Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe

Writer
Born 22/12/1960
Member since 2007

Georg-Büchner-Preis 2012
Laudatory Address by Hubert Spiegel
Acceptance Speech by Felicitas Hoppe
Diploma

Felicitas Hoppe, die mit ihrer eigensinnigen und abenteuerlustigen Prosa Grundfragen eines postmodernen Daseins mit virtuoser, befreiender Phantasie durchspielt...

Jury members
Juryvorsitz: Heinrich Detering
Aris Fioretos, Peter Hamm, Joachim Kalka, Navid Kermani, Per Øhrgaard, Gustav Seibt, Michael Stolleis, Jan Wagner, Nike Wagner, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Ernst Wegener (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Laudatio auf Felicitas Hoppe

LAUDATOR
Hubert Spiegel
Born 11/12/1962
Journalist and Literary scholar

Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Akademie, Herr Präsident, liebe Felicitas Hoppe,

bitte gestatten Sie mir zunächst ein Wort in eigener Sache: Ich bin besorgt, und ich habe allen Grund dazu. Denn das Urteil über den Text, den Sie nun hören werden, ist bereits gefällt. Es stammt von der Preisträgerin selbst. Denn sie hat mit der ihr eigenen Mischung aus Scharfsinn, Kühnheit und Entschlusskraft, fein abgeschmeckt mit einer Prise Übermut, ein für alle Mal entschieden, dass Literaturkritiker und Philologen in ihren Versuchen, Sichtbares wie Unsichtbares eines literarischen Werkes fassbar zu machen, scheitern müssen: In der Regel, so lautet das Diktum der Preisträgerin, können solche Leute nicht mehr erreichen, als ein Geheimnis durch ein zweites, allerdings weniger schön formuliertes zu ersetzen.

Eine gute Nachricht ist das nicht. Die Rezension, der Essay, die Monographie und auch die Laudatio – all das wäre also verlorene und überdies schlecht formulierte Liebesmüh.

Aber so entschieden Felicitas Hoppe ihre Urteile fällt, so großzügig lässt sie dem Verurteilten einen Fluchtweg offen. Hier der trostlose Kerker des Sekundären, dort Freiheit und offener Horizont: »Steh auf, nimm den Koffer und geh« heißt es in Verbrecher und Versager, ein Appell an alle freiwilligen wie unfreiwilligen Stubenhocker und eine Anspielung auf das Johannesevangelium, auf die Worte, die Jesus an den Kranken am Teich Betesda richtet: »Steh auf, nimm dein Bett und geh!«

Setz dich hin, nimm das Buch und lies, sage ich und beharre damit auf der Verheißung der Freiheit, die der Leser dort findet, wo auch die Autorin selbst sie erlebt: im literarischen Werk. Denn die Freiheit, die Felicitas Hoppe im Akt des Schreibens erfährt und für sich beansprucht, will sie auch dem Leser nicht verweigern, im Gegenteil. Sie hält es mit Ossip Mandelstam, der sich in der Reise nach Armenien geradezu vorbildlich in das Schicksal eines jeden Schriftstellers fügt, wenn er sagt: »Im übrigen wirst du, mein Leser, ohnehin alles durcheinanderbringen, und es ist nicht an mir, dich zu belehren.« Felicitas Hoppe hat diesen Satz von Mandelstam zitiert, und zwar zustimmend. Das genügt mir als Lizenz. Als Leser darf ich nun alles durcheinanderbringen, was die Autorin mit Fleiß, Kalkül und Sorgfalt sortiert hat. Na ja, sortiert, das trifft die Sache wohl nicht so ganz, das ist eigentlich sogar reichlich untertrieben. Denn Felicitas Hoppe schreibt nicht nur eine makellose, ganz und gar unverwechselbare Prosa, eine Prosa, deren erlesene Eleganz in einem effektvollen Widerspruch zu der spielerischen Intelligenz steht, mit der sie formuliert wird, sondern sie schreibt auch seit vielen Jahren an einem Werk, dessen einzelne Bestandteile so raffiniert, so kunstvoll, lustvoll, streng und frei zugleich aufeinander bezogen sind, dass sie ineinandergreifen wie die filigranen Zahnräder einer tugendhaften Taschenuhr, einer Taschenuhr allerdings, deren vornehmste Tugend darin besteht, jedem Betrachter eine andere Zeit anzuzeigen.

