Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Kurt von Fritz

Kurt von Fritz

Classicist
Born 25/8/1900
Deceased 16/7/1985

Sigmund-Freud-Preis 1981
Laudatory Address by Ernst Zinn
Acceptance Speech by Kurt von Fritz
Diploma

... seine Bücher, in denen sich tiefdringende Untersuchung mit klarer Darstellung, historischer Aufhellung mit gegenwärtiger Erfahrung verbindet, in einer schlichten Sprache, die auch der nichtfachlichen Leserschaft jene Bereiche erschließt.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Herbert Heckmann, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell, Gerhard Storz

Über verständliche Darstellung philosophischer und wissenschaftlicher Probleme

Indem ich mich anschicke, für den mir zugedachten Preis zu danken, muß ich wohl auf meine erste Reaktion auf die Nachricht, daß mir dieser Preis verliehen werden sollte, zurückgreifen. Sie bestand in spontanem Erstaunen darüber, daß ich einen Preis bekommen sollte für etwas, das sich eigentlich von selbst versteht: die klare und verständliche Darstellung von philosophischen und wissenschaftlichen Problemen. Denn so war die Begründung.
Aber es wäre wohl nicht nur krasser Undank, sondern eine Beleidigung der Akademie, wenn ich daraus den Schluß ziehen wollte, daß mir der Preis zu Unrecht verliehen werden solle. Ich muß mir also wohl überlegen, womit ich einen Preis verdient haben könnte. Daß ich nun etwas getan haben könnte, was wirklich zu einem gewissen Grade einen Preis verdient, geht vielleicht daraus hervor, daß ich schon früher von Lesern meiner Abhandlungen gelegentlich Briefe bekommen hatte, in denen sie mir mitteilten, daß ihnen durch diese etwas klar geworden sei, was ihnen vorher immer unklar geblieben war oder mit dem sie sich vergeblich abgemüht hatten.
Wenn daran etwas ist, erhebt sich die Frage, wodurch ich dazu befähigt worden bin. Die unmittelbare Antwort ist leicht zu geben: Dadurch, daß ich schon in jungen Jahren Schopenhauers Abhandlung über Sprache und Stil nebst der darin enthaltenen Diatribe über die deutsche Sprachverhunzung gelesen habe sowie Friedrich Nietzsches erste »Unzeitgemäße Betrachtung« über David Friedrich Strauss als Bekenner und Schriftsteller, und daß ich mir sofort vorgenommen habe, die in diesen Schriften gegeißelten sprachlichen Torheiten nicht zu begehen.
Dies war eine große Hilfe. Aber es war nicht genug. Denn es gibt sprachliche Fehler und Torheiten, die in ihrer Wirkung viel schlimmer sind als die von Schopenhauer und Nietzsche in den genannten Schriften erwähnten. Gerade zu der Zeit, als ich die Nachricht erhielt, daß mir der Sigmund-Freud-Preis verliehen werden sollte, bekam ich die Korrekturen einer Rezension, in denen überall, wo ich der selbe, die selbe, das selbe geschrieben hatte, dies in derselbe, dieselbe, dasselbe zusammengezogen war. Als ich mich bei dem Herausgeber der Rezensionszeitschrift darüber beschwerte, erhielt ich die Antwort, die fälschlichen Korrekturen seien, nachdem er die Korrektur schon gelesen hatte, von einer Lektorin vorgenommen worden. Es ist aber leicht festzustellen, daß dies kein vereinzelter Fall ist, sondern bei vielen Verlagen und Druckereien, ja selbst bei manchen Herausgebern die seltsame Vorstellung herrscht, daß aus irgend welchen mysteriösen Gründen das Wort selbe immer mit dem Artikel in einem Wort geschrieben werde.
Welch ein Unsinn dies ist, ist leicht am Griechischen zu sehen. Das Wort οὗτος, αὕτη, τοῦτο ist genau so aus ὁ αὐτός, ἡ αὐτή, tὸ αὐτό zusammengezogen wie derselbe aus der selbe. Wer Platons logische Dialoge, vor allem den Sophistes, den Theaetet, den Philebos gelesen hat, wird sofort gewahr sein, welch ein fürchterliches Kauderwelsch dabei herauskäme, wenn jemand in diesen Dialogen jedes ὁ αὐτός durch οὗτός, jedes ἡ αὐτή durch αὕτη usw. ersetzen wollte. Es wäre der völlige Ruin der platonischen Logik.
