Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Heinz Piontek

Heinz Piontek

Writer
Born 15/11/1925
Deceased 26/10/2003
Member since 1969
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1976
Laudatory Address by Eberhard Horst
Acceptance Speech by Heinz Piontek
Diploma

... einem Erzähler, der Zeit, Umwelt und Schicksal hereinzieht, ohne sich ihnen anders als in persönlich gefärbter Sprache und Gestalt zu unterwerfen.

Jury members
Juryvorsitz: Peter de Mendelssohn
Horst Bienek, Walter Helmut Fritz, Rudolf Hagelstange, Geno Hartlaub, Karl Krolow, Manfred Ranft (Hessisches Kultusministerium), Horst Rüdiger, Heinz Winfried Sabais (Stadt Darmstadt), Dolf Sternberger, Gerhard Storz, Wolfgang Weyrauch

Am Nachmittag des 16. Februar 1837

»Ich habe die Jahrbücher der Akademie durchgesehen, und es schien mir, als habe eine Reihe illustrer Preisträger bereits alles über Büchner gesagt, was zu sagen ist, und mehr. Ich habe versucht, mich damit zu trösten, daß es der Preisträger des Jahres 1976 – falls es bis dahin auf der Welt noch Literatur und Literaturpreise gibt – weitaus schwerer haben wird als ich.«

Wolfgang Hildesheimer, Büchner-Preisträger 1966

Herr Bundespräsident, meine Damen und Herren,

ich habe an den Zeremonien der Büchner-Preisverleihung einige Male als Zuschauer teilgenommen. Daß jetzt ich es bin, der diesmal den Preis entgegengenommen hat, kommt mir reichlich unwahrscheinlich vor. Ich will aber so tun, als gäbe es augenblicklich an den Formen der Wirklichkeit nichts zu bezweifeln, und will mich sehr herzlich für die Zuerkennung des Büchner-Preises 1976 bedanken: bei der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, beim Land Hessen und bei der Stadt Darmstadt.

Irre ich mich nicht, so wurde die Gesamtausgabe der Werke Büchners nach dem letzten Krieg erst 1953 wieder aufgelegt. Ich kaufte und las sie jedenfalls im Jahr darauf, ich war spät dran mit Büchner, schon achtundzwanzig, in der Schule hatte man seinen Namen vor Jahrgängen wie dem meinen nicht erwähnt. 1955 brachte ich meinen ersten Erzählungsband heraus, der »Vor Augen« hieß, und gab ihm als Motto ein langes Zitat aus Büchners »Lenz« mit. Es lautete:

»Eines Morgens ging er hinaus. Die Nacht war Schnee gefallen; im Tal lag heller Sonnenschein, aber weiterhin die Landschaft halb im Nebel. Er kam vom Weg ab und eine sanfte Höhe hinauf, keine Spur von Fußtritten mehr, neben einem Tannenwald hin; die Sonne schnitt Kristalle, der Schnee war leicht und flockig hie und da Spur von Wild leicht auf dem Schnee, die sich ins Gebirg hinzog. Keine Regung in der Luft als ein leises Wehen als das Rauschen eines Vogels, der die Flocken leicht vom Schwanz stäubte. Alles so still und die Bäume weithin mit schwankenden weißen Federn in der tiefblauen Luft.«

Ich erinnere mich gut, daß mir das Motto nicht nur der Länge wegen problematisch gewesen war, sondern auch wegen seines Charakters. Es spitzte ja keine Gedanken zu, hatte nichts Sentenziöses, Frappierendes, nur ein paar rein beschreibende oder beschwörende Sätze, sehr schön und zugleich der Umgangssprache angenähert – was beabsichtigte ich mit ihnen vorwegzunehmen? Mir kam es vor allem auf den Ton an. Den Ton der Stille, meine ich. Nun ist sicher, daß Stille in Büchners Werken nicht vorherrscht, und doch gibt es in ihnen eine Reihe solcher Stellen der Stille, und durch all sein Geschriebenes zieht sich ein Sehnen danach.

