Yoko Tawada
Ypsilon, das
Der Buchstabe Y löst Alarm aus, wenn er einsam in der deutschsprachigen Schriftlandschaft auftaucht. Als ich vor vielen Jahren in einer Bahnhofsbuchhandlung den Buchtitel Die Spinne in der Yucca-Palme sah, wurde mir die beunruhigende Ausstrahlung dieses Buchstabens zum ersten Mal bewusst. Dabei traf mich der Gedanke, dass auch ich ein Ypsilon in meinem Vornamen trage. An der Wurzel jeder Y-Palme vermehren sich Spinnen, die nicht nur fremdartig, sondern gefährlich sind. Das war wahrscheinlich der Grund, warum mein Name immer wieder mit J geschrieben wurde. Bat ich, Y zu benutzen, traf mich ein erschrockener Blick, als hätte ich über einen verschollenen Außenseiter gesprochen, den die Gemeinde versucht zu verdrängen.
»Ypsilon« ist als Bezeichnung eines Buchstabens außergewöhnlich lang, die einzige mehrsilbige Buchstabenbezeichnung in unserem Alphabet, außerdem ist unklar, ob es ein Konsonant oder ein Vokal ist – auf der Fremdheitsskala sehr weit oben.
Später kaufte ich mir das Buch Die Spinne in der Yucca-Palme, eine Sammlung moderner Mythen. Die Titelgeschichte erzählt von der Topfpflanze, die die »Schwester einer Bekannten aus Kassel« geschenkt bekommt. Nach einiger Zeit bemerkt sie ein Quietschen beim Gießen. Weil es ihr unheimlich vorkommt, ruft sie die »Hessische Landesversuchsanstalt« an, die sofort jemanden vorbeischickt, bald gefolgt von zwei Mitarbeitern in Schutzanzügen, die die Palme mitnehmen. Die Besitzerin erfährt später durch einen Anruf, dass sich in dem Topf eine Tarantelfamilie eingenistet hat. In diesem Buch sind weitere Episoden zu lesen, die uns vor Pflanzen und Tieren aus »exotischen« Ländern warnen.
Die Sprachfamilie Arawak, zu der die Taíno-Sprache gehört, ist auf den karibischen Inseln zu Hause. Ein Wort aus der Sprache, »Yucca«, erweckt Fernweh, und zwar dank des Buchstabens Y nicht nur akustisch, sondern auch optisch. Ich sehne mich nach dem karibischen Meer und auch nach der Halbinsel Yucatán, allein wegen des Buchstabens Y. Bei manchen Ohren und Augen löst aber das Ypsilon ein Alarmsignal aus. Wenn es am Kopf eines Wortes steht, erscheint das ganze Wort zwielichtig. Als zweiter Buchstabe in einem Wort wirkt es anders, fast beruhigend, indem es eher an einen Gelehrten erinnert, so findet sich das Ypsilon selbstverständlich auch in manchem Namen auf der Akademie-Mitgliederliste von Alewyn bis Żyliński. Mythen, Gymnasium, Gymnastik: Der Buchstabe Y zieht eine lange Traditionslinie bis ins alte Griechenland. Es ist eine erstaunlich große Leistung für einen kleinen Buchstaben.
Ich denke oft ans Wort »Hygiene«, das mit seinem Ypsilon an der zweiten Stelle auch zur Kategorie »Gelehrter Y« gehört. Der japanische Schriftsteller und Militärarzt Mori Ōgai kam Anfang des 20. Jahrhunderts nach Preußen, um unter anderem die Hygiene als Wissenschaft zu studieren. Hygiene wurde damals in Japan als unfehlbarer Baustein für die Modernisierung des Landes angesehen. Es gab zwar eine ausgeprägte Vorstellung von Reinheit oder Sauberkeit in Japan, aber sie hatte nichts mit der Vernichtung von unsichtbaren Feinden wie Bakterien oder Viren zu tun. In seinem Essay Daihakken (Eine große Entdeckung) beschreibt Mori Ōgai einen damaligen japanischen Diplomaten ironisch, der die preußische Hygiene so hochschätzt, dass er sie fürs japanische Volk für unerreichbar hält.
