Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Josef H. Reichholf

Josef H. Reichholf

Zoologist
Born 17/4/1945

Sigmund-Freud-Preis 2007
Laudatory Address by Anita Albus
Acceptance Speech by Josef H. Reichholf
Diploma

... einem Schriftsteller, der durch Beschreibung und Analyse an die großen Beispiele naturhistorischer Darstellung in unserer Literatur anknüpft und für seine Liebe zu allen Arten des Lebens eine so frische wie lebhafte Sprache gefunden hat.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Antworten sollen verständlich sein

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat mich mit der Verleihung des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa in einen Kreis von Historikern, Philosophen und anderen Humanwissenschaftlern höchsten Ranges aufgenommen. Für mich ist das eine ganz besondere Ehre, zumal bisher nur drei Naturwissenschaftler mit diesem Preis ausgezeichnet worden sind. Neben Carl Friedrich von Weizsäcker und den Nobelpreisträger Werner Heisenberg gestellt zu werden, bedeutet innerhalb dieses Kreises eine weitere Auszeichnung.
In der Rückschau auf die Liste der solcherart Geehrten bietet erst der fast ganz am Anfang verzeichnete Basler Zoologe Adolf Portmann für mich die Möglichkeit zu einer eigenen Standortbestimmung. 1965 hatte er als Zweiter den Sigmund-Freud-Preis erhalten. Mit Portmann fühle ich mich nun nicht mehr so ganz als Außenseiter. Zu seiner Person kann ich Verbindungen finden. Recht starke sogar.
Als Portmann den Preis bekam, benutzte ich gerade sein Lehrbuch Einführung in die vergleichende Morphologie der Wirbeltiere im zoologisch-anatomischen Praktikum an der Universität München. Das kam mir sehr zugute. Portmanns Bücher hatten mich vorher schon, noch während meiner Gymnasialzeit, regelrecht begeistert. Ich las sie alle. Sie übten mit ihrem Stil und mit der umfassenden Betrachtungsweise, die Portmann stets anstellte, einen besonderen Reiz auf mich aus. Das Detail ergab darin Sinn, weil es in größere Zusammenhänge eingefügt wurde. Bezeichnenderweise trägt Werner Heisenbergs Buch, das ich viel später las, den Titel Der Teil und das Ganze.
Portmann hatte mich im Hinblick auf meine eigene wissenschaftliche Arbeit »geprägt«, ohne dass ich das selbst bemerkte. Ähnlichkeiten zwischen seinen und meinen Büchern sind dadurch sicherlich zustande gekommen, bauen wir doch immer auf Vorhandenem auf. Wie das neue Gebäude gerät, das man vermeintlich selbst und ganz allein errichtet, hängt entscheidend davon ab, auf welchem Fundament es ruht. Leider lernte ich Portmann nie persönlich kennen.
Sein über die engen Fachgrenzen weit hinausgehendes Denken grenzte ihn fachintern weitgehend aus, hatte er doch auch Fragen nach Schönheit und Sinn gestellt. Als Zoologe geriet er noch zu seinen Lebzeiten ins Abseits und bald in Vergessenheit. Er hatte geforscht und gelehrt als Lebenswissenschaftler. Das Leben erachtete er als das zentrale Anliegen der Biologie.
Das passte schon damals nicht zu der aufs analytische Detail ausgerichteten Forschung, deren Front sich auf Biochemie und Molekulargenetik hin bewegte. Längst kommen die Befunde zum Leben aus Apparaten; viele Darstellungen sind ›Bar-Code-Bänder‹, wie wir sie vom Supermarkt kennen. Über den eigenen Forschungsbereich hinaus lässt sich dafür kaum noch jemand begeistern. Englisch ist mittlerweile die Wissenschaftssprache geworden. So gut das für die Forschung ist, so problematisch ist die Benutzung einer Fremdsprache für die Selbstdarstellung der Naturwissenschaft im eigenen Land für die Menschen, von denen die Mittel stammen, die in die Forschung fließen. PR-Kommunikatoren müssen neue Brücken »zum Volk« schlagen, dem kaum noch verständlich gemacht werden kann, worum es geht. Am heftigsten öffentlich diskutiert werden demzufolge nicht die Erfolge, sondern die Probleme, gleichgültig, ob es sich um wirkliche oder bloß vermeintliche Probleme handelt. Wissenschaftsskepsis und Forschungsfeindlichkeit nehmen zu.
