Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Johannes Fried

Johannes Fried

Historian
Born 23/5/1942

Sigmund-Freud-Preis 2006
Laudatory Address by Horst Fuhrmann
Acceptance Speech by Johannes Fried
Diploma

... vorgetragen in einer Sprache, die frei ist vom Wissenschaftsjargon und deren Originalität, Bilderreichtum und Eleganz ihn als großen Erzähler ausweist.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Klaus Reichert
Vizepräsidenten Peter Hamm, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Beisitzer Friedrich Christian Delius, Harald Hartung, Joachim Kalka, Peter von Matt, Gustav Seibt, Werner Spies

Wissenschaft beginnt mit der Sprache

Danken möchte ich für den schönsten Preis, der einem Wissenschaftler verliehen werden kann, der sich auf Wort und Sprache verwiesen sieht. Ich verhehle meine Freude nicht. Indes, in die Freude mischt sich Nachdenklichkeit. Wieso mir, dem die Worte nicht von selbst zufallen, der mit Wörter- und Wortschatzbüchern am Schreibtisch sitzt und darin lange sucht und blättert und verwirft, bis er entdeckt, was er braucht? Die Gabe der Sprache – sie empfinde ich als Gnade. Aber nur zu einem Teil. Wir lernen sie, bevor wir uns ihrer bewußt werden, im Wechselspiel angeborener kognitiver Fähigkeiten mit kulturellen Herausforderungen und Anmutungen. Sie setzt sinnliche Erfahrung voraus und wirkt ihrerseits als Bedingung für weiteres Lernen. Wir sehen uns eingebunden in eine kommunikative Gemeinschaft, der wir uns nicht entziehen können, die uns formt und prägt und ihre Sprache auf uns überträgt. Gewiß, die Sprache macht uns frei; aber sie fesselt uns zugleich. Solche Gegensätzlichkeit berührt nicht nur den Historiker, der nach der Welt jenseits seiner Gedanken fragt und den Ertrag seiner Forschungen darzustellen und mitzuteilen sucht.
Eine kleine Episode aus einer fünften Klasse eines Frankfurter Gymnasiums möge verdeutlichen, worum es geht. Sie betrifft eine Schülerin aus Serbien; die Eltern arbeiten hart, um den Aufstieg ihrer Tochter zu finanzieren. Sie durfte aufs Gymnasium. Für den Deutschunterricht sollte eine Frühlingswiese beschrieben werden. Das Mädchen verfaßte eine kleine Erzählung: Wie zu Hause (in Serbien) an einem warmen Frühlingstag die Sonne schien, wie das Kind gemeinsam mit dem Vater dessen Freund besuchte, der ein Boot besaß; wie sie alle mit ihm hinaus zu einer kleinen Insel fuhren, auf der ein Wäldchen stand und darinnen eine lichte Wiese; wie sie dort Picknick machten; und wie sie sich gemeinsam den ganzen Tag über am Frühling freuten. Es sei ein wunderschöner Ausflug gewesen.
Welch nette Geschichte! In makellosem Deutsch verfaßt, fehlerfrei niedergeschrieben in sauberer Schrift. Bei meinen deutschen Studenten treffe ich immer seltener auf derartige Fähigkeiten. Sie haben alles und nutzen nichts – wie aus gegebenem Anlaß eine rumänische Studentin unseres Seminars einmal bemerkte. In jener Geschichte aber vereinten sich Sprache und Emotion, Erlebnis, Erfahrung und Ausdruck zu einer kindlichen Frühlingsfeier, wie sie dem jungen Leben angemessen war. Doch, ach, was für ein Lehrer! Die Erzählung war ungenügend: zu wenig Frühling auf der Wiese – als sei der »Frühling« nicht zugleich das Fest der Sinne und der Seele und ihrer Auferstehung und nicht bloß der Aufbruch von Bienen und Blumen. Die Aufgabe sollte noch einmal bewältigt werden.
