Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Julia Voss

Julia Voss

Art historian and Journalist
Born 1974

Sigmund-Freud-Preis 2009
Laudatory Address by Hans-Jörg Rheinberger
Acceptance Speech by Julia Voss
Diploma

Julia Voss, der es in ihrer Arbeit über ›Darwins Bilder‹ gelungen ist, den Denkprozess Darwins aufgrund der Interpretation seiner Zeichnungen und Diagramme auf neue Weise zu rekonstruieren...

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Heinrich Detering, Peter Hamm, Ilma Rakusa, Beisitzer Peter Eisenberg, Wilhelm Genazino, Joachim Kalka, Gustav Seibt, Werner Spies, Ulrich Weinzierl

Bilder als Erkenntnismittel

LAUDATOR
Hans-Jörg Rheinberger
Born 12/1/1946
Science historian

Sigmund Freud hätte seine Freude gehabt an dem neuesten Buch, dessen Verfasserin heute den Preis erhält, dem die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung seinen Namen verliehen hat. Es ist ja nichts weniger als die Psychoanalyse eines Kinderbuches, das von Michael Ende vor bald 50 Jahren geschrieben und publiziert wurde, und in dem sich die Erfahrung einer Zeit und einer Generation verschlüsselt hat. Durch diese Analyse wird neuer Raum geschaffen – nicht nur eine Zeit davor anders zu lesen, sondern auch, sie in die Zukunft zu buchstabieren. Mit Darwins Jim Knopf hat Julia Voss eine aufregende Untersuchung vorgelegt, die dem ausgehenden Darwin-Jahr 2009 wie kein anderes Buch im deutschen Sprachraum ihren Stempel aufdrückt. Aber da ist nicht nur dieses Buch. Wer das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in diesem Jahr verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass ein neuer Umgang mit Darwin und der Evolutionstheorie Einzug gehalten hat – ein Umgang, der sich jenseits der älteren Ideologiegeschichte des Darwinismus – der Zeit von der Veröffentlichung des Ursprungs der Arten 1859 bis in die Jahrzehnte des Kalten Krieges – verortet. Das jedenfalls gibt der letzte Satz zu erkennen, mit dem Julia Voss ihre Auftaktgeschichte zum Darwin-Jubiläum vor nunmehr bald einem Jahr, am 16. Dezember 2008 in der FAZ beschließt: »Das ist die Geschichte: Jim Knopf bekommt eine zweite Chance. Und mit ihm die Evolutionstheorie.« An dieser Chance arbeitet die Autorin gegenwärtig als Redakteurin bei der genannten Zeitung.
Julia Voss hat Neuere Deutsche Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Freiburg, am Goldsmiths College in London und an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Dort hat sie ihr Studium auch im Jahre 2000 in Neuerer Deutscher Literatur abgeschlossen. Ihre Doktorarbeit schrieb sie zwischen 2001 und 2004 am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, wo sie zugleich ein Forschungsprojekt mitgestaltete, das sich mit der »Experimentalisierung des Lebens« im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert beschäftigte. In diesem Projekt, das von der Volkswagen-Stiftung im Rahmen ihrer Initiative »Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften« gefördert wurde, sind Konfigurationen zwischen Biowissenschaften, Technik und Kunst in den für diese Konfigurationen jeweils charakteristischen Suchbewegungen erkundet worden. Bei Julia Voss waren es die Evolution und ihre Visualisierungen im Werk von Darwin. Abgeschlossen hat sie ihre Doktorarbeit im Jahre 2005 während eines Stipendienaufenthaltes an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, promoviert wurde sie in Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Für ihre Dissertation wurde sie 2006 mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft ausgezeichnet. Heute dürfte sie wohl die jüngste Trägerin des Sigmund-Freud-Preises sein.
2007 erschien ihr erstes Buch bei S. Fischer unter dem Titel Darwins Bilder. Wie hat sich Julia Voss der Bildwelt der Evolutionstheorie angenähert? Einerseits steht die Arbeit beispielhaft für eine Form von Wissenschaftsgeschichte, die nicht mehr von eng disziplinären, sondern von übergreifenden kulturhistorischen Fragestellungen geleitet wird und daher vielleicht auch besser eine Wissensgeschichte genannt werden sollte. Nicht zuletzt ist es Julia Voss mit diesem Buch gelungen, den epistemischen – also den erkenntnisproduktiven – Status von Bildern in den Wissenschaften an einem konkreten Beispiel und im historischen Detail nachzuzeichnen. Die Botschaft lautet, dass Darwins Bilder keine Illustrationen sind. Sie veranschaulichen nicht, sie stellen vielmehr ein Erkenntnismittel dar: »Im Bild«, sagt Julia Voss einmal, »erschließt sich Darwin Zufall, Variation, Gradualismus und Makel. Darwins Bilder entstehen in der Ausarbeitung von Theorie und nicht in der Veranschaulichung.« Alle großen Themen der Evolution haben ihr Bildfeld. Da geht es dann um die Variation der Lebewesen anhand des Bildes der Darwinfinken; die Abstammung anhand des Evolutionsstammbaums; die graduelle Anpassung anhand der Musterbildung bei Vogelfedern; und den Übergang vom Tier zum Menschen anhand des Mienenspiels bei Mensch und Tier. Besonders Darwins Diagramme haben es ihr angetan: »Bilder von der Entdeckung der Unordnung« nennt sie sie.
