Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Reinhart Koselleck

Reinhart Koselleck

Historian
Born 23/4/1923
Deceased 3/2/2006
Member since 1980

Sigmund-Freud-Preis 1999
Laudatory Address by Friedrich Wilhelm Graf
Acceptance Speech by Reinhart Koselleck
Diploma

... dem engagierten Streiter in der Öffentlichkeit; dem spiritus rector der »Geschichtlichen Grundbegriffe«, dem denkenden Historiker.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Christian Meier,
Vizepräsidenten Elisabeth Borchers, Peter Hamm, Norbert Miller, Beisitzer Giuseppe Bevilacqua, Kurt Flasch, Adolf Muschg, Erica Pedretti, Klaus Reichert

Vorgriff auf Unvollkommenheit

Verehrter Präsident, lieber Herr Meier,
liebe Mitglieder, Freunde und Gäste der Akademie
und lieber Herr Graf,
der das Wagnis auf sich genommen hat, wenn auch mit theologischem Rückhalt, einen Autor für seine wissenschaftliche Prosa zu loben, dem nichts schwerer fällt als das Schreiben. Sich beim Forschen vergnügen, Fragen stellen oder Neugierde befriedigen, all das macht Freude, auch die Ergebnisse mündlich mitteilen zu können stimuliert – aber sich schriftlich festlegen, das strengt an. Um so mehr war ich überrascht, und dafür möchte ich der Akademie meinen herzlichen Dank aussprechen, daß mir der Sigmund-Freud-Preis zuerkannt wurde.
Die freie und ungebundene Rede – die alte Mitteilungsweise der Prosa – kann also nicht gemeint sein, obwohl sie, wie jede Oratio oder auch die Vorlesung, den Vorteil hat, für jede Situation offen zu bleiben, auf jede Frage und jeden Einwand reagieren zu können, mit variablen Abschlüssen, auch wenn sie, gleichsam ohne Ende, nie gedruckt wird. Also nicht die offene Rede, sondern die feste Schreibe ist gefragt.
Daß für diese Prosa, die schriftliche Prosa also, der Preis ausgerechnet einem Historiker zufiel, hat vermutlich mythologische Gründe. Denn Prosa ist nicht nur der Text, der nüchtern, schlicht und geradehinaus zu lauten hat, wie jedes Lexikon uns belehrt; über ihm waltet die römische Göttin Prorsa, abgeschliffen zur Prosa, die für die Erkundung der Vergangenheit zuständig ist. Auch Antevorta genannt begleitet sie Carmenta, die Göttin der Weissagung und der Heilkraft. Immer zuvorkommend, ist Prorsa das personifizierte Vorauswissen der Vergangenheit und die Schutzgöttin der glatten Kopfgeburt. Wenn das kein günstiges Omen für einen Historiker ist, dann weiß ich nicht, wozu die Mythologie gut ist. Prorsa hat sicher der Kommission über die Schulter geschaut, als sie just auf den Namen eines Historikers verfiel, um ihm den Preis für wissenschaftliche Prosa zu verleihen.
Wenn man so will, ist jede Wissenschaft prosaisch. Aber wenn das der Fall ist, was ist dann wissenschaftliche Prosa? Offenbar muß sie mehr sein als nur prosaisch, wenn sie denn preiswürdig sein soll. Zur Wissenschaftlichkeit müssen sprachliche Leistungen hinzukommen, ein Mehrwert also, der zu erbringen ist. Wie fragte doch Lichtenberg: »Es ist eine grosse Frage, wodurch in der Welt mehr ist ausgerichtet worden: durch das gründlich Gesagte, oder durch das bloss schön Gesagte? Etwas zugleich sehr gründlich und sehr schön zu sagen, ist schwer; wenigstens wird in dem Augenblick, da die Schönheit empfunden wird, die Gründlichkeit nicht ganz erkannt.«
In dieser Zwickmühle zwischen wissenschaftlicher Gründlichkeit und schöner sprachlicher Gestalt optiert Lichtenberg für beides. Denn gerade die wohlformulierten Bücher verfolgen »ihren Zweck sicherer«, weil sie sich an den konkreten Menschen richten, nicht an »den abstrakten Menschen, den es noch nie gegeben hat, und nie geben wird«. Mit solch einer Maxime kann der Historiker, der historische Prosaist, leben.
