Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Klaus Heinrich

Klaus Heinrich

Religious scholar
Born 23/9/1927

Sigmund-Freud-Preis 2002
Laudatory Address by Jochen Hörisch
Acceptance Speech by Klaus Heinrich
Diploma

... das Projekt der Aufklärung so unerschrocken vorangetrieben hat, daß es nicht mehr davor zurückzuscheuen braucht, die Aufklärung über sich selbst aufzuklären.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Christian Meier
Vizepräsidenten Peter Hamm, Ilma Rakusa, Klaus Reichert, Beisitzer Harald Hartung, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Lea Ritter-Santini

Orpheus / Antiorpheus / Prorsa

Sehr verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Akademiepräsident, lieber Herr Hörisch, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich war glücklich, als ich diesen Preis erhielt, weil er mit dem Namen Sigmund Freud verknüpft ist. Freud hat mich ein Universitätsleben lang begleitet. Ohne ihn hätte ich keine Geisteswissenschaft betrieben, ohne ihn nicht Philosoph bleiben können. Genauer gesagt, ohne Freud und seine Einsicht in den »Selbstvernichtungstrieb« der Gattung, wie er ihn, nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und unter dem Eindruck einer neu sich formierenden selbstzerstörerischen Bewegung nennt, hätte mich die Frage, warum Deutschlands Universitäten dem Nationalsozialismus nicht widerstanden haben, der Universität den Rücken kehren lassen. Mit seiner und – bitte lassen Sie mich diesen Namen auch gleich nennen – Paul Tillichs Hilfe hoffte ich, als ich nach Kriegsende zu studieren begann, auf die Chance der Aufklärung an Deutschlands Universitäten. Daß Aufklärung heute ein hoffnungslos veraltetes Wort zu sein scheint, eine totale Ökonomisierung des Denkens und dementsprechend knäbische Rituale an ihre Stelle getreten sind (mit Freud können wir sie der Phallischen Phase der Entwicklung zugute halten, der das Individuum nur schwer entkommen kann, der die Gattung nirgends noch entkommen ist), sollte uns an dem Gebrauch des Worts nicht hindern. Dabei sollten wir keinen Bundesgenossen verschmähen. Einerseits: ohne Freud stellte sich die Frage nach wissenschaftlicher Prosa nicht unter dem Vorzeichen der Auseinandersetzung mit Lebens und Todestrieb. Andererseits: das frühe Medium ihrer Verhandlung ist der Verismus einer bis heute aktuellen Mythologie.

I


Die altrömische Göttin, die macht, daß das Kind mit dem Kopf voran zur Welt kommt, war die Prorsa oder, in der uns geläufigeren Lautform, Prosa. Ausgerechnet sie hat sich bei Freud die entschiedenste Umdrehung gefallen lassen müssen: jeder Satz, wenn er denn den Gedanken fortschreiten läßt, hat sich zurückzuwenden, ist Reflexion; nur durch Rücksichtnahme schreitet die Analyse fort. Die Mehrdeutigkeit, die schon hier ins Spiel kommt, die Überdetermination der Sprache ebenso wie der Symptome, verrät uns die Nähe des nur scheinbar nicht Zusammengehörigen: Rücksichtnahme und Reflexion. Beides, wir erinnern uns, war Orpheus versagt. Sein Gesang, eben nicht Prosa, war ein reflexionsloser Schöpfungsakt – reflexionslos, weil er den Tod aus seiner Schöpfung ausschloß, jedenfalls, solange der Gesang währt. Die Mauern, die er wachsen ließ, waren nicht von Einsturz bedroht, die Tiere, die er auf seine Lichtung bannte, ihrem Trieb entfremdet, das Totenreich, das er beschritt, erstarrte vor seinem Gesang, anders gesagt: die monotonen Tätigkeiten der Verdammten, mit denen sie ein sinnloses Erdenleben fortsetzten, realistisch es so erst sichtbar machend, wurden noch um ihren letzten trostlosen Zusammenhang mit dem Leben und dessen, möglicherweise es verändernder, Erkenntnis geprellt, und der erste Akt der Rücksichtnahme, der seiner in die Unterwelt entführten Mänade Eurydike galt (oder war sie nicht eigentlich von da heraufgekommen? Hatte nicht der Schlangenbiß sie nur zurückgeholt? War ihr Name nicht die passende Bezeichnung für den Rechtsanspruch der Unterwelt?) markiert den Anfang seines Untergangs. Die Macht des Gesangs hatte sich als Schein erwiesen, auch zur Wiedergeburt hätte es einer Göttin bedurft, die macht, daß das Kind mit dem Kopf voran zur Welt kommt und Rücksicht nimmt. Ihm mangelte die Reflexionsmacht der Prosa, die den Bann – auch und gerade dort, wo sie uns in Bann schlägt – löst. Das gesungene Begehren war noch nicht verhandlungsfähig. Die Spannung der Geschlechter, Prototyp jeglichen Banns, daher die äußerste Anstrengung der Reflexion für sich in Anspruch nehmend, fordert zur Verhandlung heraus – sie war der Gegenstand von Freuds Prosa. Dürfen wir uns Freud als einen Antiorpheus vorstellen?

