Forum Sprachkritik

Über das Forum Sprachkritik

Das Forum Sprachkritik versammelt und diskutiert Texte von Mitgliedern der Akademie, die sich mit Entwicklungen, Phänomenen und Auffälligkeiten der Gegenwartssprache befassen. Gegenstand dieser Sprachkritik ist der Sprachgebrauch auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Das Forum öffnet sich für alle Gattungen der Sprachkritik: Kleine Formen, Randnotizen, Skizzen, Essays und sprachkritische Untersuchungen. Es lädt ein zu Beiträgen, die gleichermaßen unterhaltend und aufklärend, kurzweilig und nachdenklich sein können.

Das Forum wird getragen von der Auffassung, dass Sprachkritik keine Normen setzt und nicht den Anspruch erhebt, über »richtig« und »falsch« im Sprachgebrauch entscheiden zu können und zu wollen. Vielmehr will es Beispiel und Anregung zur Sprachreflexion sein und durchaus die Implikationen aufzeigen, die ein bestimmter Sprachgebrauch mit sich bringen kann. Die einzelnen Beiträge werden namentlich gekennzeichnet und geben stets die Position der Autorin oder des Autors wieder, nicht aber die der Akademie.

Das Forum Sprachkritik knüpft an das zwischen 2010 und 2016 bereits bestehende gleichnamige Format an.

Kommentare

Das Forum Sprachkritik freut sich über Kommentare von Akademie-Mitgliedern und interessierten Leserinnen und Lesern zu den Beiträgen. Das können Rückfragen sein, aber auch Widerspruch, Variation und Ergänzung. Kommentare sollten eher knapp gehalten und sachlich auf das Thema des Beitrags bezogen sein. Unsachliche, beleidigende und auch strafrechtlich bedenkliche Kommentare können nicht veröffentlicht werden. Kommentare werden mit Ihrem Verfassernamen veröffentlicht.

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Helmuth Feilke
Vorschlag zur Vereinfachung der deutschen Sprache

Die Motive und Formen der Sprachkritik sind so vielfältig wie die Stimmen, die sich zur Sprache äußern. Dazu gehören auch die Stimmen von Sprecherinnen und Sprechern, die im Blick auf den Gebrauch unsicher sind oder auch unter den Anforderungen sprachlicher Strukturen und Normen leiden. Das ist bekannt von der Diskussion um die Rechtschreibreform, von den Debatten zur sogenannten „leichten Sprache“ oder auch aus Kontroversen zur Rolle bildungssprachlicher Anforderungen im Erst- und Zweitspracherwerb. Auch das Forum Sprachkritik der Akademie erhält entsprechende sprachkritische Anfragen und Schreiben, oft zusammen mit Ideen und Vorschlägen zur Vereinfachung der Sprache. Verbunden damit sind auch Vorstellungen über die Veränderbarkeit und Planbarkeit von Sprache, die nicht zuletzt auch ein Zeichen für die der Akademie zugeschriebene Zuständigkeit und Wirkungsmacht in Sprachfragen sind. Das Forum Sprachkritik antwortet auf solche Fragen und Vorschläge. Zuletzt erreichte uns die folgende Zuschrift eines Lesers, auf die ich für die Redaktion geantwortet habe. Wir denken, dass auch dieses Feld der Kritik des Sprachgebrauchs für die Leserinnen und Leser des Forums anregend sein kann.

Zuschrift:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe eine Idee für eine Reform der deutschen Sprache.
Mein Ziel ist mehr Einfachheit.
Ich finde, Deutsch ist oft kompliziert wegen:
•der, die, das
•Akkusativ und Dativ
•viele verschiedene Endungen

Meine Idee:
•Nur ein Artikel: „die“ (wie Englisch „the“)
•Kein Akkusativ, nur eine Form (z.B. „dir“)
•Weniger Grammatik, mehr Klarheit
•Alles, was bisher des (Genitiv) oder den (Akkusativ) ist, wird dem (Dativ).
•Nur noch dem für alles.

So könnten mehr Menschen Deutsch leichter lernen.
Mit freundlichen Grüßen“ (Zuschrift 4-3-2026)

Antwort:

Sehr geehrte/r

Sie haben an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung geschrieben und einen Vorschlag für eine Vereinfachung der deutschen Sprache gemacht. Ihr Vorschlag soll nicht unbeantwortet bleiben; ich schreibe Ihnen für das Forum Sprachkritik der Akademie. Ihr Ziel, dass durch eine Vereinfachung "mehr Menschen Deutsch leichter lernen" können sollen, wie Sie schreiben, ist ja sehr zu begrüßen.