Wir stellen diese Uhr jetzt einfach einmal auf das Jahr 1912. Am 9. Oktober jenes Jahres verließ der Transatlantikdampfer SS Montrose den Hafen von Antwerpen mit dem Ziel Montreal, wo das Schiff am 22. Oktober 1912 eintraf. An Bord waren auch deutsche Auswanderer, unter anderem eine Familie aus Berlin mit fünf Töchtern. Die jüngste, gerade einmal zwei Jahre alt, hieß Charlotte. Charlotte wuchs heran, heiratete und bekam Kinder. Und vor genau einer Woche feierten diese Kinder zusammen mit ihren Kindern den 100. Jahrestag der Ankunft von Großmutter Charlotte Hoppe in Kanada. So heißt sie nämlich: Charlotte Hoppe. Ich könnte jetzt mit der Preisträgerin sagen: »Ich bin nicht dabei gewesen, aber ich weiß es genau.« Oder ich könnte aus Pigafetta zitieren und sagen: »Es ist nichts erlogen, ich habe alles ehrlich erfunden.« Aber das stimmt nicht. Ich war nicht dabei, doch ich weiß es von David Neumann.

Neumann ist ein Großneffe Charlotte Hoppes, und er lebt in jenem kanadischen Städtchen namens Brantford, das aus zwei Gründen weltberühmt ist. Zum einen ist Brantford der Geburtsort Wayne Gretzkys, das ist der größte Eishockeyspieler aller Zeiten. Zum anderen ist Brantford der wichtigste Schauplatz von Felicitas Hoppes jüngstem Buch, in dem die Autorin erzählt, wie eine Figur namens Felicitas Hoppe sich eine Kindheit und eine Familie in Hameln erfindet und erdichtet, während sie in Brantford heranwächst, wo sie von der Familie Gretzky aufgenommen wird, sich in den engelsgleichen Wayne Gretzky verliebt, selbst unter dem Künstlernamen Superpuck eine Karriere als Eishockeyspielerin beginnt und als Erfinderin des Leuchtpucks, einer im Dunkeln kometengleich dahinschießenden Hartgummischeibe, beinahe Sportgeschichte schreibt. Dann wird sie noch Dirigentin und Komponistin, verfasst etliche Opernlibretti, verliebt sich in einen blinden Cricketspieler und wird Deutschlehrerin an einem College. David Neumann, mein Gewährsmann, war übrigens von 1980 bis 1987 Bürgermeister von Brantford. Sollte jemand unter Ihnen meine ehrlichen Worte bezweifeln, so möge er sich an David Neumann wenden. Er wird Ihnen alles bestätigen.

Die weniger misstrauischen Naturen unter Ihnen werden jetzt vielleicht aufatmen und sagen, aha, das erklärt doch manches. Das Rätsel des Buches Hoppe ist gelöst, das Geheimnis dieses Romans, der kein Roman, und dieser Autobiographie, die keine Autobiographie ist, dürfte gelüftet sein. Dieses seltsame, sich jeder planen Beschreibung entziehende Buch, in dem die Preisträgerin sich eine Wunsch- und Traumbiographie erschreibt und nebenbei ihr gesamtes bisheriges Werk einschließlich der dazugehörigen Sekundärliteratur kommentiert, dieses Buch wirkt ja ganz anders, wenn wir einen solchen biographischen Kern in Händen zu halten glauben. Denn nun scheint etwas auf der Hand zu liegen. Natürlich, Felicitas Hoppe hat als Kind ihre kanadischen Verwandten in Brantford besucht, dort Wayne Gretzky kennengelernt oder ihn zumindest aus der Ferne angeschmachtet und viele Jahre später ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen literarisch verarbeitet. Ja, all das liegt nun auf der Hand. Aber nichts davon stimmt. Felicitas Hoppe hat den Namen Charlotte Hoppe vor wenigen Wochen zum ersten Mal in ihrem Leben gehört, sie war als Kind nie in Brantford, und auch Wayne Gretzky hat sie nie getroffen. David Neumann aber existiert tatsächlich. Er stieß vor kurzem bei einem Deutschlandbesuch auf dieses Buch, das den Nachnamen seiner verstorbenen Großtante im Titel führt und von einer deutschen Schriftstellerin desselben Namens verfasst wurde. Er hat reagiert, wie wohl jeder an seiner Stelle reagiert hätte: Er hat einen Zusammenhang vermutet und ist der Sache nachgegangen. Aber dieser Zusammenhang existiert nicht.

