Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Peter Graf von Kielmansegg

Peter Graf von KielmanseggPeter Graf von Kielmansegg

Political scientist
Born 27/6/1937

Sigmund-Freud-Preis 1983
Laudatory Address by Karl Dietrich Bracher
Acceptance Speech by Peter Graf von Kielmansegg
Diploma

Peter Graf Kielmansegg, einem Gelehrten von weiter, zugleich politischer, historischer und juristischer Bildung...

Jury members
Juryvorsitz: Vizepräsident Herbert Heckmann (geschäftsführend)
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell, Gerhard Storz

Gratwanderungen

Es gibt einen Satz über das Schreiben, der mir in den Sinn kommt, wann immer es schwierig wird damit. Er stammt, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, von Robert Musil. Er heißt »Stil ist Genauigkeit.« Als ich ihn zum ersten Mal las, lange bevor es für mich ernst wurde mit dem Schreiben, schien es mir, als sage dieser Satz in unübertrefflicher Kürze und Präzision das Entscheidende. Braucht der Wissenschaftler eine andere Maxime? Ist nicht »Genauigkeit« die Forderung, die ihm das Ethos seines eigenen Berufs, das Ethos der Wahrheit, stellt? Wenn nun auch die Kunst des Schreibens, die Kunst jedenfalls der wissenschaftlichen Mitteilung ganz einfach (und überaus schwierig zugleich) darin besteht, genau zu sein, ist dann nicht in der Tat in diesem einen Wort alles gesagt, was der Gelehrte beherzigen muß, um richtig zu sagen, was er zu sagen hat?
Eines Tages wurde es ernst mit dem Schreiben. Da wurde ein junger Mann, eben mit dem Studium fertig, eben hier in Darmstadt angetreten, um den Beruf des Hochschullehrers zu erlernen, gefragt, ob er sich nicht an einer Geschichte Deutschlands im Ersten Weltkrieg versuchen wolle. Das war damals, in der Mitte der sechziger Jahre, nicht irgendein Thema. Um die Rolle Deutschlands in der Vorgeschichte des Krieges und seine Politik während des Krieges wurde gerade die heftigste, leidenschaftlichste, erbittertste Kontroverse ausgetragen, die es in der letzten Generation in der deutschen Geschichtswissenschaft gegeben hat. Aber der junge Mann faßte sich ein Herz, er sagte ›ja‹. Und nun galt es zu erproben, wieweit man mit diesem Satz gelangen konnte: Stil ist Genauigkeit.
Wie war das anzufangen, die Geschichte eines so ungeheuren Ereignisses zu erzählen, des Krieges, von dem dieses Jahrhundert recht eigentlich seinen Ausgang genommen hat, der Triumph des Kommunismus in Rußland ebenso wie der des Nationalsozialismus in Deutschland? Aus der Ferne oder aus der Nähe ? Als einer, der es besser weiß, ein Besser-Wisser, oder als einer, der mitleidet? Als ein Richter oder als ein Chronist? Wessen Geschichte war eigentlich zu erzählen, die der Großen oder die der Kleinen; der »Täter« oder der »Opfer«, wie es die argen Vereinfacher zu formulieren liebten? Und schließlich: Ging es denn überhaupt noch darum, etwas zu erzählen; mußte nicht, wer auf der Höhe der Zeit sein wollte, nach ganz anderen Formen der Darstellung suchen? Hatte nicht schon einer der Gutachter über die Doktorarbeit des jungen Mannes geurteilt, sie sei leider ein Stück altmodisch »narrativer« Geschichtsschreibung geworden?
Ferne oder Nähe: Ferne scheint der dem Historiker zukommende Standort zu sein. Er weiß, was daraus geworden ist, er kennt die Folgen, und dieses Wissen um die Folgen macht Geschichtsschreibung überhaupt erst möglich. Aber ist nicht auch Nähe geboten, kann man die Menschen, über die man schreibt, anders begreifen als dadurch, daß man sich an ihre Seite stellt; und das heißt, mit ihnen in eine offene, ungewisse Zukunft hineinblickt, nicht mit der Allwissenheit des Nachlebenden zurück in die Vergangenheit, in der Taten und Unterlassungen unwiderruflich ihre Folgen bereits gehabt haben? Das hieße: Vom Juli 1914 so berichten, als seien die Schreckensjahre, die ihm folgten, noch im Nebel der Zukunft verborgen, allenfalls in bangen Vorahnungen der Einsichtigen und Weitsichtigen sich ankündigend; aber zugleich doch auch als einer, der die Folgen kennt und dessen Urteilsfähigkeit sich eben darauf gründet, daß er die Folgen kennt.
