The Georg Büchner Prize was first established during the Weimar Republic by the State of Hesse. Its purpose was to recognise writers, artists, actors and singers. It was first awarded in 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the new Büchner Prize has been awarded annually by the German Academy for Language and Literature. According to the charter of the Academy, it is given to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German culture.«
The prize is awarded at a ceremony held during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize currently comes with an award of €50,000.

Christine Wunnicke is awarded the »Georg-Büchner-Preis« 2026.
The award ceremony will take place in Darmstadt on October 24, 2026.
For more information in German, click here.

Writer
Born 29/9/1966
Wie selten vereinen sich in diesen Romanen, getragen von subtilem Sprachwitz, das Unterhaltende und die anspruchsvolle Reflexion auf großartige Weise.
Jury members
Ingo Schulze, Rita Franceschini, Olga Martynova, Lothar Müller, Lukas Bärfuss, Daniel Göske, Felicitas Hoppe, Joachim Kalka, Daniela Strigl, Michael Walter sowie je ein Vertreter/eine Vertreterin des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt
Was ich beim Schreiben am besten kann und am liebsten mache, ist streichen. Ich streiche alles, was nicht nötig ist. Deshalb wurden auch meine Bücher irgendwann so kurz. Die Tätigkeit ist sehr befriedigend. Sie erinnert an die einer Hundefriseurin, die tote Haare aus einem Hund kämmt. Mit einem Werkzeug namens Zupfbürste oder Trimmstriegel. Als ich meine Dankesrede geschrieben hatte, sehr rechtzeitig, um genügend Zeit zu haben, mich darüber zu grämen, habe ich mich wie immer ans Streichen gemacht. Danach waren nur zwei Sätze übrig, und einen strich ich dann auch noch. Da dachte ich, ich lese lieber Büchner.
Es ist August, Samstag, kurz nach Mitternacht, es hatte 36 Grad, überall brennen die Wälder, und ich steige am Bundesplatz in die Ringbahn, um darin Leonce und Lena zu lesen. Einmal ganz rum, und man müsste durch sein. Kurzes Stück. Lange Bahn. Die Klimaanlage ist gut. In heißen Nächten verströmt sie einen netten Duft, fast wie Duschgel. Es ist eher leer.Ein paar Leute kommen woher und fahren wohin. Ein Garten. Leonce, halb ruhend auf einer Bank. Der Hofmeister. Mein Herr, was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten? Ich habe alle Hände voll zu tun. Ich weiß mir vor Arbeit nicht zu helfen. Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier 365 Mal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es! Es gewährt eine ganz eigene Unterhaltung. Jemand telefoniert auf Polnisch. Ein Essenskurier hat sein E-Bike in einem Klappsitz verhakt und zerrt und zerrt daran. Ich versuche, aus dem Fenster zu schauen. Die Stadt ist weg, die Scheibe ist schwarz, ich spiegle mich bleich darin, nicht schön. Kinder lecken im ÖPNV manchmal ausdauernd an den Scheiben. Welche Unterhaltung das ihnen gewährt, bleibt ihr Geheimnis. Leonce ist ein langer Schlaks mit einem Rest von Knaben-Akne am Kinn, und wenn er redet, werden seine Lippen feucht. Sehen Sie diese Hand voll von Sand? Jetzt werf ich sie in die Höhe. Er hat sich so lange auf seiner Gartenbank gewälzt, dass das Zopfband verrutscht ist und ein Teil seiner feinen Haare sich befreit hat und sich elektrisch überall sträubt. Draußen leuchtet QENERGY grün. Wollen wir wetten? Wieviel Sandkörnchen hab ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad? Wie? Sie wollen nicht wetten? Südkreuz steigen einige Leute zu, eine Familie mit schickem Reisegepäck und einem schlafenden Kind, eine mit einer Art Golftasche auf Rädern, darinnen am ehesten Obdachlosengepäck, der Rest eines Junggesellinnenabschieds, überhitzt, und eine mit Leuchtfühlern auf dem Kopf, und alle mit T-Shirts mit der Aufschrift Maria. Und noch ein paar andere. Sind Sie ein Heide? jammert Leonce seinen Hofmeister an, Glauben Sie an