Herbsttagung in Darmstadt

»Nicht mehr – noch nicht: Abschied und Erneuerung«


»Nicht mehr – noch nicht: Abschied und Erneuerung«, unter diesem Titel wird am Donnerstagabend, 2. November 2023, die Herbsttagung eröffnet. Sieben Mitglieder der Akademie widmen sich dem Thema Abschied und Erneuerung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven - vielleicht bestimmt von den großen Konflikten und Krisen, die uns umgeben, vielleicht auch getragen von ganz persönlichen Motiven. Wie können wir umgehen mit dem »Dazwischen« des Wandels, ihn womöglich auch gestalten?

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Peter Gülke
[ohne Titel]

Sehr verehrte, liebe Akademieschwestern und -brüder,

einer, der morgen den fünften Präsidenten erleben wird und sein zehntes Dezennium gewärtigt, ist fürs „Noch nicht“ kaum noch zuständig, hat andererseits keine Lust, sich als Anwalt vom „Nicht mehr“ zu betätigen. Also meidet er den vorgegebenen Spagat – auch, weil in der Freude, dieser Akademie anzugehören, immer noch das Erstaunen darob rumort, daß er in sie hereingewählt worden ist - und das aufgrund einer Sekundärbeschäftigung, der Schreiberei, die einem praktizierenden Musiker stets als Kompensation von etwas verdächtig bleibt, was die Erstbeschäftigung versagt oder er dort nicht geschafft hat.

Jene Freude ist groß genug, um den Rückzug auf ein Thema zu rechtfertigen, welches verdächtig wäre, in Selbstlob der Akademie zu münden, wenn Selbstlob im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima nicht fast obligatorisch wäre, man deshalb darauf zu bestehen gezwungen ist, schon das pure Vorhandensein der Akademie sei Teil ihrer Legitimation. Umso mehr übrigens, desto mehr die Mitwelt mit Verständnis, gar Kenntnisnahme spart und bei spektakulären Entscheidungen, obenan den Preisen, sich vorab besserwisserisch vernehmen läßt, unsere Bereitwilligkeit unterstellend, sich als „die Wenigen“, als elitär und privilegiert, mithin rechtfertigungsbedürftig zu fühlen. Der Weigerung, dem nachzukommen, entstammt mein Motto: Stallwärme mit Niveau.

Bei jenemals raison d‘être beanspruchten Vorhandensein bleibt's ja nicht. Mit dem Vorzug zusammenhängend, nicht in Klassen unterteilt zu sein – in anderen Akademien wäre die Kommission der Langzeitrentner, in die es mich verschlagen hat, nicht arbeitslos –, garantiert die unsrige mit Hölderlin, „daß ein Gespräch wir sind“; selbstverständlichen Austausch auch mit kaum vertrauten Kollegen; nach arbeitsbedingten Einsamkeiten das Eintauchen ins selbstverständliche, auf direkte Betätigung der zweiten Person Singular nicht angewiesene Auf-Du-und-Du; einen Vertrauensraum, in dem man sich nur zu gern den Zufälligkeiten des Bei- oder Auseinanderseins überläßt; Kommunikation über Unterschiede von Herkommen, Ansichten, Charakteren, Beschäftigungen hinweg – all dies befördert, weil die Neugier auf Arbeiten des Anderen identisch ist mit der auf ihn als Person – weshalb ebenso wichtig wie die Programme der Tagungen die nicht programmierten Kontakte sind, alles, was am Rand geschieht – Vielen von uns u.a. unvergeßlich der trotz seiner 90 Jahre unaufhörlich sprudelnde Friedhelm Kemp, von dem man vor 3 Uhr nachts nicht loskam. Unzählbar die Anregungen, die ich auf den Tagungen empfangen habe! – und so selbstverständlich, daß man davon nicht reden müßte, wären da nicht die Vorgabe„Nicht-mehr / Noch-nicht“ und eine Dankbarkeit, deren der Mund übergeht.

