Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Karl Schlögel

Karl Schlögel

Historian
Born 7/3/1948

Sigmund-Freud-Preis 2004
Laudatory Address by Claudia Schmölders
Acceptance Speech by Karl Schlögel
Diploma

Karl Schlögel, dem mutigen Paradigmatiker, der seine Zunft vom Kopf auf die Füße und in die Welt stellt, als Wanderer, Spurenleser, Pilger...

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Heinrich Detering, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt

An der »porta orientis«

Sehr verehrte Damen und Herren!
Liebe, sehr verehrte Claudia Schmölders!

Welche Ehre und welche Anerkennung, die jedem mit dem Sigmund-Freud-Preis der Darmstädter Akademie Ausgezeichneten zuteil wird! Welche Genugtuung, daß die Arbeit, an deren Sinn man freilich nie gezweifelt hat, nun auch in aller Öffentlichkeit anerkannt wird! Welcher Ansporn auch und welche Ermutigung, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren! Ich habe der Jury zu danken, die sich zu dieser Entscheidung durchgerungen hat. Ich möchte Claudia Schmölders danken, die mit ihrer Laudatio nicht nur mir, sondern auch der Kunst, für die sie lange schon gerühmt wird, alle Ehre gemacht hat! Und ich habe allen, die mich auf dem langen Weg mit Wohlwollen und Unterstützung begleitet haben, zu danken: meinem Elternhaus, das mir eine Art Urvertrauen mit auf den Weg gegeben hat; meinen Freunden, mit denen ich die Abenteuer der Entdeckung der Welt geteilt habe; den großartigen Verlegern, mit denen zusammenzuarbeiten ich das Glück hatte und habe; für das Glück, an einen geistigen Mentor geraten zu sein, der durch seine Zeitgenossenschaft mit dem 20. Jahrhundert früh weise und geduldig geworden war; für das Glück, eine Lebensgefährtin gefunden zu haben, deren Furchtlosigkeit mich immer wieder beeindruckt und antreibt.
Aber wie immer dies ist bei Auszeichnungen, sie sind nicht nur Auszeichnungen für schon Geleistetes, sondern auch Hypotheken. Im Falle des Sigmund-Freud-Preises für »wissenschaftliche Prosa« bedeutet es, daß der Ausgezeichnete in die Nähe oder in den Schatten eines monumentalen Werkes und einer monumentalen Gestalt gerückt wird, die ihn befangen machen und ihn dazu verführen könnten, sich angestrengten Kombinationen und Reflexionen über das eigene Verhältnis zum Begründer der Psychoanalyse zu unterziehen. Im Falle Freud würde auch ich von dem Wunder einer Prosa sprechen, in der Anschaulichkeit und Arbeit des Begriffs bruchlos verschmolzen sind und die daher auch nie ermüdet, auch wenn sie unter dem Titel der »wissenschaftlichen Abhandlung« erscheint. Freud selbst war sich bekanntlich über seine Doppelbegabung im klaren, und Wissenschaft und Literatur waren ihm nur zwei verschiedene Zugänge zur Beleuchtung ein und derselben Sache – von zwei verschiedenen Enden her, wie er sich ausdrückte. Arthur Schnitzler hatte er einmal als seinen Zwilling bezeichnet. »Wir schöpfen wahrscheinlich aus der gleichen Quelle, bearbeiten das nämliche Objekt, ein jeder von uns mit einer anderen Methode, und die Übereinstimmung im Ergebnis scheint dafür zu bürgen, daß beide richtig gearbeitet haben.