Muss man also ein rückständiger Museumsbiologe sein, um gegenwärtig in der Öffentlichkeit Gehör zu finden? Das ist keineswegs nur eine rhetorische Frage, die gleich eine wohlfeile Antwort mitliefert. Umfangreiche, nahezu tägliche Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es den an der Natur interessierten Menschen um Fassbares, um Erlebbares geht. Sie möchten Konkretes dazu wissen, was sie gesehen haben. Sie fragen nach Bedeutungen und hoffen darauf, wenigstens Deutungen zu bekommen.
Die Art der Fragen zeigt, woran die sogenannte Öffentlichkeit wirklich interessiert ist. Verständlich sollen die Antworten sein.
Doch wie unnötig unverständlich stellt sich Wissenschaft oft selbst dar. Ein Beispiel mag das erläutern. Es entstammt einem Lehrbuch der Ökologie, das ich bei meinem Studium benutzen musste. Der nachfolgende Satz gehört zu den »kurzen« darin. Er nimmt genau eine Druckzeile Länge ein: »Die situativ variable Realisierung der Potenz Vagilität ergibt die Mobilität«.
Es galt, solche Merksätze auswendig zu lernen! Ob man das damit gemeinte Herumschweifen von Tieren in der freien Natur so besser versteht? Geistige Beweglichkeit entwickelte diese ›Definition‹ gewiss nicht.
Später, als ich Diplom- und Doktorarbeiten zu betreuen hatte, schärfte ich den Studierenden ein, ihre Arbeiten so zu schreiben, dass sie auch außerhalb des Fachgebietes verstanden werden. Der Erfolg fiel, gelinde ausgedrückt, sehr mäßig aus. Die allermeisten konnten es einfach nicht, weil sie im Studium nur mit dem üblichen Fachjargon zu tun und schon im Deutschunterricht in der Schule keine entsprechenden Anleitungen dazu bekommen hatten. Die Gefahr, wegen Verständlichkeit eine schlechtere Note zu bekommen, war durchaus gegeben. Manche hielten mir ganz unumwunden vor, dann würde ihre Arbeit nicht wissenschaftlich genug ausfallen. Dass die weitaus meisten dieser Arbeiten trotz ihrer scheinbar erhöhten Wissenschaftlichkeit in den Ablagen verschwanden und, von höchst seltenen Ausnahmefällen abgesehen, keine weitere Beachtung mehr fanden, spielt den gängigen Spielregeln gemäß keine Rolle. Meine eigene Doktorarbeit von 1969 war gewiss merkwürdig genug, um nicht von allen gleich als sinnvoll »verstanden« zu werden. Warum in aller Welt sollte die Welt auch wissen müssen, wie es kleine, mottenartige Schmetterlinge anstellen, weitgehend oder ganz unter Wasser zu leben. Entsprechend spannend zu erzählen, wie das geht, das will gelernt sein.
Beim Versuch, sich selbst zurückzuerinnern, wird man gewahr, wie verschlungen der Lebensweg gewesen ist und wie viele Menschen ihn beeinflusst haben. Der aktive Eigenanteil an der Entwicklung und die passive Mitwirkung anderer lassen sich in der Rückschau nicht mehr trennen. Doch gerade das ist es, was uns in der gelebten Wirklichkeit unverwechselbar macht; zu Individuen, die nicht nur, dem Wortsinn entsprechend, nicht weiter aufteilbar sind, sondern so, wie sie geworden sind, auch nie wiederkehren können. Wiederholbar ist kein Lebensweg. Wie der eigene verlief, das mag man als Glück empfinden oder Schicksal nennen.
Glück hatte ich gewiss reichlich – und auch viele Förderer.
