Forum Sprachkritik

Über das Forum Sprachkritik

Das Forum Sprachkritik versammelt und diskutiert Texte von Mitgliedern der Akademie, die sich mit Entwicklungen, Phänomenen und Auffälligkeiten der Gegenwartssprache befassen. Gegenstand dieser Sprachkritik ist der Sprachgebrauch auf allen Ebenen und in allen Bereichen.

Das Forum öffnet sich für alle Gattungen der Sprachkritik: Kleine Formen, Randnotizen, Skizzen, Essays und sprachkritische Untersuchungen. Es lädt ein zu Beiträgen, die gleichermaßen unterhaltend und aufklärend, kurzweilig und nachdenklich sein können.

Das Forum wird getragen von der Auffassung, dass Sprachkritik keine Normen setzt und nicht den Anspruch erhebt, über »richtig« und »falsch« im Sprachgebrauch entscheiden zu können und zu wollen. Vielmehr will es Beispiel und Anregung zur Sprachreflexion sein und durchaus die Implikationen aufzeigen, die ein bestimmter Sprachgebrauch mit sich bringen kann. Die einzelnen Beiträge werden namentlich gekennzeichnet und geben stets die Position der Autorin oder des Autors wieder, nicht aber die der Akademie.

Das Forum Sprachkritik knüpft an das zwischen 2010 und 2016 bereits bestehende gleichnamige Format an.

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1Jürgen Schiewe
„... echt lecker“
Zur Eindimensionalität von Geschmacksurteilen

Wenn du die Begriffe nicht kennst, verliert sich auch die Kenntnis der Dinge.
Carl von Linné

Love the words.
Dylan Thomas

Gewiss gibt es in diesen beunruhigenden Zeiten wichtigere Themen, über die sprachkritisch reflektiert werden müsste (und ja auch wird), als den Ausdruck von Geschmacksurteilen. Aber man darf und muss sich auch einmal mit Unwichtigerem ablenken, und vielleicht kommt dabei heraus, dass sich in vermeintlich Unwichtigem Entdeckungen machen lassen, die auch für das Wichtigere von Nutzen sein mögen.

Es soll also um Geschmacksurteile gehen, genauer: um nur ein einziges Urteil, nämlich um lecker. Und obwohl es eigentlich überflüssig sein dürfte, soll doch vorweg klar gesagt werden: Es geht nicht um die Frage, ob etwas schmeckt, sondern darum, wie man darüber spricht, wenn es schmeckt. Und nicht wenige Menschen sprechen darüber – man höre einmal genau hin und vielleicht sogar auch sich selbst zu –, indem sie beispielsweise sagen: „der Wein ist richtig lecker“, „das war ein echt leckeres Essen“, „einfach lecker, diese Soße“, „das ist ein mega leckeres Dessert“ und so weiter.

Dieser Sprachgebrauch, ein positives Geschmacksurteil über Nahrungsmittel und Gerichte mit dem Wort lecker zu fällen, ist nicht neu. Bereits 2009, vor siebzehn Jahren also, hat Max Goldt einen ebenso witzigen wie klugen Text über den inflationären Gebrauch von lecker veröffentlicht. „Lippen abwischen und lächeln“ ist der Titel. Der Gebrauch, schreibt er vielleicht etwas übertreibend, habe seit den 1980er Jahren derart zugenommen, dass der Durchschnittsdeutsche vermutlich um die fünfzig- bis hundertmal am Tag „lecker“ sagt. Doch die Welt, beschwichtigt Goldt anschließend, ginge gewiss nicht unter, auch wenn es tausendmal verwendet würde, denn „das Wort ‚lecker‘ ist wirklich nichts als eine harmlose, dumme, lächerliche Mikrobe“.

Und doch – man hört hier fast sein Seufzen – wäre „zumindest unser Teil der ... Welt ... etwas hübscher, wenn seine Bewohner dazu überredet werden könnten, es nur noch einmal in der Woche auszusprechen oder wenigstens nur noch in bezug auf Gegenstände, zu denen es paßt, also beispielsweise auf grell schmeckende Industriejoghurts oder erfolgreich erwärmte Tiefkühlgerichte.“

Dazu ist es leider nicht gekommen. Und auch seine Vermutung, lecker sei „vielleicht das charakteristischste Adjektive der Zehnerjahre“ und würde ein Jahrzehnt später, also um 2020 herum, „von einer breiten Palette von Menschen als altmodisch empfunden werden“, hat sich nicht bewahrheitet. Der inflationäre Gebrauch von lecker ist ungebrochen. Es gibt keine Anzeichen für ein Außer-Mode-Kommen, und auch nicht dafür, dass sich die Verwendungskontexte in irgendeiner Weise auf Spezifisches (z.B. Industriejoghurts) eingeschränkt hätten. Im Gegenteil: überall, für alles und von allen scheint es benutzt zu werden: im Sterne-Restaurant und im Schnellimbiss, für Spitzenweine und für gezuckerte Softdrinks, von Gourmets (oder denen, die sich dafür halten) genauso wie von Convenience-Food-Liebhabern. Die „Generation lecker“, über die der kürzlich verstorbene badische Restaurantkritiker und Verleger Wolfgang Abel 2012 schrieb, ist inzwischen überall in unserer Gesellschaft angekommen.

