Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The Sigmund Freud Prize is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Wolfgang Kemp

Wolfgang KempWolfgang Kemp

Art historian and Publicist
Born 1/5/1946

Sigmund-Freud-Preis 2018
Laudatory Address by Barbara Vinken
Acceptance Speech by Wolfgang Kemp
Diploma

...Mit großer stilistischer Sicherheit vermag er komplexe Werke der Kunst in einer anschaulichen, begriffsklaren, theoretisch durchdachten und ästhetisch sensiblen Prosa zu erschließen....

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Elisabeth Edl, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan

Stilübungen: Wolfgang Kemp

LAUDATOR
Barbara Vinken
Born 1960
Literary scholar

»Le style, c’est l’homme même.« Dieser berühmte Satz des Naturwissenschaftlers Buffon aus seiner Antrittsrede in der Académie française könnte auch über dem hier verliehenen Sigmund-Freud-Preis stehen. Bemerkenswert, nein unglaublich, ja wunderbar, besonders wenn man sich die heutige Qualität naturwissenschaftlicher und überhaupt wissenschaftlicher Prosa ansieht, dass der Naturwissenschaftler Buffon in die Académie française aufgenommen wurde und dort eine Rede nicht über Fauna und Flora, sondern über den Stil hielt. Buffons Rede war, vu le sujet, dann auch nach allgemeinem Dafürhalten eine der denkwürdigsten Antrittsreden, die je in einer Académie gehalten wurde. Vollendet, stilvoll.
»Le style, c’est l’homme même« ist in den europäischen Zitatenschatz eingegangen und fast ebenso unmittelbar als Inbegriff der rhetorikfixierten Oberflächlichkeit des ancien régime verunglimpft worden. Nicht die Sache, sondern die Form stünde im Vordergrund. Die lateinische abwertende Paraphrase stilo primus, doctrina ultimus ist von Jean Paul dann polemisch auf den Gegensatz von »Wohllaut statt Wahrheit« gebracht worden. Aber das war, gelinde gesagt, für den bürgerlich wissenschaftlichen Stil oder, besser, Un-Stil nicht gerade ein Segen.
»Le style, c’est l’homme« ist von Jacques Lacan, dem einflussreichsten aller Freud-Leser und einem zweifelsfrei pointierten Stilisten, in seiner erotischen Dimension ganz ausgefahren worden – wenn Sie diese Pointe erlauben. Denn der Stil – das ist der Mensch selbst, aber natürlich macht der Stil auch den Mann. Wie die Waffe steht die Feder als deren Pendant – für den Mann des Schwertes wie den Mann der Feder – für die phallische Bestückung des Mannes. Aber: als etwas kunstvoll Künstliches, als simulacrum, verschleiert, ist es nichts Natürliches. Sozusagen als Accessoire ist sie verschiebbar, abnehmbar, anschnallbar. Nervös gespannte Männlichkeit, scharf herausragende Pointierung zeigt, etwa bei Flaubert, idealerweise der Stil, den er mit viel Verve auch den Frauen ans Herz legte. In Maupassants Roman Bel-Ami führen stilmächtige Frauen die Feder ihrer stilistisch impotenten Männer; in der pointierten Form scharfzüngiger Epigramme lassen sie die männlich aufgeblasenen Stilblasen witzig zerplatzen.
Die Betonung des rein Faktischen, des factum brutum, die Vernachlässigung des Wie zugunsten des Was, die Ablehnung alles simulakrenhaft, phallisch-kunstvoll Künstlichen hat es interessanterweise mit sich gebracht, dass die Erkenntnis des Faktischen vollends die Domäne der ganzen Männer der Wissenschaft geworden ist. Die Ablehnung des Künstlich-Kunstvollen in der bürgerlichen Rhetorik der A-Rhetorik hat zu einer faken Naturalisierung geführt, in der Männer fürs Faktische der harten Wissenschaft, eben für die nackte Wahrheit zuständig sind, wogegen weibisch ist, was in allem jetzt eben nicht mehr Wesentlichen, sondern künstlich oberflächlich eitel leeren Schmuck-Geklimper – eben dem Stil – von den Frauen verkörpert wird.
Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Freud, dem man deswegen immer wieder die Wissenschaftlichkeit abgesprochen und von Romanen, Fiktionen gesprochen hat, weil man taub und blind war, war eine Ausnahme. Ein Mann mit einem herausragenden Stil. Und so ist auch Wolfgang Kemp eine Ausnahme. Eine solche Ausnahme sein zu können, das heißt: stilvoll, nämlich nicht: dumpf verleugnend, mit dem factum brutum der Kastration umzugehen. Kunstvoll, künstlich, durch fein geschliffene Rhetorik, kurz: dadurch, dass die auf dem behauptet Faktischen beruhende Aufgeblasenheit, die sich so ungeheuer ernst nimmt, mit scharfen Nadelstichen zerplatzt. Mit Witz schaffen wir Prothesen für unsere Verletzlichkeit und Unzulänglichkeit. Symptom für ein gelasseneres Umgehen mit dieser Angst ist in der Wissenschaft immer, auch das behaupte ich jetzt mal kavaliersmäßig, das Umgehen mit Weiblichem. Wolfgang Kemp zum Beispiel, da sticht er unter seinen Kollegen hervor, hat kein Problem damit, Weiblichkeit und Autorität zusammenzudenken. Er zitiert auffällig viele Frauen. Und zwar nicht paternalistisch: junge Frauen, die gefördert werden müssen, sondern weibliche Autoritäten. Die meisten Kollegen haben noch nicht gemerkt, dass es die gibt. Und so hat Kemp auch kein Problem mit sogenannten weiblichen Themen, obwohl er die dann hin und wieder mit spitzen Fingern anfasst. Denn das sind oft ziemlich stillose Themen – das weibliche Pendant zur einfallslosen sturen Behauptung der harten Fakten ist oft genug der rosa-rote Kitsch einer heilen Welt: die Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen des deutschen Fernsehens zum Beispiel, in die Kemp aus den Höhen des strukturellen Befundes der Wiederholung der Liebesbegegnung in Tolstois Anna Karenina wie in den deutschen Fernsehserien fasziniert angewidert, auch verzweifelt gelangweilt, hinabsteigt. Oder, ganz anders, die Landlust in all ihren Facetten. Nicht von oben herab, sondern von dem Ort aus, wo sie, diese Landlust, nach Kemps scharfsinniger, bisweilen bösartiger Analyse entsteht und die gleichnamige Illustrierte millionenfach gekauft wird: aus der Suburbia. Und eben von dieser Suburbia schreibt er selbst, mitten unter den Landliebhaberinnen sitzend, Seite an Seite mit ihnen, gewissermaßen, schreibt er.
Berührungsangst zeigt Kemp, der vom Höchsten zum Niedrigsten, vom Allerpopulärsten bis zum abgelegen Esoterischen alles behandelt, nie. Seine Gegenstände scheinen ihm wie dem Flaneur in aller Demut zuzufallen – es sind selten die Highlights des Fachs, keine Mona Lisa, aber Kemp gewinnt ihnen etwas ab, und er stolpert, tänzerisch in diesen untänzerischen Zeiten, nie. Bei all seiner atemberaubenden Bildung, die nichts vom Fachidioten hat und theoretisch state of the art ist, und der unglaublichen Vielfalt seiner Interessen, die von der Typologie des Mittelalters über die Bilderfolgen Hokusais bis zur Pop Art der Schundserien reichen – Stichwort Schundroman, Bodo Kirchhoff –, ist Wolfgang Kemp ein Geistes-Dandy, würde Thomas Bernhard sagen. Nie ließe er sich im Gitter einer Wissenschaft, in deren Leit-Paradigmen fangen, immer schon hat er sie mit anderen Analyse-Methoden kontaminiert. Mit den Geistes-Dandies – Mode & Verzweiflung, Thomas Meinecke – teilt er das absolute Gehör für den Sound, teilt er den Glauben an die sinnliche Erfahrung, die von ihm phänomenologisch höchst raffiniert entfaltet wird und nicht angekränkelt ist von der philosophischen Angst vor der Sinnestäuschung. Ent-täuschung traut er den Sinnen selbst zu.
