1Ingo Schulze
Kriegstüchtig
I
Boris Pistorius sagte am 29. Oktober 2023 in der Sendung »Berlin direkt« des ZDF: »Wir müssen uns wieder an den Gedanken gewöhnen, dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte, und das heißt, wir müssen kriegstüchtig werden, wir müssen wehrhaft sein und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.« Nach seinen eigenen Worten ging es ihm um einen Mentalitätswandel. Ob Pistorius diesen bewirkt hat, zumindest teilweise, müssen Soziologen beantworten. Ob ein solcher Mentalitätswandel erstrebenswert wäre, ist eine andere Frage. Vor allem aber, was bedeutet »kriegstüchtig«?
Das Grimm‘sche Wörterbuch gibt für kriegstüchtig nicht viel her: KRIEGSTÜCHTIG, tüchtig zum kriege oder im kriege; auch dänisch krigsdygtig. KRIEGSTÜCHTIGKEIT, f: der adel, stolz auf seine kriegstüchtigkeit. morgenblatt 1847
Das DWDS definiert kriegstüchtig: »für bewaffnete Konflikte (größeren Ausmaßes, längerer Dauer) hinreichend vorbereitet; den Anforderungen kriegerischer Auseinandersetzungen genügend«.
Als ich diese Definition las, fragte ich mich, warum mich »kriegstüchtig« so aufgeschreckt, ja verstört hatte. Und nicht nur mir ging es ja so. War es die Kombination von zwei Wörtern, die für sich genommen gegensätzliche Bedeutungen haben? Krieg als Inbegriff von Gewalt, Mord und Zerstörung, tüchtig als ein Adverb oder Adjektiv, das vor allem für Personen verwendet wird, die sich positiv auszeichnen, die mit hohem Einsatz etwas Gutes bewirken wollen.
Sollte ich mich überwinden und »kriegstüchtig« respektieren, wenn es in Zusammenhängen gebraucht wird, die keineswegs kriegslüstern sind, sondern die Fähigkeit beschreiben sollen, einen Aggressor abzuhalten und das eigene friedliebende Volk vor Angriffen zu schützen? Die Frage allerdings ist, warum der deutsche Verteidigungsminister (und andere) dieses Wort gebraucht und kein anderes, das angemessener wäre und erst gar keine Missverständnisse aufkommen ließe. Ein Zitat aus der »Welt am Sonntag« verdeutlicht dies: »Verteidigungsminister Boris Pistorius forderte erst, die Bundeswehr müsse wieder verteidigungsbereit sein, inzwischen sagt er, sie müsse kriegstüchtig sein.« (5.5.24) Ist es falsch, die beiden Wörter nicht
synonym zu verstehen? Was passiert bei der Verschiebung von »verteidigungsbereit« zu »kriegstüchtig«?
Ich dachte plötzlich an jene Anekdote, in der ein Radfahrer mit einem Koffer auf dem Gepäckträger an der Landesgrenze gründlich gefilzt wird: Nicht nur wird jedes Kleidungsstück im Koffer inspiziert, auch der Koffer selbst wird auf doppelten Boden geprüft. Es wird sogar ein Päckchen Zigaretten über das erlaubte Maß hinaus gefunden, das sofort beschlagnahmt wird. Schließlich aber darf er den Koffer wieder zusammenpacken und mit Sack und Pack über die Grenze. Was er schmuggelt – ist das Fahrrad.
Während man sich darüber streitet, ob wir schon tüchtig oder noch untüchtig sind und was wir noch alles üben und wie viel Geld wir noch ausgeben müssen, um tüchtig zu werden, ist die Schmuggelware der erste Teil des Kompositums: Krieg.
Unter der Hand steht der »Krieg« nun auch für Deutschland als Option in der Welt, ja die Tatsache eines Krieges scheint nur noch eine Frage des Zeitpunkts zu sein: Laut BND-Präsident Kahl kommen die Russen »bis 2030«, Generalinspekteur Breuer rechnet »ab 2029« mit ihnen. Sigmar Gabriel hat mehr Einfühlungsvermögen: »Wäre ich Putin, würde ich 2028 kommen.« Ex-Nato-General Shirreff denkt eher an den »März 2027«, Wehrexperte Gressel glaubt zu beruhigen, wenn er von «allerfrühestens Mitte 2026« spricht. Der Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel, der sich bereit erklärte, im Kriegsfalle wieder, wie schon während seiner Dienstzeit in der Bundeswehr, eine Tankstelle zu leiten (diesmal im Baltikum), hält es für möglich, dass wir 2025 einen »letzten Sommer im Frieden« erleben durften. Und Generalleutnant Alexander Sollfrank, Chef des operativen Führungskommandos der Bundeswehr meint, Russland könnte »Nato-Gebiet in kleinerem Maßstab bereits morgen angreifen«.
Krieg ist nichts mehr, das mit allen Mitteln, wirklich allen, verhindert werden muss, sondern eher eine Frage der Zeit. Der Gebrauch von »kriegstüchtig« wird über eine Grenze geschmuggelt, vom Unvorstellbaren ins Vorstellbare, ja Erwartbare und tut seither seine verharmlosende Wirkung. Mittlerweile klingt »kriegstüchtig« beinahe schon wie »verkehrstüchtig«, »fahrtüchtig«, »seetüchtig«.
II
Bei einer Befragung im Juli 2025 durch Forsa im Auftrag des »Redaktionsnetzwerk Deutschland« waren in Deutschland 16 Prozent der eintausend Befragten bereit, im Verteidigungsfall zur Waffe zu greifen. 22 Prozent der Befragten wollten es »wahrscheinlich« tun. 59 Prozent hingegen wollten es »wahrscheinlich nicht« oder gar nicht.
