Forum Sprachkritik

Über das Forum Sprachkritik

Das Forum Sprachkritik versammelt und diskutiert Texte von Mitgliedern der Akademie, die sich mit Entwicklungen, Phänomenen und Auffälligkeiten der Gegenwartssprache befassen. Gegenstand dieser Sprachkritik ist der Sprachgebrauch auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Das Forum öffnet sich für alle Gattungen der Sprachkritik: Kleine Formen, Randnotizen, Skizzen, Essays und sprachkritische Untersuchungen. Es lädt ein zu Beiträgen, die gleichermaßen unterhaltend und aufklärend, kurzweilig und nachdenklich sein können.

Das Forum wird getragen von der Auffassung, dass Sprachkritik keine Normen setzt und nicht den Anspruch erhebt, über »richtig« und »falsch« im Sprachgebrauch entscheiden zu können und zu wollen. Vielmehr will es Beispiel und Anregung zur Sprachreflexion sein und durchaus die Implikationen aufzeigen, die ein bestimmter Sprachgebrauch mit sich bringen kann. Die einzelnen Beiträge werden namentlich gekennzeichnet und geben stets die Position der Autorin oder des Autors wieder, nicht aber die der Akademie.

Das Forum Sprachkritik knüpft an das zwischen 2010 und 2016 bereits bestehende gleichnamige Format an.

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Helmuth Feilke
Eine nette Sprachkritik

Es gibt Heavy-Metal-Sprachkritik, z.B. zu politischen Fragen, und es gibt harmlose Sprachkritik, eben ganz nett, aber …

Vor einiger Zeit bekam ich von meiner über 90jährigen bürgerlich gebildeten Greifswalder Tante einen Brief mit einer sie immer noch quälenden Frage, nämlich, warum ihnen schon als Kindern von den Eltern das schöne Wörtchen „nett“ verboten worden sei. Sie habe das nie verstanden, wo es doch ein so wohlmeinendes Wort sei, und sie wolle mich jetzt doch mal danach fragen.

Das ist jetzt drei Jahre her. Zur aktuellen Wertschätzung von „nett“ fällt mir auf, dass das Wörtchen gerade zu einer politischen Superwährung wird. „Wir werden sehr nett sein. Sie werden sehr nett sein, und wir werden sehen, was passiert.“ (23.04.2025) Das sagte Donald Trump im Frühjahr 2025 und meinte damit seinen Milliarden-Zolldeal mit Xi Jinping. Es wird also etwas passieren, auch, wenn man nett ist. Und auf jeden Fall wird denen etwas passieren, die nicht so richtig nett sind, z.B. den Obdachlosen in Washington D.C: „Be prepared! There will be no Mr. Nice Guy!“ (11.8.2025). Vor der Willkür der Tyrannei verheißen die vier Buchstaben, ob englisch oder deutsch, stets einen ungewissen Gnadenstand. Wer nett zu Boden kriecht, kann trotzdem in den Staub getreten werden. An die Stelle der gesetzlich oder vertraglich gebundenen Kommunikation mit dem Herrscher tritt die politische Nettigkeit als Medium der Unterwerfung. Es kriechen die Machtlosen zu Füßen und überbieten sich in Freundlichkeiten, und es werden die getreten, die schon im Anzug nicht nett genug erscheinen. Das zeigt den grammatischen Doppelsinn des Verbs: sich jemandem unterwerfen vs. jemanden unterwerfen. Du unterwirfst dich, oder ich unterwerfe dich! Das sind freundliche Sprechakte der Art, wie sie der republikanische Senator Ted Cruz jüngst aus Scorceses GoodFellas zitierte: „Nette Bar, die Sie hier haben. Schade, wenn ihr etwas zustoßen würde.“ Es blüht das Geschäft des großartigen Sprachgebrauchs der jüngeren Wende zum Rechten. Sie bringt eine verhärmte und verhärmende Sprache hervor.

Es bleibt die harmlose Sprachkritik. Wie konnte das dem kleinen wohlmeinenden Wörtchen passieren, dass es zu einer freundlich lächelnden Schimäre geworden ist?

„Nett, das ist die kleine Schwester von Sch …!“, so hieß vor fast 15 Jahren ein Bestseller zu guten und schlechten Manieren. Es ist gar nicht nett, ein Wort, das nur Gutes bedeuten möchte, derart in den Senkel zu stellen. Dabei zeugen die Wörterbücher von der Wortgeschichte des Wörtchens als einer sprachübergreifenden Ära überbordender Freundlichkeit. Von lateinisch „nitidus“ (glänzend) ist aus dem Französischen „net“ das Wörtchen über das Niederländische „nett“ ins Deutsche gekommen und wird seit dem 16. Jahrhundert für alles Liebliche und Schöne gebraucht. Von der Beschaffenheit der Oberfläche (für Flüsse z.B. auch in Nette, Nettetal etc.) zunächst auf die der Form übertragen (ein nettes Kleid), dann ab dem 18. Jh. auch auf die Trägerinnen und Träger ´netter´ Sachen selbst, und zuletzt schließlich selbstredend auch weiter auf deren Tun und Lassen. Deshalb kann man sich heute z.B. auch „nett“ unterhalten.

