Johann-Heinrich-Voß-Preis

The »Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung« (Prize for Translation) has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1958 for the »outstanding achievements in translation,« with a particular emphasis on the translation of literature into German.
The prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy.
The Johann Heinrich Voß Prize has been endowed with €15,000 since 2002.

Awardees

Kurt Steinmann

Kurt SteinmannKurt Steinmann

Translator
Born 8/6/1945

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2019
Laudatory Address by Hans-Albrecht Koch
Acceptance Speech by Kurt Steinmann
Diploma

Durch seine Vermittlung können diese alten Texte heute wieder ganz neu gelesen werden.

Jury members
Iso Camartin, Elisabeth Edl, Aris Fioretos, Daniel Göske, Susanne Lange, Ernst Osterkamp

 

Friedrich Nietzsche hat Petronius, den Verfasser des Satyricon, mit superlativischem Lob bedacht: Er sei «der anmutigste und übermütigste Spötter, unsterblich gesund, unsterblich heiter und wohlgeraten». Nietzsche, der Altphilologe, sieht aber keine Möglichkeit, den arbiter elegantiae, «die oberste Instanz in allen Fragen exquisiten Geschmacks», gültig ins Deutsche zu übertragen: «Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen lässt, ist das Tempo ihres Stils; (...) der Deutsche ist beinahe des presto in seiner Sprache unfähig. (...) Aristophanes und Petronius sind ihm unübersetzbar.» Ich bin das Wagnis eingegangen. Ob es geglückt ist, mögen andere entscheiden.

In diesem Roman, als dessen Höhepunkt Das Gastmahl des Trimalchio gilt, die unsterbliche Satire auf das Protzertum und die abgrundtiefe Halbbildung eines snobistischen Parvenüs, gibt es eine Szene, die in unvergesslicher Weise von der Würde und totalen Hingabe des Dichters – es könnte auch ein Übersetzer sein – an sein Werk kündet, und koste es das eigene Leben. Für mich ist dieser Akt wider die Vernunft die berührendste Stelle des ganzen Romans, der Fellini zu seinem Meisterfilm inspiriert hat. Die Situation:

Wir befinden uns auf hoher See. Plötzlich kommt ein Sturm auf, der Tag verwandelt sich in finstere Nacht. «Wir» – das heisst Enkolpius, der Antiheld und Ich- Erzähler und Giton, sein Geliebter – « hörten ein eigenartiges Murmeln und unter der Kajüte des Kapitäns ein Gejaule wie von einem Raubtier, das ausbrechen wollte. Also gingen wir den Geräuschen auf den Grund und fanden Eumolpus, wie er dasass und auf ein riesiges Blatt Pergament Verse hinkritzelte. Wir staunten nicht schlecht, dass er noch an der Schwelle des Todes Zeit und Musse fand, ein Poem zu verfassen, zogen ihn trotz seines lautstarken Widerstands heraus und hiessen ihn, doch vernünftig zu sein. Aber die Störung regte ihn fürchterlich auf und er sagte: „Lasst mich wenigstens den Satz zu Ende formulieren, am Schluss klappern die Verse noch.“ Ich packte den durchgedrehten Dichter beim Schlafittchen, forderte Giton auf, mit anzufassen und den Poeten, der wie ein Stier brüllte, an Land zu ziehen.»

Einen Klappervers ins Lot bringen ist in den Augen des Versificators dringender als sich aus der misslichen Situation zu retten. Was heisst das für Schreibende, die in der Regel nicht vor diese Entscheidung „Werk oder Tod“ gestellt werden? Es bedeutet, das schreibende Handwerk, auch das des Übersetzers, soll es gelingen, muss mit dem Einsatz der ganzen Existenz betrieben werden, ungeachtet der Beurteilung der sogenannt „Vernünftigen“.

Seit Schleiermacher, Humboldt, Wilamowitz und Schadewaldt, um nur die herausragendsten Autoren zu nennen, wird bis in die jüngste Gegenwart darüber gestritten, wie fremd oder wie vertraut die antike Literatur in deutscher Sprache dargestellt werden soll. Letztlich aber sind theoretische Postulate und Übersetzungstheorien nicht mehr als Krücken für den, der sich an eine neue Wortgestalt einer Übersetzung wagt. An jeder einzelnen Wortprägung und syntaktischen Lösung muss er sich messen lassen, nicht an seiner theoretisch formulierten Absicht.