Daß im Deutschen der Unsinn nicht so unmittelbar zutage liegt, macht ihn nur um so verhängnisvoller. Den Unterschied zwischen derselbe und der selbe nicht zu beachten, führt unmittelbar zum unklaren und verworrenen Denken.
Eine nicht weniger weit verbreitete und in ihren Folgen nicht minder verhängnisvolle sprachliche Eselei ist die Gewohnheit, mit den Pronomina dieser, jener, der, die, das, welcher, welche, welches usw. so zu operieren, daß nicht ohne weiteres klar ist, worauf sie sich jeweils beziehen, so daß man einen Satz oft mehrfach sorgfältig lesen muß, um darüber klar zu werden. Tut man dies nicht, so verfällt man in die Gewohnheit, über Unverstandenes hinwegzulesen, was geradezu eine Erziehung zum unklaren und verworrenen Denken ist.
An dem Verhältnis Schopenhauers zu Hegel lassen sich in bezug auf diese Fragen einige nicht uninteressante Beobachtungen machen. Schopenhauer hat bekanntlich Hegel generell als ›Unsinnsschmierer‹ bezeichnet, was vielleicht nicht ganz ausschließlich als Folge seines Ressentiments wegen des Zusammenstoßes mit Hegel bei seiner (Schopenhauers) Habilitation zu betrachten ist. Die von den enthusiastischen Verehrern Hegels am meisten bewunderte Schrift des Meisters ist seine Phaenomenologie des Geistes. Sie wird von seinen Bewunderern gerade wegen ihrer Dunkelheit und Schwerverständlichkeit bewundert. Diese Schwerverständlichkeit wird von ihnen geradezu als Beweis für die unerschöpfliche Tiefe der darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken betrachtet. Sieht man jedoch genauer zu, so findet man, daß zum mindesten ein nicht geringer Teil der Schwerverständlichkeit der Schrift keineswegs allein durch die Tiefe der Gedanken, sondern durch die stellenweise gehäuft auftretenden sprachlichen Mängel der genannten Art verursacht wird. Auf der anderen Seite hat Hegel später in seinen »Vorlesungen zur Philosophie des Rechts« die in der »Phaenomenologie des Geistes« behandelten Fragen teilweise wieder aufgenommen. Diese Vorlesungen sind keineswegs völlig frei von den genannten sprachlichen Mängeln (dasselbe statt das selbe ist in ihnen häufig). Aber die Mängel treten nicht so gehäuft auf, die ganze Struktur ist aufgelockert, und vor allem die zähe Abstraktheit und Gedrängtheit der Ausführungen der »Phaenomenologie des Geistes« wird durch eine lebensvolle Diskussion aus der praktischen Wirklichkeit genommener Probleme ersetzt. Dadurch – und natürlich auch durch seine anderen Schriften und Vorträge – erweist Hegel seinen hohen Rang als Philosoph, wenn auch auf einem weniger übermenschlichen Niveau als es die uneingeschränkten Bewunderer seiner »Phaenomenologie des Geistes« für ihn in Anspruch genommen hatten.
Leider findet man kaum oder nur ganz selten, daß jemand auf die doch so verbreiteten und verhängnisvollen Sprachdummheiten, von denen ich gesprochen habe, aufmerksam ist. Ich wollte jedoch meinen Dank für den mir zuerkannten Preis nicht nur in leeren Worten des Dankes für ein mir sozusagen vom Himmel in den Schoß gefallenes Geschenk zum Ausdruck bringen, sondern auch dadurch, daß ich mich bemühe, etwas Nützliches zu tun.
Deshalb habe ich mir so große Mühe gegeben, auf die von mir hervorgehobenen Sprachdummheiten aufmerksam zu machen: in der Hoffnung, daß der eine oder der andere, der dies hört oder liest, sich dadurch veranlaßt sehen wird, nicht über die sprachlichen Dummheiten hinwegzulesen, sondern auf sie zu achten, sie sorgfältig zu analysieren und dadurch zu einem klareren und präziseren Denken zurückzufinden.