Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The Sigmund Freud Prize is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Prize Winner 2019

Thomas Macho is awarded the »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« 2019. The prize giving ceremony will take place in Darmstadt on November, 2.

Awardees

Wolfgang Kemp

Wolfgang KempWolfgang Kemp

Art historian and Publicist
Born 1/5/1946

Sigmund-Freud-Preis 2018
Laudatory Address by Barbara Vinken
Acceptance Speech by Wolfgang Kemp
Diploma

...Mit großer stilistischer Sicherheit vermag er komplexe Werke der Kunst in einer anschaulichen, begriffsklaren, theoretisch durchdachten und ästhetisch sensiblen Prosa zu erschließen....

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Ernst Osterkamp
Vizepräsidenten Aris Fioretos, Wolfgang Klein, Monika Rinck, Beisitzer László Földényi, Michael Hagner, Elisabeth Edl, Dea Loher, Ilma Rakusa, Marisa Siguan

 

Wie die Akademie ausgerechnet auf mich als Preisträger kam, und dies bevor sie die Laudatio von Barbara Vinken hören konnte, weiß ich nicht, jetzt, wo ich die Rede selbst gehört habe, kann ich mir Gründe vorstellen, fühle mich erkannt und auch ertappt, zugleich besser und schlechter, schlechter, weil ich Freud widersprechen und ihm sagen muss, dass Träume nicht immer nur von Unerlaubtem handeln.
Mich beschäftigt aus gegebenem Anlass die Frage, wie heute Wissenschaft und ihre Akteure taxiert werden und welche Folgen dies hat für die Wissenskommunikation, also auch für die Qualität der »wissenschaftlichen Prosa«, welche die Akademie ja noch möglichst lange mit dem Freud-Preis würdigen und fördern will.
Die Wissenschaft ist derzeit drei Megatrends ausgesetzt. Sie heißen Globalisierung, Digitalisierung und stetig steigende Zahl der Akteure. Schon jetzt ist eine wissenschaftliche Prosa absehbar, die niemand liest, insofern habe ich noch Glück gehabt, und ich habe dieses Glück gehabt, weil die Akademie nicht »ausgerechnet« auf mich kam, wie ich eingangs sagte. In der Woche, da mir Ernst Osterkamp die so freudige Botschaft überbrachte, ging eine andere Mitteilung ein, wie sie in regelmäßigen Abständen weltweit Hunderttausende von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen erreicht – 300000 von ihnen sind derzeit an deutschen Universitäten tätig, im letzten Jahr wurden bei uns 30000 Studierende promoviert. So viel nur zur Größenordnung unserer Population. Digital erreichte mich die Botschaft, deren Fakten digital generiert worden waren, die Botschaft, dass ich in der vergangenen Woche dreimal zitiert worden war. Man kann sich bei dieser Zitatenbank anmelden und erfährt gegen eine jährliche Gebühr alle Daten, die man braucht, um seinen h-Wert auszurechnen. Man kann an vielen Orten auch sicher sein, dass die Universitätsverwaltungen diesen Wert laufend ermitteln, vor allem wenn es um Neuberufungen, Bleibeverhandlungen, Gehaltsverbesserungen geht. In China ist ein Bonussystem mit der Entwicklung des h-Wertes gekoppelt. H kommt von Hirsch, Jorge Hirsch heißt der US-amerikanische Physiker, der vor achtzehn Jahren diesen Index erfand. Mein weltweites Ansehen in Fachkreisen errechnet sich nach Hirsch auf der Basis von vier Größen: die Zahl meiner Aufsätze in Zeitschriften, die Häufigkeit, mit der diese Aufsätze in anderen Zeitschriften zitiert wurden, das Ganze gewichtet nach dem Impact-Faktor dieser Zeitschriften. Der Impact-Faktor einer Zeitschrift ergibt sich seinerseits aus der Häufigkeit, mit der sie von anderen Zeitschriften zitiert wird. Die Journale Science und Nature haben den Faktor 30, das ist das Maximum; die Zeitschriften und Jahrbücher, in denen ich publiziere, liegen bei 1–5. Gezählt, nicht gelesen werden Papers, bei Science und Nature dürfen diese nicht mehr als sechs Seiten lang sein; registriert, nicht gelesen wird der bibliographische Hinweis auf ein Paper in den Fußnoten eines Papers – man lasse den Autor im Haupttext sagen, dass die von ihm zitierte Arbeit Unsinn enthält, egal, der Apparat zählt weiter: Zitationen sind die Bitcoins des Wissenschaftssystems, dessen aktuelle Verfassung wir also um einen vierten Einflussfaktor erweitern müssen: zu Globalisierung, Digitalisierung, personales Wachstum rechne ich jetzt noch die Vernaturwissenschaftlichung der Standards hinzu. Der finale Triumph des Scientismus? Ich frage zurück, ob die auf Exaktheit geeichten Naturwissenschaften auf diese Messmethode stolz sein können. Deren Wert liegt in der Bewältigung sehr großer und maschinenlesbarer Datenmengen.
Erst wenn gemessen wird, ist es Wissenschaft, hat man immer gesagt. Nun werden der Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin selbst messbar. 1958 standen die Darmstädter Gespräche unter dem Motto: »Ist der Mensch messbar?« Max Bense, der Vordenker einer mess- und programmierbaren Ästhetik, trat damals auf, aber erinnern möchte ich an Alfred Weber. Der neunundachtzigjährige Kultursoziologe, der Bruder Max Webers, nahm nur als Zuhörer an der Abschlussdiskussion teil, in der vordersten Reihe sitzend und mit einem großen Hörrohr ausgerüstet. Irgendwann wandte sich der Diskussionsleiter Eugen Kogon an ihn und wollte wissen: »Herr Weber, jetzt fragen wir einmal Sie: Ist der Mensch messbar?« Weber erhob sich mühsam und erklärte: »Natürlich ist der Mensch essbar.«