Was zeichnet also die wissenschaftliche Prosa der Historie aus, wenn sich Gründlichkeit und Schönheit gegenseitig ergänzen und hochtreiben sollen?
Lassen Sie mich zwei Kriterien nennen: Die Auswahl und die Wiederholung.
Kein Historiker, so gründlich er geforscht haben mag, kann alles sagen. Er muß auswählen: »Aus Absicht und Stoff entsteht die Form«, um den Altmeister Ranke, als er noch jung war, zu zitieren. Und er fügte hinzu jene Formel, die wohl am häufigsten von allen Historikern zitiert wird, er wolle sagen bzw. »zeigen, wie es eigentlich gewesen«. Wie auch immer um diese Sentenz gestritten wird, nehmen wir sie beim Wort. Ranke wollte nicht zeigen, wie es gewesen, sondern zeigen, wie es eigentlich gewesen sei. Um zu zeigen, worauf es ankommt, muß der Historiker auswählen, also weglassen. Keine historische Aussage kann den erzählten oder beschriebenen Sachverhalt selber im Verhältnis von 1:1 versprachlichen; res und verba differieren immer. Die Kunst besteht also im Weglassenkönnen. Damit nähert sie sich, der Vergleich sei mir gestattet, der Karikatur. Mehr als alle anderen Künste wählt die Karikatur aus, zeichnet Umrisse, um sichtbar zu machen, worauf es ankommt. Sie profiliert was schon da ist, zeigt aber auf, was so wie gezeigt zuvor noch nicht sichtbar war. Sie zeigt Vorgegebenes, aber das Vorgegebene neu. Insofern verbleibt sie im Umkreis der alten ›inventio‹, die findet, aber nicht erfindet, auch kein ungewohnter Ratschlag an den zünftigen Historiker. Langsam und sorgfältig, also gründlich ist die Auswahl zu treffen, wie uns Quintilian belehrt. Und unter dem Schutz unserer vorauswissenden Prosa-Göttin hat er schon das Kriterium der Schnelligkeit – also der späteren Karikatur – als Qualitätsausweis benannt. »Cito scribendo non fit ut bene scribatur, bene scribendo fit ut cito.« Nicht daß Schnellschreiben gute Texte herbeischafft. Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht, daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell schreiben lernen. Und Quintilian fügt vorsichtshalber die Empfehlung hinzu, man möge auf eine Wachstafel schreiben, statt auf Papyrus. Denn in Wachs gezeichnet, läßt sich der Text schneller löschen und leichter korrigieren – gleichsam noch eine antike Vorform, hier des Computers.
Aber hinter dem Zwang zur Auswahl lauert eine Gefahr. Denn jedes Zeigen heißt Verschweigen. Aufzeigen verdeckt. »Eigentlich«, um Ranke abzurufen, mag alles ganz anders gewesen sein als zuvor gezeigt. Deshalb lautet unsere zweite Maxime der Historie, auf das Verborgene, das Unsichtbare achten, auf das, was sich hinter und zwischen den Personen und ihren Ereignissen abspielt. Das aber sind die stets sich wiederholenden oder die nur langsam sich verändernden Bedingungen aller Ereignisse. Wissenschaftstheoretisch gesprochen sind es die Wiederholungsstrukturen, die in alle Ereignisse eingehen, indem sie diese bedingen und ermöglichen. Ereignisse und Personen wiederholen sich nie, sie sind und bleiben einmalig. Wohl aber wiederholen sich die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen Personen leben und handeln und unter deren Vorgaben die Geschehnisse sich abwickeln.
Diese meist stummen oder unsichtbaren Voraussetzungen aller Geschichten aufzuzeigen, ist freilich ein schwieriges Geschäft. Denn sie stehen in keiner Quelle zu lesen.