Strenge, aber nicht Pedanterie, Freiheit, aber nicht Willkür: Das sind meine Übersetzungsmaximen. Nun muss der Übersetzungsstil sich natürlich nach dem zu übersetzenden Genos richten. Das Satyricon und Erasmus‘ Lob der Torheit mit ihrem Colloquial-Stil dürfen nicht mit der gleichen Rigidität übersetzt werden wie z. B. Die Orestie. Schadewaldts dokumentarisches Verfahren muss hier dem transponierenden Übersetzen in Richtung grösserer Freiheit Platz machen. Ich will Ihnen dies nach der Probe aus Petrons Roadroman, der Rabelais und Boccaccio in Reinform vorwegnimmt, auch an Stellen aus dem 1511 erstmals gedruckten Lob der Torheit, diesem Meisterstück unabhängigen und vorurteilsfreien Denkens, zeigen; etwas Latein sei mir hier gestattet, in diesem erlesenen Kreis wird es durchaus noch verstanden:

Propterea quod maxima pars hominum desipit, imo nullus est, qui non multis modis deliret, ...

Würde man den Satz «dokumentarisch» wiedergeben, so klänge er hölzern: «Deswegen, weil der grösste Teil der Menschen unsinnig (oder: töricht) ist, ja keiner ist, der nicht auf viele Arten von der geraden Linie abweicht (wahnsinnig ist).»

Meine deutsche Fassung lautet: «... weil eben der Grossteil der Menschen einen Dachschaden hat und es wirklich keinen gibt, der nicht auf vielerlei Weise spinnt.»

Und ein zweites Beispiel: itidem inter vos quoque efficit, ut suum cuique pulchrum videatur, ut cascus cascam, perinde ut pupus pupam deamet.

In wörtlicher, ungeniessbarer Form: «Ebenso bringt er (Cupido, der Liebesgott) es auch unter euch zustande, dass jedem das Seine schön scheint, so dass der Uralte in die Uralte, ebenso wie das Bübchen in das Mädchen sterblich verliebt ist.»

Und in stilistisch angemessener Form: «Desgleichen bringt er es auch unter euch zustande, dass der Mümmelgreis in die Mümmelgreisin ebenso verknallt ist wie der Milchbart in den Backfisch.»

Hier, auf dem transponierenden Feld des Übersetzens, darf, ja muss der Übersetzer seine sprachschöpferischen Fähigkeiten entfalten, darf er gelegentlich auch einmal nach der Maxime der Wirkungsaequivalenz in Bild-und Wortwahl überborden und seinem übersetzerischen Temperament die Zügel schiessen lassen, immer aber unter Wahrung des Gebotes, den Inhalt möglichst genau zu vermitteln. Dem heiligen Hieronymus, dem Schutzpatron der Übersetzerzunft, ist hier völlig zuzustimmen: «Non verbum e verbo, sed sensum exprimere sensu; nam si ad verbum interpretor, absurdum resonat»: Es gelte, «nicht Wort für Wort, sondern den Sinn durch den Sinn auszudrücken; denn wenn ich wörtlich übersetze, klingt es widersinnig.»

Bei der Übersetzung meiner „Elefanten“, um einen Begriff Swetlana Geiers aufzunehmen, der Ilias und der Odyssee, und natürlich der Orestie, bin ich hingegen den strengen Übersetzungsprinzipien des dokumentarischen Übersetzens Wolfgang Schadewaldts gefolgt. Soll der Sinn des Ausgangstexts exakt erfasst werden, dürfe dieser weder durch Addition noch durch Subtraktion verfälscht werden, müssten die ursprünglichen Vorstellungen (Bilder, Metaphern) bewahrt und die Reihenfolge dieser Vorstellungen eingehalten werden. Schadewaldts dokumentarisches Verfahren mit den genannten drei Bindungen, die er im Vorwort zu seiner Prosa-Übersetzung der Odyssee (1955) formuliert hatte, habe ich auf die metrisch gebundene Form angewendet. Dabei zeigte es sich, dass eine Übersetzung in Hexametern kaum weniger präzis, also dokumentarisch sein kann, als eine Übertragung in Prosa, und die deutsche Sprache in unseren Tagen in der Lage ist, Homers Hexameter ungezwungen, in natürlichem Fluss und unbeeinflusst vom Idyllenstil früherer Versuche wiederzugeben.

