Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The Sigmund Freud Prize is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Iris Därmann

Cultural Scientist
Born 17/3/1963

Ihr theoretischer Anspruch geht stets mit einer Klarheit des Ausdrucks und einer Differenziertheit des Arguments einher, die Iris Därmanns Bücher zu einem so anschaulichen wie lehrreichen Beispiel aufgeklärter Wissenschaftsprosa machen.

Jury members
Ernst Osterkamp, Ursula Bredel, Michael Hagner, Monika Rinck, Lukas Bärfuss, Elisabeth Edl, Maja Haderlap, Ilma Rakusa, Marisa Siguan und Stefan Weidner

Die Auszeichnung mit dem Sigmund-Freud-Preis durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist eine große Ehre. Ich danke ihrem Präsidenten, Ernst Osterkamp, und den Mitgliedern der Jury sehr herzlich für diese Würdigung, die ich als Ermutigung empfinde, mit meiner Arbeit weiterzumachen. Mein inniger Dank gilt Heike Behrend für ihre freundschaftliche Laudatio. Meine herzlichsten Glückwünsche gehen an Emine Sevgi Özdamar zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises und an Niklas Maak zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises.

Lassen Sie mich heute Abend auf die politische und die zeithistorische Bedeutung der Psychoanalyse und damit zugleich auf ein künftiges Forschungsvorhaben über Geschwisterlichkeit zu sprechen kommen.

In den Studien über Hysterie bemerkte Sigmund Freud 1895 in einer bekannten Passage: „[E]s berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren.“(GW I, S. 227) Spätestens im Jahr 1899 hatte Freud mit seinem Epochenwerk Die Traumdeutung eine neue Wissenschaftssprache von geradezu literarischer Qualität geschaffen, eine „Poetik des Wissens“ (Rancière 1994) in deutscher Sprache. Sehr rasch erhielt die Psychoanalyse auch internationale Bedeutung, insbesondere in den USA und in Großbritannien. Mit der Verfolgung jüdischer Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker durch das NS-Regime wurde sie zu einer diasporischen Wissenschaft. Nach dem sogenannten „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich am 12. März 1938 gelang es Freud in letzter Minute, mit seiner Familie aus Wien über Paris nach London zu fliehen. An seiner Seite seine Tochter, die Kinderanalytikerin Anna Freud. Freud selbst war 1909 mit der Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben erste Schritte in Richtung Kinderanalyse gegangen. Zweifellos ist die Psychoanalyse, nicht nur wegen der Entdeckung der „infantilen Sexualität“ (GW IV), eine Wissenschaft der Kindheit: Jede Analyse führt auf kurz oder lang, stammelnd und widerstrebend, zurück auf diese konfliktbeladene Zeit im Dispositiv der ödipalen Familie, mitunter sogar bis zum deutungsresistenten „Nabel des Traums“ (GW II/III, S. 350). Im Londoner Exil war Anna Freuds Arbeit zunehmend von den Kriegsereignissen und der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden bestimmt. Spricht man von Zeitgeschichte, so ist von Kindern als Subjekten dieser Geschichte eigentlich nie die Rede. Das änderte sich nicht zuletzt mit der Kinderanalyse Anna Freuds. Dank der Förderung des Foster Parents’ Plan for War Children, Inc., New York konnte sie 1941 drei Kriegskinderheime für 120 Kinder einrichten. Damit setzte sie, gemeinsam mit ihrer Freundin Dorothy Burlingham, ihre bereits in der Wiener „Jackson-Kinderkrippe“ praktizierte Sozial- und Forschungsarbeit in großem Umfang auch in London fort. In Wien hatte sie ein „Bobachtungskarten-System“ entwickelt, auf das sie in den War Nurseries zurückgreifen konnte. Die teilnehmende „Beobachtungsarbeit selbst folgte keinem vorgefaßten Plan. Nach dem Vorbild der analytischen Einstellung während der Behandlungsstunde wurde die Aufmerksamkeit freischwebend gehalten, offen für die Richtungen“ (Sch IV, S. 1144), in die sich die Situation jeweils entwickelte. Ihre analytisch ausgebildeten Mitarbeiterinnen erstellten für jedes einzelne Kind Diagramme in Bezug auf Ernährung, Schlaf, Körperwachstum, Reinlichkeitserziehung, Sprach- und Spielentwicklung. Die Kriegsereignisse – „zwischen September 1942 und dem Tag des Sieges gab es 593 Luftangriffe“ (Sch III, S. 874), die die Kinder und Betreuerinnen in die Schutzkeller zwangen –, bedeuteten für die Kriegskinder, einschneidende Erfahrungen von Verlust, Tod und Trauer. Damit rückten für Anna Freud, wie nie zuvor, Fragen der „Objektbindung“ in den Vordergrund. Sie machte die Kinder jedoch nicht nur zu Objekten der Beobachtung, sondern ließ sie in ihren Schriften und Monatsberichten im Modus einer Oral History immer wieder selbst zu Wort kommen: Als der dreijährige Dan nach einer Entwarnung wissen wollte, „Wo ist der Alarm hingegangen?“ und „wer das Geräusch denn ‚machte‘“, erwiderte die siebenjährige „Olga im Spaß: ‚Weißt Du nicht, daß es der alte Hitler macht, der wütend ist und brüllt, weil wir so viele Flieger haben?‘ Dan nahm die Antwort ernst und meinte. ‚Er hat eine furchtbar laute Stimme, er muß arg, arg, wütend sein.‘“ (Sch III, S. 755 f.) Mit der von ihr entwickelten teilnehmenden Beobachtungs- und Aufzeichnungspraxis erschloss Anna Freud eine akute Zeitgeschichte from the children’s point of view. Das zeigte sich wohl nirgendwo deutlicher als in ihrer Arbeit mit sechs überlebenden jüdischen Kindern aus dem Ghetto Theresienstadt, Leah, Miriam, Ruth, John, Peter und Paul. Die Massentötung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen war der Kernbestand des deutschen Verbrechens gegen die Menschheit.
„Etwa ein Viertel aller ermordeten Juden Europas waren Kinder. [...]. Von fast einer Million jüdischer Kinder im Alter bis zu 14 Jahren gab es am Kriegsende noch etwa 5.000“. (Kenkmann/Kohlhaas 2010, S. 139)