Von Kafkas Verwunderung über Autoren, die sorglos Goethe zitierten, ohne zu ahnen, daß jeder Satz Goethes jeden fremden Kontext doch in seiner Dürftigkeit bloßstellen müsse – von dieser Äußerung Kafkas also wußte ich damals noch nichts. Immerhin, bei dem Gedanken, jemand könnte darauf verfallen, in meinen ersten Erzählungen nach einer dem Motto gewachsenen Stelle zu suchen, schlug mein Herz unnatürlich. Georg Büchner war nicht mein Lehrmeister oder Vorbild. Dennoch gedachte ich mit seinen Sätzen zu zeigen, daß ich begriffen hatte, wie natürlich genaue, das heißt von einem Dichter geeichte Prosa beschaffen sein müsse – ohne Rücksicht darauf, daß ich selber weit davon entfernt war, mich mit ähnlich Exemplarischem ausweisen zu können.

Dieses hochgradige Risiko, seine eigene Arbeit dem von der Zeit Erprobten gegenüberzustellen, wird ein Autor, der sich und seine Sache ernst nimmt, immer wieder einzugehen haben. Auch wenn er mit größter Wahrscheinlichkeit den kürzeren zieht, er kann es nicht lassen, er hat keine Wahl. Denn das Alte, das glaubhaft und standhaft geblieben ist, ist die Voraussetzung des Neuen.

Nur jene, denen Schlagworte genügen, können annehmen, das Neue sei etwas völlig anderes als das Alte. Ein wirklich aus sämtlichen Bezügen herausgelöstes Neues wäre in seiner Unvergleichlichkeit sinnlos, bliebe uns unverständlich. Nein, Neues kann nur entstehen, indem es sich nachdrücklich auf das Alte bezieht, bewundernd oder kritisch oder auf beide Arten zugleich. Das Neue ist das Wieder Holen des Alten, das, nun gleichsam in andere Hände übergegangen, eine veränderte, eine eigene Färbung annimmt. Goethe, Kafka, Kleist, Brecht – alle haben, um Selbständiges hervorzubringen, aus dem Alten geschöpft. Auch Büchner, von dem längst bekannt ist, daß er beispielsweise seinen »Lenz« seitenlang aus Oberlins Tagebüchern abschrieb. Aber indem er sich das Alte leidenschaftlich zunutze machte, es sich wortwörtlich aneignete, wurde es sein Eigenes. Nur Eigenem wohnt das So-noch-nicht-Dagewesene inne. Ich hoffe, damit wird deutlich, daß ich das Neue nicht mit leerer Repetition oder fauler Nachahmung gleichsetze. So gibt es dank der alten, also auch dank Büchner, die neue Dichtung.

Geht Dichtung wirklich von ihm aus, muß sie sich von neuem dem Leiden stellen. Die Mehrheit, diesmal nicht die schweigende, sondern die redende, lärmende, will heute vom Leiden nichts wissen. Sie schämt sich des Leidens. Sie vertuscht, versteckt es, sie hält es für nicht »gesellschaftsfähig«, sie weiß, mit ihm ist kein Staat zu machen. Das Leiden gilt als das Unbrauchbare schlechthin. Wer leidet, funktioniert nicht mehr verläßlich, garantiert nicht mehr an seinem Platz die Reibungslosigkeit, auf die es doch überall ankommt. Leiden stiehlt uns die Zeit, die wir für das Glück brauchen. Freilich, hinter der Hand ist manchmal ein Geflüster: Um das Leiden kommt niemand herum –. Aber darüber kein Wort weiter! Keins darüber hinaus!

