architektenmaxime verkürzt, wie einst bei Bazon Brock: »Krieg den Hütten! Friede den Palästen!«?
Daß der Versuch einer Aktualisierung der einst aufrührerischen Parole leicht in Komik mündet, das beweist doch auch, daß sich Geschichte ereignet hat. Es scheint schwieriger als zu Büchners Zeiten, klirrend eindeutig Partei für oder gegen zu ergreifen, Herrschaft tritt nicht mehr ganz so plump wie vor 150 Jahren auf, die Verhältnisse haben sich offensichtlich für fast alle von uns, zumindest in diesem bevorzugten Erdteil, zum Besseren verändert, sind allerdings auch undurchschaubarer geworden.
Diese Undurchschaubarkeit kommt jenen gelegen, die behaupten, wir hätten jetzt das Ziel unserer Geschichte erreicht, obwohl diese Behauptung doch nur belegt, daß sie selbst sich am Ziel, also an der Herrschaft, angelangt sehen. Wäre es anders, müßten sie nicht so gereizt bis gewalttätig auf jeden reagieren, der weiterarbeitet an dem, was Martin Walser als das »allergrößte Projekt, das Menschen unternehmen können«, beschrieb, nämlich »der Versuch, nachzuweisen, daß wir Geschichte haben können« –, auch weiterhin, wobei Geschichte für ihn, wie für Hegel, »nichts anderes als die Entwicklung des Begriffs der Freiheit« ist. Wenn irgend etwas an Walsers Erzählungen, Romanen, Theaterstücken, Essays, Reden, tagespolitischen Stellungnahmen und noch beim persönlichen Umgang mit ihm vor allem anderen auffällt, dann sind es die Leidenschaftlichkeit und die anscheinend unerschöpfliche Energie, mit denen er dieses allergrößte Projekt voranzubringen trachtet, eben die Geschichte, die er einmal einen »unterirdischen Himmel« nennt, der »wenn er sich selbst treu bleibt, subversiv« ist.
Walsers Subversivitäts-Treue macht ihn nicht gerade beliebt bei den höheren Herrschaften und ihren Medien-Verbündeten im Parterre, die sich von einem Schriftsteller nicht sagen lassen möchten, er könne nicht einsehen, daß sich 1789 nur eine Klasse, die bürgerliche, befreit haben soll, daß man Bürger aber keineswegs werden kann, indem man – wie Thomas Mann noch suggerierte – die Humanität hochhält, sondern ausschließlich durch wirtschaftliche Leistung, die gerade das Gegenteil von Humanität verlangt. Und auch dies wollen sie vom Schriftsteller zuallerletzt hören, daß eine Demokratie, in der der wichtigste gesellschaftliche Bereich, die Wirtschaft also, von der Demokratie ausgespart bleibt, nur eine des Scheins ist.
Doch die diesen Schein produzieren und von ihm profitieren, wollen ja gerade auch den Schriftsteller als Schein-Produzenten, als Verklärer oder Vernebler oder Stimmungskanone, und selbst jene finstersten Entertainer der Sinnlosigkeit, die unentwegt das Dasein als nichts als ein schwarzes Loch ausmalen, in dem wir alle nur versinken dürfen, sind ihnen immer noch weit willkommener als jeder, der auch nur ein klein wenig Licht in dieses Loch bringen möchte, die »Negationsfraktion« erhält eher ihren Beifall als die Sinnfraktion. Am liebsten haben sie den Autor entweder als Repräsentanten – dann ist er bereits bei ihnen oben angelangt – oder als Märtyrer – dann ist er so weit weg von ihnen wie möglich. Auch der Priester, der in einer möglichst fremden Sprache den Segen erteilt, erfreut sich immer noch einer großen Beliebtheit. Alle drei, Repräsentant, Märtyrer und Priester haben aber eines gemeinsam: sie wehren sich nicht mehr - weil sie es entweder nicht mehr nötig haben oder nicht mehr wollen und können. Martin Walser jedoch wehrt sich eigentlich ununterbrochen.