Gott? Jemand trägt ein Gemälde vorbei, darauf ein Chaos in Rottönen, eine Art Weltenbrand, echt jetzt? "Nié, nié", sagt der Pole ins Telefon. Ich wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben.Wenn Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte, manchmal mit mir zu wetten, so werden Sie mich sehr verbinden. Mein Reclamheft. Und der Adalat-Supermarkt leuchtet blau und Rossmann rot über Neukölln. Der Pole schreit "nié nié nié" in sein Telefon. Ich denke mir in rasender Geschwindigkeit eine Geschichte aus, wie jemand diesem Polen ständig etwas anrät und er sich dagegen verwehrt, ein Leben lang immer 'nein nein' schreit, bis er als alter Mann merkt, dass der Rat ein guter gewesen war, aber da ist es zu spät. Das Licht ist zu grell, die Türen sind zu rot, die Sitze sind zu blau. Schuckerthöfe leuchten weiß in Treptow. Parkhaus rechterhand, riesig, ein Schlachtschiff. Auf einem angestrahlten Müll schlafen Tauben. Dann habe ich nachzudenken, labert Leonce, wie es wohl angehen mag, dass ich mir einmal auf den Kopf sehe. O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eines von meinen Idealen. Der Mann mit dem Brandbild kommt zurück. Jetzt fragt er nach Geld. Alle tun, als sei er dreckige Luft. Ich schaue ihm ins Gesicht, weil man will sich ja nett benehmen, aber geben tu ich ihm auch nichts. Ich versuche meinen Kopf von oben in der Scheibe zu spiegeln. Es geht wirklich nicht. Ich habe meinen Kopf noch nie von oben gesehen. Ich hole das Telefon aus dem Rucksack, um meinen Kopf von oben zu fotografieren. Der mit dem Gemälde steht jetzt beim Essensfahrer, warum ist der immer noch da? Wer bestellt denn sein Essen am anderen Ende der Stadt? Es ist schwer, seinen Kopf von oben zu fotografieren, weil man blind den Auslöser finden muss. Kann ich Ihnen irgendwie helfen, fragt der mit dem Gemälde. Ich schaffe es aber selber. Ich schaue das Foto an. Wie ein angegrauter, unausgekämmter Hund. Nicht eines von meinen Idealen. Der hilfsbereite Mensch ist weitergegangen, ich rufe Hallo Hallo, bis er wieder zurückkommt, und gebe ihm zwei Euro. Ich frage mich, ob er sein Gemälde selber gemalt hat, und ob er es wohl verkaufen will, und falls ja, wie viel er dafür möchte, und ob ich es haben wollen würde; eher nicht. Ich möchte googeln, ob sie die Waldbrände inzwischen gelöscht haben, aber ich habe mir geschworen, eine Ringbahnlänge nichts zu googeln. Wir fahren durch einen Tunnel. Alter Bahnhof mit Klinker. Die Familie steigt aus. Eine junge Frau schwankt herein in einer schlimmen Art Anorak. Der Essensfahrer singt leise mit dem mit, was er im Kopfhörer hört, glaube ich. Der Pole hat aufgehört zu telefonieren. Leonce gammelt auf seiner Gartenbank. Bank aus Pappe in einem Garten aus Pappe. Das Komische ist freilich mein Fach nicht, denkt Georg Büchner, stelle ich mir vor, aber ich würde gerne die 300 Gulden vom Komödienpreisausschreiben gewinnen. Und leert einen Becher Sylvaner. Und verpasst dann den Einsendeschluss. Und acht Monate später ist er schon tot. Die Bienen sitzen so träg an den Blumen und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Ich lese oft im öffentlichen Nahverkehr, weil ich mich da so gut konzentrieren kann. Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile und – und das ist der Humor davon – alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken warum, und meinen Gott weiß was dabei. All diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts als raffinierte Müßiggänger. Die Frau im Anorak versucht eine Flasche Fläminger Jagd auszutrinken und kippt alles daneben. Jetzt riecht es hier wie Infektionsstation. Ich habe keine Ahnung, wo wir inzwischen sind. Ich will nicht weiß Gott was bei allem meinen, nicht aus Langeweile und überhaupt nicht. Bloß nicht immer was meinen. Nur immer auf alles schauen und staunen, wie ein Alien, das sich verflogen hat. Das wäre mein Ideal. An der Haltestelle, ich frage mich an welcher, schiebt