Wenige Monate nach der Befreiung Deutschlands und Europas vom NS-Regime durch die alliierten Truppen fanden 732 überlebende jüdische Kinder in Großbritannien Zuflucht. Das Empfangslager in der Nähe des Lake Windermere wurde von dem Psychoanalytiker Dr. Oscar Friedman geleitet, unter der Mitarbeit von Anna Freuds Weggefährtinnen aus den War Nurseries und der Kunsttherapeutin und Malerin Marie Paneth. In ihrem kaum bekannten Bericht Rock the Cradle schildert Marie Paneth, wie die traumatisierten Kinder am Rande der Freiheit umherirrten und ihre Verfolgungsgeschichte zum ersten Mal überhaupt in selbstgemalten Bildern von „bedrückender Sachlichkeit“ und „schmerzvoller Strenge“ (Paneth 1946, S. 179; 2020, S. 27 f.) zum Ausdruck brachten. Daraus entstand eine Bildgeschichte der Shoah, deren eigene Zeitlichkeit die des Leidens der Kinder war. Die sechs jüngsten Waisen, die das Ghetto Theresienstadt als unzertrennliche Kindergemeinschaft überlebt hatten, wurden nach der Auflösung des Empfangslagers Windermere im Oktober 1945 zusammengelassen und auf Initiative von Anna Freud für ein Jahr in Bulldogs Bank, einem abgeschiedenen Landhaus in Sussex, von ihren Mitarbeiterinnen Sophie und Gertrud Dann in ein Leben ohne Ghettomauern begleitet (Sch IV, S. 1162 f.). Gemeinsam mit Sophie Dann hat Anna Freud ihnen 1951 den Artikel Gemeinschaftsleben im frühen Kindesalter gewidmet. Im Zentrum steht eine radikale Form sozialer Geschwisterlichkeit, die psychoanalytische Annahmen zur ödipalen Geschwisterbeziehung mitsamt ihren agonalen Affekten durchkreuzt. Diese egalitäre Geschwisterlichkeit, in der kein Kind die Führung beanspruchte, wie Anna Freud betonte, war unter den extremen Bedingungen von Theresienstadt zwischen den sechs Kleinkindern entstanden und auch in Bulldogs Bank in hohem Maße lebendig. Zu Anna Freuds Erstaunen war die „Gefühlsgemeinschaft“ der Kinder durch das „fast vollständige Fehlen von Neid, Eifersucht, Rivalität und Wettstreit“ bestimmt. Bei allen Gelegenheiten des Zusammenlebens standen die Kinder vielmehr
„füreinander ein [...] Sie beobachteten die Gefühle der anderen genau. Sie neideten einander ihre Besitztümer nicht [...], verliehen sie im Gegenteil aneinander. [...] Bei Spaziergängen achteten sie sehr auf die Sicherheit jedes Kindes im Verkehr [...], räumten für die anderen den Weg versperrende Zweige fort und trugen den Mantel für jedes andere Kind. [...] Bei den Mahlzeiten war es von größerer Bedeutung, dem Nachbarn abzugeben als selbst zu essen. Das Verhalten dieser Art war keine Ausnahme, sondern die Regel“ (Sch IV, S. 1171),
wie sie mit zahlreichen dialogischen Episoden und kleinen Verhaltensmomenten vor Augen führte. Das ist die Ethik der Gabe, die vor dem Hintergrund des antisemitischen Sadismus erwachsener deutscher Täter umso heller leuchtet. Man könnte mit der französischen Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle von einer „uneinnehmbaren Sanftheit“ und einer „Menschheit der Sensibilität“ (Dufourmantelle 2020, S. 31) sprechen, die die sechs Kinder in der Atmosphäre beständiger Todesangst und des Hungers in Theresienstadt erfunden und praktiziert haben.

Zeitgeschichte, die geschieht, wird von Erwachsenen erlitten und gemacht, wird von Erwachsenen bezeugt und erforscht. Die novellenförmigen Fallgeschichten Sigmund Freuds erschließen um 1900 deren „psychische Realität“ erstmals mit den Stimmerhebungen und Wortergreifungen junger Frauen, die inmitten der Institution der bürgerlichen Familie traumatischer sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Die psychoanalytische talking cure (GW VIII, S. 7) ist eine Praxis des „Wahrsprechens“ (Foucault 2009, S. 436). Anna Freud richtet 1945 den Blick auf eine bis heute kaum beachtete Dimension der Shoah, auf die Verfolgungs-, Erfahrungs- und Gefühlsgeschichte jüdischer Kinder als Opfer und als Subjekte mit ihren je eigenen Praktiken des gemeinsamen Überlebens – und einer egalitären Geschwisterlichkeit. Sie verlangt von der Psychoanalyse und von uns, ihr einen bedeutenden politischen Platz zwischen gewaltfrei organisierten Familienkonstellationen und einer „kommenden Demokratie“ (Derrida 2003, S. 60) im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit einzuräumen.