Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Klaus Heinrich

Klaus Heinrich

Religious scholar
Born 23/9/1927

Sigmund-Freud-Preis 2002
Laudatory Address by Jochen Hörisch
Acceptance Speech by Klaus Heinrich
Diploma

... das Projekt der Aufklärung so unerschrocken vorangetrieben hat, daß es nicht mehr davor zurückzuscheuen braucht, die Aufklärung über sich selbst aufzuklären.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Christian Meier
Vizepräsidenten Peter Hamm, Ilma Rakusa, Klaus Reichert, Beisitzer Harald Hartung, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Lea Ritter-Santini

Die Lust des Denkens

LAUDATOR
Jochen Hörisch
Born 1951
Literary scholar and

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Herr Heinrich, liebe Frau Heinrich, meine Damen und Herren!
Sommer 1970, ein weiter und heller Vorlesungssaal in Berlin-Dahlem und darin ein in jedem Wortsinne großes Publikum, ein so ausgesucht intellektuelles, waches und junges Publikum, wie man es seitdem, naturgemäß reifer geworden, wohl nur noch bei den Preisverleihungen der Deutschen Akademie für Sprache und Literatur in Darmstadt antrifft. Klaus Heinrich betritt den Hörsaal: ein Mann in den frühen Vierzigern, ein puer senex, der seiner akademischen Jugend zum Trotz schon zur Legende geworden ist – bzw. geworden wäre, wenn er nicht selbst so freundlich, so schlagend und so hartnäckig das Projekt der Abwehr von Verstrickungen in Legenden betriebe und wenn die beiden legendarischen Ereignisse, die ihm nach- und vorauseilen, nicht in so eigentümlicher Spannung zueinander stünden. Klaus Heinrich, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sein breit angelegtes Studium an der Berliner Universität Unter den Linden begonnen hatte, war erstens der entscheidende studentische Mitbegründer der Freien Universität Berlin. Und er war zweitens 1962 bei seinem Habilitations-Versuch an der von ihm mitgegründeten Universität fast gescheitert. Wie gebrochen die Beziehungen zwischen Grund und Begründetem sein können, wie intrikat das Verhältnis zwischen Ursprung und dem sein kann, der dem Ursprung entsprungen ist, das hat Klaus Heinrich mehrfach selbst erfahren und eindringlich bedacht. Der erbitterte akademische Widerstand, auf den Klaus Heinrichs 1962 eingereichte Habilitationsschrift Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen gestoßen war, erinnert frappant an das »Nein!«, das Sigmund Freud aus der Wiener Universitätsfeste entgegenscholl.