Wortbilder spielen in Kemps Bildbeschreibungen eine große Rolle; er hört der Sprache, ihren Wortwitzen und puns, ihre Wahrheit ab. Davon zeugt Kemp nicht nur in der Sache, denn das wäre nicht genug, sondern mit Stil – denn ohne Stil wäre sie verloren, die Sache, verloren in der Selbstbehauptung. Geduldig versenkt er sich in akribisch beobachtete, strukturalistisch lakonisch analysierte Katastrophen der Geschichte (die meistens direkte Folgen des guten Glaubens an Fortschritt und Aufklärung sind). Satire ist konservativ, kann man mit Elfriede Jelinek sagen. Mein Lieblingsbeispiel für die Versenkung in eine solche historische Katastrophe, die vielversprechend anfing, ist der von Kemp in seiner Antrittsvorlesung in Marburg analysierte Ballhausschwur von Jacques-Louis David (1791), der nie ausgeführt wurde und nur als Skizze existiert. Es geht um eine Verfassung; der Absolutismus soll durch eine verfasste Monarchie zu Ende kommen. Kemp zeigt, dass der Ballhausschwur im Blick des Parlamentspräsidenten kulminiert, der alle – die Bild-Betrachter und die Abgeordneten, den Raum im Bild mit dem Raum vor dem Bild – Aug in Aug vereint, jetzt und für alle Zeit. Die Ersetzung des »Willens des Einen« durch den »Einen Willen« war für die politische Theorie und Praxis der Französischen Revolution grundlegend. Um diese Einheit der Nation, diesen einen Willen zu erreichen, musste man jedoch – das hatte schon Rousseau festgestellt – einen jeden bis ins tiefste Innere spalten: Denn fehlt der äußere Feind, dann müsse er im Innersten eines jeden Bürgers »als dessen Einzelwille und Eigeninteresse« aufgespürt und bekämpft werden. Kurz, der paranoide Überwachungsstaat, welcher der terreur war, führte um der Einheit willen zum Kampf aller gegen alle und damit zur völligen Spaltung der einzelnen in sich und zur absoluten Spaltung des politischen Körpers. Der von David mit vorangetriebenen Vernichtung der Feinde im Inneren fiel der Senatspräsident Bailly, mit dem wir, die Betrachter, Aug in Aug beim Ballhausschwur unsere Einheit besiegeln sollten, guillotiniert, zum Opfer. Kemps lakonisches Fazit – eine Stilfrage: »Der Ballhausschwur Davids konnte nicht realisiert werden, weil Einheit dann durch Eliminierung geschaffen wurde: immer mehr Abgeordnete verschwanden – im wahrsten Sinne des Wortes – von der ›Bildfläche‹.« Es gab nichts zu vollenden an dem Bild, das die Geschichte bot. Das ist schrecklich schön gesagt.
Lässt sich das verallgemeinern, daraus lernen? Es gibt, lernt man bei Kemp, einen erkenntnis-pragmatischen Sinn des Stils. Auch die Sache hat – das lernt man an der Kunst – Stil, und wer den nicht kennt, nicht merkt, vertut sich in der Sache, tut ihr Unrecht, tut ihr Gewalt an. Stil ist, eine Bezugsperson Freuds (Rhein-Main, Goethe) zu zitieren, »zarte Empirie«. Kemps Stil ist nicht erhaben, erhebt sich nicht über sein Publikum. Er zeigt aber, dass die Sache nicht in verständnisinniger Eingängigkeit zu haben ist. In der brillanten Vorführung ungewohnter, überraschender Quer-Lagen liegt der Charme, aus dem Erkenntnis springt.