II


Orpheus, in des Aufklärers Ovid Mund, will das Unmögliche möglich machen: zugleich zu singen und ein Plädoyer zu halten. Er singt es, an die Adresse der unterirdischen Götter gerichtet, in Formeln des Römischen Rechts. Statt eines mit Eigentumsanspruch ausgestatteten Geschenks (munus) fordert er im Namen des Menschengeschlechts – daher der Plural (poscimus) an dieser Stelle – den freien unbelasteten Gebrauch (usus). Er wendet damit die Emanzipationsformel des Lucrez: Niemandem werde das Leben zu förmlichem Eigentum übertragen (mancipium, das Gegenwort zu emancipatio), allen vielmehr nur zu Nießbrauch (usus) überlassen (vitaque mancipio nulli datur, omnibus usu) als Klage gegen die Götter der Unterwelt. Erfolglos, wie wir wissen, denn zu einer Verhandlung wird es, trotz Überstellung der Eurydike, nicht kommen. – Zunächst scheint nur Eurydike das Opfer seiner Rücksichtnahme (dürfen wir vermuten, Reflexion?) zu sein – er, der kraft seines Gesangs die Unterwelt ohne die ihr gebührenden Opfer betreten hatte, scheint mit heiler Haut davongekommen. Einsam thront er auf seinem Hügel und versammelt um sich das wohlbekannte Naturtheater von Bäumen und Tieren, das später ausgeschmückt werden wird zum steinern-städtischen Theater einer von Musen geschützten friedlichen Zivilisation. Aber der Schwarm der Mänaden, so wie Eurydike eine war, fällt über ihn her, ihr Lärm übertönt Leierspiel und Gesang, den nicht mehr Hörbaren können sie in Stücke reißen, ihn so zugleich als alter Ego des Dionysos kenntlich machend. – Ovid hat in seinen carmen perpetuum, den Metamorphosen, einmal schon die Utopie der Zivilisation verhandelt: ob und wieweit eine gewaltfreie Sublimierung möglich sei, und damit seine Leser, bald zweitausend Jahre später, zur Auseinandersetzung mit dem realistischen Pessimismus Sigmund Freuds provoziert. Aber die Mächte des Ursprungs (Tillichs Wort), die Ovids Identifikationsfigur Orpheus beschwor, ließen sich zu keinem Bündnis bewegen, das weiter reichte als sein Gesang. Wenn wir ihn und zugleich seine Begrenzung ernstnehmen, treten wir in eine Verhandlung ein, die ihn und seinesgleichen in wissenschaftliche Prosa übersetzt.