Ich kann nicht sagen, wie ich selbst geantwortet hätte, noch was ich raten würde. Denn diese Frage lässt sich theoretisch nicht beantworten. Kaum einer der Befragten wird eine Vorstellung davon haben, was Krieg tatsächlich bedeutet. Ich weiß es auch nicht, ich weiß nur, dass ich mir Krieg nicht grausam genug vorstellen kann.
Woher soll ich wissen, wie ich mich selbst auf dem Schlachtfeld verhalten würde, ob ich es fertigbrächte, andere zu erschießen, ob ich fähig wäre zu helfen oder in Panik Reißaus nähme oder mir vor Angst in die Hosen machte oder womöglich fortan ein Fall für die Psychiatrie wäre, weil ich den Anblick zerfetzter und vor Schmerz schreiender Menschen nicht mehr aus meinem Kopf bekäme. Klammheimlich unterstelle ich dabei, ich selbst bliebe unversehrt, ich wäre nicht von »Streumunition« verletzt worden oder in den Wirkungsbereich von »Kamikazedrohnen« oder »Gleitbomben« geraten. Ich kann auch nicht sagen, ob es auf dem von Drohnen vollständig überwachten »gläsernen Schlachtfeld«, jener zehn oder zwanzig oder dreißig Kilometer breiten Todeszone, überhaupt eine Rolle spielte, ob ich ein gut oder schlecht ausgebildeter Soldat oder Unteroffizier wäre. Sechzig Prozent der getöteten oder verletzten Soldaten an der ukrainischen Front gehen auf Situationen zurück, in denen Nachschub gebracht wurde oder die Soldaten rotierten. Wer sich bewegt, hat schlechte Karten.
Jegliches Nachdenken über den Krieg stellt eine Kategorie für sich dar. Krieg ist mit nichts vergleichbar. Und es liegt ein unüberbrückbarer Graben zwischen Leben und Tod, zwischen denen, die zu kämpfen haben, und jenen, die nicht kämpfen müssen. Wer nicht selbst in einem Schützengraben ausharren muss, Drohnen lenken oder abschießen, in einen Panzer steigen oder durch feindliche Linien robben muss, hat gut reden über heroischen Kampf und Verteidigung von Werten.
Auch wenn in der oben zitierten Umfrage nur eine Minderheit bereit war, sofort zur Waffe zu greifen, meinten 27 Prozent, Deutschland würde in den nächsten fünf Jahren angegriffen und sogar 59 Prozent glauben, Deutschland werde »wahrscheinlich« in diesem Zeitraum seiner Beistandspflicht nachkommen müssen.
Ob sich jemand zum Wehrdienst meldet oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung, in der Konsequenz eine auf Leben und Tod. Die Werbung für die Bundeswehr, der man sich zur Zeit weder im öffentlichen Raum noch in den Medien entziehen kann, sollte mindestens mit ähnlichen Warnhinweisen versehen werden müssen wie eine Zigarettenpackung: »Militär ist tödlich«!
Wenn ein kommendes Schlachtfeld tatsächlich derart wahrscheinlich ist und die Situation in der Welt als derart explosiv gilt, wie die Umfrage nahelegt, was ist dann für jemanden, der damit rechnen muss, in einen Krieg und an eine Front geschickt zu werden, die erste und dringlichste Forderung an sein Land, an die politisch Verantwortlichen? Doch wohl jene, alles zu tun, mich und meine Angehörigen, meine Freunde und Nachbarn und Kollegen nicht in diese Lage zu bringen! Ich würde verlangen, dass es ununterbrochen Verhandlungsbemühungen gibt und alle möglichen Varianten, mit dem Feind zu einem Friedensschluss zu kommen, genutzt werden. Dazu gehört auch ein Militär, das hochgradig verteidigungsfähig ist, aber dessen Offensivkraft demonstrativ beschränkt bleibt. Es bedürfte einer umfassenden Diskussion über den Charakter der eigenen Streitkräfte und zugleich einer schlaflosen Diplomatie.
III
Frieden ist ein rares Wort geworden. Sich für Frieden einzusetzen, Frieden zu fordern, hat, gern irrte ich mich, im öffentlichen Diskurs den Beigeschmack von Kapitulation, ja beinah von Verrat bekommen, als brauchte Frieden noch ein Adjektiv, um überhaupt salonfähig zu werden, zum Beispiel: »gerechter Frieden«, »wirklicher Frieden«.
Angesichts der Verheerungen des Krieges, angesichts der getöteten Soldaten (die zahlenmäßig jeweils für die Gegenseite aufgelistet werden) und Zivilisten (die von der eigenen Seite genannt werden), sollte Frieden an sich ein Wert sein.
Ich verstehe nicht, warum die große Mehrheit der gewählten europäischen Politiker, darunter auch Kanzler Friedrich Merz, die Initiative für Waffenstillstand und Friedensgespräche einem US-Präsidenten überlässt, den »unberechenbar« zu nennen noch eine der freundlichsten Beschreibungen ist, und der sein Land entdemokratisiert und mit Verbündeten nach Lust und Laune verfährt. »Peinlicherweise«, muss man fast sagen, ist es US-Präsident Trump gewesen, der Frieden forderte und damit das Sieg-Frieden-Muster durchbrach – aus welchem Kalkül auch immer (ob er Russland von China loseisen will, die Ukraine als europäische Angelegenheit betrachtet, Geschäfte mit Russland machen will oder weiter nach dem Friedensnobelpreis schielt). Die andere Peinlichkeit waren die gemeinsamen Auftritte der wichtigsten westeuropäischen Staatenlenker samt der Spitzen von EU und NATO im Weißen Haus Ende August 2025. Als jene, die von ihnen repräsentiert werden, mussten wir mit ansehen, wie sich die europäischen Staatschefs herumkommandieren und abfragen ließen und dabei noch Gelegenheit fanden, dem Gastgeber zu schmeicheln. Und keiner von ihnen widersprach, als Trump behauptete – allerdings »nur« gegenüber dem ukrainischen Präsidenten, was unsere Repräsentanten im Nebenraum live mitverfolgen durften –, der Krieg in der Ukraine wäre »Bidens Krieg«.
