Forum Sprachkritik

Über das Forum Sprachkritik

Das Forum Sprachkritik versammelt und diskutiert Texte von Mitgliedern der Akademie, die sich mit Entwicklungen, Phänomenen und Auffälligkeiten der Gegenwartssprache befassen. Gegenstand dieser Sprachkritik ist der Sprachgebrauch auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Das Forum öffnet sich für alle Gattungen der Sprachkritik: Kleine Formen, Randnotizen, Skizzen, Essays und sprachkritische Untersuchungen. Es lädt ein zu Beiträgen, die gleichermaßen unterhaltend und aufklärend, kurzweilig und nachdenklich sein können.

Das Forum wird getragen von der Auffassung, dass Sprachkritik keine Normen setzt und nicht den Anspruch erhebt, über »richtig« und »falsch« im Sprachgebrauch entscheiden zu können und zu wollen. Vielmehr will es Beispiel und Anregung zur Sprachreflexion sein und durchaus die Implikationen aufzeigen, die ein bestimmter Sprachgebrauch mit sich bringen kann. Die einzelnen Beiträge werden namentlich gekennzeichnet und geben stets die Position der Autorin oder des Autors wieder, nicht aber die der Akademie.

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Anja Utler
Zur Verwendung von „rational“ und „emotional“, und was sie bedeuten könnte

Gefühle sind Schurken, am besten man verjagt sie umstandslos von Hirn und Hof. Dies scheint mir im Moment Konsens in unseren politischen und gesellschaftlichen Diskussionen. Dabei verorten diejenigen, die so sprechen, die Gefühle in der Regel bei anderen, während sie sich selbst wundersam emotionsfrei und damit gleichsam automatisch rational wähnen. Diese Position ist bequem. Die „anderen“ sind in dieser Argumentation meist die Anhängerinnen und Anhänger rechter bis rechtsextremer Parteien, deren Überzeugungen so zugleich verharmlost werden. Wenn der Wunsch nach einer Politik, die irgendwie unpassende Menschen deportiert, Schulpflicht wie öffentlichen Rundfunk abschafft und eine Kultur anstrebt, die die Hymne auf den deutschen Wald singt, während wir den real existierenden deutschen Wald weiter unverdrossen wegverbrennern, wenn der Wunsch nach einer solchen Politik also als lediglich emotionaler Reflex gelten darf, dann müssen diese Positionen und die mit ihnen verbundenen Gefahren auch nicht so richtig ernst genommen werden. In meinem Essay „Es beginnt, immer in Begleitung. Ein Plädoyer, auch die haarigen Gefühle zu denken“ (aus: „Es beginnt. Trauerrefrain“, Edition Korrespondenzen, Wien 2023) habe ich versucht, ausgehend von den häufigsten Nachbarwörtern von „emotional“ und „rational“ das Bild in den Blick zu bekommen, das wir uns in dieser Sprachgemeinschaft von Emotionalität und Rationalität machen. Damit werden auch die Vorstellungen sichtbar, nach denen wir uns als denkende und handelnde Individuen entwerfen. Da diese Vorstellungen auf mich, milde gesagt, verbesserungswürdig wirken, macht mein Essay auch einen Vorschlag zu ihrer Modifikation. Der folgende Text ist ein leicht angepasster Ausschnitt aus diesem Essay. Dem hier zitierten Abschnitt geht in meinem Buch die Beobachtung voraus, dass sich literarische Texte immer wieder mit der Erwartung konfrontiert sehen, sie könnten Gewalt und Aggression zum Verschwinden bringen, sobald sie die Sprache nur richtig anpacken. Dass sie sich also der – einigermaßen irrationalen – Erwartung gegenüber finden, wie Zaubersprüche zu wirken. Darin vermute ich eine Parallele zu unserer Einstellung zu den Gefühlen:

[…] Und weg! Diese Bewegungserwartung bestimmt auch unseren Umgang mit Emotionen, insbesondere mit den schwierigen. Nur sind die Vorzeichen verdreht: Während die Literatur durch ihre bloße sprachliche Existenz das Gewaltsame aus der Welt schaffen möge, sollen die Emotionen gerade durch ihren Ausschluss aus der Sprache verschwinden. In beiden Fällen überschätzen wir uns: Unsere Sprache auszusprechen, und sei sie noch so bezaubernd arrangiert, wird nichts unmittelbar Materielles für uns hervorbringen. Unsere Emotionalität und Verwundbarkeit in ihr nicht anzusprechen, wird uns nicht vor uns selbst beschützen. Womöglich aber ist das zu ‚ohnmachtsselig‘ gedacht. Denn mit gleichem Recht ließe sich sagen: Da unterschätzen wir uns doch. Wenn wir glauben, es brauche schon Magie, um die von uns selbst ausgeübte Gewalt zu stoppen. Und wenn wir meinen, unsere Emotionen seien etwas so Schädliches und wir ihrer Macht so hilflos ausgeliefert, dass das Ziel nur sein kann, sie aus unserem Sprechen, unserem gemeinsamen Raum, letztlich aus uns selbst hinauszudrängen. Als sei Kooperation keine Tätigkeit, sondern eine Utopie. So sehr, dass wir sie nicht mal mit uns selbst hinkriegen können.

