Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Gerhard Ebeling

Theologian
Born 6/7/1912
Deceased 30/9/2001

Sigmund-Freud-Preis 1987
Laudatory Address by Werner Weber
Acceptance Speech by Gerhard Ebeling
Diploma

Gerhard Ebeling, der in methodisch strenger und von Jargon freier Redeweise zeigt, wie man einer schwierigen Sache in Lauterkeit gerecht wird.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Herbert Heckmann
Vizepräsidenten Hans-Martin Gauger, Ludwig Harig, Helmut Heißenbüttel, Beisitzer Beda Allemann, Günter Busch, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsident Dolf Sternberger

Lautere Sprache – nährendes Wort

Wird theologische Arbeit öffentlich gewürdigt unter dem nichttheologischen Gesichtspunkt wissenschaftlicher Prosa, noch dazu im Zeichen eines Namens, mit dem sich die Einschätzung von Theologie als etwas Unwissenschaftlichem und die Haltung dezidierten Unglaubens verbindet, dann ist von dem so Geehrten zu erwarten, daß er in seinem Dankeswort klarstellt, wie er über das denkt, was ihn – und nicht nur ihn – verwundern muß.
Der Begriff »wissenschaftliche Prosa« weist auf die Berührung von Wissenschaft und Kunst. Einst nannte man die Elementarwissenschaften, die Lehre vom Umgang mit der Sprache und mit der Zahl, artes liberales, die »freien Künste«. Diese Weite des Wortes Kunst im Sinne eines Könnens, das aller Wissenschaft zugrundeliegt, ist uns fremd geworden. Indes macht jeder, der wissenschaftlich arbeitet, Erfahrungen, die an künstlerisches Schaffen grenzen: das Angewiesensein auf Intuition und Inspiration, die durch Methoden nicht ersetzbar sind; das Ringen um eine angemessene Sprachgestalt; die Bemühung um die rechte Komposition der Darstellung. Art und Ausmaß solcher Erfahrungen wandeln sich erheblich je nach der Sache, der wir uns dabei zuwenden. Die umgreifende Bezeichnung »Wissenschaft« zerreißt ja heute schier unter der Spannung sehr verschiedener Interessen und Lebensbezüge, die den jeweiligen Gegenstand bestimmen und zur Erscheinung bringen. Begegnet er als ein bloßes Objekt des Feststellens und Erklärens, Analysierens und Reproduzierens? Oder kommt in ihm selbst eine menschliche Lebensäußerung auf uns zu, etwas bereits Sprachliches, das uns anspricht?
Hier ist nicht der Ort für wissenschaftstheoretische Darlegungen. Ich deute nur an: Auf andere Weise als die sogenannten exakten Wissenschaften, dennoch ihnen vergleichbar, sind diejenigen Disziplinen, die es mit sprachlich Vorgegebenem zu tun haben, ebenfalls einer spezifischen methodischen Strenge verpflichtet. Zu ihnen gehören nicht nur die Literaturwissenschaften, vielmehr die Geschichtswissenschaften insgesamt sowie, mit unterschiedlicher Fragwürdigkeit ihres Wissenschaftscharakters, Philosophie und Theologie. Ihnen allen gemeinsam ist die Orientierung an je verschiedenem Überlieferungsgeschehen, für das sie – interpretierend und kritisch, aber auch schöpferisch weiterdenkend – Mitverantwortung tragen. Sie alle sind mit dem umfassenden Lebensvorgang beschäftigt, in dem gegenwärtiges Leben sich von der Präsenz vergangenen Lebens nährt, bei ständigem Austausch zwischen der Lebensgeschichte des Einzelnen und der Geschichte der Menschheitskulturen. Dieser Vorgang vollzieht sich in erster Linie zwar ohne die Wissenschaft, bedarf jedoch deren Dienstes angesichts der ihm innewohnenden Gefahren der Erstarrung oder Verfälschung. Denn was wären wir, was wäre die Menschheit ohne das Spracherbe und ohne Herausforderung und Mut zu eigener Sprachverantwortung?
Ein Beispiel aus der Theologie mag veranschaulichen, wie sich im Blick auf Spracherbe und Sprachverantwortung Dichtung und Wissenschaft zueinander verhalten. In einer kurzen Äußerung über »Erfahrungen mit Liedern von Paul Gerhardt« hatte ich vor gut zehn Jahren folgendes bemerkt, den heutigen Anlaß daraus zu zitieren nicht ahnend: »Gelebter Glaube wird in der Sprache dieses Dichters zu einer unerschöpflichen Quelle von Glaubensleben. Was bei uns so oft in Gegensätze auseinanderbricht, ist hier vereint: die schlichte, jedem verständliche Sprache und der tiefe, nicht auslotbare Gedanke; das Anschauen der Natur, das gerade beim Kleinen liebevoll verweilt, und die Sehnsucht nach der alles überbietenden ewigen Heimat; das leid- und angstgeplagte Dasein – und dennoch alles voll Trost und Freude. Das ist gedichtete Theologie. Mit ihr kann sich die Prosa wissenschaftlicher Theologie nicht messen, sollte sich jedoch mit ihr im Einklang befinden.«