Die TV-Bilder von Trump und den europäischen Staatschefs zeigten ein Lehrer-Schüler Verhältnis, in dem der eine fragt und aufruft, und der (oder die) Aufgerufene antwortet.
Diese Bilder führten nicht nur die tatsächliche oder vermeintliche Abhängigkeit Europas von den USA vor Augen, sie machten auch das Fehlen einer eigenen europäischen Strategie, eines eigenen europäischen Plans, Frieden in der Ukraine zu schaffen, offenbar. Warum fehlt dieser Plan?
IV
An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Exkurs einfügen und unser Mitglied, den im Mai 2023 verstorbenen bosnisch-europäischen Schriftsteller Dzevad Karahasan zitieren. In einem Interview, das seine Lektorin zur Neuübersetzung des »Tagebuchs einer Übersiedlung« von 2021 mit ihm führte, nennt er als einen Grund, warum er das belagerte und von der »Jugoslawischen Volksarmee« beschossene Sarajevo verließ: »… im Herbst 1992 fiel mir auf, dass ich bereits im Begriff war, mir das dualistische Weltbild anzueignen: Es gibt ‚sie‘ und es gibt ‚uns‘, wobei wir die Opfer sind, unschuldig und gut, während sie in allem das Gegenteil sind. Meinem Verstand ist klar, dass dieses Bild nicht stimmen kann, aber mein emotionales Wesen muss es sich unter den Verhältnissen der Belagerung aneignen, weil das einzige Unglück, das ich sehe, unseres ist, die einzigen Menschen, mit denen ich mitfühlen kann, unsere sind, alle Leiden, die ich sehe, unsere sind. […] Das dualistische Weltbild ist gefährlich, weil es eine Vereinfachung darstellt, die erfolgreich so tut, als wäre sie keine.« Und Karahasan fährt fort: »Doch der Schriftsteller und die Literatur, wie ich sie verstehe, dürfen sich nicht auf die Vereinfachung einlassen, die Vereinfachung ist meinem Empfinden nach eine fundamentale Sünde, die schwerste, die Literatur begehen kann.«
V
Der Überfall Russlands auf die Ukraine war ein Verbrechen. Das gilt für jeden Krieg, der gegen ein Land begonnen wird. Der anfangs nahezu aussichtslos scheinende Widerstand der Ukraine gegen die russischen Truppen wurde durch die NATO, die EU und die meisten Länder Europas massiv unterstützt. Gleichzeitig setzten schon wenige Tage nach Kriegsbeginn Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland ein, die im März und April 2022 in Istanbul Konturen gewannen, sie schienen erfolgversprechend. Wäre damals tatsächlich ein Waffenstillstand und oder gar ein Friedensvertrag gelungen – Hunderttausende wären noch am Leben, nicht weniger Menschen wären von bleibenden seelischen und körperlichen Versehrungen verschont geblieben, von den materiellen Verwüstungen zu schweigen.
Was zu Beginn des Krieges möglich, ja greifbar nahe schien, rückt, so kommt es mir vor, mit jedem weiteren Tag Krieg in weitere Ferne. Denn eine Strategie, gar ein ernsthafter Plan, wie Frieden jenseits der Rückeroberung aller ukrainischer Gebiete und einer militärischen Niederlage der Atommacht Russland erreicht werden könnte, lässt sich auf europäischer Seite nicht erkennen. Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Putin wurden abgelehnt, sofern Russland nicht Vorbedingungen erfüllte. Geändert hat sich an dieser Position nichts, nur die Vorbedingungen sind aufgrund des Kriegsverlaufs andere geworden.
Es sind zwei verschiedene Dinge, ob ich Angreifer und angegriffenes Land beim Namen nenne oder ob ich beide Seiten durch die Berichterstattung und Kommentierung überhöhe. Das Schwarz/Weiß-Denken, das mit jedem Krieg einhergeht, hat in Deutschland und anderen europäischen Staaten im Falle der Ukraine aus einem angegriffenen Land, dem unsere Unterstützung gelten muss, das Gute schlechthin gemacht, aus dem Angreifer, dem auf jegliche Art geschadet werden muss, das Böse schlechthin, Sakralisierung auf der einen Seite, Dämonisierung auf der anderen. Es scheint mir genau das zu sein, was Karahasan das dualistische Weltbild nennt, ein Weltbild, das »eine Vereinfachung darstellt, die erfolgreich so tut, als wäre sie keine.«
Jedes Zugeständnis an den Aggressor wird nun zum Gesichtsverlust, jeder Ruf nach Diplomatie zum Verrat, jeder Kontakt mit Russland zur Beihilfe zu oder der Solidarisierung mit einem Eroberungskrieg. Denn mit dem Bösen lässt sich nicht verhandeln, das Böse lässt sich nur bekämpfen.