Es paßt dazu, daß man Büchners Worte, die uns als seine letzten überliefert wurden, heute nicht wahrhaben will. Sie, die ärgerlich unrebellischen. War denn Büchner am Nachmittag des 16. Februar 1837 überhaupt noch zurechnungsfähig? Schlug sein Herz nicht 106mal in der Minute? Hatte ihn nicht eben ein »heftiger Sturm von Phantasien« geplagt? Die Ärzte, auch das ist vermerkt, hielten ihn in diesem Stadium für hoffnungslos krank. Sterbenskrank. Aber eine neue Dichtung, die aufrichtig die Konfrontation mit dem Leiden suchte, könnte gerade aus den Worten des Sterbenden einen besonderen Ansatz schöpfen.

»Wir haben der Schmerzen nicht zu viel, wir haben ihrer zu wenig, denn durch den Schmerz gehen wir zu Gott ein.« Das ist der erste der skandalösen Sätze, dem dann noch ein zweiter folgt: »Wir sind Tod, Staub, Asche, wie dürften wir klagen?«

Ungeheuerliche Behauptungen. Keinem Gesunden könnten wir sie je verzeihen. Der sie formulierte, war als Leidender bis an den äußersten Rand seiner selbst gelangt, ja an den bewußten Punkt, der jede Rückkehr ausschließt. Ich will es gleich vorwegnehmen, daß es für mich unerforschliche Worte sind. Doch wenn wir Büchner ehren, diesen Dichter einer »Phänomenologie des Leidens« (Erwin Kobel), dürfen wir uns nicht um sie herumdrücken.

Kafka notierte: »Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.« Wir jedoch müssen noch mit etwas anderem, bei uns Eingefleischtem, brechen, mit der Meinung: Schmerz sei platterdings nur da, um abgeschafft zu werden. Wer in dem Bruch mit dieser tiefreichenden Konvention auch nur eine Spur von Masochismus zu empfinden glaubt, hat den ersten falschen Schritt getan. Hier ist keineswegs von etwas mit umgekehrter Lust gerade noch Erträglichem die Rede, sondern vom Unerträglichen und dessen Steigerung. Hier scheint einer erkannt zu haben, daß wir die Verzweiflung über das Unerträgliche allenfalls hinter uns lassen können mit dem letzten Mut der Verzweiflung. Nur so erfahren wir, daß hinter der extremen Dumpfheit des Schmerzes ein neuer Schmerz wie etwas Aufstrahlendes liegt, in dem die volle Wahrheit Umriß gewinnt.

Annäherungen Schmerz um Schmerz. Qual um Qual. Ich frage mich, ob nicht auch an das Leiden der Worte gedacht werden sollte. Sind nicht Worte – sofern sie etwas Lebendiges sind – leidensfähig? Wie unerträglich muß es für sie sein, daß sie auf der Welt so wenig ändern können! Denn: »Wir sind Tod, Staub, Asche...« Seit fast dreitausend Jahren schon halten Worte das fest. »Man hat mich in Dreck getreten«, heißt es im Buch Hiob, »und gleich geachtet dem Staub und Asche.« Der dreiundzwanzigjährige Büchner geht noch einen Schritt weiter, würgt den Worten den Atem ab: Keine Klage! Kein Schluchzen! »Wie dürften wir klagen?«

Wer dem Menschen und seinem Gedicht die Klage verweigert, kann es nur aus einem unerhörten Grund tun. Es geht um eines unserer Grundrechte. Daß Büchner damit zu einem heroischen Stoizismus auffordern wollte, scheidet für mich aus. Ich sehe hier zwei Gründe, aus denen allein Schweigen gemäß wäre. Einmal stellen Leiden und Schmerz unsere Sprache – und gerade diejenige, die in und durch Figuren spricht – so radikal in Frage, daß sie nicht einmal die Stundung von Antworten zulassen. Angesichts von »Tod, Staub, Asche« müßte es der Sprache ohnehin die Sprache verschlagen. Aus diesem Blickwinkel wird alles, was Menschen zu sagen haben, unaussprechlich nichtig.

