Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek

Writer
Born 20/10/1946
Member from 1998 to 2007
Homepage

Georg-Büchner-Preis 1998
Laudatory Address by Ivan Nagel
Acceptance Speech by Elfriede Jelinek
Diploma

... für die vielstimmige Kühnheit ihres erzählerischen und dramatischen Werks, worin sie sprachbesessen die Sprache vor ihr eigenes Tribunal zieht...

Jury members
Juryvorsitz: Christian Meier
Giuseppe Bevilacqua, Elisabeth Borchers, Kurt Flasch, Peter Hamm, Norbert Miller, Adolf Muschg, Erica Pedretti, Klaus Reichert, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Was uns vorliegt. Was uns vorgelegt wurde.

Wenn es der Europäische Gerichtshof verlangt, wird Österreich die Anonymität der Sparbücher aufheben müssen. Aufheben ist behalten wie wegwerfen gleichzeitig. Man hebt etwas auf: man löscht es aus. Auf dem Buch wird dann ein Name stehen müssen, der den oder jenen bezeichnet, und der oder jener bedeuten, was sie sind, aber sie bedeuten auch noch etwas darüber hinaus. Der Gerichtshof will die Aufhebung, damit man die Besitzer der Sparkonten ding-fest machen kann. So, das Ding ist jetzt fest geworden, die Besitzer sinds auch (zumindest ihre Behauptungen sinds), man kann alles angreifen, was sie bedeuten, was sie also ausmacht. Und da sie etwas ausmachen, denn sie besitzen etwas, würde es ihnen etwas ausmachen, wenn man sie mit Namen bezeichnen könnte. Es ist bezeichnend, daß diese Leute nicht zur Kenntnis genommen zu werden wünschen. Andrerseits hätte jeder gern von allem Kenntnis, die er, wann immer es nicht wehtut, zu sich zu nehmen wünscht. Der Letzte macht das Licht aus, das ist eine liebe alte Gewohnheit, auch unsere Vorletzten haben bereits Lichter ausgemacht. Weil sie nur sich selbst behaupten wollten. Unsre Vorgänger. Sie haben etwas behauptet, indem sie sich behaupteten. Und gleichzeitig hatten sie es nicht nötig, irgend etwas zu behaupten, in dem Sinn, daß jemand auf sie hören, ihnen sogar antworten sollte, denn es gab ja nur sie allein und sollte nur sie allein geben. Sie haben sie ausgemacht, die Lichter, obwohl sie sie nicht gemacht hatten. Heute gibt es viele, denen das etwas ausmacht. Unzählige Lebenslichter wurden ausgelöscht. Keine Ahnung, wie lang ihre Lebensdauer gewesen wäre, hätte man sie, für etwas oder jemanden, brennen lassen. Ab sofort werden all die Klagen gesammelt. Man nennt sie Sammelklagen. Man kann heute jeden angreifen, der verschleiern möchte, was er hat und wie er es bekommen hat, oder der vortäuschen möchte, er hätte nichts, und wäre es eine Bank mit herrenlosen Konten. Trotzdem: Alles ist zum Glück weniger gefährlich geworden, es muß niemand gewarnt werden, daß, wer die Wahrheit sogar nur liest, gestraft werden könnte. Wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm findet, der ist natürlich ohne Schuld. Keine Folgen hat folgendes: Gesagt, getan. Wir wissen seit jeher: Was gehabt wird, kann weggenommen werden. Habt euch nicht so! Habt weniger als euch! Weniger als ihr, das sind viele, und wenn ihr tot seid, seid auch ihr nichts mehr.