Die Symbolstruktur und den historischen Kontext der Entstehung dieser Bildfelder hat Julia Voss kleinteilig rekonstruiert. In ihrer Arbeit ist es gerade das dem Archiv entrissene Winzige, die überraschende trouvaille, etwa der Schmetterlingsflügel aus dem Amazonas in Darwins Korrespondenz, die zum Faszinosum werden, auch zum Lektüregenuss – was übrigens, in anderer Konfiguration, gerade auch ihrem neuen Buch seinen eigentümlichen Glanz verleiht.
In der Sprache von Julia Voss verschmelzen detailversessene Bildbeschreibung und minutiöse Kontextrekonstruktion zu einer oft geradezu poetischen Einheit, die trotz ihrer Genauigkeit – oder vielleicht gerade deshalb – doch auch etwas Spielerisches hat. In ihrer Lokalverbundenheit und Erdung verleiht sie einem Jahrhundertereignis – der Entstehung der modernen Evolutionstheorie – gänzlich neue Konturen. Zum anderen hat Julia Voss einen Darwin neu beschrieben, wie ihn die Rezeptionsgeschichte über weite Strecken nicht gesehen und gekannt hat. Sie zeigt überzeugend, dass das, was den undercurrent, das wiederkehrende Leitmotiv von Darwins Theorie wie seiner Bildern der Evolution ausmacht, die Rolle des Individuums, die Bedeutung des Irregulären, des Inzipienten und des Unfertigen in der Geschichte der belebten Natur und ihrer Entwicklung ist. Dadurch unterscheidet sich Darwins Entwurf grundlegend von denen seiner Vorgänger und übrigens auch der meisten seiner Nachfolger. Zeitgenossen war das sehr wohl aufgefallen. So schrieb etwa William James nicht ohne Sarkasmus in einer Rezension: »The only ›law‹ under which the greater mass of the facts the author has brought together can be grouped seems to be that of Caprice – caprice in inheriting, caprice in transmitting, caprice everywhere, in turn.« Aber Darwin hat nicht nur einer großen Theorie zum Leben verholfen, in der es gerade auf das jeweils Schräge und Verschrobene ankommt, wenn man so sagen darf, sondern er selbst hat auch sein ganzes Leben dem aufmerksamen Studium des Details gewidmet. Wer einmal den Ursprung der Arten gelesen hat, weiß, was damit gemeint ist. Man könnte geneigt sein zu behaupten: Bei Julia Voss muss alles mit der aufmerksamen Lektüre von Darwins Ursprung der Arten angefangen haben. Das hat die gelernte Germanistin da wohl herausgespürt, und zwar so wie kein Biologiehistoriker vor ihr. Von solcher Aufmerksamkeit sind auch ihr dieses Jahr erschienenes Lesebuch mit Originaltexten von Darwin und ihre Einführung in sein Leben und Werk geprägt.
In ihrem neusten Buch entziffert Julia Voss die Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. Dabei stand am Anfang, wie sie in einem Interview betont hat, eigentlich nichts weiter als das verwunderte Registrieren einer Namensübereinstimmung zwischen Michael Endes »Jim Knopf« und Charles Darwins »Jemmy Button«, dem feuerländischen Jungen seines Reiseberichts, der von der ersten Beagle-Reise nach England gebracht wurde und mit der erneuten, von Darwin begleiteten Expedition zurück in seine südamerikanische Heimat kehrte. Die Kindergeschichte entpuppte sich als eine Abrechnung mit einem Biologismus, für dessen schlimmste Auswüchse der Nationalsozialismus steht – ein Biologismus, wie ihn auch der 1929 geborene Schriftsteller Michael Ende in seiner deutschen Schulzeit erfahren hat – der aber in seinen milderen Varianten das internationale Gemeingut einer ganzen Epoche war. Diese Epoche steht dafür, die Theorie Darwins mit einer Ideologie verbunden zu haben, die, in den Worten von Julia Voss, »Zucht, Herrschaft und Hierarchie predigte«, während Darwins Theorie doch »von Zufall, Variation und Wandel handelte«.
Nicht dass ein solcher Darwin etwa aus dem Fach der Lebenswissenschaften verschwunden gewesen wäre. Mit einer solchen Annahme würde man das Bild verzeichnen. Aber den Platz im öffentlichen Bewusstsein, auch im feiner gesponnenen kulturellen Diskurs, hatte ein anderer Darwin eingenommen. Gegen diesen einen neuen – den alten – Darwin zu setzen, bei dem, um es überspitzt zu sagen, die Unordnung den Motor der Evolution darstellt, das hat Julia Voss hier meisterhaft zu inszenieren verstanden. Es ist ihr auch mit diesem Essay wieder eine Überraschung gelungen. Wenn sie mit Darwins Bilder einen wichtigen Teil der Biologiegeschichte mit bildhistorischen Augen neu las, so steht Darwins Jim Knopf dafür, einen bisher kaum verstandenen Teil der Literaturgeschichte Nachkriegsdeutschlands mit wissenschaftshistorischen Augen neu zu lesen. Und jedes Mal werden dabei dem Leser andere Augen geöffnet. Es ist ein Glück, wenn sich auf diese Weise Kunst, Literatur und Wissenschaft der historischen Aneignung erschließen. Liebe Julia Voss, der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ist der sichtbare Ausdruck dafür, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, und ich denke wir alle uns wünschen, dass Sie so weiter machen!