Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Philippe Lacoue-Labarthe

Philosopher and Translator
Born 6/3/1940
Deceased 27/1/2007

Friedrich-Gundolf-Preis 1995
Laudatory Address by Jean-Marie Valentin
Acceptance Speech by Philippe Lacoue-Labarthe
Diploma

In klarem, schnörkellosem und genauem Stil hat er das Interesse und das Verständnis für deutsche Philosophie und deutsche Dichtung in Frankreich geweckt und gestärkt.

Jury members
Kommission: François Bondy, Norbert Miller, Lea Ritter-Santini, Jean-Marie Valentin, Peter Wapnewski

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Von der Garonne zum Rhein

LAUDATOR
Jean-Marie Valentin
Born 2/6/1938
Germanist

»Geh aber nur und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bordeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln« (Andenken)

Der heute zu Ehrende, mit dem Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland Ausgezeichnete stammt zwar nicht aus der Hauptstadt Aquitaniens. Er ist nämlich in Tours geboren, dort also, wo − soll man der Behauptung eines deutschen Reisenden aus dem 17. Jahrhundert und Verfassers eines 1617 in Straßburg bei Lazarus Zetzner herausgebrachten Itinerarium Galliae Glauben schenken − die französische Sprache am schönsten und reinsten war. »Linguae Galliae elegantia«, schreibt unser Thüringer, »hic ea floret ut palmam facile praeripiunt omnibus. Hinc Gallis Aurelianismus quod Graecis Atticismus«. Aber er hat in Bordeaux Philosophie studiert, später auch, der guten alten französischen Tradition gemäß, an einem Gymnasium gelehrt. Schon einige Jahre danach, nur 27jährig, bekam Philippe Lacoue-Labarthe eine Assistentenstelle an der Straßburger Universität. Man sieht: auch in seinem Fall haben wir es mit einem »Dreigestirn« zu tun, gewiß nicht »ewig verbundener Geister« wie bei Thomas Mann, obwohl − wie noch zu sehen sein wird − Nietzsche und Wagner (Schopenhauer bleibt am Rande) auch hier eine Rolle spielen, sondern »verbundener Orte und Interessen«, die er bei aller Verschiedenheit und Heterogenität zu kombinieren und zu verschmelzen vermochte. Der Glaube an den genius loci läßt sich, man muß es zugeben, wissenschaftlich schwer vertreten − heutzutage weniger denn je, da man − Benjamins historischem Materialisten ähnlich − auf geschichtliche Spuren und Indizien aus ist. Für den aber, der Lacoue-Labarthes Bücher liest − und es sind, abgesehen von wichtigen Gemeinschaftsarbeiten, sieben −, wird sich des wohltuenden Eindrucks nicht erwehren können, daß es selbst im Bereich des philosophischen Diskurses möglich ist, schnörkellose, im Sinn der elocutio und der elegantia brillante Prosa zu schreiben. Meine Damen und Herren, wir haben heute das seltene Glück, einen Philosophen zu honorieren, den man versteht. Dabei geht es mir beileibe nicht um billige Augenzwinkerei − daß Kritik an spezialisierten Idiomen allzu oft an Demagogie grenzt, wissen wir nur zu gut −, sondern darum, die Verdienste eines Denkers herauszustreichen, der sich um Mitteilung, Austausch, Diskussion kümmert. Historisch gesehen hatte es seine (unsere) Generation nicht leicht, da sie sich mit überaus schwierigen Aufgaben konfrontiert sah. Die Verbreitung von Heideggers Ontologie, die sich den Bemühungen Jean Beaufrets verdankt, Jacques Derridas dekonstruktionistische Verfahrensweise und darüber hinaus alle Abarten des Poststrukturalismus hatten bei minder Begabten verheerende sprachliche Auswirkungen.
Daß die Dinge bei Lacoue-Labarthe anders verliefen, laßt sich auf eine Affinität zur Literatur zurückführen, die sich sehr früh in seinen Publikationen niederschlug. Am philosophischen Seminar in Straßburg, wo er zusammen mit Jean-Luc Nancy, dessen Name bei dieser feierlichen Preisverleihung unbedingt genannt werden muß, eine durchaus originelle Dioskurenkonstellation entstehen ließ, befaßte er sich mit dem Ausdruck des Absoluten in der romantischen Kunst. Von Schlegel war der Weg nicht weit, der zu anderen Größen des 19. Jahrhunderts, jener Matrix der Moderne führte. Jene Stege, die in Hölderlins späten Hymnen so deutlich problematisch sind, werden in Lacoue-Labarthes Philosophie nicht zu Holzwegen, sondern − ihrer eigentlichen Bestimmung nach − zu Brücken.
Der Nicht-Elsässer wußte immer seine, von der jüngsten Geschichte des Ländles am Rhein unberührte Position bestens auszunutzen, um sich in einen immer fruchtbareren Dialog mit dem anfangs sicher etwas rätselhaften, nun zum Nachbarn und Partner gewordenen Deutschen einzulassen. Davon rührt zweifelsohne Lacoue-Labarthes Vorliebe für das her, was Valéry Larbaud »ce tant louable labeur de traduire«, »das so löbliche Werk des Übersetzens« nennt.
So steht es zum Beispiel in letzter Zeit mit Benjamins Berner Dissertation zum »Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik«, in welcher Reflexion und Dichtung am sinnfälligsten miteinander verknüpft sind. In Lacoue-Labarthes Neuübertragungen von Nietzsches Geburt der Tragödie und von Hölderlins Antigonä fällt etwas Zusätzliches, höchst Aufschlußreiches auf: Das Andere nämlich, das unmißverständlich im Mittelpunkt des Interesses steht, auf die intensive Wahrnehmung einer potenzierten Differenz verweist und im Bemühen um die Erfassung des fremden Gesichts gipfelt.
Auch in dieser peregrinatio, in der Bewegung nach Osten mit der zwangsläufig darauffolgenden Rückkehr nach Westen werden wir noch einmal an Hölderlin erinnert, der sich von der Anziehungskraft der Vergangenheit zu befreien und vom Faszinosum des Westens vom Westen abzuwenden wußte, an den so oft herangezogenen, an Casimir Böhlendorff gerichteten Brief vom 4. Dezember 1801, in welchem der Dichter das »freie Gebrauchen« des »Nationellen« als unerläßlich hinstellt, das in der Sprache, d.h. in der Gestaltung und Anschauung zur Reife kommt.
Daß Lacoue-Labarthe auch als Dramaturg, Regisseur, Bearbeiter und Autor sich betätigt hat, daß er sogar als Schauspieler in antiken und modernen Dramen aufgetreten ist, läßt auf eine − ich möchte in Anlehnung an Brecht sagen: eingreifende − Kohärenz schließen, die ihresgleichen sucht. Dem Gespräch, in welches nun auch Leib und Raum integriert werden, haftet nämlich immer, und zwar jeweils anders, etwas Kultisches, mit anderen Worten: Dionysisches an.
Musica ficta − Untertitel: »Figures de Wagner«, wo von Baudelaire, Mallarmé, Heidegger und Theodor W. Adorno die Rede ist, macht aus den in der Frührenaissance einsetzenden, wiederholten Versuchen, die griechische Tragödie wieder ins Leben zu rufen, ein unaufhörliches Ringen der europäischen Kultur um die große Form, die imstande sein sollte, es mit den Kunstwerken der Alten und den Kathedralen des Mittelalters aufzunehmen. In Richard Wagners Gesamtkunstwerk, dessen breiter Resonanz in Frankreich und Nachwirkung in der Musik Richard Strauss’ und Arnold Schönbergs, sieht Lacoue-Labarthe ein eklatantes Beispiel fur eine zum Teil auch fatale − darauf komme ich zum Schluß zurück − Entwicklung der musikalisch-opernhaften Kompositionen zum Monumentalen, Massiven, Quantitativen hin. Das Hervorkehren des Mythologischen genügt in diesem Rahmen ästhetischen Ansprüchen, es entspricht offensichtlich einer Erneuerung des Stoffes zuungunsten der mimesis praxeos. Es beleuchtet aber auch in Lacoue-Labarthes Augen ein nicht zu übersehendes Bedürfnis nach einer eindrucksvollen Gestaltwerdung des gemeinsam Gewünschten und Geträumten, was sich auch in Benjamins Manier interpretieren ließe.
Fazit: der Denker, der in Frankreich solche Wege geht, kann nicht umhin, im Historisch-Politischen der beiden letzten Jahrhunderte auf unserem Kontinent, »dem alten«, das seiner auch ethischen Aufgabe zugrundeliegende Kernproblem zu erblicken. Und gerade in diesem Punkt können unseres Preisträgers ausgewogene Fragestellung und nuancenreicher methodischer Ansatz nicht hoch genug veranschlagt werden.
Wie Sie richtig vermuten, geht es noch einmal um die Einschätzung der viel bescholtenen deutschen Romantik, deren sogenannte, im Ausland so oft gerügte »Kriegslüsternheit«, die der Ursprung allen Übels in unseren Ländern gewesen sein soll. Eine sachlichere Übersicht bietet zum Glück die zur Zeit im Münchner Haus der Kunst gezeigte, reich dokumentierte Ausstellung. Die Positionen des Hamburger Anglisten Helmut Simon, wie sie im literarischen Feuilleton der FAZ vom 7. April dieses Jahres zum Ausdruck gebracht wurden, scheinen mir keine zufriedenstellende Antwort auf einseitig-bornierte Anschuldigungen zu sein. Sie sind viel eher exakt das, was man nicht tun darf, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Verständnis einer vergangenen Epoche, das, wie es sich gebührt, von der Gegenwart im weiteren Sinne ausgeht, deren Historizität und spezifische Ausdrucksmodi zu berücksichtigen hat. Zur Diskussion steht also nicht eine primitive Form der Kausalität (Cournot, Carnot, Bolzano oder Musil hätten ihr bestimmt nicht das Wort geredet), sondern die Suche nach den möglichen Kombinationen von Idee und Form in der Geschichte.
Um so gewaltiger springt die Insuffizienz der bloß aggressiven Erwiderung auf die selbstverständlich nicht zu rechtfertigenden Kritiken des Angreifers ins Auge. »Arthur Lovejoy, Verfasser des epochalen, ideengeschichtlichen Werkes The Great Chain of Being 1936«, schreibt Helmut Simon, »glaubte in einem genuin angelsächischen ›fit of absent-mindness‹ das Böse dieser Welt in der teutonischen Form der Romantik konzentriert zu erblicken. Er war in seiner Zunft nicht der einzige, dem der Krieg den Verstand raubte« − worauf er zu einer peinlichen Auflistung der Stellen übergeht, die Carlyle, Coleridge u. a. m. als Vertreter des »Klerikalfascismus«(!) etablieren sollen.
Freilich vernahm man auch in Frankreich solche Töne, freilich gab (und gibt) es Leute, die sich beflissen zeigten, den anderen an Stupidität zu überbieten: In diesem Europapokal der Dummheit tun sich ständig neue Abgründe auf! Um so besser gefällt mir Lacoue-Labarthes vorsichtig geäußerte Meinung. Die Historizität eines Phänomens − und am schwierigsten sind wohl die, die mit einer so polymorphen Bewegung wie der romantischen in Verbindung stehen − bedarf einer Erschließung von innen her. So weigert sich Lacoue-Labarthe, es unseren modernen »terribles simplificateurs« nachzutun, fur die die Katastrophe des 20. Jahrhunderts das unmittelbare Produkt der deutschen Seele (»l’âme allemande«), des deutschen Wesens (»la germanité«) oder des Volkstums (»l’essence du peuple allemand«) ist. Offenbare Ähnlichkeiten mit der späteren Verherrlichung von Tod und Teufel, Gefühl und Krieg berechtigen nicht zu der Annahme, die Romantik sei in allen ihren Manifestationen zu verwerfen. Grundsätzlich wäre laut Lacoue-Labarthe nach den Gründen zu fragen, die die Indienstnahme des Denkens und der Kunst - denn beide sind fur ihn voneinander nicht zu trennen − durch eine bestimmte Ideologie ermöglicht haben. Der Nationalsozialismus, führt Lacoue-Labarthe im zusammen mit Jean-Luc Nancy verfaßten Mythe nazi aus, sei nicht bei Kant, und auch nicht bei Hölderlin, Nietzsche, Wagner anzutreffen. Hegel dürfe ebenfalls nicht für den real existierenden Sozialismus verantwortlich gemacht werden. Der von Robespierre bewunderte Rousseau sei an der Schreckensherrschaft nicht schuld. Am ergiebigsten erweise sich im Fall des Nationalsozialismus, der − dies sei ein letztes Mal hervorgehoben − der Romantik nicht direkt entstamme, die Analyse seiner Konstituierung und Integrationskraft qua Identifizierungs- und Gestaltungsvermögen (hier wagt Lacoue-Labarthe die sicher etwas überraschende Formulierung »national-esthétisme«). Dies rückt, wie ich abschließend betonen möchte, die Platonischen Kategorien des Mythos und des Logos in den Vordergrund. »Kunst bzw. Literatur-Philosophie-Politik« als verbindende, aber auch verbindliche Trias. Wirklich: kein schlechtes Programm für eine in Straßburg tagende deutsche Akademie!