Statt mit aller Kraft auf Verhandlungen zu drängen – wie es ja eigentlich die Aufgabe einer Chef-Diplomatin der EU wäre –, verkündet Kaja Kallas, mit Russland könne man nicht verhandeln. Roderich Kiesewetter ließ sich gar dazu hinreißen, in einem Tweet im September 2025 zu schreiben: »Gesülze von Friedensverhandlungen muss aufhören.«
Wer selbst sein Leben an der Front riskieren muss, könnte auch anders darüber denken. In der ukrainischen Armee hat es allein zwischen November 2024 und Juli 2025 laut der für n-tv aus der Ukraine berichtenden Korrespondentin Kavita Sharma (6.8.25) nach ukrainischen Angaben einhundertzweiundzwanzigtausend (122.000) Deserteure gegeben (im gleichen Zeitraum wurden Dank einer Amnestie 29.000 Fahnenflüchtige wieder in die Streitkräfte aufgenommen). Allein im Oktober 2025 gab es laut Sharma (17. 11. 25) über einundzwanzigtausend Fälle von »Fahnenflucht und unerlaubtem Wegbleiben«. Seit die ukrainische Regierung die Ausreisebestimmungen für 18 bis 22jährige Männer gelockert hat, treffen, statt wie vorher nur ca. zwanzig, nun 1400 bis 1800 junge ukrainische Männer pro Woche ein, Polen und Tschechien melden noch höhere Zahlen. »Es ist keinem geholfen, wenn immer mehr junge Männer aus der Ukraine nach Deutschland kommen, anstatt ihre eigene Heimat zu verteidigen«, sagte Markus Söder laut Bild-Zeitung am 23. 10. 25 und forderte eine Rücknahme der ukrainischen Regierungsentscheidung. Sind tausende junge Männer (und ihre Familien und Freunde) denn niemand? Diesen anfeuernden Patriotismus aus sicherer Distanz teilt auch Carsten Linnemann (3. 11. 25): »Und wir unterstützen ja die Ukrainer auch. Da geht es ja um ein ganz wichtiges Thema: Um Frieden, um Freiheit. Und dass junge Menschen in der Zahl zu uns kommen, finde ich, ist nicht hinnehmbar, weil ja in der Ukraine gekämpft wird. Und da braucht es ja auch diese Menschen.« Und von Friedrich Merz wird in einer Ticker-Meldung auf n-tv am 13.11.25 berichtet »17:08 Merz bittet Selenskyj, junge Ukrainer zum Kriegsdienst zu bewegen +++ Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich dafür ausgesprochen, dass insbesondere junge Männer aus der Ukraine statt einer Ausreise nach Deutschland, den Dienst in ihrem Land versehen sollten. Er habe in einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ‚darum gebeten, dafür zu sorgen‘. In der Ukraine ‚werden sie gebraucht‘, so Merz weiter.«
Ich frage mich, was in Selenskyj, was in den Ukrainern vor geht, wenn sie sich solche Ratschläge anhören müssen? Warum lösen jene jungen Männer, die nach Deutschland fliehen, Befremden aus, aber Äußerungen wie von Lindsey Graham – laut »Spiegel« »einer der einflussreichsten Politiker im US-Kongress« – in einem Interview, das er Ende Januar 2023 dem Nachrichtenmagazin gab, sind nicht mal eine Nachfrage wert: »Ich glaube«, sagte Graham, »wir haben eine Gelegenheit, wie es sie nur einmal in einer Generation gibt: dem russischen Militär den Rücken zu brechen, ohne amerikanische oder deutsche Soldaten auf das Schlachtfeld zu schicken. Die Ukrainer können die Russen schlagen, wenn wir ihnen Waffen und Geheimdienstinformationen zur Verfügung stellen.«
VI
Die von US-Präsident Trump geforderte Zahl von 3,5 Prozent oder zukünftig sogar 5 Prozent des BIP für Militärausgaben, orientiert sich offenbar an den 3,4 Prozent der USA. Diese unvorstellbaren Geldbeträge werden den europäischen Nato-Partnern auferlegt, willkürlich, ohne erläuternde Diskussion.
So wie das Reden über den Krieg für diejenigen, die an der Front ihr Leben riskieren, etwas anderes ist als für alle anderen, ist es auch keine Diskussion wie jede andere, wenn es um Ausgaben für das Militär geht.
Was bedeutet die Aufrüstung für das Alltagsleben in Deutschland? Kanzler Merz erklärte: »Die Trennung von Innen und Außen ist einfach überholt. Denn das Engagement der Bundesregierung im Äußeren dient der Bewahrung von Freiheit und Frieden und Wohlstand.« Damit ist es obsolet geworden zu fragen, welche Auswirkungen die Kürzungen der Sozialausgaben haben werden, die wir uns laut Merz »schlicht nicht mehr leisten können«.
Das Geld, das ausgegeben wird, um kriegstüchtig zu werden, fehlt uns bitter im Inneren, im Kindergarten und der Schule, an der Universität, im Senioren- und Pflegeheim, in der Kultur. Jede geschlossene Jugendeinrichtung, jeder entlassene Musiklehrer, jede nicht neu besetzte Arztpraxis schwächt auch die Gesellschaft, wird zur Bedrohung des sozialen Friedens – die soziale Sicherheit der wird immer mehr unterminiert, die anderen werden einfach reicher – und liefert ungewollt Rechtsextremen Argumente und Wahlerfolge.
Die Verheerungen sind absehbar. Während die Präsidentin des Sozialverbandes Deutschland (VdK) Verena Bentele wiederholt mahnt: »Die Spaltung in der Gesellschaft wird immer größer«, meint Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius: »Und wir müssen jetzt wieder lernen, dass Bedrohungslage vor Kassenlage geht.«
Die Aktie von Rheinmetall hat allein seit Beginn dieses Jahres »bereits um rund 216 Prozent zugelegt und markiert ein neues Allzeithoch nach dem anderen.« (wallstreet journal online 19. 9. 25). An selber Stelle hieß es: »Für die nächsten sechs bis zwölf Monate rechnen die Experten mit einem regelrechten ‚Zuckerrausch‘ der Konjunktur – getragen vor allem von militärischen Investitionen.«
An ungewollter Komik kaum zu überbieten, fordert der Rheinmetall-Chef Armin Papperger regelmäßig – gemäß seinem Auftrag –, die Militärausgaben zu erhöhen. Seit Kriegsbeginn ist die Aktie von Rheinmetall um fast zweitausend Prozent gestiegen, ihr Wert hat sich also verzwanzigfacht (Berliner Zeitung, 24. 11. 25).