Ich kam zum ersten Mal auf die Idee, den Buchstaben Y mit dem imaginären Kulturraum »Asien« in Verbindung zu setzen, als ein türkischer Gemüsemann im Gespräch mit mir den Ausdruck »wir Asiaten« benutzte. Bis dahin war mir der große Fantasieraum, der sich vom Nah-Osten bis Fern-Osten ausbreitet, unbekannt. Übrigens trug der Gemüsemann auch ein Ypsilon in seinem Namen, der gleichzeitig als Name des Geschäftes auf dem Schild stand. Mir fielen zunehmend Schilder auf, in denen Y-Wörter wie »Yoga« oder »Yin Yang« enthalten waren. Genau wie Japan einst die preußische Hygiene begehrte, entwickelte sich in Deutschland anscheinend ein großes Verlangen nach chinesischer oder indischer Medizin und Körperkultur. Das Ypsilon vermehrte sich wie Spinnen an der Wurzel der Y-Palme und mittlerweile ist das Y-Wort Yoga vertrauter als der Name des deutschen Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn. Man könnte fast den Namen Jahn mit Ypsilon schreiben, um seine Fremdheit auszudrücken. Und an dieser Stelle komme ich zwangsläufig auf das neue Problem, mit dem ich heute konfrontiert bin: Eine Zeit lang belächelten wir die Zeit der ersten Einwanderung im alten Westdeutschland, in der jeder Ausländer, der den deutschen Pass beantragen wollte, einen deutschen Namen wie Hans oder Peter annehmen musste. Die Zeiten waren zum Glück vorbei, kehrten aber zurück mit der Meinung, dass »exotische« Namen einer gelungenen Integration im Weg stehen würden. Es ist sogar von der Pandemie der ausländischen Namen die Rede, die die deutsche Schriftlandschaft verseuchen würde. So ist eine unglückliche, um nicht zu sagen unerträgliche Situation entstanden: Einerseits gibt es eine radikale Meinung, dass alle Y-Menschen ins Land ihrer Vorfahren zurückgeschickt werden sollen, auch wenn sie einen europäischen Pass oder Aufenthaltsrechte für Europa besitzen. Auf der anderen Seite wächst ein flammender Aktivismus, der die deutschstämmigen Menschen dazu auffordert, ihre Namen mit Y zu schreiben. Einem Jörg, der seinen Namen nicht Yörg schreibt, wird unterstellt, auf sein Germanentum stolz zu sein und sich über den Y-Ausländer zu erheben. Es gibt natürlich noch kein Gesetz, das die Verwendung von J verbietet, aber in den sozialen Medien wird täglich ein subtiler Druck ausgeübt. Yulia und Yohanna tippen mit zitternden Fingern ihre Namen, während mein Name gegen meinen Willen als ein Beispiel für musterhafte, ursprüngliche Y-Namen der Minderheiten hier und da zitiert wird. Dabei ist er, so wie er im Alphabet geschrieben wird, von meinem eigentlichen Namen, der aus Ideogrammen besteht, weit entfernt. Der Buchstabe Ypsilon ist bloß Ergebnis des Transkriptionssystems von James Curtis Hepburn, der zufällig Amerikaner war. Wäre er Deutscher gewesen, wäre mein Name in der alphabetischen Umschrift »Joko« geworden. Neulich in Riga sah ich auf dem Programm eines Literaturfestivals meinen Namen mit J geschrieben, und es lag sicher nicht daran, dass ich in Deutschland lebe. Jede Transaktion schenkt dem Namen nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch eine neue Nachbarschaft. Ich war lange Jahre mit meinen Y-Nachbarn Yeti und Yankee zufrieden gewesen, aber seitdem der radikale Sag-Nein-Zu-J-Aktivismus laut geworden ist, wirkt das Ypsilon wie eine politische Botschaft, nämlich die Ablehnung von J, was ich überhaupt nicht beabsichtige. Ich weiß nicht, was ich jetzt unternehmen soll, um mich davon zu befreien. Die Buchstaben haben für mich leider den Charakter von Eisenstäben bekommen. Ich stehe hinter den Gittern des Namenkäfigs und wünsche mir eine Welt, in der wir unsere Namen ganz ohne Schriftzeichen schreiben können.
Dieser Text wurde erstveröffentlicht in: »Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Ein A bis Z«, Wallstein 2024
Zur Autorin:
https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/yoko-tawada
Möchten Sie den Beitrag kommentieren? Schicken Sie uns Ihre Meinung, wir veröffentlichen sie nach redaktioneller Prüfung.