Daß er der Versuchung zu widerstehen vermochte, bei sich selbst auszuruhen und nur noch für erlesenen Ekel und feines Versinken zu sorgen, hat etwas mit seiner Herkunft, seinen frühesten Erfahrungen zu tun, deren Unzumutbarkeit ihn das in seiner Bodensee-Gegend besonders stark vorhandene Bedürfnis nach Heiligen nur zu gut verstehen ließ; – ihn aber verlangte, wenn schon nach Heiligen, dann nach »Bewegungsheiligen«. So nannte er einmal jene der von ihm favorisierten Schriftsteller und Philosophen, die auf eine Mangelerfahrung mit deren Bewirtschaftung, mit Widerspruch, statt mit Stillstand reagierten und ein Verlangen nach Veränderung – nach Geschichte – erzeugten auch in jenen, die schon glauben gemacht worden waren, jeder Mangel sei eine Gottesgabe. Hölderlin, Fichte, Förster, Seume, Karl Philipp Moritz, Jean Paul, Kierkegaard, Kafka, Robert Walser, sie sind für Martin Walser solche »Bewegungsheiligen«, die sich durch keine noch so mächtige negative Erfahrung von ihrer Sucht nach Positivem abbringen ließen, von dem, was Martin Walser ihre »Mitbürger-Leidenschaft« nannte, die stets davon ausgingen, daß – um Walser selbst noch einmal zu zitieren – »wenn etwas die Lüge geradezu hervorbringt, dann (ist es) die Vereinzelung. Wenn etwas das Gutwerden vereitelt, dann das Alleinsein. Denn was wäre das für ein Gutwerden, das einer allein erreichen könnte? ›Gut‹, das kann der Einzelne überhaupt nicht beurteilen. Nur andere, mehrere können ihm darüber etwas sagen, nur sie können das beurteilen.«
Nun hat es, wer nichts hat, sicher leichter, sich ändern zuzuwenden, als wer viel hat. Nur der Arme sei fähig, sagt Martin Walsers Lieblings-Bewegungsheiliger Robert Walser, »vom engen Selbst geringschätzig wegzugehen, um sich an etwas Besseres zu verlieren,... an die Bewegung, die nicht stockt... an das schwingede Allgemeine, an das nie erlöschende Gemeinsame, das uns trägt«. Im Namen dieses Gemeinsamen fordert Martin Walser vom Schriftsteller, also von sich, daß er den Mangel, die Armut, die Wunden, die ihn ursprünglich zum Schreiben zwangen, nicht in schöne Kunstnarben verwandelt, deren Herstellung irgendwann gar keiner Wunden mehr bedarf, also keiner Notwendigkeit, also auch keiner Hilfe von anderen, keiner Mitarbeit. Über wen immer Martin Walser geschrieben hat, ob über Schiller oder Maria Menz, über Hölderlin oder Ursula Trauberg, über Heine oder Wolfgang Werner, über Brecht oder Maria Müller-Gögler, – am allseits beliebten ästhetischen Rang-Spiel hat er sich nie beteiligt, die Literaturgeschichte war für ihn nie eine oberste Instanz. Und er begriff nie, wie Kritiker und Literatur-Wissenschaftler noch immer verbreiten mögen, ein Autor arbeite an einem Beitrag zur Literaturgeschichte oder gar nur zu einer literarischen Gattung, wie sie eine Autonomie der Kunst behaupten mögen, die, gäbe es sie, doch nur ein Eingeständnis ihrer Überflüssigkeit bedeuten könnte. Und noch weniger wollte er akzeptieren, daß es tatsächlich welche gibt, die diese Künstler-Rolle zu spielen und das Märchen von der Freiwilligkeit des Schreibens noch zu verbreiten bereit sind, virtuose Kunstnarben-Fabrikanten, die sich, wie jeder andere Fabrikant, offenbar allein dadurch, daß sie die Produktionsmittel besitzen, gerechtfertigt fühlen.
Solange aber durchs Bildungsprivileg die Produktionsmittel Ausdruck und Fantasie bei den einen gefördert und den ändern von Anfang an ausgetrieben werden, solange jeder, der diesem Zustand nicht andauernd widerspricht, ihn andauernd gutheißt und befördert, solange also noch irgendwo Herrschaft existiert, die nichts so zu fürchten hat wie das Gemeinsame und deshalb unsre asozialen Fähigkeiten stets mehr begünstigen muß als unsere sozialen, solange betont Martin Walser, er sei kein Künstler, also keiner, der sich selbst genug ist, und solange interessiert ihn an denen, die man Künstler nennt, primär dies, welche Verwundung ihre spezifische Ton-Frequenz erzeugt hat und wie sie auf die Verwundungen anderer reagieren, ob sie der Herrschaft Legitimation liefern oder bestreiten, ob sie – um einen von Walsers Stück-Titeln zu verwenden – das »Sauspiel« mitmachen oder nicht.