Der Gedanke, die Rüstungsindustrie zu verstaatlichen, kommt bei dem einstigen Black-Rock-Manager Merz nicht auf. »In Russland kostet eine Artilleriemunition vom Typ 152 Millimeter, also eine Granate, knapp 1000 Dollar, während in Europa der Preis von circa 800 bis 1000 Dollar vor dem Krieg auf mittlerweile 6000 bis 8000 Dollar angestiegen ist«, sagt Oberst Markus Reisner in einem Interview am 7.4.25 auf n-tv. Da in Deutschland wie in der EU weiterhin Nachfrage und Angebot die Preise diktieren, wird es bei anderen Rüstungsgütern nicht grundsätzlich anders sein.
Eine der wenigen Stimmen, die sich öffentlich kritisch über die »Krisengewinner« äußern, ist der Chef der IG-Metall Küste, Daniel Friedrich. Man dürfe nicht mit Panzern, Fregatten und Kriegsmaterial mehr Gewinn machen, als etwa mit Autos oder Brötchen. Gewinne explodierten und Aktienkurse verzwanzigfachten sich. »Wir reden über Einsparungen beim Sozialstaat, Streichungen beim Bürgergeld, weniger Rente, etc. Und gleichzeitig verdienen sich Rüstungsunternehmen und Aktionäre dumm und dämlich. Das ist etwas, was wir nicht akzeptieren.« Es gehe auch um Gerechtigkeit. (20.9.25, NDR 90,3)
Deshalb schlägt die Gewerkschaft vor, Rüstungskonzerne mit einem zusätzlichen Steuersatz von 50 Prozent zu belegen, wenn deren Gewinne mit 20 Prozent über dem Durchschnitt der vorangegangenen Jahre liegen. Man wird sehen, ob selbst diese harmlose Forderung, die dem ökonomischen Kosmos der Gewerkschaften verhaftet bleibt, eine Chance haben wird.
VII
Dirk Kurbjuweit schrieb im »Spiegel« vom 21. 4. 25: »Das Rüstungsgeschäft ist keins wie alle anderen. Wenn Politik, Militär und Industrie eng kooperieren, wächst die Gefahr, dass sich ein gigantischer Komplex bildet, der sich abschottet und nach eigenen Regeln funktioniert, dabei spezielle Interessen verfolgt, die sich nicht mit denen einer Gesellschaft decken. Krieg kann hier fatalerweise eine Versuchung sein, noch mehr Geld zu machen.«
Welche verschiedenen Empfindungen streiten bei den Inhabern militärischer Aktien miteinander, wenn von Friedensverhandlungen gesprochen wird, beispielsweise von dem 28-Punkte-Plan der US-Regierung?
Am 21. November 25 hieß es dazu auf n-tv: »Das Bemühen der USA um ein Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine belastet die Rüstungswerte. Im Dax verlieren Rheinmetall in der Spitze 6,1 Prozent, im MDax geben Renk und Hensoldt zeitweise mehr als neun beziehungsweise sechs Prozent nach. Der europäische Verteidigungsindex notiert 2,8 Prozent schwächer. Auch wenn Europa sich überrumpelt fühle - es könnte sein, dass der Friedensplan tatsächlich erfolgreich sei, sagt ein Händler.« Ein für mich neues Wort erschien in Überschriften: »Friedensangst« (u. a. bei n-tv).
Wieder ist EU-Europa nicht in der Lage zu agieren, nur zu reagieren. Wieder reichte es nur zu hektisch besprochenen Gegenvorschlägen, von denen zweifelhaft ist, ob sie überhaupt eine Rolle im weiteren Verhandlungsverlauf spielen werden.
VIII
Im Kalten Krieg gab es ein klares Feindbild, es wurde viel Geld, aber prozentual gesehen etwas weniger als heute für militärische Aufgaben bereitgestellt. Allerdings waren die hohen Militärausgaben begleitet von einem Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit, von Gesprächsversuchen, von Bemühungen um Rüstungskontrollen, vom KSZE-Prozess, von Verträgen zur Begrenzung der atomaren Aufrüstung etc. Heute fehlen parallele europäische Initiativen.
Wenn ein Waffenstillstand und Friedensschluss nicht von weiterführender Deeskalation, von Verträgen über Rüstungskontrolle, über die Begrenzung und schrittweise Vernichtung von Nuklearwaffen und eine neue Vertrauensbildung begleitet wird, ist nicht nur ein auch unsere Gesellschaft ruinierender Rüstungswettlauf programmiert, sondern letztlich ein nächster Krieg wahrscheinlich.
Wir sollten »kriegstüchtig« aus unserem Vokabular streichen und es durch »verteidigungsfähig« und »friedenstüchtig« ersetzen.
Möchten Sie den Beitrag kommentieren? Schicken Sie uns Ihre Meinung, wir veröffentlichen sie nach redaktioneller Prüfung.
1 Kommentar zu "Kriegstüchtig":

1. Kai Bremer / 16.01.2026
'Friedenstüchtig' statt 'kriegstüchtig'? Eine begriffsgeschichtliche Erwiderung
Ingo Schulzes kritische Überlegungen zum Sprachgebrauch des Verteidigungsministers verfolgen letztlich zwei Anliegen, die eng miteinander in Beziehung stehen. Zum einen klären sie, wie Boris Pistorius' Äußerung, das Land müsse wieder 'kriegstüchtig' werden, zu verstehen ist. Warum, so ließe sich ergänzend fragen, gerade dieses Wort, dessen doch recht komplexe Bedeutungsbreite Schulze dargelegt hat? Zum anderen versucht Schulze – besonders am Ende seines Artikels – Alternativen aufzuzeigen. In erster Linie begriffliche, damit einhergehend aber auch politische. Das zeigt seine Schlusspointe deutlich, in der er fordert, 'kriegstüchtig' durch 'verteidigungsfähig' sowie 'friedenstüchtig' zu ersetzen. Die folgenden Ausführungen reagieren zunächst auf das politische Anliegen seiner Überlegungen (I-II), um sich dann erneut dem Begriff 'kriegstüchtig' zuzuwenden (III-V).