Die erste Anmerkung zu diesem Versuch, die den vielen Fußnoten voransteht, die ihrerseits auf Homer und Heidegger, Hegel und Brecht, Enzensberger und Wittgenstein und last not least auf Freud verweisen, diese erste Anmerkung hat unverkennbar programmatischen Charakter. Sie führt den Gestus des performativen und selbstreflexiven Denkens eindringlich vor, der Freuds wie Klaus Heinrichs Sprech- und Schreib-Stil charakterisiert: »Man wird dem Verfasser vorwerfen, daß er alle Disziplinen vermenge: Lyrik, Logik, Psychoanalyse; Ontologie und Ethik; Religionswissenschaft und Kulturkritik. Man wird ihm vorwerfen, daß er die Sphären vermische: des menschlichen Leibes und der menschlichen Seele, Natur und Geschichte, ethische und ästhetische Sphäre, Theorie und Praxis.«(1) Klaus Heinrich hat in seinen (im Vergleich etwa zu seinem Jahrgangsgenossen Luhmann oder im Vergleich zum zwei Jahre jüngeren Habermas) wenigen, aber hochkonzentrierten Schriften und in seinen vielen kontinuierlich gehaltenen, zum Glück mitgeschnittenen und teilweise transkribierten Dahlemer Vorlesungen in der Tat geradezu systematisch die Sphären gewechselt und Disziplingrenzen souverän ignoriert. Dabei ist er nicht einmal vor der Sünde wider den scheinanalytischen Geist zurückgeschreckt – hat er sich doch auf Kategorienfehler interessiert und mit intellektueller Sympathie eingelassen.
Vor- und Einwürfe aus dem großen Auditorium gibt es auch, als Klaus Heinrich im Sommersemester 1970 unter dem Titel Tertium datur – Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik Motive seines frühen Versuchs erneut aufnimmt und eine Initiation in genaues dialektisches Denken vorschlägt. Was Klaus Heinrich in dieser und vielen folgenden Vorlesungen, indem er vor einem Bücherpult wie Rilkes Panther regelmäßig auf und ab geht, nach einem Titel greift, daraus zitiert und dann in jedem Sinne frei spricht, was also Klaus Heinrich seinen HörerInnen eben nicht zu-, sondern stets freundlich und eindringlich anmutet, ist buchstäblich unerhört. Gerade mal zehn bis zwölf Minuten hat die weise Leitung der Darmstädter Akademie den Laudatoren gegeben, um die jeweiligen Preisträger und ihre Werke vorzustellen. So beschränke ich mich auf einige wenige überfallartige Zitate aus dieser Vorlesung, um Ihnen, meine Damen und Herren, Lust, Vorlust zu machen auf das intellektuelle Vergnügen, die Schriften des Religionsphilosophen Klaus Heinrich zu lesen − noch in diesem Leben: »Religionswissenschaft hat durchaus ihren Gegenstand: das Verdrängte der Philosophie« (10).(2) Was die Philosophie und die reine Vernunft verdrängen, ist ihre durch und durch unreine Genese und Geltung. Der Skandal, der dem Identitätssatz A=A »in der Tat nicht auszutreiben ist, (ist dieser): daß das, was er als eines behauptet..., zweimal da sein muß; daß er also bereits ausgeht von der Spaltung dessen, wovon er sagt, es sei eines.« (36) »Bei dem ausgeschlossenen Dritten werden wir uns fragen müssen: wer wird da eigentlich ausgeschlossen, warum wird er ausgeschlossen? warum diese Aktivität der Begrenzung und des Nicht-Geltenlassens von etwas, von dem dann sofort hinzugefügt wird, es wäre auch ein logischer Nonsens, also unsinnig?« (20) Ausgetrieben werden Dämonen, die allerdings so, als hätten sie Freud gelesen, ihr Recht auf eine Wiederkehr des Verdrängten in Anspruch nehmen. »Alle Sätze der Logik... sind entdämonisierende Sätze« (54) »Und auch die reinsten und formalsten Sätze der Logik haben eine massive inhaltliche Botschaft. ›Fürchtet euch nicht‹, denn es gibt ein Sein, das nicht berührt wird von Schicksal und Tod.« (45) »Die Mischung, die dort abgewehrt wird...., das tertium, das ausgeschlossen werden soll, ist: das Leben, das gemischt ist aus Leben und Tod.« (60) »Kennzeichen der ganzen griechischen Philosophie: sie ist essentiell dort, wo sie ihre Logik entwickelt – homosexuell.« (70) Denn eine patrilinear verstandene Theogonie dient als bestimmendes Modell der syllogistischen Schlußverfahren (100). »Ein ursprungsmythisches System steht im Hintergrunde jenes genealogischen Systems, wie es uns die ›Theogonie‹ bietet, und steht noch im Hintergrunde jenes deduktiven Systems, wie es uns der entwickelte ›syllogismos‹ als der vornehmste, ›ex anankes‹, das heißt aus Notwendigkeit, mit Zwangscharakter funktionierende Schlußverfahren bietet.« (103)
Zitate sind (um ein großes Wort Walter Benjamins zu paraphrasieren) Wegelagerer, die dem müßigen Flaneur im Reich des Wissens die billigen Überzeugungen rauben. Klaus Heinrich ist wie der, nach dem der Preis benannt ist, den er heute erhält, ein immens freundlicher Wegelagerer. Denn er nimmt nicht, er gibt; was nicht ausschließt, daß er schenkt, indem er raubt: etwa Verdrängungen, krankmachende Illusionen, hartnäckige Tabus. Klaus Heinrich verwickelt mit seinen Schriften und Dreinreden Passanten im Reiche des Denkens in Reflexions- und Aufklärungsprozesse, die sie reich beschenkt und möglicherweise als andere, als anders gewordene von dannen ziehen lassen. In der Sphäre der zeitgenössischen universitären Philosophie steht der Religionsphilosoph und Kritische Theoretiker Klaus Heinrich (wenn man von Michael Theunissen absieht) singulär dar. In einem Kontext der extremen philosophischen Sprachverarmung hat seine realphilosophische, wissenschaftliche und den Aufschlußkräften der Kunst vertrauende Prosa argumentativ neue Denk-, Analyse- und Sprachmöglichkeiten erschlossen. Die paradoxen Effekte, die der akademische Siegeszug der analytischen Philosophie mit sich brachte, sind selten bedacht worden. Hat sie doch die Möglichkeiten verantwortlichen Sprechens in geradezu grotesker Weise beschränkt (was einige ihrer klügeren Vertreter wie Richard Rorty denn auch zu entschiedenen Korrekturen am Projekt der analytischen Philosophie veranlaßte). Denn die analytische Philosophie fungierte als diskursive Polizei nach dem immer gleichen Schema: so wie Parmenides und Nikolaus von Kues, so wie Hegel und Heidegger, so wie Adorno und Derrida darf man nicht sprechen, wenn man Gültiges aussagen will. Der Preis für diese diskursive Verbotsstrategie ist hoch: analytische Aufklärung kippt häufig allzu handfest in billige Mystik, in affektgeladene Aggression, in freiwilligen Denkverzicht oder in abgründigen Balanceverlust um.