Richter oder Chronist – das hat viel mit Ferne oder Nähe zu tun. Können wir uns überhaupt anders als urteilend zur Vergangenheit verhalten – es sei denn, wir ließen uns gar nicht auf sie ein? Und heißt urteilen nicht immer auch verurteilen? Es scheint, als ließe uns der Extremfall des Nationalsozilismus da gar keine Wahl. Wie soll man sich zu einer Geschichte, die schließlich in die unvorstellbarste Barbarei einmündet, anders verhalten als verurteilend? Liegt nicht gerade der Erste Weltkrieg schon ganz in den Schatten, die das Jahr 1933 zurückwirft? Was bleibt dem Historiker, als das Amt des Richters anzunehmen und auszuüben? Aber wenn er es annimmt und ausübt, was bleibt dann von dem Recht, mit dem jede Zeit dem Geschichtsschreiber, der Nachwelt überhaupt gegenübersteht: dem Recht auf ihren eigenen Bewußtseinshorizont, aus dem heraus sie verstanden werden will, weil sie in seinen Grenzen gelebt hat? Wir Deutschen, bei anderen Völkern mag das ein wenig anders sein, haben die Welt längst und gründlich verlassen, in der das berühmte Augusterlebnis 1914 möglich war. Aber läßt sich erzählen, was sich da ereignet hat, vom Richterstuhl einer Zeit aus, für die Krieg das Übel schlechthin geworden und vom Vaterland nicht einmal mehr das Wort geblieben ist?
Viele Fragen für unseren jungen Mann. Er mußte lernen, daß die einfachen Antworten ihm nicht weiterhalfen; mußte lernen, seinem Gegenstand zugleich nah und fern zu sein; in den Horizont einer anderen Zeit zurückzukehren und doch in dem seiner eigenen zu bleiben. Er mußte, in einem Wort, lernen, schreibend auf einem Grat zu wandern. Der Respekt vor dem Gegenstand ließ keinen anderen Weg.
Respekt vor seinem Gegenstand sollte für den schreibenden Wissenschaftler eine selbstverständliche Haltung sein, auch wenn er erst lernen muß, was das bedeutet. Respekt vor dem Leser ist für den schreibenden Wissenschaftler keine selbstverständliche Haltung, obwohl beides aufs engste miteinander verknüpft ist. Wer schreibt, geht mit der Sache um, über die er schreibt, und mit dem Leser, für den er schreibt. Beide haben Rechte, die in diesem Umgang zu respektieren sind. Was heißt das – Respekt vor dem Leser, was fordert er und wie wird er sichtbar? Statt es geradezu mit einer Antwort zu versuchen, will ich von einer zweiten Gratwanderung berichten.
Der junge Mann ist längst nicht mehr jung, und eine Wochenzeitung fordert ihn auf, sich an einer öffentlichen Debatte über das Recht auf bürgerlichen Ungehorsam in der Demokratie zu beteiligen. Das Land, wir wissen es, ist in dieser Frage tief gespalten. An wen soll er sich wenden, an die, die so denken wie er, oder an die, die im anderen Lager stehen? Gibt es denn überhaupt noch eine Chance, im anderen Lager gehört zu werden? Können Argumente durch die rauschhafte Gewißheit, im Recht zu sein, noch hindurchdringen? Welche Argumente? Soll man der Gewißheit der anderen die eigene Gewißheit oder die eigenen Zweifel daran, daß es in dieser Sache Gewißheit gibt, entgegensetzen? Wiederum zeigt sich, daß die einfachen Antworten nicht hilfreich sind. Wiederum bleibt als Weg nur ein schmaler Grat: zu seinen Zweifeln an der Möglichkeit der Gewißheit ebenso zu stehen wie zu seiner Überzeugung von der Vernünftigkeit der eigenen Argumente. Dieser Weg macht den Leser zum Zeugen des Nachdenkens, durch das der Ungewißheit das eigene Urteil abgewonnen wird. Eben darin bekundet sich der Respekt vor ihm.
Haben wir uns weit entfernt von jener Maxime, von der wir ausgegangen sind – Stil ist Genauigkeit? Ich denke nicht. Gratwanderungen sind Wanderungen, die eben dies verlangen: Genauigkeit. Von dem, was die Pflicht zu verantwortlichem Umgang mit dem Gegenstand und mit dem Leser dem schreibenden Wissenschaftler abverlangt, ist in dem Imperativ »Stil ist Genauigkeit« viel eingefangen.
»Dankrede« des Preisträgers steht im Programm. Vielleicht ist es erlaubt, mit einem Geständnis zu danken. Ich erinnere mich eines Mittagsspaziergangs im Herrngarten, der von den damaligen Institutsräumen aus in ein paar Schritten zu erreichen war, nicht lange nachdem ich meine Arbeit hier an Eugen Kogons Lehrstuhl aufgenommen hatte. Die Frage überfiel mich, wohin der eingeschlagene Weg mich wohl führen, was mir auf ihm gelingen würde. Eine solche Frage bewegt vieles, jedenfalls ging mir auch dies durch den Sinn: Solltest Du es einmal zu öffentlichen Auszeichnungen bringen, so wären es zwei, die Dir vor allen anderen etwas bedeuten würden – die eine davon war der damals gerade gestiftete Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.