Der andere Grund, den ich anzudeuten wage, ist die Sicht des Sterbenden auf die volle Wahrheit. Wir haben Ahnungen von sprachlosem Innewerden. Es gibt Zeugnisse bis auf den heutigen Tag (denken Sie etwa an Leszek Kolakowski), die darauf beharren, daß die Fülle der Wahrheit, eine Wahrheit ohne Abstriche, nur in einer Hülle von Sprachlosigkeit erfahren werden kann. Ihnen zufolge ist die letzte Gewißheit auf Worte nicht angewiesen. Der helle Schmerz, in dem die volle Wahrheit aufscheint, könnte also für Büchner so überschwenglich gewesen sein, daß ihm die Folter vom Leben zum Tod kein Wort, kein Sterbenswort mehr wert war.

»Wie dürften wir klagen?«

Ich habe die mystische Seite der Erfahrung berührt. Weiter taste ich nicht. Doch ich möchte zum Schluß noch einmal auf die Stille zurückkommen, von der ich ausgegangen bin. Wortlosigkeit und Stille berühren einander. Daß mich gerade bei Büchner jene Stellen, an denen Verschwiegenheit herrscht oder verlangt wird, ergriffen haben, ganz körperlich noch ergreifen, liegt vermutlich daran, daß einem sonst bei ihm die Welt in den Ohren gellt. Besonders in der ersten Hälfte des »Lenz«-Fragments kommen nicht wenige Sätze vor, um die sich Ruhe wie eine Aura ausbreitet.

Ich zitiere: »Kein Lärm, keine Bewegung, kein Vogel, nichts als das bald nahe, bald ferne Wehn des Windes...« Oder: »Er mußte Oberlin oft in die Augen sehen, und die mächtige Ruhe die uns über der ruhenden Natur im tiefen Wald, in mondhellen schmelzenden Sommernächten überfällt, schien ihm noch näher in diesem ruhigen Auge...« Oder: »Die Mutter, engelgleich stille ...« Immer wieder: »Ruhige, stille Gesichter...« ja schließlich das zweimalige »Laßt mich doch in Ruhe!«

Lenzens Sehnsucht nach Stille hat Büchner, der Dichter, nur halbwegs zu stillen vermocht. Krankheit und Leiden sind in dieser Gestalt übermächtig. Mehr als nur ein Jahrhundertleiden. Wir nennen es heute »manisch-depressiv«, aber hinter der Bezeichnung kann man eine der gewaltigsten Gefährdungen unsrer Zeit spüren: die Alienation, die Fremdheit in ihrer schwersten Form, bis zur Geisteszerrüttung. Daß sich einer der Welt entfremdet und zwangsweise damit sich selbst, springt dir von diesem Theologiestudenten Lenz in die Augen. Ist in der Welt überhaupt noch Platz für dich – in ihr, die so gepfercht voll von Geräuschen, Lauten, Wichtigkeiten ist, einem »Chaos« aus Leisten und Ringen? Wirst du hier nicht, wenn du Stille zu verbreiten suchst, augenblicklich zum Störenfried? Und läßt man nicht schon die Riegel hinter dir fallen, so daß dir nur noch die Nicht-Welt offen bleibt?

Büchner hat dem Getöse der Unmenschlichkeit durch Manifestationen von einfacher und klarer Schönheit einige Male Einhalt geboten. Er kannte wohl Pascal und vielleicht das Wort von der besonderen »Schwingungszahl der Schönheit«. Er wußte, wo wirklich etwas schön ist, da halten wir den Atem an, da wird es ringsum plötzlich still. Innen und außen. Die Bedrohung von innen allerdings, vom Sitz der Worte und Widerworte her, scheint die schwerste. Heute behauptet sich das Schöne nur noch selten in einem Befreiungsakt der Stille. Ich zitiere: »Hören Sie denn nichts? hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit und die man gewöhnlich die Stille heißt?« Vielleicht die erbarmungswürdigste Stelle, die Büchner über Lenz geschrieben hat.

Ist es so weit, daß der Stille überall in dieser Welt nichts mehr übrigbleibt, als um Stille zu schreien?