Klaus Heinrich begreift Religionsphilosophie als Realphilosophie. Sein Denken hat keine Angst vor der Wirklichkeit. Nur eine Kostprobe noch – der zu Beginn der neunziger Jahre gehaltene Vortrag über Sucht und Sog. Nach einem Durchgang durch die Wortgeschichte, der auf tiefe Zusammenhänge von Sucht, Suche, Sehnsucht, Saugen und Sog verweist, nach einem Besuch des Parks von Bomarzo mitsamt seiner verschlingenden Mäuler und Spalten, nach dichten Lektüren von Schillers Taucher-Ballade, Poes Maelstrom-Erzählung und Jules Vernes Roman 20 000 Meilen unter Meer ist dem Leser nicht etwa schwindlig. Er sieht vielmehr in heiliger Nüchternheit, wie aufschlußreich Klaus Heinrichs Leitthese ist: das süchtige Subjekt will seinem Begriff, Subjekt, also unterliegend zu sein, alle Ehre machen. Es strebt einen Subjekttausch an; es will Opfer sein, es will von einer Bewegung, der die eigentlichen Subjektattribute zukommen sollen, weggesogen werden – weg aus dieser Welt. Und so ist in der Sucht und in der Suchtgesellschaft »die geheime Erwartung am Werke, daß es gelingen möge, die Welt selbst aus der Welt zu schaffen: ihr will der Katastrophensüchtige nach.«(3) Wer diesen Text aus dem Jahr 1993 liest, erfährt mehr über die Probleme, die mit so fern auseinanderzuliegen scheinenden Stichworten wie Virtual Reality und 11. September 2001 angezeigt werden, als wenn er sich durch die schnell entstandenen Bibliotheken zu diesen Themen durcharbeitet.
Klaus Heinrich hat sich mit Arbeiten wie diesen einen anti-auratischen Namen gemacht. Doch er trägt von Geburt an einen auratischen Namen − einen Namen zudem, der die Grenze zum Kategorienfehler streift: könnten doch Vor- und Familienname vertauscht sein. Klaus Heinrich: das ist bekanntlich auch der Name der Königlichen Hoheit, der Thomas Mann seinen zweiten Roman gewidmet hat. Dieser KH, dieser Klaus Heinrich, diese Königliche Hoheit ist anders als der Klaus Heinrich, den wir heute ehren, nicht per se mit überreichen Geistesgaben gesegnet. Seinen nichts desto Trotz sich einstellenden Durchblick verdankt er nicht zuletzt dem Kontakt zu einer klugen, schönen und jungen Frau, bei der er sich vor der Hochzeit formvollendet für reiche Anregungen und Förderung bedankt: »[...] ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, würde ich schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.«(4) Der Witz dieser Thomas Mannschen Wendung ist ersichtlich: zusammen gelesen haben die Königliche Hoheit und die amerikanische Millionärstochter Imma (deren Name, rückwärts gelesen, »Am(m)i« ergibt) nicht etwa schöne, sondern profane, genauer: finanzwissenschaftliche Literatur. Was nicht ausschließt, daß sich das geflügelte Dante-Wort »An diesem Tage lasen sie nicht weiter« auch in ihrem Fall bewährt. So eng können die somatische und die semantische Lust ineinander verwoben sein. Mit Hilfe der so lustvoll gewonnenen Einsichten in die Webmuster des Realen und mit Hilfe des immensen Privatvermögens des bürgerlichen Schwiegervaters gelingt es, das darniederliegende Duodezfürstentum und den Rosenbusch vor dem Residenzschloß wieder prosperieren zu lassen.
Herbst 2002: einer der genauesten und produktivsten Leser Thomas Manns und Sigmund Freuds erhält den Sigmund-Freud-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. Die Psychoanalyse hat in den letzten Jahren einen dramatischen Prestigeverfall erlebt. Ganz unschuldig ist sie daran nicht. Denn sie hat viele der von Freud mit so freundlicher Hartnäckigkeit durchgehaltenen Skandal-Einsichten preisgegeben. »Anfangen mit Freud« – so lautet der hintersinnige Titel einer Sammlung mit Vorträgen von Klaus Heinrich. Spätestens jetzt anfangen mit der gründlichen Rezeption der Überlegungen von Klaus Heinrich: das ist intellektuelle Pflicht und Forderung des Tages. Einen würdigeren Träger des nach Sigmund Freud benannten Preises für wissenschaftliche Prosa könnte es nicht geben als die so citoyen-freundliche Königliche Hoheit im Reiche des komplexen Denkens und Argumentierens: Klaus Heinrich.

(1) Klaus Heinrich: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen. Frankfurt a. M. / Basel 1982, S. 159.
(2) Klaus Heinrich: Tertium datur − Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik. Frankfurt a. M. / Basel 1981 (fortan werden im laufenden Text nur die Seitenzahlen angeführt).
(3) Klaus Heinrich: Sucht und Sog; in: K.H.: Anfangen mit Freud. Frankfurt a. M. / Basel 1997, S. 56.
(4) Thomas Mann: Königliche Hoheit. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Frankfurter Ausgabe. Hrsg. von Peter de Mendelssohn. Frankfurt a. M. 1984, S. 341.