Es gibt damit aber auch ein Problem, das ich an einem Bild verdeutlichen will: Man kann Sprache als ein "Werkzeug" der Kommunikation und des Denkens auffassen. Die grammatischen Formen dieses Werkzeugs haben etwas mit den Aufgaben zu tun; je vielfältiger die Aufgaben, desto vielfältiger und anspruchsvoller das Werkzeug und desto größer auch die Formenvielfalt. Denken Sie z.B. an den Werkzeugkasten eines Installateurs oder Schlossers. Da sind viele verschiedene Werkzeuge für unterschiedliche Aufgaben, und bei vielen Werkzeugen ist es sehr aufwendig, den Umgang damit zu erlernen, ja überhaupt den Zweck zu verstehen. Freilich kann man auch mit einer einfachen Eisenstange schon einiges erreichen, z.B. etwas aufhebeln oder kaputtschlagen, aber sie können damit nicht kneifen oder gar schrauben. Das ist bei Zeichenwerkzeugen auch so. Z.B. schon in den Grundrechenarten der Mathematik: Addieren ist einfach, subtrahieren schon schwieriger und Multiplikation und Division sind noch anspruchsvoller. Kinder brauchen einige Jahre, um diese Arten des Umgangs mit Zahlen und die Handlungsformen dafür zu begreifen und diese anzuwenden. Deshalb würden wir aber nicht die Division abschaffen.

Nicht anders ist es mit der Grammatik. So sind die Kasus u.a. Werkzeuge der Darstellung von handlungsbezogenen Sachverhalten: Wer macht etwas? (Nominativ) Womit wird das getan? (im Deutschen meist durch sogenannte Präpositionalkasus ausgedrückt: durch X, mit X, mittels etc.) Wer ist davon direkt (Akkusativ) und indirekt (Dativ) betroffen? usw. Auch hier brauchen Sprachlerner länger, um das zu verstehen, und sie erlernen es aufbauend vom einfacheren (Nominativ) zum Komplexeren (Genitiv). Auch Sie nutzen für Ihren Text diese grammatischen Formen, sonst wäre es auch schwer, Ihr Anliegen zu verstehen. Z.B. Ihr Satz: "Ich finde, Deutsch ist oft kompliziert“ wäre ohne den Akkusativ schwer ausdrückbar. Zwar könnten Sie einfach im Nominativ auch schreiben "Deutsch ist oft kompliziert", aber es ist doch schön, dass Sie den Akkusativ benutzen können, den Verben wie finden, denken, glauben, meinen, sich fragen fordern, um Ihre persönliche Ansicht zum Ausdruck zu bringen. Auch wenn man den Akkusativ oft nicht an der Oberfläche erkennt (z.B. Ich finde Deutsch schwierig), stützt er das Meinen und Verstehen.

Und in einem wichtigen Punkt haben Sie auch recht. Die vielen Endungen im Deutschen erschweren das Lernen. Es gibt Sprachen ohne Endungskasus oder mit ganz wenig endungsbezogenen Kasus (z.B. auch Englisch), aber die drücken die wichtigen Unterscheidungen ebenfalls grammatisch aus, entweder über die Wortstellung oder mit eigenen Wörtern dafür. Tatsächlich ist das Deutsche im Vergleich weniger leicht zu erlernen als etwa das Englische. Aber man kann eine Sprache, die historisch entstanden ist, nicht einfach in einer Akademie oder per Gesetz umbauen. Hier liegt ein wichtiger Unterschied zum Werkzeugkasten: Der Werkzeugmacher kann Werkzeuge erfinden, ändern und vereinfachen, so wie es dem Zweck entspricht. Die Sprache aber gehört keinem Werkzeugmacher, keiner Akademie und keiner Regierung, sondern den vielen Millionen Sprecherinnen und Sprechern, die sie gelernt haben und auch ständig verändern und neuen Zwecken anpassen. Das passiert auch bei den Kasus. Dann wird z.B. "Das Auto meines Bruders " zu "Das Auto von meinem Bruder". Solche - einfacheren - Präpositionalkasus nehmen im Deutschen zu. Vielleicht macht Ihnen das ja etwas Hoffnung.

Herzliche Grüße und vielen Dank für Ihre Fragen,
Helmuth Feilke

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