Andreas Gardt
es braucht
Zuschrift von Wolfgang Schmidt M.A., Berlin-Friedenau
Frage zu „es braucht“. Ich verstehe diesen in den letzten Jahren häufig gebrauchten Begriff zuerst als Übersetzung von „it needs“. „Es braucht“ ersetzt heute das ehemals im Deutschen übliche „man“ („man braucht“), das verschwunden zu sein scheint. Während sich „man braucht“ auf persönliche, menschliche Aktivitäten bezieht, vielleicht auch ein Aufruf zur Aktion ist, bezieht sich „es braucht“ auf eine Notwendigkeit, die individuell sehr viel abstrakter wahrgenommen werden kann. Und damit auch Verantwortlichkeiten.
Antwort von Andreas Gardt
Lieber Herr Schmidt,
gibt man „es braucht“ bei Google ein (in diesem Fall am 22.9.2026), öffnet sich ein Menü mit zehn Angeboten zur Nachfrage. Sechs von ihnen nennen in mehr oder weniger ähnlicher Form das Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“. Man könnte das als Beleg für Ihre Annahme betrachten, dass es sich bei „es braucht“ um einen Anglizismus handelt („it needs“). Da es sich aber, wie wiederholt betont wird, um ein afrikanisches Sprichwort handeln soll, könnte es ebenso gut auch ein Gallizismus, also eine Entlehnung aus dem Französischen sein, die auf dem Umweg über Frankreich den Weg nach Deutschland gefunden hat: „Il faut un village entier pour élever un enfant“. Auch wird dort, wo wir “es braucht” verwenden würden, im Englischen häufig “it takes” gewählt (wie auch das erwähnte Sprichwort auf Englisch meist in der Form “It takes a village to raise a child” erscheint). Umgekehrt gibt es Verwendungen von “it needs”, für die im Deutschen weder “es braucht” noch “man braucht” genutzt wird: “The car is dirty, it needs cleaning”.
Damit ist nicht gesagt, dass es gar keine Entsprechungen zwischen “it needs” und “es braucht“/“man braucht” gibt (wie z.B. in “It needs time to do this job” – “Es braucht Zeit…”/”Man braucht Zeit, um diese Arbeit zu erledigen”). Aber es ist eben sehr schwer – das sollten die Beispiele zeigen – definitive Aussagen über die Verwendungsweisen zu treffen, was ganz entscheidend an den vielfältigen Bedeutungvarianten liegt. Tatsächlich belegt dies auch der zehnte Eintrag der erwähnten Google-Suche: “es braucht dir nicht leid zu tun”. Hier läßt sich, um die gleiche Bedeutung auszudrücken, “man braucht” gar nicht verwenden. Ähnliches ließe sich über das französische “il faut” sagen, aber das würde zu weit führen.
Nun geht es Ihnen, wenn ich Sie richtig verstanden habe, vor allem um zweierlei: dass „es braucht“ weit jüngeren Datums als „man braucht“ ist, und dass es sich zudem nicht „auf persönliche, menschliche Aktivitäten“ bezieht, sondern „auf eine Notwendigkeit, die individuell sehr viel abstrakter wahrgenommen werden kann“. Damit seien auch die Verantwortlichkeiten abstrakter wahrgenommen.
Ich kann Ihnen hier weder widersprechen noch pauschal zustimmen, wenngleich ich persönlich auch den Eindruck habe, dass „es braucht“ zunehmend begegnet und nicht selten, etwa in der Politik, in einem etwas fanfarenhaften Ton auftritt, unter konsequenter Ausblendung des menschlichen Agens (auch „man braucht“ blendet das Agens zu einem guten Teil aus, aber nicht so weitgehend wie „es braucht“).
Aber das sind alles nur persönliche Eindrücke, die letztlich zu der Frage führen, wie sich so etwas genauer belegen ließe. Wie sehr das Thema die sprachinteressierte Öffentlichkeit beschäftigt, können Sie etwa an den Diskussionen erkennen, die sich auf der Seite https://german.stackexchange.com/questions/34520/es-braucht-statt-man-braucht finden.
Was bleibt, ist die Recherche in großen Textmengen, differenziert nach unterschiedlichen Bedeutungen von „es braucht“ und „man braucht“, auch nach unterschiedlichen Arten von Texten, nach Zeit, nach Raum. Verweisen ließe sich hier auf die Textkorpora auf den Internetseiten des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS), die online zugänglich sind, oder auf das Deutsche Referenzkorpus des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, das man ebenfalls kostenlos nutzen kann. Und natürlich bleibt einem immer die Möglichkeit, im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm nachzuschauen. Die Neubearbeitung der Alphabetstrecke A – F des Wörterbuchs wurde von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen herausgegeben, und in dem in Göttingen bearbeiteten Band 5 findet sich etwa dieser frühe Beleg von „es braucht“: „es brucht vernunnfft vnd witzigs sinnen,/ vß holen haͤfen [d.h. aus leeren Gefäßen] reden kinnen“ (Thomas Murner, 1512; den Hinweis verdanke ich meinem Kollegen Volker Harm). In Wortgeschichte digital schließlich wird im Wörterbuchartikel „Blaustrumpf” ein Text aus dem Jahr 1795 zitiert: „Es braucht oft sehr wenig, um den Namen eines blauen Strumpfes (blue Stockings) zu bekommen: ein Spottname, den man einer Gesellschaft von gelehrten Frauenzimmern zu London gegeben hat”.
Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank für Ihre Zuschrift,
Andreas Gardt
Zum Autor:
https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/andreas-gardt
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