Neben dem Offiziellen das Nichtoffizielle zu preisen hat neben Erinnerungen an den ersten Einstieg eine Lektüre der Rede nahegelegt, die Christian Meier nach seiner Wahl zum Präsidenten in Passau gehalten hat – auch, weil ein so kompetent wie düster-eindringlich gezeichnetes Zeitbild so sehr überwog, daß selbstverständlich vorausgesetzt schien, welche Folgerungen für uns zu ziehen wären – aktuell bald danach z.B. der Kampf mit profund unzuständiger Zuständigkeit, in den, als wahrer Arnold Winkelried, Peter Eisenberg sich für unsere Sprachestürzen mußte.

Mittlerweile findet sie sich viel weitergehend verschandelt, finden Berufungen auf sie als Kulturgut, Teil und Garantie unserer Identität kaum Gehör; mittlerweile erscheint die von Meierbeschriebene Welt im Vergleich mit der heutigen wie eine – freilich unterhöhlte - Idylle. Trotzdem sollten seine Fragen uns in den Ohren gellen: „Warum vernehmen wir uns nicht mehr? Ist es das Schwinden grundlegender Gemeinsamkeiten, das unsere Sprache um ihr Widerlager in der Realität gebracht hat? Was kann die Gesellschaft künftig sein, wenn sie sich selber eigentlich nicht will? Was kann unsere Zukunft sein, wenn wir sie nicht zu denken wagen?“ Sie klingen in einem für „stallwarm“ erklärten Hallraum wie Paukenschläge, abgesehen davon, daß andere, brandaktuelle Fragen sich davor geschoben haben. Bei denen macht uns schon der Umstand schlechtes Gewissen, daß wir sie unbehelligt stellen können – nicht erst, wenn aktuell berichtet wird, was schon von den Gräueln des vorigen Jahrhunderts bekannt war: wie memorierte Gedichte, memorierte Musik in furchtbarsten Konstellationen Menschen zu überleben geholfen haben – Ruth Klüger, Marius Flothuis, viele andere.

Wie rasch wird man in einer zunehmend dialogunfähigen Welt mit derlei Hinweisen als Besserwisser, Moralprediger verdächtig! - würde es noch mehr, wenn man den hier als Begründung fälligen, ohnehin tagtäglich beredeten Katalog kultur- und gesellschaftskritischer Fragen nachschöbe und Gefahr liefe, für sich einen Abstand des Diagnostikers in Anspruch nehmen zu wollen, den es nicht gibt, wo nicht, unsere Akademie als Mixtur von Trutzburg und Insel der Seligen zu verstehen, was angesichts ihrer öffentlichen Aktivitäten sie verkleinern, mißbrauchen hieße. Nicht nur sehen wir deren Wirkungen nicht genau ab, dem „schwebenden Angebot“ vergleichbar, als welchem Thomas Mann 1955 in Weimar von Kunst gesprochen hat, wir übersähen die freundliche Dialektik, dank derer eine kaum noch als solche ansprechbare Gesellschaft, indem sie die Akademie duldet und ermöglicht, implicite zugibt, daß sie sie braucht: „von Zeit zu Zeit sieht man die Dichter gern“.

Wer lebenslang für die Wenigeren Musik macht und für noch Wenigere schreibt, hat viel Anlaß, hierüber nachzudenken - über Privilegien, angefangen beim persönlichsten: daß, wie ich einen Musiker sagen hörte, „Hobby und Beruf bei uns ein und dasselbe“ sind; weil das keine splendid isolation rechtfertigt, sondern – wie Meier seinerzeit betonte – Verpflichtung, ein politischer Sachverhalt ist. Glücklicherweise habe ich hier wenig Anlaß, derlei zu betonen – höchstens, weil die anstrengende Dialektik zwischen den Vielen und den Wenigen zuweilen nach Rückversicherungen schreit - nicht nur die Vielen, Anderen sind „Zeitgeist“, wie man's prätentiös nennt, sondern auch wir; weil unser stets offenes Reservat im Blick nach außen kein heideggersches, besserwisserisches „Man“ duldet.

„Stallwärme mit Niveau“, nur als Einstieg tauglich, hat ausgedient. Wie gut, daß die kommunikativ vorgewärmte Enklave, daß Ort und Anlaß vielfältiger, unvergeßlicher Kontakte, Auseinandersetzungen, Reden ein und dasselbe sind - und ich Gelegenheit bekam, der Akademie und allen, die ich als Verantwortliche und Mitarbeiter erlebt habe und erlebe, von Herzen zu danken.