III

Freud hat das getan. Er hat die Klage des Orpheus verhandlungsfähig gemacht und den Prozeß mit der Unterwelt aufgenommen. Auch er beschwört sie im antiken Bild. Sie soll nicht länger bloß der Augenblicksrührung des Orphischen Gesangs unterliegen, so wie die Unterwelt des Ovid, und auch nicht nur die Projektion des Schreckens der real existierenden sein, so wie im ideologiekritischen Furor avant la lettre des Lucrez, sondern endlich, so wie es das stolze Motto seines Jahrhundertbuchs, der Traumdeutung, proklamiert, real, nämlich in uns, und das heißt auch nachhaltig und auf Dauer, bewegt werden. Zwar ist dieses Motto: flectere si nequeo superos, Acheronta movebo (Wenn ich die oberen Götter nicht beugen kann, werde ich die Unterwelt in Bewegung setzen), dem Rachefeldzug der Vergilischen Juno entnommen, und auch der unterweltliche Sänger Orpheus war Freud nur als eine der zahlreichen imagines des geliebten und zerrissenen Urvaters erwähnenswert. Aber das dem Lucrez entlehnte Ovidische Emanzipationsbegehren traf, so jedenfalls in unserer Nachkriegs Interpretation des existentialistischen Aufklärers und darum lange liebsten Bundesgenossen Freud, auch auf diesen zu. Der Schrecken der eigenen, kollektiven ebenso wie individuellen Unterwelt, die er das Unbewußte nannte, konnte wohl verdrängt, jedoch nicht verleugnet werden. Nötig war, ihn zu übersetzen. Aber wie sollte das gelingen, ohne die Unterwelt reden zu machen? Nicht Orphischer Gesang, sondern wissenschaftliche Prosa war gefragt. Dazu versicherten wir uns der Hilfe Freuds.

IV


Ich komme zum Schluß. Wissenschaftliche Prosa, wie wir von Freud lernen können, hat die Verständigung zwischen unversöhnlich widerstreitenden Instanzen zum Ziel. Sie hat der Anwalt der Stoffe zu sein, die sie zum Reden bringt in einem Prozeß, der so alt ist wie die Gattung selbst, die ihn nicht nur als Entwicklung erleidet, sondern ihn, in einem durchaus juridischen Sinne, anhängig macht. Sie hat nichterledigte, nur scheinbar vergangene Konflikte festzuhalten und Spannungen, die sie zu zerreißen drohen (und die, wie die Religionen lehren, in immer wechselnden Geschlechterrollen fixiert worden sind) auszuhalten und zu balancieren – ein Sisyphusunternehmen, von Freud in ein großes aufklärerisches Lebensexperiment übertragen und expressis verbis dem Selbstzerstörungsprozeß der Gattung erkennend entgegengesetzt. Wissenschaftliche Prosa, sofern sie ihr Gedächtnis nicht verlieren will, ist surrealistisch und prozessual zugleich, in ihr sind der emotionale und der juridische Aspekt voneinander nicht zu trennen, sie könnte sich sonst nicht auf Unterweltsfahrt begeben; und zugleich an ihrem aufklärerischen Anspruch festhalten. Die römische Hebammengöttin Prorsa hat einen weiten Weg mit uns zurückgelegt. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. – Den Damen und Herren von der Akademie sage ich für die mir erwiesene Ehre und Ihnen, lieber Herr Hörisch, für Ihre Laudatio meinen herzlichen Dank.



Zitiernachweise »Selbstvernichtungstrieb«: Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Wien 1930, S. 136 (Ges. Werke XIV, London 1948, S. 506); »pro munere poscimos usum«: Ovid, Metamorphosen, lib. X, V. 37; »vitaque mancipio...«: Lucrez, De rerum natura, lib. III, V. 971; »Mächte des Ursprungs«: Paul Tillich, Die sozialistische Entscheidung (1933), Erster Teil: Die politische Romantik, ihr Prinzip und ihr Widerspruch, Offenbach a. M. 1948, S. 24 ff. (Ges. Werke II, Stuttgart 1962, S. 234 ff.); »carmen perpetuum«: Ovid, Metamorphses, lib. I, V. 4; »flectere si nequeo...«: Vergil, Aeneis, lib. VII, V. 312.