einer ein Putzgerät über den Bahnsteig und hinterlässt eine breite nasse Spur. Warum kann ich mir nicht wichtig werden und der armen Puppe einen Frack anziehen und einen Regenschirm in die Hand geben, dass sie sehr rechtlich und sehr nützlich und sehr moralisch werde? Ich soll da eine Rede halten um Himmels Willen. Wie werde ich mir schnell wichtig, und dann auch noch rechtlich, und nützlich, und vor allem moralisch? Das Putzgerät, das über den Bahnsteig rutscht, sieht aus wie eine Art Fisch. Ich google "wie heißen riesige Fische, die mit dem Maul über den Boden gleiten". "Es handelt sich dabei um urtümliche Bodenfresser mit einer sogenannten unterständigen Maulstellung", sagt die KI. Ich mache davon einen Screenshot. Wir stehen ewig. Die Türen sind offen. Hitze dringt ein. Die Haltestellenanzeige springt von "Hermannstraße" zu "nicht einsteigen" und wieder zurück, dann geht sie aus. Vielleicht ist die Bahn kaputt. Der Essensfahrer ist weg, der mit dem Gemälde ist weg, die mit der Golftasche, der Pole, die Marias vom Junggesellinnenabschied. Nur die mit dem verschütteten Schnaps ist noch da, und irgendwo noch wer vielleicht, und ich. Ich stehe. Ich weiß nicht mehr, warum ich aufgestanden bin. Vielleicht habe ich aus der Tür geschaut, ob ich ein Schild sehe, das mir sagt, wo wir sind, und warum wir ewig dort stehen. Die Türen pfeifen und gehen zu und wir fahren. Schild. Westhafen. Warum Westhafen? Schon Westhafen? Erst Westhafen? Oh wer einmal jemand anderes sein könnte!, lese ich im Stehen. Nur 'ne Minute lang. Ich gehe durch den ganzen Zug mit meinem Reclamheft. Alle, die noch da sind, haben sich schlafen gelegt. Die will ich nicht sein. Nicht mal 'ne Minute lang. In ein paar Stunden kommen die Aufpasser und schmeißen sie raus. Ich suche mir einen neuen Platz, um weiterzulesen, mindestens bis zur pickenden Totenuhr. Es ist alles so schwierig auf dieser Welt. Draußen zieht der Bundesplatz vorbei, wo ich wohne. Der Schläfer schräg vorne übergibt sich und wacht dabei nicht einmal ganz auf. Da suche ich mir einen neuen Platz. Schaue zurück, ob er schön auf der Seite liegt, nicht etwa alles aspiriert und daran erstickt, aber bin schon zu weit und kann es nicht sehen, es wird schon gutgehen, ich bin nicht der Engel der Entrechteten. Gelb leuchtet McDonalds und blau leuchtet Aral, und grün leuchtet die Atoll-Apotheke und Aldi wiederum blau, und ich bleibe jetzt stehen und fahre stehend noch einmal um Berlin. Ich stelle mir vor, dass ich noch da bin, wenn die Aufpasser kommen, die die Schläfer rausschmeißen, und dann mit denen einen großen Krach anfange, als könnten sie was dafür. Draußen aufgereiht lauter kleine runde Laternen wie lauter kleine, künstliche Monde. Ich gehe nochmal den ganzen Zug lang. Ich will mich nicht setzen, denn ich könnte ja einschlafen, und dann wäre ich einer von denen. Die Klimaanlage duftet gegen den Schlafgeruch der Reisenden an. Manchmal gewinnt die Anlage. Manchmal gewinnt der Mensch. Der müde Leib findet ein Schlafkissen überall, doch wenn der Geist müd ist, wo soll er ruhen? Jetzt habe ich vorgeblättert. Ich glaube, es gibt Menschen, die unglücklich sind, unheilbar; bloß weil sie sind. Schon wieder Westhafen. Darüber hängt ein riesiger, echter, fast voller Mond. Spuck du nur auf deinen Stein, Prinz, und du wirst doch die heiraten, die du heiraten sollst, und dein Hofmeister wird stolz auf dich sein, und dann wirst du rechtlich und nützlich und sehr moralisch, und dann wirst du irgendwann König von Popo, ein Elend. Beusselstraße, Jungfernheide, Westend. Wie balsamisch die Nacht. Vielleicht brennt schon der Grunewald. Westkreuz, Halensee, Hohenzollerndamm. Bundesplatz steige ich aus. Aber morgen lese ich weiter. Vielleicht lese ich Lenz in der U8. Draußen lesen und mal sehen, wie es sich mischt. Jetzt will ich ins Bett. Leonce und Lena habe ich liegengelassen, es liegt klein und sehr gelb auf einem sehr blauen Sitz der Ringbahn.