Martin Walser hat einmal Kant zitiert, der geschrieben hat, die beste Verfassung sei jene, die noch eine Gesellschaft von Teufeln zwänge, einander Gutes zu tun, und Walser hat ergänzend dazu angemerkt: »Von den marktwirtschaftlichen Spielregeln, nach denen unser Leben sich richten muß, könnte man sagen, daß sie auch noch eine Gesellschaft von Engeln zwänge, einander Ungutes zu tun«. Dieses Ungute ist der Stoff, aus dem seine Stücke und Bücher gemacht sind, der sie provoziert hat; dieses Ungute wird aber zum Gut dadurch, daß Walser es bewirtschaftet, dadurch, daß er auf das Negative, das ihm entgegenschlägt, mit dem Positiven reagiert, das jedoch keine Parole und auch keine auf positiv herausgeputzte Romanfigur ist, sondern nichts anderes als er selbst und seine Arbeit, seine Schreibarbeit. Mit einem seiner Roman-Titel könnte man die auch »Seelenarbeit« nennen. Xaver Zürn, die Hauptfigur des Romans, betreibt diese »Seelenarbeit« so: »Das Fehlgegangene so zu erzählen, daß man, Sekunde um Sekunde, glauben konnte, diesmal werde es gut ausgehen, war das Ideal, das Xaver vorschwebte, wenn er die hiesige Geschichte erzählte. Bei ihm war nichts so tief verankert wie der Glaube, daß alles gut ausgehen müsse. Aber vielleicht war es doch mehr ein Bedürfnis als ein Glaube.«
Solange es nicht gut ausgeht, ist diese Seelenarbeit – diese Erzählarbeit – zwar das Positive, aber der, der sie leistet, der Autor, dabei doch immer der Unterliegende. Im und ums Unterliegen herum, da ist Martin Walser allerdings zuhause – oder, um ein Synonym für diesen Sachverhalt zu verwenden, zuhause ist er im Kleinbürgertum. Er selbst ist der »Kleinbürgerexperte«, als den er einmal Jean Paul gerühmt hat, und übrigens sind ja eigentlich alle seine »Bewegungsheiligen« auch solche Kleinbürger- und Unterliegens-Experten. Seltsamerweise ist die Spezies des Kleinbürgers, obwohl sie doch am häufigsten in unserer Gesellschaft vorkommt, verachtet wie es sonst nur Minderheiten sind. Verachtet sogar von sich progressiv dünkenden Schriftstellern, die – da sie doch nicht alle aus dem Großbürgertum stammen können – offenbar einer schlechten literarischen Tradition aufgesessen sind; wie sonst ließe sich erklären, daß Kleinbürger in ihren Büchern fast nur als Karikaturen und Monster Vorkommen oder als »gewesene Menschen«, als die sie Gorki, ganz im Einklang mit den bürgerlichen Marx-Engels-Kirchenvätern, mitleidlos bezeichnete? Auch Brecht höhnte, als er mit Walter Benjamin Kafkas »Die Sorge des Hausvaters« diskutierte: »Dem Kleinbürger muß es schief gehen...« Er, der Augsburger Direktorensohn, hielt sich lieber an sein kunstsinnig ausgedachtes Bilderbuch-Proletariat, dem auf dem Papier und auf der Bühne wenig schief gehen konnte; doch realiter war ja das Proletariat mehrheitlich längst – statt zum letzten Gefecht – Richtung Kleinbürgertum marschiert.
Martin Walser hat es immer besonders hingezogen zu denen, denen es schief gehen muß, also zu seinesgleichen. Die Schiefen, die vor lauter vergeblicher Anpassungs- und Aufstiegs-Anstrengung schon ganz und gar Verrenkten bevölkern seine Bücher ebenso wie jene, denen der Aufstieg in die höhere Gesellschafts-Etage scheinbar gelang. Beide aber kommen nie dazu, ihre Identität, ihr Selbstwertgefühl auszubilden, die einen nicht, weil sie sich wie der Gallistl aus Walsers Roman »Die Gallistilsche Krankheit« sagen müssen: »Ich arbeite, um das Geld zu verdienen, das ich brauche, um Josef Georg Gallistl zu sein; aber dadurch, daß ich soviel arbeiten muß, komme ich nie dazu, Josef Georg Gallistl zu sein«, und die anderen nicht, weil sie sich auf der Erfolgsetage nur behaupten können als eitle Entfremdungspuppen und kalte Charaktermasken. Die einen wie die anderen sind Opfer der Konkurrenz- und Leistungs-Gesellschaft, die jeden gegen jeden zu agieren zwingt und sogar noch das Privateste, die Sexualität, dem Wettbewerb unterwirft und zum Hochleistungssport pervertiert.