Es stehen einander zwei Dinge gegenüber, die Sprache und ihr Besitzer. Die Sprache ist die Sprache. Sie mag bedeuten, was sie will, sie mag auch nichts sagen und doch sprechen, doch immer wird, was sich der Sprecher denkt, an einem Gegenstand festgemacht. Das wird ein Fest! Der Sprecher darf endlich seinen Gegenstand verschlingen. Manche werden ihn leben lassen, aber nicht hoch. Es wird jedoch weiter nichts gemacht dabei, außer daß das Grenzenlose, das Denken, an die Sprache festgebunden wird, und an dieser Fessel zerrt es seither. Es gibt da einen Steckbrief für den Besitzer einer ganz bestimmten Sprache, die man kennengelernt hat, denn, was vorliegt, wird manchmal auch wahrgenommen: da stehen die Daten eines Studenten der Medizin, der sich, nach »staatsverräterischen Handlungen«, dem genannten Staat entzogen hat. Der Student steht woanders, aber er soll, wird er ergriffen, eingeliefert werden. Dann ist er aber geliefert! Es folgt die Beschreibung des Studenten, Größe, Alter, Haare, Stirne (sehr gewölbt), auch die Bartfarbe ist gefragt, nach der in heutigen Steckbriefen, glaube ich, nicht mehr gefragt wird. Der Student soll kurzsichtig sein. Er ist sehr jung gestorben, jetzt ist nichts mehr von ihm übrig als was er gedacht und aufgeschrieben hat. Er konnte es nicht behalten, aber wir können es behalten, wenn wir wollen. Wir können es auch sein lassen. Vielleicht ist es gerade deshalb da, weil wir es ausnahmsweise sein gelassen haben. Es sind auch Eingriffe darin inbegriffen, die andere an dieser Sprache vorgenommen haben. Diese Eingriffe hat sich einer angesichts der Schriften des Studenten vorgenommen: ein Herausgeber, das heißt, einer, der Kleingeld herausgibt und das Große behält, damit das Werk später vom Staat nicht einkassiert werden kann. Also hat der Herausgeber, damit, was von dem Studenten gesprochen wurde, nicht vergessen wird, diese Eingriffe gemacht, und heute können wir die Worte des Studenten als Sprechen zurückrufen und in den Wald unsres eigenen Sprechens hineinrufen, so wie ich es jetzt tue. Was kommt mir da zurück? Es ist alles, was noch da ist, wenig genug, verwahrt worden, aber nicht als Vermögen, denn kaum einer, auch ich nicht, vermag etwas im Vergleich zu diesem Studenten. Na, mein eigenes kleines Vermögen werde ich durch den Preis, der nach dem Studenten benannt ist, wenigstens etwas vermehren können. Was ist denn von dem Studenten noch da? Gegen ihn haben sich nämlich viele verwahrt, die sich für den Staat selbst gehalten haben, weil der junge Mensch das Bedenklichste gedacht hat, aber nicht, damit die Leute etwas bedenken sollten, und auch nicht, damit sie etwa bedächtig würden. Oder doch? Wie soll man eine Revolution machen, der ja ein Denken vorangeht, aber plötzlich rennt es hinterdrein, und keiner weiß, wie es dermaßen in Verzug gekommen ist, daß es plötzlich ganz verzogen zu sein scheint – denn die Adresse muß ja geheim bleiben (haben die Revolutionäre ihre Ideen so verwöhnt? Wer hat mein Lied so zerstört, sagt das Lied noch, bevor es hin ist, egal) – und nun nur mehr die Nachhut bildet. Dorthin ist das ganze Blut geronnen, und die Nachhut, das Denken, das zuvor so weit und unbeschwert und begeistert vorausgelaufen war, watet jetzt plötzlich bis zu den Knöcheln darin immer mühsamer hinterher. Wieso gründet der Student eine Gesellschaft der Menschenrechte, da er doch weiß, daß die Menschen nur selten Recht haben, aber ihr Recht umso häufiger behaupten? Doch auch er behauptet, außer dem Brüchigsten, der Dichtung, sein Recht. Sein Recht. Es ist, als hätte der Student sich zweigeteilt, und er nennt auch die Verdoppelung eines anderen beim Namen. Der Student spricht einmal als Dichter, einmal als Revolutionär. Er sagt: Wenn einer in seiner Funktion als Universitätsrichter handelt und wenn derselbe Mensch auf einmal auch als Regierungscomissär fungiert, dann stimmt etwas nicht. Dann ist das Recht aber schon sehr tief gebeugt worden. Die gesetzliche Anarchie hat, wie der Student anmerkt, bewirkt, daß ein Mensch zwei Menschen in einem sein kann, und beide verletzen sie gemeinsam das Gesetz, das seither ganz gebrochen ist. Aus dem und dem Grund haben sie Unrecht getan, das wird penibel aufgelistet und vermerkt. Es kann gar nichts andres getan werden als dies aufs genaueste aufzuschreiben. Oder man sagt, das Gesetz sei aufgehoben, aber dann solle man das bitteschön auch wirklich laut sagen! Man soll nicht sagen, daß man es erfüllt, indem man es bricht! Gesagt, getan. Was läßt sich leichter sagen als tun? Alles! Und was läßt sich leichter tun als sagen? Auch