Für mich kam nur eine metrische Wiedergabe in Frage. Warum? Gleichmass gehört zum Wesen der epischen Dichtung, die äussere Form des homerischen Epos ist mit ihrem Inhalt untrennbar verschmolzen. Das Gleichmass verleiht dem Vers ein Fliessen («Rhythmus») und einen Glanz, den die Prosaform nie erreicht.

Dem Unternehmen, die Ilias transponierend zu übertragen in Form einer Nachdichtung, Neudichtung und Übermalung, wurde vor nicht langer Zeit grosses publizistisches Interesse zuteil, indessen wenig Beifall von wissenschaftlicher Seite. Darüber möchte ich mich hier nicht äussern. Eines aber ist nicht abzustreiten: Seit der Ilias-Fassung von 2008 wird dem Themenkreis Troja, Homer und Epos grössere Aufmerksamkeit geschenkt, wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Eine von mir bevorzugte Textsorte ist die griechische Tragödie. Inzwischen sind es über ein Dutzend Stücke geworden, die ich, natürlich „dokumentarisch“, übersetzt habe. Davon fanden einige den Weg auf die Bühne. Ich hatte das Glück, in Jossi Wieler einen genialen Wortbehorcher zu finden, der jede Silbe der Übersetzung ernst nahm, so bei seinen Inszenierungen der Alkestis, des Ödipus auf Kolonos und der Bakchen an den Münchner Kammerspielen. Es ist für einen Übersetzer eine beglückende Erfahrung, die in langwieriger Arbeit dem Text für die Zielsprache abgerungene Wortgestalt von professionellen Darstellern erklingen zu hören. Es ist aber auch eine bedrückende Erfahrung, festzustellen, dass Regisseure sich aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder sonstigen Gründen für Fassungen entscheiden, deren Unzulänglichkeit in die Augen springen.

Meine bisher grösste Herausforderung war die Übersetzung der Orestie. Für sie galt seit ihrer Uraufführung 1980 in Berlin Peter Steins Übertragung als vorbildlich und unübertroffen, sie wurde in Berlin über einhundert Mal aufgeführt und erzielte einen Welterfolg von Caracas bis Moskau. Es besser als Stein machen zu wollen, mochte an Hybris grenzen. Doch scheint es möglich zu sein, mindestens gemessen an der Rezension in der SZ aus berufenem Mund, die ich nur mit Scheu zu zitieren wage: «Gemessen an den fast übermenschlichen Schwierigkeiten, die sich hier zeigen, hat der Übersetzer eine bewundernswerte Leistung vollbracht. Sein Text ist nah am Original und seiner Bildwelt ...»

Eine Stelle zu Beginn des Agamemnon, des ersten Teils der Trilogie, soll diese Behauptung stützen: Der Wächter, der auf dem flachen Dach der Königsburg von Argos um Befreiung von seinem bereits ein Jahr lang währenden Wachdienst fleht, schaut nach dem Fackelzeichen aus, das aus Troja Nachricht bringen soll. Da flammt plötzlich ein Feuerschein auf, der den Untergang der Stadt verkündet. Freude keimt auf, aber das Wissen um das Schicksal des Atridenhauses versiegelt dem Wächter den Mund:

«Vom andern schweig ich; denn ein grosser Ochse steht (36)
auf meiner Zunge. Das Haus selbst, erlangte es nur Stimme,
es spräche überdeutlich! Ich, für mein Teil, rede willig
nur vor Wissenden, vor Ahnungslosen schütze ich Vergessen vor.»