Wo einer aber andauernd mehr darstellen muß als er ist, mehr leisten muß als er kann, wo einer unerbittlich recht haben muß, um sich durchzusetzen, da bleibt als Ausflucht nur Aggression oder Identifikation mit dem Aggressor. Bei denen, die am besten ausgerüstet sind, die brutalen Prämissen zu erfüllen, richtet sich diese Aggression – wie vom System gewünscht – gegen andre, bei den weniger Brutalen wird sie zum Selbsthaß, der bis zum Suizidwunsch geht; so bekennt der Firmen-Repräsentant Franz Horn in Walsers Roman »Jenseits der Liebe«: »Ich warte nur noch auf die Kraft, die es mir ermöglicht, mich von mir abzuwenden«, aber selbst diese läßt ihn im Stich – und sein Selbstmordversuch scheitert kläglich.
Novalis hat bekanntlich den »Wilhelm Meister« als Goethes »Wallfahrt nach dem Adelsdiplom« gerügt, obwohl er, wie Martin Walser anmerkte, mehr war, nämlich »die das bürgerliche Selbstbewußtsein weihende Programmschrift«. Von Walsers Büchern ließe sich keines mißverstehen als Wallfahrt nach dem Bürgerbrief, als Aufstiegsprogramm; Selbstbewußtsein können seine Figuren meist nur fingieren. Es läßt sich sogar, liest man Walsers Bücher in ihrer Entstehungs-Chronologie, eine sich mehr und mehr verstärkende Abstiegs-Tendenz in ihnen feststellen. Zumal die Romane »Jenseits der Liebe« und »Seelenarbeit« lesen sich wie Anweisungen zum angemessenen Abstieg. Die für mich ergreifendste Figur aus der »Seelenarbeit«, die Tochter des Chauffeurs Xaver Zürn mit dem Büßerinnen-Namen Magdalena, verkörpert diese Abstiegs-Tendenz am reinsten, bei ihr wird sie zu einem Prinzip von der Überlegenheit der Unterlegenheit – und ihr ruft der Vater zu: »Du schaffst es, Du bist die erste von uns, mit der sie es nicht machen können, wie sie es mit allen gemacht haben. Du willst hinab und nicht hinauf.« Natürlich ist so eine Tendenz von der Religion vorgebildet, die, in der ungebrochenen Ora-et-labora-Form, in der sie in Walsers Bodensee-Heimat vorkommt (und das heißt nötig zu sein scheint), ohnehin unter Siegen immer nur Sich-Besiegen verstand. »Sieglos werden«, so lautet der typische Imperativ des Heinrich Seuse, jenem innigsten mittelalterlichen Mystiker, der ebenfalls aus Walsers Gegend kam, und von dem auch der Satz stammt: »Ich bin ein Gut, das gebrauchet wächst, und gesparet schwindet«. Das war auf Gott gemünzt, aber damit gilt es für jeden Ausdruck einer Mangelerfahrung.
Süchtig nach Gebrauchtwerden, nach Praxis, sind Walser und seine Bewegungsheiligen immerzu, von denen Hölderlin mit seiner fordernden Frage »Leben die Bücher bald...?« das schönste Motto für dieses Praxis-Bedürfnis geliefert hat. Aber ob man womöglich nicht nur von Gott gebraucht wird, sondern auch von Menschen, das ist die bange Kleinbürger-Frage. Wer nicht gebraucht wird, ist verloren, wird krank. In der Walser-Novelle »Ein fliehendes Pferd« heißt es von einem: »Er hatte, weil er merkte, daß er nicht gebraucht wurde, einen Grad von Egoismus erreicht, den man eine Geisteskrankheit nennen sollte.« Wir alle wissen, daß diese Geisteskrankheit die verbreitetste, ja die gefördertste Krankheit unter uns ist.