Das Mädchen machte sich wieder an die Arbeit; sie ergänzte nun das Frühere: Hier eine gelbe Blume, dort eine rote und noch ’ne dritte Blume. Wieder fehlerfrei und wieder – ungenügend! Jetzt: zu wenig Wiese. Ein dritter Versuch brächte keine Besserung mehr. Ein hoffnungsloser Fall. Ein frustrierter Lehrer? Gewiß eine verzweifelte Mutter; sie fragte mich um Rat. Was hätte ihre Tochter falsch gemacht? – Welche Wiesen kannte das in der Großstadt aufgewachsene Mädchen? – Oh ja, das Schwimmbad, auch den Grüneburgpark und hier und da ein Gartenstück. – Im Frühling? Mit Krokus, Narzissus und Tulipan? – Der schulisch vorausgesetzten Differenz von »Wiese« und »Rasen« entsprach keine Lebenserfahrung. Der Lehrer hatte offenbar nicht bemerkt, daß das Kind noch nie eine Frühlingswiese erlebt, sie sinnlich erfahren hatte, und es versäumt, ihm eine Anschauung von einer solchen zu vermitteln, wie sie ihm vorschwebte. Kein Wink, wo es eine derartige Wiese zu entdecken gäbe. Nicht einmal Dürers »Großes Rasenstück« wurde dem Mädchen vor Augen geführt. Nichts. Wie konnte da Sprache gedeihen?
Anschauung, Erfahrung, Beschreibung und Aussage korrespondieren miteinander. Die Grenzen des Sagbaren liegen an den Grenzen des Erfahrenen. Gefordert ist ein Wahrnehmen und ein Umsetzen erfahrener oder imaginierter Wirklichkeit in Sprache – und zwar durch beide Seiten, den »Lehrer« wie den »Schüler«. In der Wissenschaft nimmt es sich nicht anders aus. Manches sehen wir nicht, weil uns Worte und Begriffe fehlen; manches vermögen wir nicht auszusagen, weil uns die Anschauung fehlt. Doch nur, was ausgesagt ist, kann erforscht werden. Ich will hier nicht dem »Linguistic turn« das Wort reden, sofern dieser alles zu Texten und die Wirklichkeit für verlustig erklärt; wohl aber, daß wir uns dieser Wirklichkeit erkennend nur über ihre symbolische Repräsentation nähern können, zumal über die Sprache, die wir von Kindesbeinen an zu diesem Zweck internalisieren und neuronal kodieren. Zwar können wir »sprachlos vor Schreck« sein – aber doch nur für kurze Zeit, sonst drohen traumatische Verwerfungen. Auch der Schrecken muß sprachlich oder sonst in irgendeiner Weise symbolisch verarbeitet werden, um als Wissen zur Verfügung zu stehen.
Wie aber kann Erfahrung gewonnen werden und in Sprache gerinnen? Gewiß, eigene Erfahrung kann durch Worte und Zeichen Fremden vermittelt werden; aber es setzt in diesen wiederum Erfahrungen voraus, an die angeknüpft werden kann. Altersgrenzen erschweren offenbar den Transfer von Lehrer zu Schüler, von Mensch zu Mensch; doch dürfte es dabei nicht grundsätzlich anders zugehen als bei jedem Wissenstransfer über kulturelle, epochale oder zeitliche Distanzen hinweg – ein dem Historiker vertrautes Problem. Dies letzte aber, die Überwindung der Distanz durch die Sprache, ist entscheidend für jede Zivilisation und Kultur, die sich kommunikativ organisiert. Denn ihr Wissen und ihre Zielsetzungen fließen aus ferner oder naher Vergangenheit, stets aus diachroner Kommunikation und nur aus ihr. Künftiges Wissen ist Wissen aus künftiger Vergangenheit. Die Verfügbarkeit des Wissens verlangt demnach die Aktivierung des kulturellen Gedächtnisses. Gesellschaft und Sprache müssen dafür gerüstet sein.
Auch die Wissenschaften sehen sich auf Sprachen verwiesen. Alles, was sie zu ihrem Gegenstand erklären, muß in eine Sprache gebannt sein, um etwas zu sein. Hier zumal gilt, was der Dichter sagt: daß »kein Ding sei, wo das Wort gebricht«. Sprachlos wissen wir nicht, was wir tun. Jede Beobachtung, jedes Experiment, jede menschliche Begebenheit, kurzum jede Erfahrung, jedes Geschehen bedarf der sprachlichen Einkleidung, um erforschbar zu werden. Sonst bliebe alles unbestimmt und vage, bliebe dumpfes Gefühl oder diffuse Ahnung, namenlos, gestaltlos, nichts. Nur was ausgesagt ist, kann erforscht werden. Von der sprachlichen Formgebung hängt somit alles weitere ab: die Problemstellungen und das Fragen, das Forschen, die Antworten, der Sinn des Ganzen, die wissenschaftliche Kreativität, der Fortschritt im Erkennen. Wissenschaft beginnt mit der Sprache und bedarf der Kommunikation, beginnt mit der Fähigkeit, dem anderen das Eigene so mitzuteilen, daß er es so, wie es ihm mitgeteilt werden sollte, begreift und seinerseits als Eigenes zu handhaben vermag.