Woher nun kommt das Wort lecker und welche Bedeutung hat es? Im „Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) ist für lecker folgende Etymologie zu finden:

„Lecker Adj.‘wohlschmeckend, appetitlich’ (eigentlich ‘was gut zu lecken ist’), mhd. lecker, im älteren Nhd. auch ‘Wohlschmeckendes liebend, wählerisch’; dazu Leckerbissen m. ‘wohlschmeckender Bissen’ (16. Jh.), Leckermaul n.‘Feinschmecker’ (17. Jh.); vgl. Leckmeuligen (16. Jh.).“

Als Bedeutungen werden genannt:
1. ‘sehr wohlschmeckend’, ‘appetitlich’ – (umgangssprachlich, übertragen: ‘reizend’, ‘adrett’)

2. (umgangssprachlich, veraltend) ‘wählerisch’, ‘begierig nach etw.’

Schaut man sich die typischen Verbindungen zu lecker an, die das DWDS auf Häufigkeitsberechnungen beruhend sehr schön visualisiert aufzeigt, dann dominieren eindeutig Kontexte, in denen die vor allem auf Essen bezogene Bedeutung ‚sehr wohlschmeckend, appetitlich‘ vorherrscht (https://www.dwds.de/wb/lecker#d-1-2):

Lecker hat also hauptsächlich die Bedeutung eines höchst positiven Geschmacksurteils, und umgekehrt wird ein solches Geschmacksurteil ganz überwiegend mit dem Wort lecker ausgedrückt, was auch die Google-Suche (am 26. März 2026) mit 68,4 Millionen Treffern nahelegt. Schmackhaft und köstlich dagegen kommen zusammen auf nur 15,5 Millionen Treffer.

Bezeichnend für die Gebrauch von Adjektiven mit großem Bedeutungsumfang und relativ wenigen inhaltlichen Bedeutungsmerkmalen ist es, dass sie mit Steigerungsausdrücken versehen werden, die das Urteil intensivieren. Für lecker sind das zum Beispiel (Angaben in Millionen, gerundet):

einfach lecker (62,9), super lecker/superlecker (37), richtig lecker (24,9), voll lecker (8,8), echt lecker (8,7), total lecker (8,7), mega lecker/megalecker (7,3 Millionen), unglaublich lecker (6,6 Millionen), ober lecker/oberlecker (4,2 Millionen). Recht neu ist wohl tausend lecker (tausendlecker), das die dreijährige Tochter von Freunden letztens zum selbstgebackenen Kuchen der Mutter sagte, allerdings bei Google auch schon ungefähr 500 Mal belegt ist.

Inzwischen isst man nicht nur leckere Gerichte und trinkt leckere Getränke, man kann auch – nur ein paar Beispiels - lecker wohnen, kann Lecker aufs Land reisen, die Sendung Lafer!Lichter!Lecker! schauen oder im Leckerladen einkaufen.

In seinem Buch „Lecker-Land ist abgebrannt. Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur“ (2020) schreibt Manfred Kriener, Journalist und ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift „Slow Food“:

„Eigentlich war ‚lecker‘ einmal ein schönes Wort, weil es so unprätentiös und einfach daherkommt. Mit der Verbindung zum Lecken hat es etwas Sinnliches, zugleich etwas Oral-Frühkindliches und Regressives. ... Die ständige Wiederholung hat den Begriff indes komplett entwertet. Er hat heute den Charakter eines nichtssagenden Verlegenheitstopos, er steht zugleich für Gedankenfaulheit und die Weigerung, Geschmack und Charakter einer Speise ein wenig origineller und treffender zu beschreiben.“

Da Ökonomie ein wichtiges Grundprinzip des Sprachgebrauchs und in dessen Folge auch der Sprache ist, könnte man die Beschränkung auf lecker als positives Geschmacksurteil im Grunde begrüßen. Aber man kann – sprachkritisch – auch eine andere Sichtweise einnehmen, weil es nämlich einen Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und (Wahrnehmung von) Wirklichkeit gibt, was schon Wilhelm von Humboldt ausgeführt und Benjamin Lee Whorf in seinem – zeitweise umstrittenen, heute wieder mit Modifikationen aktuellen – „sprachlichen Relativitätsprinzip“ aufgezeigt hat. Zwar gilt die Aussage, dass das, was man sprachlich (in Worten) nicht auszudrücken vermag, auch nicht denken und nicht wahrnehmen kann, gewiss nicht in dieser absoluten Form. Aber dass es der Wahrnehmung von Gegenständen und Sachverhalten wie auch der gedanklichen Unterscheidung hilft, wenn man treffende und differenzierende Ausdrücke zur Verfügung hat, lässt sich kaum bezweifeln.

