Forum Sprachkritik

Über das Forum Sprachkritik

Das Forum Sprachkritik versammelt und diskutiert Texte von Mitgliedern der Akademie, die sich mit Entwicklungen, Phänomenen und Auffälligkeiten der Gegenwartssprache befassen. Gegenstand dieser Sprachkritik ist der Sprachgebrauch auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Das Forum öffnet sich für alle Gattungen der Sprachkritik: Kleine Formen, Randnotizen, Skizzen, Essays und sprachkritische Untersuchungen. Es lädt ein zu Beiträgen, die gleichermaßen unterhaltend und aufklärend, kurzweilig und nachdenklich sein können.

Das Forum wird getragen von der Auffassung, dass Sprachkritik keine Normen setzt und nicht den Anspruch erhebt, über »richtig« und »falsch« im Sprachgebrauch entscheiden zu können und zu wollen. Vielmehr will es Beispiel und Anregung zur Sprachreflexion sein und durchaus die Implikationen aufzeigen, die ein bestimmter Sprachgebrauch mit sich bringen kann. Die einzelnen Beiträge werden namentlich gekennzeichnet und geben stets die Position der Autorin oder des Autors wieder, nicht aber die der Akademie.

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Thomas Gloning
Ein „Hochzeitsgeschenk“ im Reich der Tanzfliegen (Empididae)

Nehmen Sie an, Sie sind BewohnerIn eines fernen Planeten und Teil einer Expedition zur Erde. Sie sollen die Welt der Gegenstände („On what there is“) und die Lebensformen der Erdbewohner beschreiben. Zufällig landet Ihr für die Erdlinge unsichtbarer Flugkörper an einem Sonntagnachmittag (Erdzeit) im hessischen Hinterland. Auf einem länglichen Viereck laufen Erdlinge hin und her, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Ein runder Gegenstand wandert ebenfalls ohne erkennbares Muster hin und her. Jeweils ein Erdling schlägt gegen den runden Gegenstand. Dann wieder ein anderer. Manchmal sind sich die Erdlinge nicht einig, wer den runden Gegenstand treten darf. Um das viereckige Feld stehen andere Erdlinge, aber sie laufen nicht hin und her. Diese Erdlinge sind besonders laut. -- Sie sind zunächst etwas ratlos und berichten: Wir werden in nächster Zeit sicherlich herausfinden, was diese Erdlinge hier tun und warum sie es tun.

Wenn man über „fremde“ oder historisch „entfernte“ Kulturen sprechen oder schreiben will, ist man oft verlegen, welche Begriffe man sinnvoll verwenden kann für Arten von Gegenständen, für Handlungsweisen und für Sinndimensionen. In der Magieforschung, der vergleichenden Anthropologie und der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte gibt es reiche Beispiel dafür. Aber in gewissem Sinne ist auch das, was in der Tierwelt geschieht und wie darüber geschrieben wird, interessant.

Auf einem Sonntagsspaziergang schaute ich in eines der segensreichen Büchertausch-Angebote (eine umfunktionierte Telefonzelle). Ich fand dort das ganz wunderbare „Taschenlexikon zur Biologie der Insekten“ (1974), das seinerzeit als ein wertvoller Fortschritt gewertet wurde. Für den sprachwissenschaftlichen Leser ein außerordentlich interessanter Text mit reichhaltigem Vokabular und kondensierter Schreibart. Bei der Lektüre „stolperte“ ich über den Gebrauch des Ausdrucks „Hochzeitsgeschenk“ im Zusammenhang mit der Darstellung von Reproduktionsvorgängen bei den sog. Tanzfliegen (Empididae; S. 199-200). Da heißt es:

(…) die kleine Hilara bivittata Strobl fängt ihre winzigen Beutetiere über Doldenblüten; die Beute dient teils zur eigenen Ernährung, bei einer Reihe von Arten, zumal der Gattungen Empis, Hilara, Rhamphomyia als »Hochzeitsgeschenk« des ‹Männchens› an das ‹Weibchen›; Besonderheit von Hilara-‹Männchen›: sie besitzen einzellige Spinndrüsen im verbreiterten 1. Tarsenglied der Vorderbeine auf der Ventralseite, die in stachelartige Röhrchen ausmünden; so ist bei manchen Hilara-Arten das Hochzeitsgeschenk, meist ein vom ‹Weibchen› bei der Kopula ausgesaugtes Beuteinsekt (Abb. E-11), in Spinnfäden eingehüllt; zuweilen hat es nur symbolischen Charakter, wirkt aber vermutlich stimulierend: das Beutetier wird vom ‹Weibchen› zwar angenommen, aber nicht ausgenutzt; oder es wird überhaupt nur ein leeres Gespinst oder irgend ein Pflanzenteilchen übergeben. Bei manchen Arten bilden sich als Vorspiel zur Kopula »Tanzgruppen«, in denen auf engem Raum oft zahlreiche Individuen in Zickzack- oder Kurvenflügen sich mehr horizontal oder auf-ab tummeln (starker Einfluß von Wind oder bei Wärme aufsteigender Luft); die Tanzgruppen können aus ‹Männchen› oder aus ‹Weibchen› bestehen, werden dann von ‹Weibchen› bzw. ‹Männchen› angeflogen (Anlockung optisch und/oder akustisch?); das ‹Männchen› von Hilara sartor Beck. hält beim Tanz ein während des Fliegens hergestelltes, in der Sonne glänzendes leeres Schleierchen (maximal 3 x 5 mm) aus Seide mit den Beinen als offenbar optisches Signal, das anfliegende ‹Weibchen› wird vom ‹Männchen› unterflogen, das ‹Weibchen› läßt sich auf das ‹Männchen› fallen, Kopula im Fluge, dabei Stellungswechsel: das ‹Männchen› auf dem mit den Beinen gehaltenen ‹Weibchen›; das Schleierchen wird nicht übergeben, sinkt ab. ‹Weibchen›-Tanzgruppen bei mehreren Empis-, Hilara- und Rhamphomyia-Arten; in diesen Fällen sind die ‹Weibchen› ausgezeichnet durch Fiederbehaarung (Abb. E-12) an allen oder einigen Beinen oder (und) durch vergrößerte Flügel, was teils Signal-, teils aerodynamischen Wert haben mag; Annäherung des ‹Männchen› an das ‹Weibchen‹ wiederum von unten; Beendigung der Kopula nach Geschenkübergabe in der Regel hängend oder sitzend (Abb. E-13); zuweilen nimmt das ‹Männchen› nach der Begattung sein »Geschenk« wieder mit für ein weiteres ‹Weibchen› (z.B. Empis opaca Meig.); bei manchen Arten reibt man sich bei der Balz gegenseitig die Tarsen. Über Eiablage kaum etwas bekannt (…) [S. 199-200]

In dieser Passage fallen zunächst die Anführungszeichen auf, mit denen Ausdrücke wie Hochzeitsgeschenk oder Tanzgruppen markiert sind. Die Anführungszeichen sollen wohl signalisieren, dass der Gebrauch der betreffenden Ausdrücke nicht in einem strengen Sinne zutreffend ist. Fragen wir uns, was in Bezug auf den Gebrauch von Hochzeitsgeschenk hier nicht angemessen sein könnte, fällt auf, dass der Gegenstand, der als „Geschenk“ bezeichnet wird, gar nicht immer im Besitz des beschenkten Insektenweibchens verbleibt. Das schenkende Männchen nimmt den Gegenstand manchmal mit zum nächsten Weibchen.

Damit ist auch der zweite Aspekt im Spiel: Der Ausdruck Hochzeit aus der Menschenwelt bezieht sich auf die Institution der (dauerhaften) Ehe, die es in der Insektenwelt so nicht gibt. Auch Ausdrücke wie Hochzeitsflug, Begattung, Kopulation oder Vorspiel, die z.T. in anderen Passagen des Werkes vorkommen, nutzen Parallelen in der Welt der Menschen zur Bezeichnung von Vorgängen in der Welt der Insekten, die aber einen anderen, zum Teil noch gar nicht gut verstandenen, biologischen Status haben.

Die Rolle von Metaphorik und anderen Formen der übertragenen Rede in den Wissenschaften ist inzwischen ein breites und fein differenziertes Forschungsfeld. Diese kleine Meditation über einen Sonntagsfund mag dazu anregen, in der Alltagslektüre darauf zu achten, welche sprachlichen Verfahren manchmal genutzt werden, um „ungewöhnliche“ Bereiche zu erschließen. Was machen die Tanzfliegenmännchen da eigentlich, wenn sie für das Weibchen ein Gespinst anbringen vor dem, was wir „Begattung“ zu nennen zögern. Aber ist vielleicht die harmlos daherkommende Frage „Was macht das Männchen da eigentlich?“ nicht auch unangemessen, weil sie eine intentionale Deutung nahelegt in einem Reich des Biologischen, wo von Instinkten, nicht aber von Intentionen die Rede sein kann?

Wir verstehen die Nöte derer, die das ein „Hochzeitsgeschenk“ (zunächst in Anführungszeichen) genannt haben und bekunden hiermit hohen Respekt vor den sprachlich-textuellen Hochleistungen, die mit der Beschreibung, Ordnung und Erklärung biologischer Verhältnisse verbunden sind.

Taschenbuch zur Biologie der Insekten. 1974, 199-200.

Zum Autor:
https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/thomas-gloning

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