Forum Sprachkritik

Über das Forum Sprachkritik

Das Forum Sprachkritik versammelt und diskutiert Texte von Mitgliedern der Akademie, die sich mit Entwicklungen, Phänomenen und Auffälligkeiten der Gegenwartssprache befassen. Gegenstand dieser Sprachkritik ist der Sprachgebrauch auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Das Forum öffnet sich für alle Gattungen der Sprachkritik: Kleine Formen, Randnotizen, Skizzen, Essays und sprachkritische Untersuchungen. Es lädt ein zu Beiträgen, die gleichermaßen unterhaltend und aufklärend, kurzweilig und nachdenklich sein können.

Das Forum wird getragen von der Auffassung, dass Sprachkritik keine Normen setzt und nicht den Anspruch erhebt, über »richtig« und »falsch« im Sprachgebrauch entscheiden zu können und zu wollen. Vielmehr will es Beispiel und Anregung zur Sprachreflexion sein und durchaus die Implikationen aufzeigen, die ein bestimmter Sprachgebrauch mit sich bringen kann. Die einzelnen Beiträge werden namentlich gekennzeichnet und geben stets die Position der Autorin oder des Autors wieder, nicht aber die der Akademie.

Das Forum Sprachkritik knüpft an das zwischen 2010 und 2016 bereits bestehende gleichnamige Format an.

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Andreas Gardt
Die Politik

Zuschrift von Wolfgang Schmidt M.A., Berlin-Friedenau

In den letzten Jahren ist häufig, auch in seriösen Tageszeitungen, von „der Politik“ und nicht mehr von „(den) Politikern“ die Rede die, was auch immer richten soll(en). Ich sehe darin und dahinter eine bewußte oder unbewußte, unreflektierte Anonymisierung persönlicher und politischer Verantwortung durch diejenigen, die diesen Begriff benutzen. Dies scheint mir Teil einer individuellen und gesellschaftlichen Tendenz dieser Jahre zu sein, Verantwortung mehr und mehr zu verschleiern, abzulehnen oder zu leugnen. Und es ist ein Begriff, der gerade auch von denjenigen gebraucht wird, die Verantwortung einklagen müßten.

Antwort von Andreas Gardt

Lieber Herr Schmidt,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich bin nicht Mitglied der Redaktion von Forum Sprachkritik, bin als Vorsitzender der Sprachkommission der Akademie lediglich Zaungast bei den Sitzungen des Redaktionsteams. Bei Ihrer Anfrage zur Redeweise die Politik (im Gegensatz zu die Politiker) habe ich mich allerdings einer aktuellen Erfahrung wegen zu Wort gemeldet.

Sie sehen in dieser Formulierung „eine bewusste oder unbewusste, unreflektierte Anonymisierung persönlicher und politischer Verantwortung“. In der Sprachwissenschaft spricht man hier von Deagentivierung, wenn das Agens, der oder die Handelnde(n), ausgeblendet wird. Das begegnet zum Beispiel in wissenschaftlichen Texten, wenn dort das Passiv anstelle des Aktivs verwendet wird: „Diese Frage wird im Folgenden diskutiert werden.“ Tatsächlich sollte es heißen: „Diese Frage werde ich im Folgenden diskutieren“, denn es ist natürlich der Autor, der die Frage diskutieren wird. Die Passivierung ist hier Zeichen einer alten Texttradition, die Objektivität nahelegt. Und insofern trifft Ihre Annahme einer Anonymisierung von Verantwortung bei der Redeweise „die Politik“ (...handelt / sagt / reagiert [nicht] usw.) durchaus zu.

Ob das allerdings als „Teil einer individuellen und gesellschaftlichen Tendenz dieser Jahre“ zu bewerten ist, „Verantwortung mehr und mehr zu verschleiern, abzulehnen oder zu leugnen“, bleibt dahingestellt, ergibt sich jedenfalls nicht aus dem sprachlichen Befund. Denn zu klären wäre, ob eine solche Tendenz zur Leugnung von Verantwortung überhaupt existiert, eine Frage, die etwa an die Gesellschaftswissenschaften zu richten wäre.

Aber diese Frage war nicht der Grund für meine Wortmeldung in der Sitzung von Forum Sprachkritik. Mir ging es vielmehr um eine Begründung für die Verwendung von „die Politik“ im Gegensatz zu „die Politiker“, die weder etwas mit den von Ihnen noch mit den von mir bislang genannten Gründen zu tun hat. Am 8. September 2026 fand der Deutsche Akademientag an der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen statt. Er stand in diesem Jahr unter dem Motto „Sprache macht Gesellschaft“ und enthält eine Podiumsveranstaltung zum Thema „Wie redet die Politik?“ Tatsächlich war der Ausgangspunkt unserer Suche nach einem Titel die Formulierung „Wie reden Politiker?“ gewesen. Damit waren wir allerdings nicht zufrieden, weil zumindest die weibliche Form ebenfalls genannt sein sollte (ein Eingriff in die Wortform durch I, : oder * ist nicht Teil der Schreibpraxis der Akademie). Aber „Wie reden Politiker und Politikerinnen“ schien uns für eine Überschrift etwa auf einem Plakat ausgesprochen ungelenk. So sind wir aus stilistischen Gründen auf „Wie redet die Politik?“ ausgewichen, auch wenn wir uns des Problems der Anonymisierung durchaus bewusst waren. Es kann also sehr unterschiedliche Gründe für die Wahl einer bestimmten sprachlichen Form geben.

Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank für Ihre Zuschrift,
Andreas Gardt

Zum Autor:
https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/andreas-gardt

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