Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Karl Schlögel

Karl Schlögel

Historian
Born 7/3/1948

Sigmund-Freud-Preis 2004
Laudatory Address by Claudia Schmölders
Acceptance Speech by Karl Schlögel
Diploma

Karl Schlögel, dem mutigen Paradigmatiker, der seine Zunft vom Kopf auf die Füße und in die Welt stellt, als Wanderer, Spurenleser, Pilger...

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt

Der Herr der Räume

LAUDATOR
Claudia Schmölders
Born 25/10/1944
Cultural Scientist

Verehrter Herr Präsident,
Werte Festgemeinde,
Lieber Karl Schlögel,
das hätte sich die Akademie für Sprache und Dichtung wohl nicht träumen lassen, jemals einen Autor für sein Lob des Schweigens auszuzeichnen. Und doch ruft der erste Essay von Karl Schlögel nach dem epochalen Erdrutsch von 1989 zum Schweigen auf, zu einer Minute der Besinnung. Womit er selber natürlich nicht schweigt. Wie sollte er auch, angesichts dieses ungeheuren geopolitischen Kairos’, der aus Deutschland wieder einen einzigen Staat und aus der Sowjetunion wieder viele gemacht hat, ohne die Räume dabei zu ändern.
Deutschland und Rußland haben Karl Schlögel, einst Student in Moskau und Petersburg, schon immer begeistert, nicht nur in Form seiner Ehe mit Sonja Margolina. Von den »zwei klassischen Ländern der nicht verarbeiteten, nicht kultivierten, nicht zivilisierten Moderne« hat er, der genaue Kenner des Kommunismus, gesprochen und beide Nationen unablässig porträtiert. Zuerst in seinem schon klassischen Buch Moskau lesen von 1984, eine begeistert gelehrte Augenarbeit und Hommage an Walter Benjamin. Später dann in der gewaltigen Studie über Petersburg als Labor der Moderne, über Berlin als Europas Ostbahnhof und Deutschland als Zufluchtsraum der russischen Emigranten.
Was Schlögel so emphatisch beschweigen wollte, hat er Jahre zuvor kommen sehen. Die Mitte liegt ostwärts – dieses kühne, umstrittene Manifest zur Rolle Mitteleuropas warf er schon 1986 in die Debatte. Und was für ein glücklicher Kunstgriff, in diesem Verstummen eine intellektuelle Chance zu sehen. »Man kann diese Chance verwerfen und sich den etablierten Interpretationszwängen fügen«, schrieb er damals. »Aber man vergibt sich damit wirklich etwas Großes: die Erfahrung der Leere, die eintritt, wenn sich eine Sprache erschöpft hat und ein Begriff alt geworden ist.«
Derart sprach Schlögel damals schon seine eigene Wissenschaft an. Kein Zweifel, er hat die Chance ergriffen, für seine Disziplin eine neue Historiker-Sprache zu erfinden. Welcher Ansatz könnte eher den Preis für wissenschaftliche Prosa verdienen? Hervorgegangen aus dieser Schweigeminute ist, Sie alle wissen es schon, ein unerhörter Diskurs über das Verhältnis von Raum und Zeit, Räumlichkeit und Geschichte, Örtlichkeit und Geschichtsschreibung.
Daß ein deutscher Autor dies Thema ergreift, ist nicht nur kein Zu-, sondern ein Glücksfall. Mit welcher Differenziertheit sich Schlögel immer wieder der Hydra des nazistisch verrückten Raumbegriffs erwehrt hat, muß jeder Leser bewundern. Dabei ist es von fast tragischer Ironie, daß der einst kontaminierte Begriff des Lebensraumes von niemandem so beseelt wird wie von ihm. Raum als belebter und bewohnter, Raum als Stätte der Utopie wie der Katastrophe, Raum als Bedingung der Möglichkeit des Verkehrs ebenso wie der Nachbarschaft und epochalen Begegnung, Raum im Plural für plurale Geschichten, Raum als Widerlager der Dekonstruktionen, Raum als Oberbegriff für moralische, kulturelle, politische Dingfestigkeit – all das, und vieles mehr, tritt aus diesem völlig neu gefaßten Schlögel-Lebens-Raum hervor.
Die Entgiftung brauchbarer, ja wunderbarer deutscher Begriffe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eine Herkules-Arbeit. Das gilt auch, diese Bemerkung sei mir erlaubt, für die Physiognomik. Auch hier sind unsinnige ideologische Indienstnahmen zu beklagen, wo doch die physiognomische Wahrnehmung ein kreatürliches Axiom unserer Existenz ist. Und deren Betrachtung durchaus phasenweise ein deutsch-jüdisches Projekt. Auch Benjamin hat es für sein Passagenwerk genutzt. Karl Schlögel entwickelt das weiter. Er sieht mit dem Auge des Vogels und Frosches zugleich; seine Gemälde bieten Auf- und Untersichten auf einmal, zeigen das Ungleichzeitige im Synchronen des Raumes.