Aber alles Menschliche kann so oder so gesagt werden. Es bleibt wahr, sofern es Wirklichkeit repräsentiert. Doch ist deshalb keineswegs gleichgültig, wie etwas gesagt wird. Die Sprache kann sich mit sich selbst vernetzen und verfügt über eine erkenntnisstiftende und erkenntnisleitende Eigenmacht. Ein Wort gibt das andere. Sie verweisen unbemerkt von ihrem Sprecher auf ungeahnte Realitäten. Die Sprache sucht sich ihre Wahrheit und gebärdet sich mitunter geradezu als Schöpfer. Jeder gebraucht sie ein wenig anders. Mißverständnisse und Fehler resultieren daraus, aber auch ungewohnte Assoziationen, neue Fragen und Erkenntnisse. Selbst Fiktionen leben aus dem Wahrheitsgehalt der Sprache. Isaac Newton, dieses Genie, führte die Fachwelt an der Nase herum, als er, den intellektuellen Attitüden seiner Zeit gemäß, behauptete, die nach ihm benannten Gesetze auf induktivem Weg gefunden zu haben; tatsächlich hatte er sie, wie seine nachgelassenen Schriften verraten, durch eine Kette von Deduktionen gewonnen. Er stärkte mit dieser Fiktion eine Beweiskultur, die kaum mehr auf Einfälle und Assoziationen achtete, vielmehr die Kreativität dem Künstler zuwies und den Gelehrten zum kunstlosen Induktionisten machte.
Um von anderen abzusehen und mich auf mein eigenes Fach, die Geschichtswissenschaft, zu besinnen, so praktizieren nicht eben wenige Spezialisten eine sprachliche Differenzierung von Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung. Forschung freilich leidet unter sprachlicher Tristesse, die tatsächlich Sprachlosigkeit bedeutet, eigentümliche Erkenntnisgrenzen setzt und ihrer öffentlichen Wahrnehmbarkeit im Wege steht. Sollte die Forschung Abschied von der Sprache nehmen? Nicht nur die Geschichtsschreibung, auch die Spezial- und Detailstudien lesen sich freilich und lassen sich leichter verstehen, wenn sie sich glänzend formuliert sehen; ja, sie dringen am Leitfaden der Sprache zu weiteren Erkenntnissen vor. Forschung verlangt vielfältigste Sprache, eine Sprache, die sich aller erreichbaren Aussagemuster bedient und alle Register zu ziehen versteht, sofern sie der Erkenntnis und deren Vermittlung dienen. Nicht einmal mathematische Formeln erklären ihre Bedeutung aus sich selbst.
Verstehen ist wie Lesekompetenz an Sprachkompetenz gebunden. Das ist ein altes Wissen, das heute unterzugehen droht. Als Bonifatius, der heilige Mann, die Eltern des jungen Gregor von Utrecht besuchte, präsentierten dieselben ihm stolz ihren Sohn, der gerade von der Schule kam. Er mußte dem Gast sogleich etwas vorlesen. Das Latein floß dem Knaben fehlerfrei von den Lippen. Indes, hatte er verstanden, was er eben gelesen? »Sag es mit deinen eigenen Worten, in der Sprache deiner Eltern«. Die Forderung schärfte beides: das Verstehen der fremden Sprache und das Eindringen in die Muttersprache, erweiterte Sprach- und Lesekompetenz. So begann die westlich-europäische Kultur, die sich heute in Globalisierung sonnt.