Die Kritik hat gerühmt, dass das kühne Bild vom «Ochsen auf der Zunge» beibehalten wurde (wir würden vom «Kloss im Hals» sprechen); frühere Übersetzer glaubten, auf das Bild verzichten zu müssen: Droysen spricht von einem «goldenen Schlüssel», der dem treuen Wächter den Mund verschliesst, Wilamowitz lässt ihn sagen: «Mir ist der Mund zu fest gestopft.» Stein behält das Bild bei, macht aber aus dem Ochsen einen «Stier». Das wäre nicht so schlimm, aber die ganze Partie erscheint durch die Auflösung der jambischen Trimeter in Kurzkola (aus vier Versen werden zehn Kola) kurzatmig und unrhythmisch und durch den erläuternden Zusatz «Ich verbrennʾ mir nicht das Maul» überdeutlich ausdeutend. Die Partie bei Stein:

«Ich sage nichts mehr.
Ein Stier steht mir auf der Zunge.
Ich verbrennʾ mir nicht das Maul.
Wenn dieses Haus selbst
eine Stimme hätte,
es würde nur zu deutlich sprechen.
Was mich betrifft,
so spreche ich nur für die, die es wissen,
für die, die es nicht wissen,
bin ich stumm.»

Nun gilt es zu danken. Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt für die Verleihung des «Johann-Heinrich-Voss-Preises für Übersetzungen» an mich für das Jahr 2019. Mein Dank gilt vor allem der Jury, die die Zuerkennung des Preises mit wohlüberlegten und stimmigen Worten begründet hat. Besonders der Satz «Durch seine Übertragungen können diese alten Texte heute wieder ganz neu gelesen werden», hat mich gefreut. Darin, und nur darin, legitimiert sich die Neuübersetzung alter, ja uralter Texte. Die Jury hat sich in meinen Augen zu meinem Komplizen gemacht, zum Komplizen meines Strebens nach einer Form der antiken Texte, die der heutigen Leserschaft sowohl den Inhalt möglichst integral vermittelt wie ihr eine ästhetisch befriedigende Form bietet, die zwar durchaus die historische Distanz, das Fremde durchscheinen lassen, Fremdheit aber oder gar das Befremdliche vermeiden will.

Ein besonderer Dank kommt Prof. Ernst Osterkamp zu, dem Präsidenten der Akademie, der mich in einem persönlich gehaltenen Schreiben von der Verleihung benachrichtigt hat, und auch Dr. Bernd Busch, dem Generalsekretär, der mir mit nützlichem Rat bei organisatorischen Fragen beigestanden hat. Ich danke den Mitgliedern der Akademie, die sich hier in der Zwinglistadt zu ihrer Frühlingstagung versammelt haben. Und in den Dank möchte ich auch die hier anwesenden Vertreter des Manesse Verlages (Zürich/München) einschliessen, Herrn Dr. Horst Lauinger, den Leiter des Verlags und Förderer gewaltiger Buchwagnisse (Homers Epen, Die Apokalypse, Erasmusʾ Meistersatire), die Lektorin Frau Dr. Angelika Schedel, deren feinem Stilempfinden die gerühmten Werke viel zu verdanken haben, und Frau Christine Liebl, die mit grossem Engagement die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreut. Grossen Dank schulde ich auch dem Reclam Verlag, der meine oft zweisprachigen Übersetzungen sorgfältig ediert hat. Hier ist speziell die Lektorin Frau Melanie Kattanek zu nennen, die meine Orestie-Übersetzung akribisch redigiert hat. Last but not least gilt mein Dank Prof. Hans-Albrecht Koch, der mit als Erster die Qualität meiner Übersetzung der Odyssee erkannt hat. Seine Laudatio hat mich tief gerührt.

Zum Schluss ein erheiterndes Zitat, das sie alle zum schmunzelnden Nachdenken anregen soll; es stammt von Miguel de Cervantes: «(...) ich will nicht sagen, dass das Übersetzen keine löbliche Arbeit sei, denn der Mensch kann noch mit andern, schlimmern Dingen seine Zeit zubringen und die ihm weniger Nutzen gewähren.»