»Mit der Oberfläche beginnen«, ruft Schlögel schon seinen Moskau-Lesern zu und zeigt ihnen die Stadtlandschaft als schönen Steinbruch, weil Geographie eben eher neben der Geologie als neben der Rassenkunde liegt. Missionarisch beredt schreibt er seither den Historikern ins Stammbuch, daß wer den Raum mißachtet, scheitern wird, und daß der Raum ein Vetorecht in allem hat. Wer nur einmal drei Tage im Zug nach Moskau fuhr, weiß auf immer, wovon die Rede ist.
Schlögels Bezugsraum ist dabei gerade nicht der Boden, sondern die verkehrstechnisch erschlossene Lebensfläche. Wer sie bewandert, landet in einer als Geschichtsarbeit verkleideten Philosophie der Urbanität. Daß man bei Schlögel statt Raum eigentlich immer auch Stadt sagen kann, gehört zu seinem Psychogramm. Er ist bemerkenswert angstfrei, weil urban. Jene Raumscheu, die Wilhelm Worringer 1908 den Primitiven zuschrieb, kennt er nicht. Und das gilt auch für seine Episteme. Er muß nicht ins Abstrakte ausweichen wie Worringers Primitive. Sein theoretisch motiviertes opus magnum aus dem Jahr 2003, Im Raume lesen wir die Zeit, ist eine Liebeserklärung an die Komplexität des Lebens in der Geschichte, nicht an dessen Vitalität im Sinne Bergsons.
Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und der Menschenliebe, hat Pfarrer Lavater um 1800 sein Hauptwerk genannt, und nichts war ihm lieber als ein Lob seiner Freunde. Und so könnte man auch Schlögels Werk nennen: Soziognomische Fragmente zwecks Beförderung der Raumeskenntnis und der Raumesliebe. Betonung auf Liebe: Denn kaum ein Autor deutscher Wissenschaftssprache hat die epideiktische Rhetorik mit soviel Sinn erfüllt wie Karl Schlögel, besonders in seinen hingebungsvollen Porträts jüdischer Zentren im alten Mitteleuropa. Gerade weil dem allen ein Lob des schweigenden Anschauens zugrunde liegt. Theorie ist Anschauung, sagt er gern.
So platziert er sich mitten in die Welt von Sprache und Dichtung. Und beileibe nicht nur in die Provinz des Essays, dem willigen Medium dichter Beschreibung, mit reisephilosophischem Einschlag. Wer sich wie Schlögel den Plätzen als Schauplätzen ergibt, ist auch ein Mann der Theatralität und ganz sicher ein Denker von Namen. Das Reich der Namen liegt neben dem der Begriffe. Namen sind das linguistische Äquivalent des Zeigefingers. Schlögels Poetik der Städte arbeitet in diesem linguistischen Feld, das Karl Bühler ein »Zeigfeld« genannt hat. Zum Zeigefinger und zum Namen gehören als Bildform das Porträt und die Landkarte, als literarische Form der biographische Essay. Schlögels Namen, Bildnisse, Biographien und Landkarten heißen etwa Moskau, Petersburg, Berlin, Königsberg, Istanbul, Prag, Zagreb, Budapest. Oder: Harry Graf Kessler, Nabokov, Djagilev, Baedecker, Benjamin. Oder drittens: Auschwitz, Dallas, Ground Zero.
Namen verwandeln unbewohntes Land in bewohntes. Nach diesem alttestamentlichen Verfahren verwandelt Karl Schlögel Raum in Wohn-Raum, den eine verbiesterte Geschichtswissenschaft zugunsten namenloser Zeit-Prozesse nahezu entwohnt hat. Aber die Kategorie der Lokalität läßt sich nicht abwimmeln. Sie ist theoretisch und neutral wie das Alphabet. Namen umfassen Orte und Akteure; Namen gruppieren Täter und Opfer in ein und derselben Menge; im Namen von Recht oder Unrecht werden Orte erobert, entvölkert oder entstellt. Was für ein großartiges Projekt hat Karl Schlögel der DFG 1996 zum Thema Vertreibung vorgeschlagen, und was wurde daraus.
Im Namen schließlich kulminiert alles biographische Gedenken. Und Loben! Denn wüßten wir nicht, daß Schlögel aus dem süddeutschen Raum, aus einer bäuerlichen Familie kommt, daß er in Konstanz gelehrt hat und jetzt an der Frankfurter Viadrina als unser wissenschaftlicher Leuchtturm nach Osten blinkt, wie sollte Leben in diese laudatio kommen!
Ob er noch weiß, wie nahe er auch damit dem geistigen Paten Benjamin steht? Irgendwann muß er dessen Philosophie der Namen in sich versenkt haben. Die ideale platonische Liebe, meinte dieser einmal, »zeichnet am strengsten im Schicksal sich aus, welches sie dem...Vornamen – bereitet.« Vergessen wir nicht, daß Herrscher, Kirchenväter und hochbeliebte Figuren des Geistes mit Vornamen in die Geschichte kommen. Hierzu paßt Schlögels Namenskunde. Wir sollen lernen, daß die Stätten seiner Raumesliebe nur Vornamen tragen. In Wahrheit sind es ja Lebewesen und psychische Räume. »Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon«, lautet eine rätselhafte Bemerkung aus Freuds Nachlaß. Freud muß geahnt haben, daß im Jahre 1948 ein Mann namens Karl Schlögel zur Welt käme, der dieses Nichtwissen lebenslänglich erklären würde. Wo, wenn nicht hier, wäre ein Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa angemessener. Herzlichen Glückwunsch.