alles! Der Beweis: Es ist bereits alles getan worden, was möglich ist, die Ergebnisse liegen uns vor, es genügt, daß Menschen da waren, die versagt haben, indem sie sich nichts versagt haben. Etwas ist gewesen – wie kann es dann weg sein? Weil es nicht an denen, die es abgeschafft haben, festgemacht war? Es sind ja auch Berg, Wald, Wiese da, und wir können von ihnen trotzdem wieder fortgehen. Sie aber bleiben da. Der Student hat mitgedacht, daß gemacht werden, was nicht gedacht werden kann. Und daß die Menschen viel mitmachen müssen mit ihrem gräsernen Fleisch, das immer so schön im Saft steht, und trotzdem will es ihnen keiner abnehmen. Dabei ließen sie sich gerne kaufen. Aber den Preis wollen sie diktieren. Wir sind doch keine Ochsen! Wir fressen lieber andre! Am liebsten mögen die Menschen bei allem mitmachen, überall dabeisein. Sie sind ja schließlich keine Spaßverderber. Hat der Student, um äußerste Korrektheit in der Auflistung des Übermuts der Ämter und ihrer Beamten bemüht, bemerkt, daß alles, was man über die Dinge sagen kann, von diesen Dingen nur entfernt? Hat er sich absichtlich entfernt, um eine möglichst große Wegstrecke zwischen das Denken und seine Ausführung zu bringen, eine Strecke, die später nicht mehr überwunden werden könnte? Hat er gehofft, daß alles ins Leere wegbrechen würde, wenn er möglichst präzise sagte, das war so und so, der hat das und das gemacht? Nur damit nicht mehr als das gemacht würde? Und doch: daß einmal Dinge getan werden würden, die nicht gedacht und nicht beschrieben werden können – hat er das im voraus gedacht, damit es nicht gemacht würde? Und daß gerade das bleibt, was nicht zu fassen ist? Wie: Deine Lippen haben Augen. Was sagt das? Es sagt etwas, das nicht ist, und daher erst recht: ist. Weil dahinter nichts steckt, nicht in dem Sinn, daß nichts dahinter ist, weil es jeder sagen könnte, sondern weil dieser Satz, der etwas sagt, das nicht ist und nicht sein kann, einfach nur etwas sagt und es daher ist. Aber nicht: erst recht im Sinn von jetzt erst recht, sondern im Sinn von Erst Jetzt! Erst seit der Student diese Worte gesagt hat sind sie wahr. Warum sagen denn Sie nicht, es ist ja ganz einfach: Erstens –die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute laufen, das Wasser rinnt das könnten Sie doch ganz leicht sagen, weil es noch wahrer wäre als daß Lippen Augen haben können. Aber das, was, recht gleichgültig, halt einfach ist, die Lippen, die Augen, die Uhren, das Wasser, ebenso wie, zweitens, der Universitätsrichter, der, ohne dazu berechtigt zu sein, in fremden Sachen herumwühlen läßt (beides von ein und demselben Studenten behauptet! Frage: Welcher Satz ist wahr? Daß das Wasser rinnt oder daß einer die Integrität des anderen verletzt?), beweist, daß in der Sprache alles ist und möglich ist, das, was gedacht und dann gesagt wird, was gesagt und dann gedacht wird und das, was sowieso wahr ist. So können wir uns sehr täuschen über uns, denn mit nichts wird ja leichtfertiger umgegangen als mit dem, was ist. Und da alles IST, auch das, was gar nicht sein kann, täuschen wir uns immer in uns. Denn, was ist, ist eben da, oder es ist uneinholbar weit weg, ist die Wahrheit oder die Lüge. Etwas heißt etwas, der Student heißt so und so und sieht so und so aus. In Österreich sagt man von etwas, das einem nicht gefällt: das heißt nichts! Aber es heißt natürlich immer schon, es war immer schon einer da, der ihm einen Namen gegeben hat, und wenn man weiß, wie jemand heißt, kann man ihn auch rufen, und wäre er ein Satz, der einen heißt, etwas zu tun. Und dieses Geheiß, das einer über einen andren verhängt, gibt vor, selbst zu sprechen, auch wenn es vorher einer, der Staat und seine Macht, ausgesprochen hat. Und so ist die Revolution auch dahingegangen, sie ist verschieden; jede Revolution ist von jeder andren verschieden, und ihre Vollstrecker sinds auch. Werden die Menschen gleicher, wenn ihnen andre gleich sind im Namen der Gleichheit? Das wird aber eine schöne Gleichenfeier geben, mit Bäumchen am First! Der Student hat sich – als er sah, wie dann auch die Feiernden einer nach dem andern, betrunken von sich selbst, vom Dach kippten – damit er es noch schneller sagen konnte, denn viel Zeit hatte er nicht, von andren ein wenig Sprechen genommen, das bereits vorhanden war, weil es ihm dort hineingepaßt hat, wo er es für sein Sagen gerade gebraucht hat. Dann hat er dieses fremde Sprechen in seins hineinmontiert, hat die Löcher damit gestopft und neue gemacht, damit noch mehr als alles, was er wußte, darin enthalten sein sollte.