I
Schulzes Warnung vor den Gefahren einer Rüstungsspirale sind sehr berechtigt. Vor dieser Dynamik hatte ich immer großen Respekt. Deswegen habe ich mich in den späten 1980er Jahren in der alten Bundesrepublik dafür entschieden, den Kriegsdienst zu verweigern und stattdessen den verlängerten Zivildienst anzutreten. Zu dieser Zeit erfolgte die Verweigerung in der Regel nur noch schriftlich. Persönliche Befragungen, in denen im Kreiswehrersatzamt versucht wurde, den Befragten in die Enge zu treiben, kannte meine Generation in den meisten Fällen nur aus Erzählungen älterer Brüder. Ich war darüber sehr froh. Denn ich zweifle bis heute nicht daran, dass ich notfalls versuchen würde, meine Familie und Freunde zu verteidigen. Ich würde auch nicht vor dem Einsatz einer Waffe zurückschrecken, hätte ich sie zur Hand und wüsste, wie ich sie einsetzen muss. Ich glaube zudem, dass meine Psyche letztlich damit klarkäme, nähme der Angreifer durch meine Notwehr Schaden.
Hintergrund meiner Haltung ist der Umstand, dass ich in der 6. Klasse das erste Mal die Erfahrung gemacht habe, dass sich die Grenze zwischen Angriff und Verteidigung nur vor dem ersten Schlag klar ziehen lässt. Schulzes Unterscheidung zwischen 'kriegstüchtig' und 'verteidigungsfähig' überzeugt als Appell, unseren alltäglichen Sprachgebrauch nicht unnötig aufzuheizen. Letztlich scheint sie mir aber sehr abstrakt. Spätestens in dem Moment, in dem eine Partei angreift, ist es nicht mehr möglich, zwischen 'kriegstüchtig' und 'verteidigungsfähig' zu unterscheiden. Man stelle sich vor, ein Politiker würde fordern, die Ukraine so zu unterstützen, dass sie zwar 'verteidigungsfähig', nicht aber 'kriegstüchtig' sei. Eine solche Forderung würde Ratlosigkeit erzeugen.
II
Schulze fordert ergänzend, dass die Politik weniger über Kriegs- und mehr über ihre 'Friedenstüchtigkeit' nachdenken solle. 'Friedenstüchtig' ist ein wunderschönes Wort, weil es all die positiven Momente, die 'tüchtig' beinhaltet (Schulze hat sie präzise ausgeführt), überzeugend aufnimmt und in eine dezidiert pazifistische Richtung wendet. Wer eine 'friedenstüchtige' Politik fordert, hat sicherlich die Sympathie weiter Teile der deutschen Bevölkerung auf seiner Seite. Nicht zuletzt deswegen, weil damit ein utopisches Moment in die derzeit so bittere Realpolitik eingeführt wird. Schulze stellt 'friedenstüchtig' als sprachkritische Pointe gegen 'kriegstüchtig' und setzt damit einen überzeugenden Schlusspunkt.
Sucht man allerdings ein wenig im Internet herum, wird deutlich, dass 'friedenstüchtig' seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine nicht zuletzt von Oppositionspolitikerinnen und ‑politikern genutzt wird, die der Bundesregierung tendenziell bellizistisches Handeln unterstellen möchten. So schön 'friedenstüchtig' anmutet, das Wort kann tendenziell sein utopisches Potential rasch einbüßen und als politischer Kampfbegriff vereinnahmt werden. Die ehemalige Parteivorsitzende der Partei "Die Linke" Wissler hat das versucht. Wer wollte es dem Bundeskanzler im Gegenzug verübeln, bescheinigte er sich selbst angesichts der inzwischen zahlreichen Treffen mit den Staatsoberhäuptern Großbritanniens, Frankreichs und der Ukraine eine 'friedenstüchtige' Politik? Dass das bisher nicht geschehen ist, hat vielleicht lediglich sprachliche Gründe. Der 'friedenstüchtige Friedrich' wäre schlicht zu viel des Guten und ein zu großer Bruch mit der im Vornamen des Kanzlers still mitschwingenden preußischen Tradition.
III
Und damit zurück zu 'kriegstüchtig'. Schulze spürt in seinen Überlegungen der gegenwärtigen Bedeutung des Begriffs nach und bezieht sie auf die aktuellen politischen Ereignisse. Die Begriffsgeschichte von 'kriegstüchtig' berührt er hingegen nur am Rande. Dazu hat sich schon kurz nach Pistorius' Äußerung der Militärhistoriker Sönke Neitzel geäußert und sie auf die Militärtradition der Bundesrepublik bezogen, um die bisherigen Aufrüstungsbemühungen zu bilanzieren und auch zu kritisieren (vgl. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/bundeswehr-2024/556392/kriegstuechtig/). Im deutlichen Kontrast dazu steht ein Artikel von Paul Rosenfelder im linken Online-Magazin Jacobin. Er behauptet eine militaristische Dimension des Begriffs und legt eine latente Nähe zwischen Pistorius' Wortwahl und Ernst Jüngers Polemik gegen den vermeintlichen "Komfortismus" der Weimarer Republik nahe (https://jacobin.de/artikel/kriegstuechtigkeit-sombart-juenger-mann-faschismus).