Würde er existieren, dann hätte ich Felicitas Hoppes Diktum vom Anfang meiner Laudatio widerlegt. Denn ich hätte dann ja nicht ein Geheimnis durch ein anderes, schlechter formuliertes ersetzt, sondern tatsächlich etwas – aufgeklärt, enthüllt, publik gemacht. Aber was wäre damit gewonnen? Wenig. Eigentlich fast nichts.

Mit schlichtem Biographismus kommen wir nicht weit. Das wissen wir und suchen dennoch in literarischen Werken nach Hinweisen auf reale Vorkommnisse. Wir halten nach den kleinen Kometensplittern einer Biographie Ausschau, ohne groß darüber nachzudenken, auf welchem verschlungenen Weg diese Splitter in das Buch einschlagen konnten. Begierig suchen wir in den Werken der Literatur nach Brücken, die aus der Fiktion in ein gelebtes fremdes Leben führen. Aber wir stellen uns nicht die Frage, warum ausgerechnet etwas so notorisch Unzuverlässiges wie eine Biographie die Kraft haben sollte, etwas so Reales wie ein literarisches Kunstwerk beglaubigen zu können.

Diese Kraft muss das Kunstwerk schon allein aufbringen. Es muss sich selbst beglaubigen. Die Sprachkunstwerke von Felicitas Hoppe besitzen diese Kraft, nicht weil sie die reine, die lauterste Fiktion wären, sondern weil sie die Wirklichkeit, etwa die einer Reise in einem Containerschiff einmal um die Welt, erscheinen lassen, als wäre sie so wahr wie ein Märchen. Nur wer die Wahrheit des Märchens verkennt und leugnet, dass unsere Träume Teil unseres Lebens und damit Teil unserer Realität sind, kann Felicitas Hoppes Prosa für antirealistisch halten.

Doch jetzt noch einige unumstößliche Fakten oder, besser gesagt, einige jener Fakten, die als unumstößlich gelten durften, bis im vergangenen Frühjahr das Buch Hoppe erschien. Ein Roman, der in Form einer fiktiven Autobiographie alles in Frage stellte, was man bis dahin über diese Autorin zu wissen glauben durfte. Bis dahin galt als gesichert, dass Felicitas Hoppe im Jahr 1960 in Hameln im Weserbergland geboren wurde, wo sie im Alter von sieben Jahren die Tätigkeit des Schreibens aufnahm, die sie danach nur selten und ungern unterbrach. Deshalb wird ihr hier und heute eine Auszeichnung zuteil, die man auch als Ausdauerpreis bezeichnen könnte. Denn welcher Ruhm, dem kein langer Atem vorausgegangen wäre, ist schon von Dauer? Die Preisträgerin wird mir darin sicherlich zustimmen, denn sie hat sich ausgiebig mit Fragen der literarischen Kanonbildung beschäftigt. In solch schwierigen Fragen zieht sie gern den jüngsten ihrer Neffen zu Rate, und dieser hat ihr verkündet, dass ein Kanon mit Literatur nichts zu tun habe. Kanon, das sei, ich zitiere den Neffen, »was einer singt und die anderen nachsingen, nur etwas später«. Besser kann man es nicht formulieren, und daran, am Talent zur prägnanten Formulierung, zeigt sich wohl das Hoppeʼsche Familienerbe. Eine »redende« Familie, keine schweigende, und offenbar eine Familie mit einem Hang zur Sentenz, die das schillerhafte Potential zum geflügelten Wort in sich trägt. Ich könnte jetzt einige typische Beispiele nennen, etwa die aus Pigafetta stammende Einsicht: »Wer schwimmen kann, kommt nur langsamer um.« Aber lieber noch zitiere ich jene drei Worte, mit denen die heute anwesende und hiermit herzlich begrüßte Mutter der Preisträgerin für Ordnung am Hamelner Esstisch und unter den fünf Geschwistern Hoppe zu sorgen pflegte. Worte, die einer Päpstin würdig wären. Sie lauten: »Ruhe im Dom!«

Auch diesmal haben diese drei Worte ihre Wirkung nicht verfehlt, und ich kann in aller Ruhe noch einmal zurückkehren zur Kanondefinition des jungen Neffen. Wie treffend sie ist, zeigt ein Blick in das unveröffentlichte Frühwerk der Preisträgerin, das zum Teil aus Geschichten besteht, in denen es »von einsamen alten Männern, die nach verlorenen Kriegen auf Parkbänken sitzen, von sprachlosen jungen Ehepaaren kurz vor der Scheidung, von hinkenden Kindern mit zu großen Köpfen, die allesamt Geächtete sind, und von alten Frauen, denen keiner mehr schreibt und die unter dem langsam verlöschenden Licht alter Petroleumlampen in bitterer Armut ihren Geist aufgeben, nur so wimmelt«. Das alles ist geliehenes Unglück, erkennbar dem Melodienfundus der Trivialliteratur nachgesungen und keinesfalls selbst erlebt. Denn natürlich hinkte die kleine Felicitas nicht, noch kannte sie Kinder mit Wasserköpfen. Und doch taucht das Motiv des Kindes mit großem Kopf im Debütband Picknick der Friseure wieder auf, nämlich in der Geschichte Kopf und Kragen. Sie beginnt so: »Der Kopf zu schwer, die Hände zu groß, die Beine zu kurz, sagte mein Vater, setzte mich in einen Käfig und winkte mir freundlich durch das Gitter zu, während ich ihn dabei beobachtete, wie er am Küchentisch Streichholzschachteln klebte, weil er ein Bein zuwenig hatte und der linke Arm neben seinem Körper hin- und herbaumelte wie ein toter Ast im Wind. [...] Er ließ mich auf den Hinterbeinen tanzen und hielt mir glänzende Mohrrüben über die Nase, nach denen ich springen sollte, und ich begriff, dass er einen Tanzbären aus mir machen wollte, dem man einen Rucksack auf den Rücken schnallt und den man vor sich her durch die Welt treibt.«

Schon möglich, dass der perfide Plan des Vaters aufgegangen ist und die Erzählerfigur seit damals als Tanzbär mit Rucksack durch die Welt vagabundiert. Jedenfalls dürfen wir die Erzählung als Künstlerroman en miniature lesen, vielleicht als Fingerübung zu einem größeren Werk. Als in diesem Frühjahr die fiktive Autobiographie Hoppe erschien, wahrlich ein Künstlerroman, und zwar ein einzigartiger, da tauchte das Motiv des Rucksacks wieder auf, und dies bereits auf der zweiten Seite: als ein mit der Hauptfigur unauflöslich verschmolzenes Existenzrequisit. Der Rucksack, einmal geschultert, wird in Hoppe überhaupt nicht mehr abgelegt, nicht beim Eishockeyspielen und nicht beim Dirigieren. Nicht bei – wie es heißt – »weit über fünftausend Auftritten in über zweihundert Ländern in unterschiedlichen Kostümen und Rollen« und erst recht nicht in Tokio, wo eine Figur namens Felicitas Hoppe einen zweistündigen Stegreifvortrag zum Thema »Rucksack, Buckel, Fetisch« hält, in dessen Verlauf der Rucksack selbstverständlich dort verbleibt, wo er hingehört, auf dem Buckel nämlich. Der Rucksack und seine Trägerin: unzertrennlich auf ihrer gemeinsamen Reise um die ganze Welt.

Nicht nur die Preisträgerin war in den vergangenen Jahren viel unterwegs, auch ihre liebsten Motive und Dingsymbole, die Schürze, die Krägen, der Rucksack, sind weit herumgekommen, von Text zu Text und Buch zu Buch. Mitreisende, womöglich blinde, zweifellos jedoch beredte Passagiere. Auf den ersten Blick leicht zu durchschauen, auf den zweiten kaum auszuloten. Auch diese Dingsymbole sind von der Hoppeʼschen Bewegungsenergie erfasst, von der noch zu reden sein wird, auch die Dingsymbole bleiben in Bewegung und entziehen sich so, einerseits standorttreu, andererseits fluchtbereit, unserem Zugriff. Begnügen wir uns daher fürs Erste mit der schlichten Erkenntnis, dass der Rucksack für den Vorsatz steht, die Welt mitsamt all ihrer Herausforderungen zu schultern.