Um längerwährende Strukturen aufweisen zu können, müssen die einschlägigen Quellen erst erstellt, einander zugeordnet und zum Sprechen gebracht werden. Handelnde Personen und das, was sie hervorbringen oder erleiden, sind immer überraschend und deshalb erkennbar. Ihre mentalen, religiösen, ökonomischen, sozialen oder sonstwelche Beschränkungen oder Anreize können aber nur extrapoliert werden. Indem der Historiker dieses zu leisten sich unterfängt, erklimmt er die Stufen höherer Allgemeinheit, erklärt er seine Geschichten unter dem Vorgebot ihrer strukturellen Wiederholbarkeit, der vorausgewußten Vergangenheit, um unsere Göttin Prorsa zu beschwören. Und damit erhält der Historiker die von Aristoteles erteilte Lizenz, auch Wahrheitsansprüche der Dichtung oder gar der Philosophie einzulösen.
Auf der Suche nach dem Verschwiegenen und dem Unsichtbaren gerät der Historiker unweigerlich in die Gefahrenzone poetischer Aussagen. Freilich mit der Chance, sprachlich dauerhafte Aussagen zu finden. Gedanken kommen nicht nur beim Sprechen – wie bei Kleist –, sondern auch beim Schreiben oder in der Nacht, wie uns die antike Rhetorik belehrt. Einmal angesprochen, hilft der Traum unseren Gedanken weiter, um das Gesuchte auszusprechen. So fand ich – die persönliche Erinnerung sei erlaubt – im Schlaf den Satz: ›Die Freiheit im Geheimen wird zum Geheimnis der Freiheit‹. Dieser Satz bringt den schleichenden Umschlag von der staatlich verfolgten Gewissensfreiheit des 17. Jahrhunderts in die sich ihrer selbst gewisse Aufklärung des 18. Jahrhunderts auf eine begriffliche Figur. Der von Sigmund Freud eingesetzte Pförtner, der den Durchgang vom Unbewußten zum Bewußten hätte überwachen sollen, hatte offensichtlich geschlafen. Er ließ eine semantische Botschaft unverschlüsselt durch, die als lesbar verständliche Aussage inzwischen lehrbuchfähig geworden ist.
Damit hätten wir durch die Hintertür des Traumes, wen wundert es, den Anschluß an die Dichter gefunden. Ein bißchen darf auch der Historiker erfinden. Nur mit Neid blickt er über das prosaische Wissenschaftsgatter auf jene Schriftsteller, die früher einmal Dichter hießen. Sie dürfen immer erfinden, weshalb die Historiker die betrübliche Schutzbehauptung aufgestellt haben, daß alle Dichter lügen, während sie selbst methodisch dazu verurteilt bleiben, nur suchen und finden zu dürfen. Aber rein sprachlich haben sie denn doch teil, ein wenig, an dem Reich poetischer oder philosophischer Einsichten. Der Zwang zur Auswahl und die Not der Wiederholung erzeugen Sprachformen, die nicht allein auf die einmalige Tatsächlichkeit vergangener Geschichten zurückweisen. Sie enthalten, mit unserer Göttin Prorsa gesprochen, vorausgenommene, also wiederholbare Vergangenheit.
Und doch gibt es einen gewichtigen Unterschied, den zu erinnern wir in einer Akademie für Sprache und Dichtung verpflichtet sind. Was immer ein Schriftsteller sprachlich in seine unverwechselbare Form gebracht hat, ist nicht mehr korrigierbar. Sein Werk, ob gut oder schlecht, überdauert den Autor. Anders die Texte der Historiker: Sie leben vom Vorgriff auf Unvollkommenheit, denn die Geschichten gehen weiter und überholen jeden historischen Text. Er bleibt nicht nur, wie seine poetischen Nachbarn auf Interpretation oder Umdeutung angewiesen, sondern verlangt Korrektur, Verbesserung oder Widerlegung. Das ist mit sprachlichen Kunstwerken nicht zu machen. Deshalb fällt es einem Historiker so schwer, einen letzten Satz zu schreiben. Den ersten Satz zu finden, in Anbetracht des leeren Papiers, ist schon schwer genug. Das gilt auch für den sogenannten Dichter. Aber einen, den letzten Satz zu finden, ist für einen Historiker unmöglich. Er bleibt auf Vorläufigkeit zurückverwiesen. Sein Text mag rein wissenschaftlich nicht widerlegbar sein, überholbar ist er immer.
Seinen letzten Satz schreiben heißt also für den Historiker niemals, das letzte Wort zu behalten. Darin mag er sich – vielleicht – von sonstigen Schriftstellern unterscheiden, die aus anderen Gründen preiswürdig sind – wie unser diesjähriger Büchnerpreisträger.