Dass 'kriegstüchtig' derzeit offenkundig ein umkämpfter Begriff ist, dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass er verhältnismäßig 'deutsch' wirkt. Wie sehr er das ist, wird deutlich, wenn man versucht, das Wort in andere germanische Sprachen zu übersetzen. Das Englische hält für 'kriegstüchtig' bemerkenswerterweise keinen eigenen Begriff bereit. Naheliegend wäre es von 'fit for war' oder 'fit for service' zu sprechen. Ins Niederländische lässt sich 'kriegstüchtig' ebenfalls nur mit deutlichen Bedeutungsverschiebungen übertragen. Wer auf der Arbeit 'tüchtig' ist, ist 'handig', 'bekwaam', manchmal auch 'flink'. Für 'kriegstüchtig' schlagen Online-Wörterbücher 'oorlogsgeschikt' oder 'oorlogsvaardig' vor. Diese Wörter beziehen sich aber vor allem auf militärische Fertigkeiten und gerade nicht auf die Bereitschaft zum Krieg. Zudem sind sie im Niederländischen alles andere als gebräuchlich. Ähnlich verhält es sich im Schwedischen, für das verschiedene Wörterbücher u.a. 'stridsduglich' oder 'krigsförmögen' anbieten. Am Nächsten ist das Dänische, das sich – darauf hat schon 1870 das Grimm'sche Wörterbuch hingewiesen – mit 'krigsdygtig' deutlich ans Deutsche anlehnt.
IV
'Kriegstüchtig' ist aber nicht nur ein sehr deutsches Wort. Es kommt vor allem auch in einem spezifischen Moment der deutschen Geschichte auf.
(Quelle: https://www.dwds.de/wb/kriegstüchtig (zuletzt abgerufen am 27.12.2025))
Die Konjunktur von 'kriegstüchtig' setzt im Vormärz ein, also in einer Epoche, die tendenziell eher für innenpolitische Auseinandersetzungen steht. Das Wort erlebt im Kaiserreich einen rasanten Aufstieg, was angesichts des deutsch-dänischen sowie des deutsch-französischen Krieges wenig überrascht. Und es hat seinen Zenit im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, während des 1. Weltkriegs, erkennbar überschritten. Diese Befunde sind gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.
Als ein wichtiges Moment in der Herausbildung moderner Staatlichkeit gilt üblicherweise die Abkehr von Söldnerheeren und die damit einhergehende Einführung von stehenden Heeren. Ausgangspunkt dafür sind die oranischen Heeresreformen im 16. Jahrhundert. Sie sind die Voraussetzung für die Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande von den spanischen Habsburgern bzw. die Herausbildung des zweiten quasi-republikanischen Staates in Europa nach der Schweiz. In den deutschen Ländern hat man diese Entwicklung sehr aufmerksam verfolgt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil eine wehrhafte bzw. wehrfähige Bevölkerung potentiell selbstbewusster gegenüber dem Fürsten auftreten konnte und oft auch aufgetreten ist. Trotzdem bauen die deutschen Fürsten im 18. Jahrhundert allmählich und immer umfangreicher stehende Heere auf. Anders als man annehmen könnte, entsteht 'kriegstüchtig' in dieser Zeit laut DWDS aber noch nicht. Das Wort mag heute manchen Zeitgenossen militaristisch und deswegen vielleicht auch 'preußisch' erscheinen. Zumindest 'fritzisch' ist es historisch eindeutig nicht.
Der frühste Beleg, den das DWDS ausweist, stammt aus einem Lehrbuch über preußische Geschichte aus dem Jahr 1826. In ihm wird geschildert, wie Friedrich Wilhelm III. angeordnet habe, alle 'Waffenfähigen des Landes' allmählich 'kriegstüchtig' zu machen. 'Kriegstüchtigkeit' wird hier direkt mit den Preußischen Reformen in Verbindung gebracht. Der spätere Aufschwung des Staates ging, so die Darstellung im Lehrbuch der Geschichte des Preußischen Staates für Schulen und den Selbstunterricht, direkt mit der Wehrertüchtigung seiner jungen Männer nach dem Ende des Alten Reichs einher. Durch die Entstehung der Germanistik als Nationalphilologie dürfte zumindest akademisch gebildeten Zeitgenossen zudem bewusst gewesen sein, dass das mittelhochdeutsche Wort 'tühtec' bzw. 'tühtic' nicht nur 'wacker' oder 'rüstig', sondern auch 'edel' und 'gesittet' bedeuten konnte. Dass sich 'kriegstüchtig' im Verlauf des 19. Jahrhunderts durchsetzen konnte, dürfte deswegen nicht nur Folge einer staatstragenden Bildungspolitik gewesen sein. Wahrscheinlich entsprach der Begriff auch dem romantisch-bürgerlichen Zeitgeschmack.
Etymologisch ist 'kriegstüchtig' damit zwar ein Moment eigen, das mit etwas Phantasie auch auf Ernst Jüngers Verherrlichung des Frontkämpfertums im 1. Weltkrieg bezogen werden kann, wie es der Artikel im Magazin Jacobin getan hat. Letztlich aber war Jünger viel zu elitär, um sich mit der breiten Masse der 'kriegstüchtigen' Soldaten gemein zu machen. Als Pappkamerad für linken Meinungsjournalismus mag der Name Ernst Jünger herhalten. Aber 'kriegstüchtig' ist sicher nicht das Wort, auf das er bevorzugt zurückgegriffen hat, um seine eigene Kampfbereitschaft und -fähigkeit zu charakterisieren.
Das veranschaulicht der Schluss von In Stahlgewittern. Ehe den Erzähler die Nachricht ereilt, dass er vom Kaiser mit dem Orden Pour le mérite ausgezeichnet wird, ereignet sich folgende Szene:
"Meinen ersten Ausgang feierte ich mit ihm [dem Kampfflieger Wenzel], meinem Bruder und einigen Kameraden [...] in den Räumen des alten Hannoverschen Gibraltarregiments. Da unsere Kriegstüchtigkeit angezweifelt wurde, fühlten wir das dringende Bedürfnis, verschiedentlich über einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns jedoch schlecht; Wenzel brach sich von neuem den Arm, und ich lag am nächsten Morgen mit vierzig Fieber im Bett."