Ganz in diese Richtung weisen die Einträge für ‚emotional‘ und ‚rational‘ im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Unter der Rubrik „Wortprofil“ listet das DWDS jene Wörter, mit denen ein Eintrag besonders oft gemeinsam anzutreffen ist. Das – digital abgescannte – gedankliche Umfeld, gewissermaßen das Milieu eines Worts erhält so seinen Auftritt. In diesem Wortprofil wirkt ‚emotional‘ auf den ersten Blick etwas sprunghaft und konfus. Es erscheint als Begleiter von ‚Bindung‘ ebenso wie von ‚Moment‘, ‚Intelligenz‘, ‚Wochenende‘, ‚Ausbruch‘, ‚Rede‘. Vor der Folie des Wortprofils von ‚rational‘ aber gewinnt es rasch an Kontur. Denn die Orientierung von ‚rational‘ ist klarer. Eindeutig wird es dem Bereich des Denkens, Planens und Handelns zugeordnet. Als Adjektiv charakterisiert es vor allem einen bedeutungsmäßig schmalen Streifen von Substantiven: ‚Argument, Diskurs, Kalkül, Denken, Überlegung, Kern, Argumentation, Begründung, Erwägung, Handeln, Erklärung‘, in dieser Reihenfolge. Gleichzeitig wird sichtbar, dass ‚rational‘ etwas Normatives ist. ‚Rationales‘ Verhalten ist anzustreben, und oft wird es, so das Wortprofil, nur ‚vermeintlich‘, ‚scheinbar‘ oder ‚halbwegs‘ erreicht. Oder das Ziel ‚rational‘ wird glattweg verfehlt, sodass ‚sondern emotional‘ zu seinen häufigsten Verbindungen zählt. Dabei beansprucht ‚rational‘ Universalität – ‚Mensch‘ gehört deshalb zu seinen gebräuchlichsten Nachbarn, und, in einer durchkapitalisierten Welt vielleicht nicht überraschend, auch der ‚Markt‘. Demgegenüber ist das ‚Emotionale‘ einerseits eingeschränkter – es erfasst, laut Wortprofil, weniger den ‚Menschen‘ als die ‚Frau‘. Andererseits muss es, weil Mitte und Maß der Rationalität zugeordnet sind, zu den Rändern ausweichen. ‚Emotional‘ kommt exzessiv daher, es ist ‚höchst‘, ‚sehr‘, ‚unglaublich‘, ‚äußerst‘, mit ihm wird die ‚Stimmung‘ ‚aufgeladen‘ und ‚aufgeheizt‘, wir befinden uns auf dem ‚Höhepunkt‘ oder in der ‚Tiefe‘, oder mit ‚Wucht‘ auf einer ‚Achterbahnfahrt‘. ‚Emotional‘ hat etwas Tektonisches, mit ihm wird es ‚bewegend‘ und ‚instabil‘, die Emotion ist eine ‚Reaktion‘. ‚Rational‘ hingegen betont die menschliche Handlungsfähigkeit. Allerdings bleibt diese abstrakt, da sie nicht an den Körper, sondern exklusiv an die gedankliche Sphäre gekoppelt wird: Gedanke, Wort und Handeln streben in unserem alltäglichen Sprechen aufeinander zu, um sich zu einer magisch-passiven Verantwortungsdiffusion kurzzuschließen – das ist es, was wir ‚rational‘ nennen.

Mir geht es dennoch wie der Mehrheit der Benutzerinnen des Deutschen, die wir gemeinsam diese digital auswertbaren Wortwolken erzeugen: Ich habe Sympathien für die geradezu utopische Klarheit des Rationalen. Nur bezweifle ich, dass diese Sympathien mehr sind als Erlösungssehnsucht und dass die simple Opposition zwischen schlanker Rationalität und ausschlagender Emotionalität eine durchdachte und zukunftsweisende Antwort auf die Wirklichkeit enthält. Die französische Philosophin Corine Pelluchon äußert in ihrem Buch „Das Zeitalter des Lebendigen“ Vorbehalte vor allem gegenüber der Körperlosigkeit gängiger Rationalitätskonzepte. Sie argumentiert, nicht ohne Schärfe, gegen den