Martin Walser hat nie seine frühesten Kleinbürger-Erfahrungen, von wem er zu was gebraucht oder nicht gebraucht wurde, vergessen. Als er nach dem frühen Tod des als notorisch erfolglos belächelten Vaters neben der Schule her dessen kleinen Kohlehandel weiterführte und zusammen mit einem Kriegsgefangenen pro Jahr 36 Waggons Kohlen ausladen und in die Keller der Witwen und Bäckereien schleppen mußte, trug ihm eines Tages der Direktor der Oberschule in Lindau auf, er solle seine Mutter fragen, »ob sie einen Oberschüler wolle oder einen Kohlearbeiter, sie solle sich entscheiden«. Das war für Walser ein »Klassenerlebnis« und ebenso prägend wie jene erste demütigende Erfahrung des Konkurrenzkampfes, die darin bestand, daß er, dessen Mutter die kleine Bahnhofswirtschaft in Wasserburg betrieb, ihn im Sommer täglich zu den anderen Wasserburger Gasthöfen zu gehen bat, um die Zahl der dort beherbergten Touristen herauszufinden.
Wer Martin Walser nicht auf diesem seinem Vergangenheitsgelände aufspürt, eben jener Bahnhofswirtschaft mit dem Ziegelsteingesimse und der fensterlosen, blechgedeckten Terrasse, die der Großvater, der seinen kleinen Bauernhof verkauft hatte, selbst anbaute, wer nicht neben den Fischern, Handwerkern und Bauern, die hier ihr Bier tranken, die Kolonnen des Kriegervereins, des Gesangvereins, des Musikvereins und der Marine-SA vor sich sieht, die in dieser Wirtschaft ihre Reden schwangen, Lieder sangen und Fahnen abstellten, und daneben noch die auffallenden, weil vereinzelten und meist fremden Ärzte, Unternehmer, Politiker, Pfarrer, Vertreter, die gelegentlich einen Hauch von großer Welt hereinbrachten, wer also diesen winzigen »Tummelplatz der Geschichte« nicht imaginiert, wird Martin Walser nur schwer verstehen, weder die ihn auszeichnende Beobachtungs- und Erzählbesessenheit, noch sein Dialektik-Programm von der Überlegenheit des Unterlegenen. Die Grunderfahrungen des Sohns der frommen Gastwirtin sind doch: Beobachten und Bedienen – oder Besorgen; das Gegeneinander und das Miteinander beobachten, was trennt und was verbindet; und das Miteinander zu fördern schon deshalb, weil es der Wirtschaft besser bekommt.
Als Walser in einem frühen Aufsatz für den Beobachtungs- und Erinnerungs-Experten Proust warb, prägte er die Formel »Proust-Leser sind im Vorteil«. Diese variierend möchte ich fast glauben: Gastwirtsöhne sind im Vorteil ‒ zumindest als Autoren. Weil sie täglich mehr hören und sehen als andere, weil ihnen Erfahrungen frei Haus geliefert werden, die andere bestenfalls aus Büchern beziehen können. Und sie dürfen ja auch keineswegs nur stumm ihren Gästen zuhören, müssen vielmehr mitreden, müssen Gespräche anzetteln oder glätten können und dazu auf vielen Gebieten beschlagen sein oder doch so tun können als ob; ohne Mimikry-Beherrschung – mit »Mimikry« war bekanntlich das erste Kapitel von Martin Walsers Roman »Halbzeit« überschrieben – sind sie jedenfalls verloren, denn sie sind schließlich ökonomisch abhängig von der Zufriedenheit ihrer Gäste. Die nicht immer nur bewunderte Eloquenz Walsers, seine Sprach-Virtuosität, die seine Bücher immer mehr gesprochen als geschrieben erscheinen läßt (weswegen auch Walser-Lesungen stets sogar bei denen zum Erfolg werden, die bei der Lektüre seiner Bücher Probleme hatten), die ganz spezifische Walser-Suada, die – trotz inzwischen kürzer werdender Sätze ‒ auch noch für die letzten seiner Bücher charakteristisch ist – ohne diesen Gastwirtschafts-Hintergrund wären sie kaum denkbar!