Wenn ich recht sehe, ist diese Stelle die einzige in In Stahlgewittern, in der explizit von "Kriegstüchtigkeit" die Rede ist. Die Wortwahl ('eskaladieren') signalisiert, dass der Erzähler zwar weiterhin mit der barocken, grimmelshausen'schen Erzähltradition kokettiert. Letztlich aber macht der Text nur eins unmissverständlich deutlich: Diese Männer feiern zwar weiterhin den Krieg. Auch nehmen sie stolz Orden entgegen. Aber an der Front wären sie für ihre Kameraden keine Unterstützung. Ihr Krieg ist zu Ende. Sie sind nicht mehr 'kriegstüchtig'.
'Kriegstüchtigkeit' ist nicht nur ein bürgerliches Moment eigen. Es ist zudem auch keine besondere Fähigkeit, sondern lediglich eine Mindestvoraussetzung. 'Kriegstüchtigkeit' ist die Tugend, die der Teil der Bevölkerung, der eingezogen wird, erbringen muss, damit der Staat eine seiner vornehmsten Aufgaben – die Verteidigung aller Bürgerinnen und Bürger gegen externe Aggressoren – gewährleisten kann.
V
Boris Pistorius hat zwar am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Osnabrück Abitur gemacht und später in der Steuben-Kaserne in Achim seinen Wehrdienst absolviert. Daraus sollte man aber nicht schließen, dass ihm die hier skizzierten Dimensionen von 'kriegstüchtig' in der Bedeutungsbreite bewusst gewesen sind oder gar, dass er eine Renaissance des preußischen Militarismus vorbereitet oder Jüngers Frontkämpferethos pflegt, wie es das Jacobin-Magazin nahelegt. Gleichzeitig spricht viel dafür, dass dem Verteidigungsminister der Begriff in der TV-Sendung nicht spontan herausgerutscht ist. Sönke Neitzel hat im erwähnten Artikel darauf hingewiesen, dass in den Monaten vor dem ZDF-Interview der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, wiederholt 'Kriegstüchtigkeit' angemahnt hat. Zudem ist Pistorius lange genug in der Politik, um zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Nachhalls groß ist, wenn man ein Wort wie 'kriegstüchtig' fallen lässt – zumal als SPD-Politiker. Schulze hat angesichts all dessen vor einer Normalisierung des Krieges gewarnt: "Mittlerweile klingt 'kriegstüchtig' beinahe schon wie 'verkehrstüchtig', 'fahrtüchtig', 'seetüchtig'."
Dieser Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. Und dass sprachliche und kriegerische Gewalt oft Hand in Hand gehen, bestätigt die russische Propaganda Tag für Tag. Aber sollte man deswegen gleich auf einen Begriff verzichten, der im Deutschen seit rund 200 Jahren etabliert ist, nur weil er militaristisch aufgeladen werden kann? Das sollte schon deswegen zumindest diskutiert werden, weil das Deutsche, so mein Eindruck, keinen anderen Begriff bereithält, der besser auf den Punkt bringt, dass die Verteidigungsfähigkeit eines Staates immer auch von der Verteidigungsbereitschaft seiner Bürger abhängt (jedenfalls wenn man es politisch für geboten hält, dass Deutschland primär von diesen statt von Söldnern verteidigt wird).
Ingo Schulze hat mit seinem sprachkritischen Essay dafür plädiert, das Wort zu vermeiden und mit 'friedenstüchtig' eine Alternative vorgelegt. Gegen seinen charmanten Vorschlag spricht neben den oben angeführten Überlegungen aus meiner Sicht noch ein weiterer Umstand. Die begriffsgeschichtlichen Hinweise der vorliegenden Überlegungen haben, so hoffe ich, gezeigt, dass 'kriegstüchtig' ein Wort ist, das wie viele deutsche Komposita durch seine Wort- wie seine Begriffsgeschichte mehrdeutig ist und deswegen leicht vereinnahmt werden kann. Die derzeitige Lage der Weltpolitik spricht nicht dafür, dass die Bedrohungsszenarien für Deutschland in den nächsten Jahren abnehmen. Deswegen halte zumindest ich es für politisch klüger, den Begriff frühzeitig zu besetzen, um ihn dadurch zu reklamieren. Wer wie Ingo Schulze für Begriffsalternativen plädiert, räumt – militärisch gesprochen – ohne Not das Feld und überlässt es Dritten.
Eingangs habe ich davon gesprochen, dass die Grenze zwischen Angriff und Verteidigung nur solange klar gezogen werden kann, bis der erste Schlag erfolgt ist. Das ist natürlich reißbrettartig gedacht. Heute herrscht breiter Konsens, dass die Krim-Annexion 2014 ein Angriff war. Es hat aber lange gebraucht, bis sich dieses Bewusstsein durchgesetzt hat. Verbale Konfrontationen und Begriffsvereinnahmungen unterliegen auf ähnliche Weise der politischen Deutung wie militärische Aktionen, die sich an der Grenze zum direkten Krieg bewegen. Sie versuchen, Diskurshoheit zu erobern, Gruppensolidarität zu provozieren und ein gemeinsames Weltbild zu erzeugen. Es spricht einiges dafür, dass Pistorius das mit seinen Hinweisen auf die 'Kriegstüchtigkeit' versucht hat. Da das Wort durch ihn wiederbelebt worden ist, stellt sich meines Erachtens auf absehbare Zeit nicht mehr die Frage, wie es ersetzt werden kann, um wieder aus dem öffentlichen Diskurs zu verschwinden, sondern lediglich, wer es wie für welche Politik besetzt.
Kai Bremer ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der FU Berlin.