An Texte wie die Lieder Paul Gerhardts dachte ich auch jetzt, als sich mir die Wendung formte: »Lautere Sprache – nährendes Wort«. Nicht um andere Stimmen auszuschließen, sondern um aufzuschließen, was in dem zu lebenden Leben menschliche Rede zuhöchst ist und vermag. Lauter ist die Sprache, wenn das Notwendige so schlicht wie möglich gesagt wird, mit der Verläßlichkeit gewißmachender Klarheit und ohne störende Nebentöne der Arroganz. Nährend ist das Wort, welches Leben erweckt und aufbaut und von dem man zehren kann in dürftiger Zeit, in Situationen innerer Leere, in Augenblicken des Überfallenwerdens von dem, was sprachlos macht. Damit sind dem Wahrnehmen von Sprachverantwortung Aufgaben gestellt, die trotz aller Mühe, die wir daran wenden, sofern überhaupt, nur als unverfügbare Gabe sich erfüllen; und dies in weitestem
Spektrum, frei von einengenden Vorbildern und Vorschriften. Lauterkeit der Sprache kann ein Liebeslied auszeichnen, ein geistliches Lied jedoch kann sie vermissen lassen – und umgekehrt. Zu nährendem Wort werden je nachdem auch Ironie und Witz, die den falschen Ernst entlarven, der nicht minder als das leichtfertige Gerede das wahrhaft Lebensnotwendige ungenießbar macht.
Der unmittelbar in das Leben eingebundene Umgang mit der Sprache – in der Spannweite vom Alltäglichen zum Außergewöhnlichen – hat den Primat vor der Wissenschaft und ihrer betonten Distanz zum Leben. Ihre Würde besteht eben darin, dem Leben zu dienen. Dem entspricht auch ihr Anteil an der allgemein gebotenen Sprachsorgfalt. Sie steigert sich hier sogar in bestimmter Hinsicht aufs äußerste: als Präzision und Sparsamkeit des Ausdrucks, als nüchterne Verhaltenheit, wenn auch nicht einfach affektlos, so doch mit gezügelter Leidenschaft. Lauterkeit der Sprache gehört zum Wesen der Wissenschaft. Jedoch sogar in den Grenzen der Fachsprache versteht sich dies nicht von selbst, wie ein bequemes oder gespreiztes Verharren im Fachjargon zeigt oder die Unlauterkeit polemischen Spöttelns an Stelle sachlichen Argumentierens. Das Ethos wissenschaftlicher Prosa bindet diese in ein ganzheitliches Verständnis von Lauterkeit ein, wie es das Leben selbst erfordert.
Deshalb bleibt auch der scheinbar fernliegende Gesichtspunkt nährenden Wortes der Wissenschaft nicht fremd. Soll sie dem Leben dienen, so muß sie auf der Hut sein, Leben nicht zu zerstören. Nicht nur in dem Sinne, wie diese Gefahr heute evidentermaßen droht. Vielmehr auch in der weithin verborgenen Dimension einer Mitverantwortung dafür, wie dem Rechnung zu tragen ist, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern...?
Nun, um die Fortsetzung dieser adversativen Aussage geht der Streit. Von ihm bleibt auch die Wissenschaft nicht verschont. Nicht nur im Falle beklagenswerter Unsachlichkeit. Geht es vielmehr mit rechten Dingen zu, könnte die Strittigkeit auch der unvermeidliche Preis einer Sachlichkeit sein, die den Problemen des Menschseins nicht ausweicht. Der Dialog darf deshalb als eine Grundform wissenschaftlicher Prosa gelten. Sigmund Freud hat den Theologen zum Dialog herausgefordert, darauf aber noch nicht hinreichend Echo erhalten – ich meine nicht einen wiederholenden Nachklang, sondern eine weiterführende Antwort.
In zweierlei Hinsicht wird die Schärfe des Gegensatzes durch auffallende Gemeinsamkeiten relativiert. Zum einen verdient die Sprache Freuds Bewunderung. Sie läßt erkennen, was ein Theologe sich selbst gar nicht genug wünschen kann: ein intensives Berührt- und Bewegtsein von Erfahrung. Bei Freud hat dies zur Folge – mit einer Formulierung Luthers –, daß »seine Wort nicht gemacht, sondern gewachsen« sind. Trotz kühler Distanz, sind sie alles andere als kalt.
Zum andern: Die Unterrichtung über Psychoanalyse weist von sich fort auf das Gespräch zwischen dem Analysierten und dem Arzt, das keine Zuhörer verträgt. Mit einer reformatorischen Formel gesagt, geschieht hier alles solo verbo. Die Theologie als Wissenschaft wiederum bezieht sich auf das, was zwischen Gott und Mensch in Wort und Antwort geschieht. Wir könnten auch sagen: auf das Sein vor Gott, die Situation des Gebets. Eine merkwürdige Entsprechung, die zwar die Differenz keineswegs verschwinden läßt, jedoch zum Nachdenken über sie zwingt. Denn in beiden Fällen ist das Grunddatum: lautere Sprache und nährendes oder sagen wir nun: heilendes Wort.