Dazu kommt eine weitere, weniger bewusste, wenngleich ebenso positive Bedeutungskomponente im Sinn von „rein“, also ohne Verpackung und Tand und „genau“ (akkurat, exakt, im Schweizerdeutschen). Hier ist auch die direkte Verbindung zu netto (ital.) und neto (span.) Damit klingt das Wort auch noch an bürgerliche Werte wie Ehrlichkeit, Sachlichkeit und Wesentlichkeit an. Was will man eigentlich mehr, als „nett“ zu sein? Im Wörterbuch der Grimms, die gerne auch den Gebrauch und die Bewertung von Wörtern mit einbeziehen, findet sich kein einziger Hinweis zu möglichen problematischen Bedeutungsaspekten, und auch die etymologischen Wörterbücher von Kluge und Pfeiffer haben nur Positives zu berichten. Ja, das Wörtchen ist derart nett, dass es schon fast wehtut.

Aber was hilft schon Etymologie? Peter v. Polenz mahnte schon vor mehr als 50 Jahren, „im Leben der Sprache spielt die … Frage nach der Herkunft keine Rolle.“ (1968, Sprachkritik und sprachwissenschaftliche Methodik) Vielleicht kommt man mit einem Blick auf den Gebrauch des Wörtchens weiter. Wenn etwas allen gefällt, dann wird es leicht verdächtig, und das Ablehnen eines Wortes bietet dann eine durchaus beliebte Möglichkeit, sich vom „gemeinen“ Gebrauch abzusetzen. Tatsächlich ist „nett“ ein Pop-Wort. Auch das war den Grimms aufgefallen, die schreiben, es sei „besonders in der umgangssprache und in den mundarten sehr üblich geworden […], wobei der anklang an das deutsche niet (s. nied, niedlich) mitgewirkt haben mag“.

„Nett, angenehm, lieb“, das ist niederdeutsch „snulle“. Dass das immer in der Gefahr steht, ein wenig zu „snulle“ zu sein, zeigt sich z.B. darin, dass daraus auch die „Schnulze“ ableitbar ist. Im Wörterbuch der deutschen Umgangssprache heißt es dazu: „Verhochdeutschende Substantivbildung aus niederdt. snulten .überschwenglich, reden, gefühlvoll tun, verwandt mit snulle ´nett, angenehm, lieb´“).

Erhellend im Blick auf das Gewicht des Sprachgebrauchs für die Bedeutung ist eine Nebenbemerkung v. Polenz´ zu Storz´ Kritik des Wortes „Schnulze“. Von Polenz fragt, was Storz eigentlich dazu bewegt, sich mit sprachkritischer Vehemenz gegen „Schnulze“ auszusprechen, und er erkennt darin ein Muster: „Ein neues Wort in aller Munde, also ein Schlagwort, also ein schlechtes Wort, noch dazu ein Wort für eine moderne, kulturlose Sache, die ich ablehne; also lehne ich auch das Wort ab.“ (Polenz 1968, 160)

Ist vielleicht das dem Wörtchen “nett“ widerfahren, dass es zu Vielen gefallen hat, dass es zu „gemein“, zu „kulturlos“ war? Den konservativ-bürgerlichen Schichten des deutschen Bürgertums im späten 18. Jahrhundert imponierte „adelige Zeremonialität“, schreibt Angelika Linke. Das von Autoren wie Wieland vorgetragene Stilideal, „leicht und nett“ zu sein, war ihnen ein Graus. (Linke 2006, „´Ich´: Zur kommunikativen Konstruktion von Individualität“)

Die Spuren solcher historischer Mentalitätsspannungen findet man heute noch im Gebrauch. Hinweise darauf gibt es, wenn ein Wort irgendwie komisch und nicht in seiner „eigentlichen“ Bedeutung gebraucht wird. Bei „nett“ merkt man das daran, dass es unter der Hand plötzlich ironisch wird: Wenn etwas „ja ganz nett“ ist, erwartet man schon ein „aber“, und bei einer „netten Überraschung“, weiß man nicht wirklich, ob man sich freuen soll. Auch der Austausch von „Nettigkeiten“ verheißt nicht wirkliches Glück.

Etwas anderes kommt vielleicht noch dazu. Wer etwas oder jemanden „nett“ findet, hat sich damit noch auf gar nichts festgelegt und wird sich auch nicht festlegen lassen. Man kann mit dem damit verbundenen Urteil des Gesprächspartners gar nichts anfangen. Wer „nett“ sagt, bleibt oft unverbindlich und unverlässlich. Gar nicht nett also.

Wie eine etwas zu dick aufgetragene Schminke kann „nett“ als freundliche Tarnung wahlweise unverbindlicher, substanzloser oder eben sehr unfreundlicher Botschaften gebraucht werden. Vom Lieblichen und Schönen ist es nicht weit zu schönem Schein und falschem Glanz. Das Doppelgesicht des Adjektivs zeigt sich am deutlichsten dort, wo es der Einschüchterung und Drohung dient: „Wir werden sehr nett sein!“ Wie die freundlich entgegenkommende Faust aufs Auge passt dieser Gebrauch zum neuen diplomatischen Stil am ´Golf von Amerika´.

Ich wollte aber der besorgten Sprachfrage meiner Tante doch etwas Positives, um nicht zu sagen ´Harmloses´, mitgeben, und so schrieb ich ihr: Man sollte sich von solchen Beobachtungen berufsblinder Sprachkritiker nicht scheu machen lassen. Ein netter Abend, eine nette Unterhaltung und eine nette Tante sind allemal höchst erfreulich, verglichen mit vielen Dingen im wirklichen Leben, die gar nicht nett sind und auf die man lieber verzichten möchte.

(HF)

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