« Mein Kontakt zu Freud ergibt sich jedoch eher aus einer Formulierung Hugo von Hofmannsthals. Der hatte bei seiner Erörterung des kakanischen Entstehungszusammenhangs von Freuds Werk geschrieben: »Wien ist die Stadt der europäischen Musik: sie ist die porta Orientis auch für jenen geheimnisvollen inneren Orient, das Reich des Unbewußten. Dr. Freuds Interpretationen und Hypothesen sind die Exkursionen des bewußten Zeitgeistes an die Küsten dieses Reiches« (Hugo von Hofmannsthal, Aufzeichnungen, 1973, S. 273). Freud hat sich dieser Interpretation nicht angeschlossen: Wien war alles andere als aufgeschlossen gegenüber seinen bahnbrechenden Studien. »Ich hasse Wien geradezu persönlich und wie in Gegensatz zum Riesen Antaeus sammle ich frische Kraft, so oft ich den Fuß vom vaterstädtischen Boden abgehoben habe« (Sigmund Freud, Aus den Anfängen der Psychoanalyse, 1950, S. 267). Oder: »Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An keinem anderen Ort ist die feindselige Indifferenz der gelehrten und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich verspürbar wie gerade in Wien« (Gesammelte Werke, Bd. X, S. 81). Darüber hinaus sah er die Geltung der Erkenntnisse der neuen Wissenschaft der Psychoanalyse herabgesetzt, wenn sie primär aus dem spezifischen Wiener Zusammenhang abgeleitet werden würde. Wie dem auch sei, ich denke, daß aufs ganze gesehen Hugo von Hofmannsthal und Hermann Broch recht gehabt haben, wenn sie Wien als den »genius loci« für die Entstehung der Psychoanalyse ausgemacht haben.
Bei einer genaueren Lektüre stellt sich denn auch heraus, daß Freud, den Kräften der Unterwelt und des Unbewußten auf der Spur, durchaus einen Sinn für den historisch-geistigen Raum seiner Arbeit hatte und mit Raum-Metaphern arbeitete. In seiner Einführung in die Psychoanalyse wird ihm die sprachliche, kulturelle und konfessionelle Gemengelage des Vielvölkerstaates der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie zur Metapher für die Struktur der Seele selbst; er spottet sogar über die naiven Ordnungsvorstellungen, wie sie sich im 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Wilson zur Befriedung Europas nach dem Ersten Weltkrieg ausgedrückt hätten: »Ich imaginiere ein Land«, so Freud in einer Vorlesung, »mit mannigfaltiger Bodengestaltung, Hügelland, Ebene und Seenketten, mit gemischter Bevölkerung – es wohnen darin Deutsche, Magyaren und Slowaken, die auch verschiedene Tätigkeiten betreiben. Nun könnte die Verteilung so sein, daß im Hügelland die Deutschen wohnen, die Viehzüchter sind, im Flachland die Magyaren, die Getreide und Wein bauen, an den Seen die Slowaken, die Fische fangen und Schilf flechten. Wenn diese Verteilung glatt und reinlich wäre, würde ein Wilson seine Freude an ihr haben; es wäre auch bequem für den Vortrag in der Geographiestunde. Es ist aber wahrscheinlich, daß Sie weniger Ordnung und mehr Vermengung finden, wenn Sie die Gegend bereisen. Deutsche, Magyaren und Slowaken leben überall durcheinander, im Hügelland gibt es auch Äcker, in der Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges ist natürlich so, wie Sie es erwartet haben, denn auf Bergen kann man keine Fische fangen, im Wasser wächst kein Wein. Ja, das Bild der Gegend, das Sie mitgebracht haben, mag im großen und ganzen zutreffend sein; im einzelnen werden Sie sich Abweisungen gefallen lassen« (Studienausgabe, Bd. 1, S. 510). Freud fand auch immer wieder »unerwartete Parallelen« zwischen seiner eigenen Arbeit und Jacob Burckhardts Griechischer Kulturgeschichte. Mehr als einmal verweist er auf die Verwandtschaft von Krankengeschichten und den Narrativen der Geschichtsschreibung. Mehr als einmal verwendet er für sich, den Analytiker der menschlichen Seele, das Bild des Archäologen, der untergegangene Städte freilegt und damit die abgelagerten Schichten sichtbar macht. Diesem Freud, der in einen bis dahin unbekannten Raum hinabsteigt und diesen erkundet, der aufbricht »an die Küsten dieses Reiches«, um noch einmal Hofmannsthal zu zitieren – diesem Freud der Erkundung eines neues Raumes fühle ich mich nahe.
Freilich war meine »porta orientis« nicht Wien, und meine Zeit ist nicht die große Endzeit des alten Europa, die Szenen der belle époque, des fin-de-siècle. Der Raum, in den ich aufbrach, war jener Orient, der in der Epoche der Welt- und Bürgerkriege, der Krisen und Revolutionen verschwunden war, und alle Arbeit, soweit ich mich erinnern kann, ist die Anstrengung, dieses verschwundene, unseren Augen so lange entzogene, uns fremd gewordene Europa zu vergegenwärtigen und unserem Gesichtskreis zurückzugewinnen. Auch dafür gibt es einen historischen Ort: es ist eher das halbierte, geschrumpfte Nachkriegs-Westdeutschland; die porta orientis, wenn es denn eine gibt, ist eher das geteilte Berlin als das Wien der Musilschen Parallelaktion. Es mußte ein starkes Motiv geben, das einen anhielt, dies über Jahre hinweg, nun schon ein ganzes Leben lang, zu betreiben. Und es mußte eine Spannung, eine Triebkraft, einen Antrieb geben, immer wieder zurückzukehren in diesen gedunkelten Raum. Es müssen hier, wie immer in solchen Fällen, viele Dinge zusammenkommen, auch biographische Zufälligkeiten, die entscheidend werden können. Es gab nach dem Krieg in Deutschland keine unversehrten Provinzen und heilen Welten mehr. Nicht einmal das Allgäu, in dem ich aufgewachsen bin, war eine solche. Die Welt, von der in den Erzählungen der Älteren die Rede war, reichte bis Kursk, Narvik und Stalingrad – manchmal auch bis Tobruk. Auf den Grabsteinen stand oft eingraviert »gefallen in Rußland«. Auf Photos, die mein Vater, Jahrgang 1913, in einer Blechschachtel aufbewahrt hatte, sah man Marktplätze mitteleuropäischer Städte, gesprengte Brücken, Rauchsäulen, Gleisanlagen. Orscha oder Krementschug sind Namen aus meiner Kindheit – und nicht nur meiner. Das Land, auf dem sich äußerlich so wenig verändert hatte, war nach 1945 eine andere Welt geworden: mit Millionen von Flüchtlingen, Hunderttausenden von wildfremden Leuten, die über Nacht – auch auf dem Hof meiner Eltern – einquartiert worden waren. Sie waren aus Städten gekommen, sprachen hochdeutsch, und die Frauen lackierten sich die Nägel und rauchten – das war das Ende der Provinz, wo sie der Krieg noch übriggelassen hatte. Eine gemischte Gesellschaft, wie es sie in diesem Landstrich in den Jahrhunderten zuvor nicht gegeben hatte. Dann kam Prag. Noch während der Zeit am Gymnasium. Vielleicht war Prag in den frühen 1960er Jahren meine porta orientis. Eine Stadt, die es im Neubau Bundesrepublik nicht gab: mit geschwärzten Mauern, irgendwie unversehrt, Jahrhunderte, Schicht für Schicht aufeinandergetürmt, die Große Stadt in Reinform. Ich erfuhr das meiste über deutsche Geschichte zuerst außerhalb der Bundesrepublik. Ich erfuhr in Prag zuerst, was jüdische Kultur war, und in Theresienstadt, wie sie untergegangen war. Prag war auch der Ort eines erregenden Frühlings: als die Blätter der Platanen auf dem Wenzelsplatz vibrierten und die Zeitungen nicht nachkamen mit der Veröffentlichung unerhörter Nachrichten. Glück des Dabeiseins, als eine Geschichte zu Ende ging und eine andere begann. Das war vor unserem 1968, dem anderen großen Augenblick. Aber die Frankfurter Schule und die 1968er hatten keinen besonderen Sinn für das östliche Europa. Es war irgendwie erledigt, zu den Akten gelegt, die uns abgekehrte Seite des Mondes. Das Übermaß an Verwicklung mit dem Osten – »der Osten«, Generalplan Ost, Ostfront, Kriegsgefangenschaft, Flucht und Vertreibung aus dem Osten – war endlich einem fast habituellen Desinteresse gewichen. Mit dem Osten hatten vor allem die Gestrigen und Ewiggestrigen zu tun – die Vertriebenen vor allem – und dann die Neue Ostpolitik. Der Osten war weit weg, auch wenn er in der Nachbarschaft lag. New York war näher an Westberlin, und Mallorca war bald am nächsten auf der Karte der geteilten Welt und des Kalten Krieges. Das änderte sich erst ab Mitte der 80er Jahre, als sich dort etwas bewegte: Dissidenten, Bürgerrechtler, Solidarność, Perestroika. Ein Schauplatz, von dem wir uns zurückgezogen hatten, war wieder da. Das östliche Europa hatte sich ohne unser Zutun zurückgemeldet. Es hat sich hinter unserem Rücken in Bewegung gesetzt. Es gibt keinen Ostblock mehr, der alte Osten ist weg – so sehr wie die Rede von der Verteidigung des Westens.
Den Osten zu erkunden war etwas anderes als eine Liebhaberei oder Narretei. Es ging nicht um Länderkunde und die Beschreibung von »Land und Leuten« – obwohl auch das uns gefehlt hat. Es ging auch nicht um eine nostalgische Tour zu exotischen Orten. Vom Osten zu schreiben war soviel wie die Exploration des Hauptschauplatzes der deutschen und der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ging um die deutsche Seelenlandschaft im 20. Jahrhundert. Es ist die Exploration des Geländes, in dem zwei Großkatastrophen sich ereignet haben: der Untergang des europäischen Judentums und der Zusammenbruch des Deutschen Ostens. Es ist der Schauplatz einer Geschichte des Dazwischen, in der es keinen Ausweg gab: Warschau mit seinen zusammengeschossenen Aufständen war der wahre Ort, an dem die ganze Ausweglosigkeit des Widerstands im Zeitalter des Totalitarismus ermessen werden konnte – hier gab es keinen Fluchtpunkt mehr: kein Marseille, kein Lissabon, kein Triest, nicht einmal ein Wladiwostok. Später, als ich begann in der Sowjetunion herumzureisen, waren dies Reisen auf dem Schauplatz einer beispiellos gewalttätigen und opferreichen Modernisierung, die sich im Endergebnis als säkulare Regression erwies. Das mittlere und östliche Europa ist ein guter Ort, um alles Reden vom Sinn der Geschichte zu testen. Aber es ist auch der Raum, wenn wir rückwärts lesen und die tiefer liegenden Schichten sichtbar machen, der größten Reichtumsentfaltung Europas vor dem Untergang: Wien, Petersburg, Riga, Lemberg, Oradea. Deutsche Geschichte im mittleren und östlichen Europa ist mehr als die 12 Jahre Hitler oder die 6 Jahre Krieg, Besatzung und Völkermord. Für die Vergegenwärtigung dieses Geschichtsraumes fehlen uns in vieler Hinsicht Voraussetzungen: die Kenntnisse der vielen Sprachen, die man braucht, um seiner Vielschichtigkeit gerecht zu werden, die Materialien in den Archiven, die so lange verschlossen waren, das elementare Wissen, das die Voraussetzung jeder souveränen Erzählung ist. Aber all dies ist nicht das Schwierigste, was zu bewältigen war. Wissen ist nur eine Vorstufe höherer Formen geschichtlicher Erkenntnis, ein Propädeutikum gleichsam für synthetische Leistungen, zu der man mehr bringen und mehr können muß, als Fakten zu sammeln. Es geht eher um die Gewinnung jenes Tons, der die Musik macht, um die Herstellung jener Vertrautheit, die aus der Verirrung in ungeheuren Stoffmassen entspringt, um entlegene Details, an deren Unkenntnis sich der nicht ganz Vertraute verrät, kurz: um das, was man Geschichtskultur oder Erinnerungskultur nennen könnte.
Diese ist schwer zu definieren. Sie hat nach Möglichkeit alle Ressourcen des Wissens mobilisiert, aber weiß doch, daß dies nur die allererste Voraussetzung für Geschichtsschreibung ist. Sie rechtet nicht, sie rechnet nicht ab, sie versteht Geschichte nicht als Tribunal, vor das jemand zitiert oder vor dem jemand abgeurteilt wird; ihre Sache ist es, in Motive, Verhaltensweisen, Zusammenhänge einzudringen. In der Geschichtskultur, von der hier die Rede ist, hält man den Gescheiterten nicht die Möglichkeiten vor, die erst den Nachgeborenen sich eröffnet haben. Die Vergangenheit wird nicht zur Projektionsfläche für die Demonstration von Besserwisserei. In dieser Geschichtskultur werden die Möglichkeitsbedingungen mitbedacht und niemandem etwas vorgehalten: ein Fehler, ein Versagen, ein Scheitern. Das Schwierigste, an dem sie Maß nimmt, ist die geschichtliche Erzählung, die Erzählung, wie es war oder wenigstens gewesen sein könnte. Sie kommt in der Regel ohne archimedischen Punkt aus, von dem aus alles übersehbar oder »auf den Begriff zu bringen« ist. Sie schult ihre Wahrnehmung eher im Getümmel als auf dem Feldherrnhügel, wo man nie die Übersicht verliert. Diese Geschichtsschreibung operiert am liebsten in Augenhöhe. Der Geschichtsschreiber weiß, daß Vergangenheit vergangen und Tote tot sind und daß diese auf die Stimme der Lebenden angewiesen sind, wenn sie sich vernehmbar machen wollen. Diese Geschichtsschreibung weiß um die unermeßliche Macht, die in dieser Verfügung liegt: es liegt an ihr, wie die Toten vergegenwärtigt werden, ja noch mehr: ob sie überhaupt zu Wort kommen oder dazu verurteilt sind, stumm zu bleiben. Kurzum: Geschichtskultur zeigt sich am je eigenen Umgang mit jener Macht, die den Nachgeborenen ohne eigenes Verdienst zugefallen ist und von der sie nicht immer auf angemessene Weise auch Gebrauch machen. Die Extremfälle solchen Umgangs mit der Vergangenheit sind bekannt: man benutzt die Geschichte, sei es um irgendwelche Lehren für die Zukunft zu ziehen, sei es weil man in den Kämpfen der Gegenwart nach einem starken Argument aus der Vergangenheit sucht, weil man selbst kein starkes hat. Es gibt auch den Fall der Unterordnung unter die Vergangenheit, jene subalterne Flucht in die Autorität der Geschichte, die nicht besser ist als der herrschaftliche Übergriff der Lebenden auf die Toten. Eine wohltemperierte Geschichts- und Erinnerungskultur läßt alle zu Wort kommen, sie richtet nicht, sie zensiert nicht, sie vertraut ohne allen pädagogischen Eifer auf die Kraft und Wahrhaftigkeit des Erzählten und darauf, daß jeder selbst seine Schlüsse zu ziehen in der Lage ist. Diese Geschichtsschreibung, die nicht antiquarisch und nicht monumentalisch ist, sondern kritisch und gegenwartsbewußt, ist schwieriger zu haben als jene »plädierende Geschichtsschreibung« – so hat es Helmut Fleischer genannt –,die sich immer schon im Entweder/Oder, im Pro und Contra bewegt. Diese Geschichtskultur bewegt sich nicht entlang der politischen Frontlinien, sondern vorzugsweise in den Zonen dazwischen, sie ist riskant, gefährlich, eine Geschichtsschreibung ohne Geländer, würde Hannah Arendt sagen. Im verminten Gelände braucht man nicht vor allem Todesmut, sondern einen geschärften Sinn für Gefahr, eine Witterung für die entscheidenden Nuancen, Geländekenntnis, eine Wahrnehmung für die Eigentümlichkeiten und Verwerfungen des Terrains, Hellwachheit, Geistesgegenwart, das Wissen darum, daß man in geschichtlichen Tumulten umkommen kann. Um sich fit zu machen für die Erkundungen des geschichtlichen Raumes – sei dieser das europäische 20. Jahrhundert oder irgendein anderer –, ist Zeitgenossenschaft, Anteilnahme am Weltgeschehen, unerläßlich. Man erwirbt sich hier jene Kompetenz, die auch für das Gespräch zwischen den Toten und den Lebenden, für die transtemporale Kommunikation über die Generationen hinweg, trägt. So lernen wir, die Augenzeugen öffentlicher, in Videofilmen dokumentierter Enthauptungen, wozu »ganz normale Männer« – so der Titel von Christopher Browings Studie – fähig sind.
Schreiben über den Osten ist für mich Rückgewinnung eines Geländes, das kontaminiert ist: das fängt an bei der Entgiftung der Terminologie, die uns zu Gebote steht – auch »Raum« gehört dazu; aber im Grunde gibt es in der deutschen Sprache nicht ein einziges Wort, das unversehrt geblieben wäre. Das geht über in die Rekonstruktion des europäischen Bürgerkriegs, jenes bis dahin nie gesehenen Aufmarsches von Millionen bewaffneter Männer und jenes heillosen Tumultes, in dem sich Europa erschöpfte und zugrunde ging. Es umfaßt die ineinander verschlungenen Narrative der großen Bevölkerungstransfers, Umsiedlungen, Vertreibungen. Es ist aber auch Rekonstruktion und Vergegenwärtigung untergegangener Kulturlandschaften und Biographien aus dem ost-westlichen Gelände – sei es Galizien, die Kresy, das Baltikum, der Deutsche Osten. Die Zeit des Kalten Krieges hatte in Ost und West ihre eigenen rivalisierenden Meistererzählungen. Nun, nach dem Ende der Dichotomie, brechen die Geschichten über uns herein. Daß viele davon überfordert sind, zeigen die Debatten in Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik. Das ist nicht so verwunderlich. Vor allem aber: Es gibt keine andere Möglichkeit, als die Dinge zur Sprache zu bringen. Geschichtliche Räume sind letztlich unverfügbar – allen konstruktivistischen oder dekonstruktivistischen Verführungen zum Trotz. Man kann sie nicht nach Belieben ersetzen, auswechseln und vertauschen. Was sich darin ereignet, trägt dann den Namen, der so verpönt ist: Schicksal. Dies anzuerkennen hat nichts mit Determinismus zu tun. Eher verhält es sich umgekehrt. Wer dies negiert, wird es nicht ungestraft tun. In einem gewissen Sinne gilt die Zeile aus der Aeneis, die Freud sich als Motiv ausgewählt hatte, auch für die Vergegenwärtigung dieser Vergangenheit: »Flectere si nequeo superbos, Acheronta movebo« – »Kann ich die höheren Mächte nicht beugen, bewege ich doch die Unterwelt.«
Was heißt dies, wenn es nicht alles Schnee von gestern ist, für unser Thema: eine Sprache zu finden für einen geschichtlichen Erfahrungsraum, auf den wir bisher nur ungenügend oder nur teilweise eingestellt waren und in dem Träume wie Alpträume verborgen sind. »Der lange Weg nach Westen«, wie vor einigen Jahren ein populäres Buch annonciert hatte, läßt sich leicht proklamieren, aber Geschichten vollziehen sich bekanntlich nicht entlang von Wegweisern oder jedenfalls erst dann, wenn eine Geschichte ganz und gar zu Ende gekommen, erledigt ist. Ich glaube, daß der Schlüssel zur »deutschen Seelenlandschaft«, wenigstens im 20. Jahrhundert, eher im östlichen Gelände zu suchen ist. Wir werden die »porta orientis« erst schließen können, wenn die heillose Geschichte, die sich dahinter ereignet hat, erzählt ist. Bis dahin werden wir sie noch oft passieren, bis dahin werden noch viele Geschichten, wie schändlich oder auch bewegend sie sein mögen, erzählt werden. Dazu bedarf es eines Raumes, der frei ist von Ressentiment und Rechthaberei. Es ist der Raum der Erzählung. Genauer: der vielen europäischen Erzählungen.