Nunmehr drohen Verluste. Einst gefüllte verbale Schatzkammern sehen sich zunehmend entleert, Erfahrungshorizonte schrumpfen, Anschauungen fehlen. Aus leidvoller Erfahrung warne ich vor der Sprachfigur der Ironie. Wer sie gebraucht, redet sich bei Publikum und Rezensenten um Kopf und Kragen. Selbst die Metapher hat es schwer, sich zu behaupten. Die Verluste schleichen sich sachte herbei. Unlängst berichtete eine frühere wissenschaftliche Mitarbeiterin unseres Seminars, mittlerweile erfolgreiche Lehrerin an einem Frankfurter Gymnasium, Schüler ihrer Mittelstufenklasse hätten das deutsche Wort »Roß« nicht mehr verstanden. Wer vermöchte heute noch Walther von der Vogelweides »herzeliebes frouwelîn« zum Leben zu erwecken? Wer das dräuende Unheil ahnen, das sich schon in der Anrede »schönes Fräulein« ankündigte, mit der ein gewisser Heinrich einer Schönen »Arm und Geleit« antrug? Heute, da alles zur »Frau« verkümmerte. Mit Erschrecken entnahm ich einer Zeitungsnotiz, daß ein Großteil der Hauptschüler wegen ungenügenden Wissens keinen Ausbildungsplatz erhalte, auch daß die von Kindern heiß geliebte Pop-Musik mit ihrem Slang auf Dauer ihren Wortschatz reduziere und Computersucht zu Realitätsverlust führe. Das unverstandene »Roß« verwandelt sich dann – wie geschehen – im Diktat zu einem sinnlosen »Boß«. Da wir weder Pop noch Computer verhindern wollen, muß ein Gegengift entwickelt werden. Doch welches Labor sucht danach? Es hätte die gesamte Kultur und die ihr immanente, historisch konditionierte Dynamik, ihre Lebensformen und Erfahrungshorizonte, deren geistige Verarbeitung, ihre Wahrnehmungstechniken und Denkstile, Kunst und Literatur und aller sprachlichen Niederschlag im Zusammenhang zu erforschen, um zeitgemäßes, wandlungsoffenes, doch verfallsresistentes Wissen und darauf gründende Werte zu schaffen.
»Wir brauchen Zukunft, nicht Vergangenheit«, wurde uns freilich bedeutet, als es galt, private Drittmittel für die historische Forschung einzuwerben. Welch eigentümliche Haltung. Als ob nicht alles Wissen, alle Hintergrundsinformationen, alle Handlungsparameter, alles zielgerichtete Tun sich wie die Sprache der Vergangenheit verdanken, als ob nicht jede Vertiefung von Wissen zunächst und vor allem verlangt, sich im Vorhandenen, dem schon Erworbenen, genauer umzusehen, weil dies der Boden ist, auf dem wir stehen und von dem aus wir zu neuen Ufern aufbrechen müssen; weil wir die Sprache der Zukunft nicht kennen. Alle Planung entspringt der Auswertung des aus naher und ferner Vergangenheit zugeflossenen Wissens. Um Erfolgschancen abzuwägen, bedarf es der Erkundung dieser Vorgeschichte des Wissens, einer entsprechend orientierten Forschung und deren Rezeption. Sie beschränken sich keineswegs auf politische Ereignis-, auf Ideen oder Sozialgeschichte, so wichtig dieselben auch sein mögen. Sie vereinen die Geschichte des täglichen Lebens, der Psyche und des Wissens, der Lebensformen mit allem anderen, liefern umfassende Kulturanalysen, ermöglichen Wirkungskontrollen, bieten und kritisieren die handlungsleitenden Maßstäbe zur Folgeabschätzung sowohl bewußter Entscheidungen als auch unbeabsichtigter Konstellationen, erfassen das Geschehene. Der Blick zurück entwirft, prüft und lehrt Methoden zur Beurteilung gesellschaftlicher Sachverhalte und komplexer Wirkungsgefüge, sowohl der kurzfristigen Planvorgaben als auch der langfristigen kulturellen Dynamik, öffnet mithin Ausblicke auf das Kommende; er lehrt sehen und analysieren. Möglich wird es durch die Transferleistungen der Sprache. Sie vermitteln Anschauung und Erfahrung, lassen frühere und fremde Welten, frühere und fremde Gefühle und Kognition, früheres und fremdes Wissen und Weltergreifen, kurzum: die Fülle menschlicher Erfahrungen aufscheinen und nutzbar machen, ohne die alles Reden, Planen und Handeln hohl und leer wäre. Solche Transferleistungen lassen dann auch den Frühling mit Flora und Fauna auf der Wiese und in der Seele, lassen ihn emotional und als Fest in Lehrern und Schülern sprachlich Gestalt gewinnen, auch in den Wissenschaften und nicht zuletzt als Dank für den verliehenen Preis, der mich – Sie, meine Damen und Herren, werden es längst bemerkt haben – sprachlos vor Freude machte.