Es wäre eine schöne Aufgabe, die Frage der Darmstädter Gespräche und Webers Freudschen Verhörer geistesgeschichtlich zu erläutern. Aus heutiger Sicht wäre an erster Stelle aber zu konstatieren, dass wir Weber Recht geben müssen, wenn wir für Mensch Wissenschaft einsetzen. Die Wissenschaft muss essbar, sprich: nahrhaft sein, bevor sie messbar ist. Zählen ist ja schön und gut, und in regelmäßigen Abständen werden die Geisteswissenschaften nervös und neidisch und wollen zu den Zahlmeister-Wissenschaften gehören: Die Benses von heute sind in den Digital Humanities beschäftigt. Zählen ist ja gut und schön, aber wichtiger ist das Wägen und Verteilen der Gewichte, ist das Handeln im stolzen Bewusstsein der Tatsache, dass wir Geisteswissenschaftler über mehr als eine Seinsebene und Seinsqualität, über multiple Wirklichkeiten zu verfügen haben.
Ich habe die Plattform, die mir wöchentlich die Daten für die Berechnung meines h-Wertes liefert, nicht abonniert. Das hat mehrere Gründe: mangelnde Professionalität meinerseits, das ganz obenan, aber auch die Unzufriedenheit darüber, dass Bücher, Essays und journalistische Arbeiten nicht in die Rechnung eingehen. Wie wichtig mir diese Formen der Wissenskommunikation sind, will ich an zwei Aspekten festmachen. Der eine hat mit dem Unterschied zwischen den Peers, den Gleichen, zu tun, zwischen den Peers, die einen eingereichten Beitrag für eine Zeitschrift anonym begutachten, annehmen oder ablehnen, und den Peers, für die ich schreibe, im Wissen um ihr Anspruchsniveau, aber auch um ihre Leidenschaften und Überzeugungen. Manchmal arbeite ich auch in ihrem Auftrag. Als Contract Writer oder Contract Critic. Ich habe eine Reihe fordernder Verleger und Herausgeber gehabt: Ich nenne Lothar Schirmer, Michel Krüger, Peter Gente und neuerdings Anne Hamilton vom Zu-Klampen-Verlag. Ich habe für Kurt Scheel vom Merkur und für Henning Ritter von der Frankfurter Allgemeinen geschrieben, für sie als erste und nicht letzte Leser. Der berühmt-berüchtigte Wissenschaftsverlag Elsevier hat 2016 420000 Aufsätze publiziert. Wie viele Leser hat jedes dieser Papers gehabt? Diese Frage wird in bibliometrischen Foren heiß diskutiert. Extreme Schätzer sagen: 90 Prozent bleiben ungelesen, gemäßigtere Stimmen halten 40 bis 50 Prozent für wahrscheinlicher. Das hieße: Elsevier drückt jährlich für horrende Summen ungelesene 160000 bis 200000 Papers in die Rechner unserer Universitätsbibliotheken.
Der zweite Grund, eine Vielfelderwirtschaft des wissenschaftlichen Publizierens beizubehalten und zu pflegen, gilt einer Stilfrage, die unser Metier im Kern tangiert. Dem Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger verdanken wir die schöne Definition: Wissenschaft ist der Umgang mit dem Unwissen. Umgang ist das entscheidende Wort. Umgang heißt erstens eine Pflege des Unwissens, die den Run auf ein und dieselbe Themenstellung nicht mitmacht, der natürlich das Konto des h-Wertes anschwellen lassen würde. Zweitens: Das Unwissen, das am besten groß und grundsätzlich jeder wissenschaftlichen Arbeit vorausgeht, ist als Spannung und Antrieb in ihrer Form lebendig zu halten. Gegen nichts wird heute stärker gesündigt. Ein Paper beginnt mit einer englischen Zusammenfassung, auf die eine Einführung folgt, die das Summary wiederholt, genauso, wie es die Schlusspassage tut. Aber – und jetzt kommt die Geißel, die wir den Soft-Skill-Kursen für wissenschaftliches Schreiben verdanken: Jeder Abschnitt einer Arbeit wird nach der alten Methode der Prediger aufgebaut – du sagst erst, was du den Leuten sagen wirst, dann sagst du es ihnen, und zum Schluss sagst du ihnen, was du ihnen gesagt hast. Kombinieren wir dieses Rezept mit dem Computer und der Größe eines Bildschirms, dann werden wir mit lauter Ergebnissen und Zwischenergebnissen im ¾-Seiten-Takt zugetextet. Die Paper-Wirtschaft aller Wissenschaften wird also auf ergebnisorientiert getrimmt, ereignisorientiert, das wird immer seltener. Noch einmal: Menschen sind nach Alfred Weber essbar, die Zeugnisse ihres Wissensdranges sollten es ebenfalls sein, Körper und Fleisch haben, sie sollten Zeit und Raum bieten zur Ausdehnung, zum Wachstum vor den Augen und im Geist der Leser und Überraschungen ermöglichen, die kein Summary vorwegnehmen kann.
Während meiner fünfzehn Minuten wurden weltweit 48 wissenschaftliche Papers neu veröffentlicht. Wie gut Sie es hatten, die Sie während dieser Zeit nur diesem meinen Vortrag zuhören mussten. Wie gut ich es hatte, dass ich zu Ihnen sprechen durfte und diesen großartigen Preis empfangen habe – für meine Unmessbarkeiten. Vielen Dank.