So wenig wie etwa die für den früheren Walser so typische Figur des Vertreters, der ja auch stets zum Reden, zum Überreden und gleichzeitig zur Anpassung gezwungen ist. Auch noch das, was manchen vielleicht als pure Geschwätzigkeit bei Walser erscheinen mag, hat seine Wurzeln hier, denn – um es mit einem Bild des auch gerne als geschwätzig verschrienen Jean Paul zu umschreiben – man sagt ja auch: heute ist schönes Wetter, obwohl es der andere selber sieht! Reden läßt sich eben nicht reduzieren auf reinen Informationswert, es ist – neben dem Versuch Zeit zu überspielen, um nicht ins Vergänglichkeitsloch starren zu müssen – immer auch Bestätigung des Zusammengehörens, ein sich des gemeinsamen Bewegungsprozesses Versichern. Und es ist letztlich Teil jener Frömmigkeit, die Walser etwa bei Hölderlin am Werk sah, über den er in seiner Rede zum 200. Geburtstag des Dichters, die er »Hölderlin zu entsprechen« betitelte, sagte: »Fromm war er sicher und in dem allerbestimmbarsten Sinn, daß er sich nämlich als Teil eines Prozesses sah, als Einzelnes, das ohne Aufhebung im Ganzen kalt und klanglos stumm war.«
Die kleine Bahnhofswirtschaft, die Walsers Wunsch nach Aufhebung im Ganzen, nach Mitsprechen und Entsprechen, nährte, sie steht aber – auch das will zuletzt noch bemerkt werden – auf dem Land, nicht in der Stadt, wo – nach Robert Musil – »das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens« beginnt. Und wenn auch Walsers Roman-Personal immer wieder lustvoll schauend und schauernd durch die großen Städte treibt, stets kehren diese Vertreter, Chauffeure, Makler, Studienräte und Schriftsteller gleichsam reumütig dorthin zurück, wo für Walser selbst die Heimat ist. Und wer der Heimat verlustig ging, wie etwa der Fabrikant Dr. Gleitze aus dem Roman »Seelenarbeit«, dem werden von Martin Walser gleich gewissermaßen »mildernde Umstände« zugebilligt. »Heimatschriftsteller«, so hat dieser radikale Herrschafts- und Titel-Feind Walser einmal geäußert, das sei überhaupt der einzige Ehrentitel, den er akzeptiere. Dabei weiß er besser als jeder andere, daß diese Heimat kein herrschaftsfreier Raum ist, keine Idylle, aber eben doch jenes Gelände, das durch Vertrautheit – und weil in ihm das Verlangen nach Aufhebung im Ganzen zuerst entzündet wurde – diese am meisten zu begünstigen scheint.
Daß sie nie absolut gelingen kann, solange nicht jener Zustand erreicht ist, den Hölderlin in seiner »Friedensfeier« beschwor »‒ ‒ ‒ jetzt. Da Herrschaft nirgend ist zu sehn, bei Geistern und Menschen« –, das befördert immer wieder auch das Bedürfnis nach Rückzug ins Innere, ins Ich, in die Illusion – »wenn ich morgens aufstehe, ist mein tägliches Gebet: Meine Illusion, meine tägliche Illusion gib mir heute«, gestand ein anderer Kleinbürger-Experte, Wilhelm Raabe –, befördert aber auch das Bedürfnis nach Ironie, die Walsers wichtigstes Werkzeug bei der Vorantreibung des Geschichtsprojekts wurde. In seinen Frankfurter Ironie-Vorlesungen hat Walser diese Ironie am Beispiel Jean Pauls, Robert Walsers und Kafkas als »Vernünftigsprechung eines Übels« definiert, als »eine Existenzbestimmung« im Sinne einer »Vernichtung des eigenen Anspruchs«, im Gegensatz zu der rein rhetorischen Sowohl-als-auch-Ironie etwa eines Thomas Mann, die nur der eigenen Gefälligkeit und Überlegenheit dient, eine Kunstspielerei ist, ein Kunsttrick, mit dem sich der Autor der Verantwortung ums Ganze enthebt.
Das heißt: der ironische Autor der Walser-Prägung macht also andauernd auch sich selbst den Prozeß. Oder um es mit einem Spruch zu sagen, der programmatisch mit »Praxis« überschrieben ist und sich in Walsers Büchlein »Der Grund zur Freude – 99 Sprüche zur Erbauung des Bewußtseins« findet:

»Wem es genügt, mit sich selbst übereinzustimmen,
hat nichts zu sagen. Wer dem Bestehenden
widerspricht, um der Tendenz willen, der
widerspricht auch sich selbst.«

Daß er so ungeheuer viel darüber zu sagen hat, wie wenig er mit sich wie mit dem Bestehenden übereinzustimmen vermag, das macht ihn und seine Tendenz für mich so vertrauenswürdig, das gehört für mich zu den beneidenswerten Vorzügen des Martin Walser. Goethe hat gemeint: »Gegen große Vorzüge eines ändern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe«. Mir hat dieses Rettungsmittel geholfen. Wie schön wäre es, wenn auch Sie alle sich seiner bedienen könnten.