Aus tief empfundener Dankbarkeit hebe ich meinen früheren Direktor der Zoologischen Staatssammlung in München, Prof. Dr. Ernst Josef Fittkau, hervor. Er hat mir in der wohl entscheidenden Reifezeit die Möglichkeiten zur Entfaltung meiner Interessen geboten. Bei der, am Desinteresse der Befragten fast gescheiterten Suche nach einem Verlag für mein erstes, richtig eigenständiges Buch über die Entstehung des Menschen verdanke ich den Durchbruch der Überredungskunst von Joachim Soyka. Das Rätsel der Menschwerdung wurde dann ein großer Erfolg.
Prägend waren sicherlich auch vielfältige Erfahrungen in der Natur ferner Kontinente. Solche konnte ich reichlich sammeln – in Südamerika vor allem, aber auch in Afrika, Südasien, Australien und auf entlegenen Inseln. Man muss die Fülle tropischer Regenwälder erlebt haben, um das Ausmaß der Naturzerstörung zu begreifen, die in den Tropen und Subtropen stattfindet. Mitverursacher sind wir alle, weil wir Produkte von dort billig importieren wollen. Hierzulande wird der Mensch hingegen immer mehr von der Natur entfremdet und von ihr ausgeschlossen. Natur findet auf den Monitoren statt. Das sei so ganz in Ordnung, meinen nicht wenige, die sich um die Erhaltung der Natur bemühen, weil »der Mensch« dann nicht stört und Schaden anrichtet.
Dass dabei die Beziehungen zur Natur, zum Lebendigen, nicht gerade gefördert werden, wird billigend in Kauf genommen, weil eine menschenfreie Natur allemal eine bessere Welt wäre. Die Natur in den Städten mit ihrer Vielfalt und Dynamik lehrt uns seit langem anderes. Hier ist die Artenvielfalt »trotz Mensch« hoch und eher zu- als abnehmend. Doch das gespaltene Weltbild von Mensch und Natur will nicht zur Kenntnis nehmen, was Tiere und Pflanzen von sich aus getan haben. Das Land muss gut bleiben, weil die Stadt schlecht ist. Ökologie mutierte auf diese Weise zum Ökologismus und sie wurde zu einer Ersatzreligion. Der Bezug zur naturwissenschaftlichen Ökologie ging dabei weitgehend verloren.
Seit Jahren vergebe ich keine Themen für Diplomarbeiten mehr, die Berührungen mit dem Naturschutz haben könnten. Der bürokratische Naturschutz hat zu große Hemmnisse aufgebaut. Genehmigungen für Naturschutzgebiete oder für Arbeiten an »geschützten Arten« einzuholen, das dauert zu lange. Die Beschränkungen sind frustrierend. Die Grundlagenforschung wird behindert, während gleichzeitlich völlig legal so viel Natur vernichtet wird. Manche meiner Schriften gerieten daher auch zu Anklageschriften.
Mit großem Vergnügen hielt ich aber über drei Jahrzehnte meine Vorlesungen an beiden Münchner Universitäten. Den Kontakten mit den Studierenden unterschiedlichster Fachrichtungen, die dadurch zustande kamen, verdanke ich sehr viel. Ich versuchte, es ihnen mit meinen Lehrveranstaltungen zu danken.
Den Sigmund-Freud-Preis erachte ich als eine Ermunterung, Wissenschaft auch in verständlichem Deutsch in die Gesellschaft hinaus zu tragen. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wirbt mit diesem Preis für ein berechtigtes Anliegen der interessierten Öffentlichkeit. Dafür gebührt ihr eine besondere Anerkennung!
Mit Abstand am wichtigsten war und ist aber das menschliche Umfeld, das es mir erlaubt hat, so zu arbeiten, wie ich wollte. Meiner Frau gebührt daher der größte Dank! Sie hat mir, als Gefährtin in allem, das Leben so schön und so angenehm gemacht. Vielleicht weiß ich selbst nicht wirklich, wie groß ihr Anteil an meiner Arbeit ist.
Für mich jedenfalls ist sie mit dem Sigmund-Freud-Preis mitgeehrt worden. So danken wir beide der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für diese Auszeichnung!