Rüdiger Görner
GENAU oder der Fluch der Füllwörter
Peter Eisenberg zum Gedächtnis
Kein Wort wird im derzeitigen Deutsch häufiger und unbedachter gebraucht als genau. Gefolgt vom sympathischer, aber gehäuft angewandt nicht minder penetrant klingenden sehr gerne im Bereich des Dienstleistungsgewerbes, inzwischen landläufig service industry genannt.
Wir leben in Zeiten der Unschärfe, des Unbestimmbaren, ominös Bedrohlichen; vermutlich deswegen taucht genau so absurd oft in unseren Wortwechseln auf. Aber nicht nur in Wortwechseln, auch bei Vorträgen oder bei dem Versuch des Vortragenden, am Ende des Beitrags eine Frage zu beantworten. Da geschah es neulich auf einer literaturwissenschaftlich ausgerichteten Tagung, dass ein Vortragender seinen Vortrag mit genau begann, noch bevor annähernd deutlich wurde, worüber er sprach. In der nachfolgenden Diskussion leitete er jede seiner Antworten mit genau ein, zuweilen zweimal wiederholt, was auch der Fall war, als er verschiedentlich auf seine powerpoint-Präsentation, die in seinem Vortrag eingebettet war, verwies. Powerpoint – dieses scheinmachtvolle Zeigen litt in seiner kommunikativen Wirkung durch dieses wiederholte Genau, weil das, was folgte, ungenauer nicht hätte ausgedrückt oder belegt werden können.
Es gibt auch ein versonnenes, selbst vor einem Publikum vor sich hingesprochenes Genau, wobei die Zuhörer schwerlich dann Genaueres erfahren. Die durch das Genau ausgelöste kurzzeitige Selbstversenkung des Genaues Verheißenden, kann verschämt-verlegen meditativ wirken, aber eben nur so lange, bis die meist demonstrativ betonte zweite Silbe verklungen ist. Im Französischen ist bien eher auf Kürze angelegt, bedingt durch die einwurfgeeignetere Einsilbigkeit. Im Englischen bietet das mehrsilbige exactly ein etwas längere Denkerholungsphase, wird aber nicht annähernd so häufig wie derzeit genau eingesetzt.
Genau ist fraglos das deutsche Füllwort nicht nur des Jahres, sondern zumindest schon des letzten Jahrfünfts. Füllwörter sind Überbrückungswörter, die nur dann zu einem sprachlichen Störfaktor, gar Fluch werden, wenn sie so gehäuft wie genau angewendet werden. Aber lässt sich bei Füllwörtern überhaupt von ‚Anwendung‘ sprechen? Denn eine solche setzt Reflexion voraus, ein Mindestmaß an Überlegung. Aber das Füllwort taucht meist unüberlegt auf, fällt in den Satz als wortgewordene Banalität. Genau erfüllt überdies
noch einen anderen Zweck. In letzter Zeit dient es verstärkt der Bekräftigung von soeben etwas Gesagtem, möge dies auch noch so vage gewesen sein. Wer mit Mathematikern und Naturwissenschaftlern spricht, dem fällt auf, dass diese genau nur dann sagen, wenn es sich um genau bezifferbare oder nachweisbare Phänomene handelt. Das wiederum bedeutet, dass das Übermaß der Genau-Einsprengsel in Gesprächssituationen außerhalb der Naturwissenschaften womöglich einer stillen Sehnsucht der Nicht-Naturwissenschaftler nach Genauigkeit geschuldet ist.
Füllwörter – an sich ein seltsamer Begriff; denn sie füllen die Sprachlücke mit inhaltlicher Leere, sind also nichts als Worthülsen. Das Füllwort täuscht – über seine eigene Nichtigkeit hinweg. Es tut so, als ginge es nicht mehr ohne es. Ein Gespräch oder eine Diskussion oder eine Vortragssituation ohne genau wirkt bereits unglaubwürdig. Man denkt dann schon: Da fehlt doch etwas, auch wenn man nicht sogleich genau sagen kann, was da fehle. (Übrigens fällt auf zum Lobe der Zunft, dass Schriftsteller bei Lesungen selten das Wort ‚genau‘ benutzen.) Nun steht zu erwarten, dass diese Schmähung der Füllwörter und des Genau eine Verteidigung derselben hervorrufen wird. Das wäre doch genau im Sinne diskursiver Lebendigkeit.
Wie auch immer. Um die hemmungslose Publikationsflut im akademischen Betrieb wenigstens etwas einzudämmen, hatte George Steiner einst vorgeschlagen, dass die Verfasser vor allem von Zeitschriftenartikeln einen nennenswerten bis schmerzhaften Obolus für die Publikation ihres Beitrags entrichten sollten. Damit wären sie dazu genötigt, zu prüfen, ob ihr Aufsatz tatsächlich so wesentlich sei, dass er erscheinen müsse. Vielleicht sollten wir ähnlich verfahren und bei jeder überflüssigen Benutzung eines nichtssagenden Wortes einen bestimmten Betrag für einen gemeinnützigen Zweck abführen – genau.
Zum Autor:https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/ruediger-goerner
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