Gegensatz von Geist und Materie und die Verachtung des Körpers. Erinnern wir uns daran, dass dieser Dualismus und das Vergessen der Körperlichkeit auch Schwachpunkte oder Mängel der früheren Aufklärung waren; sie erklären, dass die Moderne sich nicht vor der Barbarei zu schützen verstand und die Vernunft sich selbst zerstörte, zur Berechnung verkam und zugleich jeden Bezug zur Lebenswelt sowie die Fähigkeit verlor, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die Dualismen Geist/Körper und Kultur/Natur bilden die Haupthindernisse für den Übergang zu einem ökologisch nachhaltigen, gerechteren und weniger gewaltsamen Entwicklungsmodell. Das Vergessen der Körperlichkeit und die Verachtung der Verletzlichkeit sowie die Ablehnung der Alterität, die damit einhergeht, sind Mängel unserer Zivilisation, das Übel, das es auszumerzen gilt, um zu verhindern, dass sie sich selbst zerstört. Denn die Verachtung der Körperlichkeit und Materialität unseres Daseins geht immer Hand in Hand mit der Ablehnung unserer gemeinsamen Verletzlichkeit und der Obsession, ihrer Herr zu werden.1

Die Besessenheit davon, der Verletzlichkeit ‚Herr werden zu wollen‘, erzeugt für Pelluchon eine Welt, in der „das Herrschaftsschema allen Lebensbereichen die Mittel und Zwecke des Krieges auf[zwingt]“.2 Unsere also. Um das zu ändern, schlägt Pelluchon ein anderes Verständnis des menschlichen Subjekts vor. Sie plädiert dafür, seine „individualistische Konzeption“ aufzugeben und stattdessen ein „durchweg relationales Subjekt, das durch seine Existenz immer Auswirkungen auf die anderen und auf die Umwelt hat, zur Grundlage des Rechts zu machen“.3 Wenn ich dieses ‚relational‘ nun wiederum im DWDS nachschlage, komme ich zu ‚Relation‘ und zu seinen Synonymen ‚Beziehung‘, ‚Bezug‘, ‚Verhältnis‘, ‚Verbindung‘. Letzteres bringt mich zurück zu den Listen, die das Wort ‚emotional‘ begleiten: Bei derjenigen, die alle Kombinationsmöglichkeiten zusammenfasst, steht an der allerersten Stelle ‚Bindung‘. Kein Lebewesen ist ungebunden, und (Ver-)Bindungen und Emotionen sind ohne einander nicht zu haben. Schon unentrinnbar in einen verwundbaren Körper gebunden zu sein, ist für die Betroffenen nicht gleichgültig, sondern emotional ‚aufgeladen‘. Denn diese Körperlichkeit bedeutet ja nicht nur, dass eine Person einwirkt auf ihre Umgebung. Sie bedeutet auch, dass diese Umgebung einwirkt auf ihren Körper, sie von gedeihlichen Beziehungen zu dieser Umgebung in der radikalsten denkbaren Weise abhängig ist. Dass sie also, in diesem ganz konkreten Sinn, nicht frei ist. Sie nicht, die Person oder Frau. Und er, der Mensch oder Mann, auch nicht. Und niemand darüber hinaus. Ein Fakt, der sich nicht wegimponieren lässt, nicht wegbomben, nicht wegquälen, nicht wegmorden. Und der sich mit keinem Gedankenzauber der Welt rückstandsfrei in einer ‚Rationalität‘ verstauen lassen wird. Denn die Emotionalität ist nicht nur eine unausweichliche Begleiterscheinung, ein Effekt unserer körperlichen Verwundbarkeit. Sie ist maßgeblich mit dafür verantwortlich, den Punkt des Zerbrechens, Kollabierens eines Körpers in die Zukunft zu verschieben. Funktionierende Emotionen und die Fähigkeit, sie zu lesen, sind Gelingensbedingung. Denn sie geben Auskunft über die Wirklichkeit, darüber, in welchen Beziehungen zur Welt eine Person gerade steht, wie gut oder schlecht die Bedingungen für sie sind. Sie gruppieren die Wirklichkeit in nah und ferner, in wichtig und weniger wichtig, sie setzen Handlungsimpulse, oder versuchen das zumindest. Es ist, als würde die Verletzlichkeit auf unserer Emotionalität reiten. Als lasse sie, erneut im ganz konkreten Sinn, dem zerstörbaren Körper Fühler wachsen. [...]

1 Corine Pelluchon, Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung. Übers. v. Ulrike Bischoff. wbg Academic, Darmstadt 2021, S. 229.
2 Pelluchon, Das Zeitalter des Lebendigen, S. 230.
3 Pelluchon, Das Zeitalter des Lebendigen, S. 117.

Zur Autorin:
https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/anja-utler

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