Zuerst hat er sich mit dem Sprechen von anderen bekanntgemacht, das für ihn so war, als hätte es die Ereignisse erst geschaffen, dann hat er diese Geschehnisse auf die Sprache bezogen und die Sprache mitsamt ihrem neuen Überzug weitergegeben. Seither waschen wir an den Bezügen herum. Ich zum Beispiel mache das auch oft so. Bemerke, daß der Bezug auch auf mein Gewissen paßt, das mein sanftestes Ruhekissen ist. Um es ins Weichgespülte zu hüllen, schreibe ich, schreibe ich andren vor, was sie zu denken haben, damit nichts so ist wie es vorher gewesen ist: Ich kritisiere mich hier vor vielen Leuten, denn ich will immer, daß gültig ist, was ich sage. Der Student hat das auch gewollt, aber er hat es wirklich gewußt, nicht nur gemeint und dann darüber geurteilt. Er hat es von sich erfahren. Er hat es von anderen erfahren und wieder andre gewarnt. Er hat gewußt, daß es immer so ist, wie es gesagt wird oder gesagt worden ist. Und wo steckt jetzt dieser Brief, der den Studenten beschreibt, damit er wiedererkannt wird, wenn sein Sagen ihn suchen geht, weil er so lang ausbleibt, oder wenn ein Universitätsrichter ihn zur Kenntnis nimmt, ihn deshalb aber noch lange nicht kennt? Ist er jetzt endlich geliefert worden? Na, ich jedenfalls baue jetzt einen großen schönen Gemeinplatz, nämlich daß ein Genie oft jung stirbt, aber zu diesem Zeitpunkt bereits, früh, vollendet ist, merke, daß der Platz schon vergeben ist, nun, so stelle ich dort wenigstens, natürlich vergeblich, eine Sandkiste für die Kinder auf, die mir das nach-sprechen sollen, mehr kann ich wirklich nicht tun. Sie schlagen dabei mit ihren Schaufeln aufeinander ein, die Kinder, weil dieser Gemeinplatz ihnen jeweils allein gehören soll, ein andres Kind kennt ihn aber auch und will mit seiner Schaufel dort ebenfalls hineinfahren, damit dann was drauf ist. Eine ordentliche Portion, keine halbe. Es ist aber immer nur: Sand. Weich wie Sprache. Hart wie Sprache. Das, was nachgibt. Ähnlich Wasser, das aber oft nicht nachgeben will und seine Gäste verschlingt wie die Geschichte ihre Protagonisten oder die Krankheit den Mediziner. Bin etwa ich das Kind? Leider habe ich zuwenig drauf!