Dass dieser Vorsatz, früh gefasst, nie wieder aufgegeben wurde, steht außer Frage. Die Siebenjährige entwarf ihre Geschichten noch in der festen, allerdings unbewussten Überzeugung, dass es beim Schreiben nicht auf die Wahrheit ankommt, sondern mit Aristoteles darum geht, Wirkungen zu erzielen und Rührung zu erzeugen. Die Sechstklässlerin brachte ihre Mitschüler buchstäblich zum Weinen, wenn sie an Freitagen in der letzten Unterrichtsstunde aus ihrem Roman vorlas, einem Zirkusroman übrigens, in dem ein trauriger Clown eine junge Hochseilartistin rettet, seine gute Tat aber mit einem Leben im Rollstuhl bezahlt. Die Debütantin des Jahres 1996 folgte einer anderen Poetik. Jetzt ging es nicht mehr um Rührung, jetzt ging es um Reibung. Ich zitiere die ersten Sätze der Erzählung Der Balkon: »Was für eine Familie, schrie der Hausverwalter und schlug mir, ganz nach seiner Gewohnheit, gleich mehrmals auf den Kopf, als er mich in der Schlange entdeckte, wobei er so tat, als wolle er sich nur eine Zigarette anzünden und mein Kopf sei gerade dort, wo er das Zündholz reibe.«

Es geht in Felicitas Hoppes Werk um Reibung in mehrfacher Hinsicht. Es geht um die Reibung an einem realistischen Erzählbegriff, der zu jener Zeit, Mitte der 1990er Jahre, einen bestimmten Typus generationenspezifischer Kurzprosa hervorgebracht hatte. Es geht in den zwanzig Erzählungen des Bandes um die Reibung zwischen der Sehnsucht nach Aufbruch, vor allem aus dem Familiengehege, und der Angst vor diesem Aufbruch. Und es geht um die sehr besondere Reibung, die von nun an in jedem Stück Hoppeprosa spürbar sein wird: Es geht um Reibungshitze, wie sie nur eine außergewöhnlich bewegliche Prosa hervorbringt, eine Prosa von großer sprachlicher Bewegungsschönheit, Anmut, Eleganz und hoher Umdrehungszahl, eine kraftvolle Prosa, eine abgründige Prosa, auch das, eine Prosa, die Energie verschlingt, sie aber auch wieder abgibt. Man könnte von einem literarischen Wärmetauscher sprechen, einem Wärmetauscher mit ungewöhnlich hohem Wirkungsgrad. Der Wirkungsgrad eines Wärmetauschers, das ist das Verhältnis, das zwischen der aufgenommenen Energie auf der kalten Seite und der abgegebenen Energie auf der warmen Seite besteht. Je weniger Energie verloren geht, also im Nichts verpufft, desto höher ist der Wirkungsgrad. So besagt es der erste Hauptsatz der Thermodynamik. Bei Felicitas Hoppe verpufft nichts. Thermodynamisch gesehen, ist dieser Autorin also nichts vorzuwerfen. Aber wir müssen uns nicht mit der Berechnung ästhetischer Wirkungsgrade herumschlagen, denn eines ist sicher: Hoppeleser sind Reibungsgewinnler. Sie können mit der Energie, die diese Prosa ausstrahlt, zur Not ihr Eigenheim beheizen, und wem das immer noch nicht reicht, der hülle sich in den Wohlklang und die Sprachschönheit dieser Texte wie in einen weichen Mantel oder decke sich mit ihnen zu wie jene Zwerge mit großen Ohren, die ihr linkes Ohr wie eine Decke über sich breiten, während ihnen das rechte als Bettstatt dient.

Ein seltsames Bild. Wir kennen es vielleicht aus verschiedenen Reiseberichten der frühen Neuzeit, wir kennen es aus Hoppes Roman Pigafetta und aus ihren Augsburger Poetikvorlesungen, in denen sie auch Brecht auf die Bühne bittet, um dann, nach einem kleinen entschlossenen Schubser, selbst an die Rampe zu treten. Erst das berühmte Brecht-Zitat:

»Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
[...]
Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!
[...]
Wir wissen, daß wir Vorläufige sind,
Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.«

Und jetzt Hoppe: »Ich dagegen, Felicitas Hoppe, bin aus den Wäldern des Weserberglands. Aus einem Haus voller fröhlicher Esser, die allesamt nichts als Nachläufer sind. [...] Jetzt bin ich auf eigene Faust unterwegs. Und nach mir wird kommen, was durch mich hindurchging: Zwerge mit großen Ohren.«

Das mag deuten, wer es will und kann. Ich stelle nur fest, dass uns die Thermodynamik dieser Prosa jetzt zum zweiten Mal unter die großen Ohren der Hoppeʼschen Zwerge geweht hat. Das kann passieren, wenn man Hoppeleser ist. Hoppeleser sind gewohnt an den schnellen Wechsel, den Wechsel der Orte, Bilder und Zeiten. Sie kennen den Märchenton, den Hang zum lustvoll verfremdeten Zitat, sie kennen den außerordentlichen Sinn für Rhythmus, den Humor und den Freiheitsdrang dieser Prosa. Und sie wissen, dass diese Prosa immer mehrdeutig ist, denn Literatur, wie Felicitas Hoppe sie versteht und schreibt, ist »Wunsch und Verhinderung von Wunscherfüllung in einem. Sie ist Schatz und Wächter zugleich, die Tür und ihr Hüter, der Drache und seine Prinzessin«.

Ich habe vorhin von der Hoppeʼschen Bewegungsenergie gesprochen, die in diesen Texten pulsiert, und ich würde, wenn die tugendhafte Taschenuhr mir jetzt eine andere als die reale Zeit anzeigen würde, gerne ausgiebig von Schürzen, Hauben, Krägen, Zwergen und Rüstungen reden, von der Wäscheleine der Weltliteratur und all jenen Dingsymbolen, die in der Prosa Felicitas Hoppes so zuverlässig wiederkehren, dass ich manchmal versucht bin zu glauben, dass man ihre Bücher nur ans Ohr zu halten braucht, um den Chor der Dinge darin summen zu hören, wie eine zusätzliche Erzählerstimme, wie in einem Kanon, in dem die Dinge nachsingen, was die Autorin ihnen vorgesungen hat, nur ein wenig später.

Im Vorsingen ist sie nämlich gut. Nicht erst das Buch Hoppe, sondern spätestens die Sieben Schätze, wie der Titel ihrer Augsburger Poetikvorlesungen lautet, haben gezeigt, in welch erstaunlichem Maße Felicitas Hoppe das eigene Tun zu reflektieren und darzustellen vermag. So wie in der Geopolitik der Anspruch auf Lufthoheit aus staatlicher Souveränität abgeleitet wird, erwächst ihr Anspruch auf Lufthoheit im Diskurs über ihr Werk aus ästhetischer Souveränität, nachhaltig gestützt von einem bemerkenswerten intertextuellen Selbstbewusstsein, das die Quellen der Weltliteratur aufsucht, um sich an ihnen zu laben, aber auch, um sich an ihnen zu messen.

Der Reiseschriftsteller sucht Stoff, der reisende Schriftsteller reist, um seine Stoffe ins Rollen zu bringen, hat Felicitas Hoppe einmal gesagt. Aber welche Stoffe sind es, deren Rollen, deren Dünung dieses Werk modelliert? Und auf welchen Bahnen strömt die Bewegungsenergie, die wir unablässig im Untergrund dieser Prosa spüren können? Ich glaube, dass sie sich auf immer zwei Bahnen zugleich bewegt. Die eine führt in den Abgrund, die andere ans Ziel. Der Abgrund: Das ist die Einsamkeit des Menschen, seine Verlorenheit, die Erlösungssehnsucht und der alle Kräfte verzehrende Behauptungsstolz, das immer nur Aufbrechen- und nie Ankommen-Können, die Fluchtbewegung, die doch nicht mehr sein kann als ein Umweg auf dem Weg in den Tod, der auf uns alle wartet.

Das Ziel: Das ist die Erlösung von Einsamkeit und Behauptungsstolz, die Rückkehr zum Kinderglauben, dass Ankunft und Heimkehr Ziel jeder Reise seien, und die Erfüllung aller Wünsche einschließlich des Wunsches, dass kein Wunsch je in Erfüllung gehen möge, denn die Wunscherfüllung bedeutet auch den Abschied vom Wunsch. Und dieser Abschied wäre der unerträglichste von allen.

Von Anfang an, von Picknick der Friseure und Pigafetta über Paradiese, Übersee und Verbrecher und Versager bis zu Johanna, haben sich in diesem Werk die Erzählerin und das Erzählte aufeinander zu bewegt, bis mit dem Buch Hoppe die vielleicht größtmögliche Annäherung und Übereinstimmung erreicht wurde. Erzählerin und Erzähltes wurden für die Dauer eines Buches scheinbar identisch: der Schatz und sein Wächter, die Tür und ihr Hüter, der Drache und seine Prinzessin. Mit ihrem vorerst letzten Buch hat Felicitas Hoppe also das eigentlich unmögliche Kunststück vollbracht, sich einen Wunsch zu erfüllen, ohne von ihm Abschied nehmen zu müssen. Denn Hoppe bleibt.