Gottfried Wilhelm Leibniz hat gegen Ende des 17. Jahrhunderts eine kleine Schrift mit dem Titel „Unvorgreifliche Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache“ verfasst. In dieser wohl ersten systematischen Sprachkritik des Deutschen charakterisiert er „Worte als Vorbilder und gleichsam als Wechselzettel des Verstandes“. Sie seien „nicht nur der Gedanken, sondern auch der Dinge Zeichen“, und wir haben Zeichen nötig, „nicht nur unsere Meinung andern anzudeuten, sondern auch unsern Gedanken selbst zu helfen“. Damit wir die Dinge in ihrer Vielfalt wahrnehmen und auch entsprechend differenziert denken können, ist „ein Großes daran gelegen“, dass die Worte „wohl gefaßt, wohl unterschieden, zulänglich, häufig, leichtfließend und angenehm sind“.

Ein Wortschatz mit den Eigenschaften semantischer Präzision, Differenzierung, Passung, Vielfalt und Ästhetik wäre nach Leibniz also ein grundsätzliches Kennzeichen einer – wie sich heute sagen ließe – gut ausgebauten Sprache und ihrer entsprechenden Ausübung. Unter den „guten Beschaffenheiten“, die „bei einer Sprache verlangt werden“, nennt Leibniz als erstes „Reichtum“ (es folgen „Reinigkeit“ und „Glanz“):

„Reichtum ist das erste und nötigste bei einer Sprache und besteht darin, daß kein Mangel, sondern vielmehr Überfluß erscheine an bequemen und nachdrücklichen Worten, so zu allen Vorfälligkeiten dienlich, damit man alles kräftig und eigentlich vorstellen und gleichsam mit lebenden Farben abmalen könne.“

Diese Überlegungen müssen nicht kommentiert werden – sie sprechen für sich, und gegen lecker.

Auf die Frage, was denn gutes Deutsch aus sprachkritischer Sicht sei, habe ich einmal geantwortet, es seien die Kriterien „Angemessenheit, Prägnanz und Variation“, mit denen sich die Qualität einer Sprache und eines Sprachgebrauchs beurteilen ließen. Angemessen ist ein Sprachgebrauch, wenn Anlass, Situation und Publikum berücksichtigt werden; prägnant ist er, wenn er in Wortwahl und Grammatik die Erfordernisse der jeweiligen Textsorte trifft; schließlich sollte dort, wo es möglich ist, auch kreativ variiert werden. Gerade Letzteres praktizieren SchriftstellerInnen und Übersetzerinnen tagtäglich. Aber auch im Alltag, durchaus auch beim Essen und Trinken, ist es möglich und sinnvoll, sich um eine gute Sprache zu bemühen.

Zum Schluss noch etwas Persönliches. Meinen Studierenden im ersten Semester habe ich in der „Einführung in die Sprachwissenschaft“ oftmals folgende Episode erzählt: Als ich, vor einigen Jahrzehnten, meine Frau, eine Pharmazeutin mit großem Interesse für Pflanzen, kennenlernte, hat sie mir auf Spaziergängen Blumen gezeigt und die Namen dazu genannt. Ich, der ich lediglich rote, blaue und gelbe Blumen sowie Rosen und Tulpen unterscheiden konnte, war erstaunt über die Vielfalt. Warum auch immer – ich merkte mir die Namen und das Aussehen der Blumen: Kartäusernelke, Schöllkraut, Gundermann, Eisenkraut, Sternmiere und viele andere. Beim nächsten Spaziergang konnte ich glänzen: ‚Sieh dort, Eisenkraut – und dort, Gundermann‘. Seither sehe ich mehr, weiß ich mehr, verfüge ich über einen größeren Wortschatz. – Wir sind heute immer noch verheiratet. Ob das daran liegt, dass ich mir damals die Namen gemerkt und somit gelernt habe, die Blumen zu unterscheiden und wiederzuerkennen, weiß ich nicht. Geschadet hat es aber keinesfalls.

Für den Ausdruck von Geschmacksurteilen gibt es nicht so viele Wörter wie für Blumen. Aber es gibt sehr viel mehr als nur das eindimensionale lecker, denn letztlich sind alle Sinne, nicht nur der Geschmackssinn, beim Essen und Trinken beteiligt. Sucht man nach einem treffenden Wort, dann kann der nachfolgend abgebildete Teller eine Hilfestellung sein. Auf ihm finden man, sobald das vormals darauf Befindliche genossen ist, Varianten, prägnante Ausdrücke, letztlich angemessenere Wörter für das alles überdeckende lecker:

Zum Autor:
https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/juergen-schiewe

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1 Kommentar zu "„... echt lecker“":

    1. Julia Cloot / 13.05.2026

    Dazu eine Kindheitserinnerung an zwei Wörter aus dem Niederländischen, die meine im Rheinischen beheimatete Großmutter oft benutzt hat – „trekken“ für „ziehen“ und „lekker“ für eigentlich fast alles.

    Als Grundschülerin habe ich überrascht festgestellt, dass man das lustige Wort gar nicht mit kk, sondern mit ck schreibt, als „lekker“ hatte es mir viel besser im Mund gelegen.

    Julia Cloot
    Generalsekretärin der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung