Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger 2020

Ernest Wichner
Voß-Preisträger 2020

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht Ernest Wichner den mit 15.000,- Euro dotierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung.

Ernest Wichner wird für seine einzigartigen Verdienste um die rumänische Literatur ausgezeichnet. Durch ihn haben so großartige Autoren wie M. Blecher, Nora Juga, Daniel Bănulescu, Norman Manea, Catalin Mihuleac und nicht zuletzt Mircea Cartarescu Eingang gefunden in die deutsche Sprache und Literatur.

Die Preisverleihung musste aufgrund von Corona abgesagt werden. Sie wird im Rahmen der Frühjahrstagung in Essen 2021 stattfinden.

Preisträger

Kurt Steinmann

Kurt SteinmannKurt Steinmann

Übersetzer
Geboren 8.6.1945

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2019
Laudatio von Hans-Albrecht Koch
Dankrede von Kurt Steinmann
Urkundentext

Durch seine Vermittlung können diese alten Texte heute wieder ganz neu gelesen werden.

Jurymitglieder
Iso Camartin, Elisabeth Edl, Aris Fioretos, Daniel Göske, Susanne Lange, Ernst Osterkamp

 

Friedrich Nietzsche hat Petronius, den Verfasser des Satyricon, mit
superlativischem Lob bedacht: Er sei der »anmutigste und übermütigste Spötter«, »unsterblich gesund, unsterblich heiter und wohlgeraten«. Nietzsche, der Altphilologe, sieht aber keine Möglichkeit, den arbiter elegantiae, »die oberste Instanz in allen Fragen exquisiten Geschmacks«, gültig ins Deutsche zu übertragen: »Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen lässt, ist das Tempo ihres Stils; [...] der Deutsche ist beinahe des presto in seiner Sprache unfähig. [...] Aristophanes und Petronius [sind ihm] unübersetzbar.« Ich bin das Wagnis eingegangen. Ob es geglückt ist, mögen andere entscheiden.
In diesem Roman, als dessen Höhepunkt Das Gastmahl des Trimalchio
gilt, die unsterbliche Satire auf das Protzertum und die abgrundtiefe Halbbildung eines snobistischen Parvenüs, gibt es eine Szene, die in unvergesslicher Weise von der Würde und totalen Hingabe des Dichters – es könnte auch ein Übersetzer sein – an sein Werk kündet, und koste es das eigene Leben. Für mich ist dieser Akt wider die Vernunft die berührendste Stelle des ganzen Romans, der Fellini zu seinem Meisterfilm inspiriert hat. Die Situation: Wir befinden uns auf hoher See. Plötzlich kommt ein Sturm auf, der Tag verwandelt sich in finstere Nacht. »Wir« – das heißt Enkolpius, der Antiheld und Ich-Erzähler, und Giton, sein Geliebter – »hörten ein eigenartiges Murmeln und unter der Kajüte des Kapitäns ein Gejaule wie von einem Raubtier, das ausbrechen wollte. Also gingen wir den Geräuschen auf den Grund und fanden Eumolpus, wie er dasaß und auf ein riesiges Blatt Pergament Verse hinkritzelte. Wir staunten nicht schlecht, dass er noch an der Schwelle des Todes Zeit und Muße fand, ein Poem zu verfassen, zogen ihn trotz seines lautstarken Widerstands heraus und hießen ihn, doch vernünftig zu sein. Aber die Störung regte ihn fürchterlich auf, und er sagte: ›Lasst mich wenigstens den Satz zu Ende formulieren, am Schluss klappern die Verse noch.‹ Ich packte den durchgedrehten Dichter beim Schlafittchen, forderte Giton auf, mit anzufassen und den Poeten, der wie ein Stier brüllte, an Land zu ziehen.«
Einen Klappervers ins Lot bringen ist in den Augen des Versificators
dringender, als sich aus der misslichen Situation zu retten. Was heißt das für Schreibende, die in der Regel nicht vor diese Entscheidung »Werk oder Tod« gestellt werden? Es bedeutet, das schreibende Handwerk, auch das des Übersetzers, soll es gelingen, muss mit dem Einsatz der ganzen Existenz betrieben werden, ungeachtet der Beurteilung der sogenannt »Vernünftigen«.
Seit Schleiermacher, Humboldt, Wilamowitz und Schadewaldt, um nur die herausragendsten Autoren zu nennen, wird bis in die jüngste
Gegenwart darüber gestritten, wie fremd oder wie vertraut die antike
Literatur in deutscher Sprache dargestellt werden soll. Letztlich aber sind theoretische Postulate und Übersetzungstheorien nicht mehr als Krücken für den, der sich an eine neue Wortgestalt einer Übersetzung wagt. An jeder einzelnen Wortprägung und syntaktischen Lösung muss er sich messen lassen, nicht an seiner theoretisch formulierten Absicht.
Strenge, aber nicht Pedanterie, Freiheit, aber nicht Willkür: Das sind meine Übersetzungsmaximen. Nun muss der Übersetzungsstil sich natürlich nach dem zu übersetzenden Genos richten. Das Satyricon und
Erasmus’ Lob der Torheit mit ihrem colloquial-Stil dürfen nicht mit der gleichen Rigidität übersetzt werden wie z. B. Die Orestie. Schadewaldts dokumentarisches Verfahren muss hier dem transponierenden Übersetzen in Richtung größerer Freiheit Platz machen. Ich will Ihnen dies nach der Probe aus Petrons Roadroman, der Rabelais und Boccaccio in Reinform vorwegnimmt, auch an Stellen aus dem 1511 erstmals gedruckten Lob der Torheit, diesem Meisterstück unabhängigen und vorurteilsfreien Denkens, zeigen; etwas Latein sei mir hier gestattet, in diesem erlesenen Kreis wird es durchaus noch verstanden:
»Propterea quod maxima pars hominum desipit, imo nullus est, qui non multis modis deliret.«
Würde man den Satz »dokumentarisch« wiedergeben, so klänge er
hölzern: »Deswegen, weil der größte Teil der Menschen unsinnig (oder: töricht) ist, ja keiner ist, der nicht auf viele Arten von der geraden Linie abweicht (wahnsinnig ist).«
Meine deutsche Fassung lautet: »Weil eben der Großteil der Menschen
einen Dachschaden hat und es wirklich keinen gibt, der nicht auf
vielerlei Weise spinnt.«
Und ein zweites Beispiel:
»Itidem inter vos quoque efficit, ut suum cuique pulchrum videatur,
ut cascus cascam, perinde ut pupus pupam deamet.«
In wörtlicher, ungenießbarer Form: »Ebenso bringt er (Cupido, der
Liebesgott) es auch unter euch zustande, dass jedem das Seine schön
scheint, so dass der Uralte in die Uralte, ebenso wie das Bübchen in das Mädchen sterblich verliebt ist.«
Und in stilistisch angemessener Form: »Desgleichen bringt er es
auch unter euch zustande, dass der Mümmelgreis in die Mümmelgreisin
ebenso verknallt ist wie der Milchbart in den Backfisch.«
Hier, auf dem transponierenden Feld des Übersetzens, darf, ja muss
der Übersetzer seine sprachschöpferischen Fähigkeiten entfalten, darf er gelegentlich auch einmal nach der Maxime der Wirkungsäquivalenz in Bild- und Wortwahl überborden und seinem übersetzerischen Temperament die Zügel schießen lassen, immer aber unter Wahrung des Gebotes, den Inhalt möglichst genau zu vermitteln. Dem heiligen Hieronymus, dem Schutzpatron der Übersetzerzunft, ist hier völlig zuzustimmen: »Non verbum e verbo, sed sensum exprimere sensu; nam si ad verbum interpretor, absurdum resonat«: Es gelte, »nicht Wort für Wort, sondern den Sinn durch den Sinn auszudrücken; denn wenn ich wörtlich übersetze, klingt es widersinnig.«
Bei der Übersetzung meiner »Elefanten«, um einen Begriff Swetlana
Geiers aufzunehmen, der Ilias und der Odyssee und natürlich der Orestie, bin ich hingegen den strengen Übersetzungsprinzipien des dokumentarischen Übersetzens Wolfgang Schadewaldts gefolgt. Soll der Sinn des Ausgangstexts exakt erfasst werden, dürfe dieser weder durch Addition noch durch Subtraktion verfälscht werden, müssten die ursprünglichen Vorstellungen (Bilder, Metaphern) bewahrt und die Reihenfolge dieser Vorstellungen eingehalten werden. Schadewaldts dokumentarisches Verfahren mit den genannten drei Bindungen, die er im Vorwort zu seiner Prosa-Übersetzung der Odyssee (1958) formuliert hatte, habe ich auf die metrisch gebundene Form angewendet. Dabei zeigte es sich, dass eine Übersetzung in Hexametern kaum weniger präzis, also dokumentarisch sein kann als eine Übertragung in Prosa und die deutsche Sprache in unseren Tagen in der Lage ist, Homers Hexameter ungezwungen, in natürlichem Fluss und unbeeinflusst vom Idyllenstil früherer Versuche wiederzugeben.
Für mich kam nur eine metrische Wiedergabe in Frage. Warum?
Gleichmaß gehört zum Wesen der epischen Dichtung, die äußere Form
des homerischen Epos ist mit ihrem Inhalt untrennbar verschmolzen.
Das Gleichmaß verleiht dem Vers ein Fließen (Rhythmus) und einen
Glanz, den die Prosaform nie erreicht.
Dem Unternehmen, die Ilias transponierend zu übertragen in Form
einer Nachdichtung, Neudichtung und Übermalung, wurde vor nicht
langer Zeit großes publizistisches Interesse zuteil, indessen wenig Beifall von wissenschaftlicher Seite. Darüber möchte ich mich hier nicht äußern. Eines aber ist nicht abzustreiten: Seit der Ilias-Fassung von 2008 wurde und wird dem Themenkreis Troja, Homer und Epos große Aufmerksamkeit geschenkt wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Eine von mir bevorzugte Textsorte ist die griechische Tragödie. Inzwischen sind es über ein Dutzend Stücke geworden, die ich, natürlich »dokumentarisch«, übersetzt habe. Davon fanden einige den Weg auf die Bühne. Ich hatte das Glück, in Jossi Wieler einen genialen Wortbehorcher zu finden, der jede Silbe der Übersetzung ernst nahm, so bei seinen Inszenierungen der Alkestis, des Ödipus auf Kolonos und der Bakchen an den Münchner Kammerspielen. Es ist für einen Übersetzer eine beglückende Erfahrung, die in langwieriger Arbeit dem Text für die Zielsprache abgerungene Wortgestalt von professionellen Darstellern erklingen zu hören. Es ist aber auch eine bedrückende Erfahrung, festzustellen, dass Regisseure sich aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder sonstigen Gründen für Fassungen entscheiden, deren Unzulänglichkeiten in die Augen springen.
Meine bisher größte Herausforderung war die Übersetzung der
Orestie. Für sie galt seit ihrer Uraufführung 1980 in Berlin Peter Steins Übertragung als vorbildlich und unübertroffen, sie wurde in Berlin über einhundert Mal aufgeführt und erzielte einen Welterfolg von Caracas bis Moskau. Es besser als Stein machen zu wollen mochte an Hybris grenzen. Doch scheint es möglich zu sein, mindestens gemessen an der Rezension in der SZ aus berufenem Mund, die ich nur mit Scheu zu zitieren wage: »Gemessen an den fast übermenschlichen Schwierigkeiten, die sich hier zeigen, hat [der Übersetzer] eine bewundernswerte Leistung vollbracht. Sein Text ist nah am Original und seiner Bildwelt.«
Eine Stelle zu Beginn des Agamemnon, des ersten Teils der Trilogie,
soll diese Behauptung stützen: Der Wächter, der auf dem flachen
Dach der Königsburg von Argos um Befreiung von seinem bereits ein
Jahr lang währenden Wachdienst fleht, schaut nach dem Fackelzeichen
aus, das aus Troja Nachricht bringen soll. Da flammt plötzlich ein Feuerschein auf, der den Untergang der Stadt verkündet. Freude keimt auf, aber das Wissen um das Schicksal des Atridenhauses versiegelt dem Wächter den Mund:

Vom andern schweig ich; denn ein großer Ochse steht
auf meiner Zunge. Das Haus selbst, erlangte es nur Stimme,
es spräche überdeutlich! Ich, für mein Teil, rede willig
nur vor Wissenden, vor Ahnungslosen schütze ich Vergessen vor.

Die Kritik hat gerühmt, dass das kühne Bild vom »Ochsen auf der
Zunge« beibehalten wurde (wir würden vom »Kloß im Hals« sprechen); frühere Übersetzer glaubten, auf das Bild verzichten zu müssen: Droysen spricht von einem »goldenen Schlüssel«, der dem treuen
Wächter den Mund verschließt, Wilamowitz lässt ihn sagen: »Mir ist
der Mund zu fest gestopft.« Stein behält das Bild bei, macht aber aus dem Ochsen einen Stier. Das wäre nicht so schlimm, aber die ganze Partie erscheint durch die Auflösung der jambischen Trimeter in Kurzkola (aus vier Versen werden zehn Kola) kurzatmig und unrhythmisch und durch den erläuternden Zusatz »Ich verbrenn’ mir nicht das Maul« überdeutlich ausdeutend. Die Partie bei Stein:

Ich sage nichts mehr.
Ein Stier steht mir auf der Zunge.
Ich verbrenn’ mir nicht das Maul.
Wenn dieses Haus selbst
eine Stimme hätte,
es würde nur zu deutlich sprechen.
Was mich betrifft,
so spreche ich nur für die, die es wissen,
für die, die es nicht wissen,
bin ich stumm.

Nun gilt es zu danken. Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache
und Dichtung in Darmstadt für die Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises für Übersetzung an mich für das Jahr 2019. Mein Dank gilt vor allem der Jury, die die Zuerkennung des Preises mit wohlüberlegten und stimmigen Worten begründet hat. Besonders der Satz »Durch seine Vermittlung können diese alten Texte heute wieder ganz neu gelesen werden« hat mich gefreut. Darin, und nur darin, legitimiert sich die Neuübersetzung alter, ja uralter Texte. Die Jury hat sich in meinen Augen zu meinem Komplizen gemacht, zum Komplizen meines Strebens nach einer Form der antiken Texte, die der heutigen Leserschaft sowohl den Inhalt möglichst integral vermittelt wie ihr eine ästhetisch befriedigende Form bietet, die zwar durchaus die historische Distanz, das Fremde durchscheinen lassen, Fremdheit aber oder gar das Befremdliche vermeiden will.
Ein besonderer Dank kommt Prof. Ernst Osterkamp zu, dem Präsidenten
der Akademie, der mich in einem persönlich gehaltenen Schreiben von der Verleihung benachrichtigt hat, und auch Dr. Bernd Busch, dem Generalsekretär, der mir mit nützlichem Rat bei organisatorischen
Fragen beigestanden hat. Ich danke den Mitgliedern der Akademie, die
sich hier in der Zwinglistadt zu ihrer Frühlingstagung versammelt haben. Und in den Dank möchte ich auch die hier anwesenden Vertreter
des Manesse Verlages (Zürich / München) einschließen, Herrn Dr.
Horst Lauinger, den Leiter des Verlags und Förderer gewaltiger Buchwagnisse (Homers Epen, Die Apokalypse, Erasmus’ Meistersatire), die Lektorin Frau Dr. Angelika Schedel, deren feinem Stilempfinden die gerühmten Werke viel zu verdanken haben, und Frau Christine Liebl, die mit großem Engagement die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreut. Großen Dank schulde ich auch dem Reclam Verlag, der meine oft zweisprachigen Übersetzungen sorgfältig ediert hat. Hier ist speziell die Lektorin Frau Melanie Kattanek zu nennen, die meine Orestie-Übersetzung akribisch redigiert hat. Last but not least gilt mein Dank Prof. Hans-Albrecht Koch, der mit als Erster die Qualität meiner Übersetzung der Odyssee erkannt hat. Seine Laudatio hat mich tief gerührt.
Zum Schluss ein erheiterndes Zitat, das sie alle zum schmunzelnden
Nachdenken anregen soll; es stammt von Miguel de Cervantes: »Ich
will nicht sagen, dass das Übersetzen keine löbliche Arbeit sei, denn der Mensch kann noch mit andern, schlimmern Dingen seine Zeit zubringen und die ihm weniger Nutzen gewähren.«