Sigmund-Freud-Preis

The »Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa« (Prize for Academic Prose) was first awarded by the German Academy for Language and Literature in 1964.
It is granted to scholars who publish in German and contribute decisively to the development of language usage in their fields of study through excellent linguistic style.
The »Freud-Preis« is sponsored by the HSE Foundation and is awarded annually at the autumn conference of the German Academy in Darmstadt.
The prize has been endowed with €20,000 since 2013.

Awardees

Arno Borst

Arno Borst

Historian
Born 8/5/1925
Deceased 24/4/2007

Sigmund-Freud-Preis 1982
Laudatory Address by Harald Weinrich
Acceptance Speech by Arno Borst
Diploma

... mit wissenschaftlicher Strenge und erzählerischer Kraft die Lebensformen der Vergangenheit in den Ausdrucksformen der Gegenwart zur Sprache gebracht hat.

Jury members
Juryvorsitz: Präsident Peter de Mendelssohn
Vizepräsidenten Ludwig Harig, Herbert Heckmann, Eva Zeller, Beisitzer Beda Allemann, Geno Hartlaub, Hans Paeschke, Lea Ritter-Santini, Bernhard Zeller, Ernst Zinn, Ehrenpräsidenten Dolf Sternberger, Bruno Snell, Gerhard Storz

Ein Totengespräch

Angenommen, es wäre eine Woche später, bei mir in Konstanz. An der Haustür würde geklingelt und in den Flur ein Rollstuhl geschoben. Darin säße ein etwa vierzigjähriger Mann mit schwarzer Kutte, durch eine spastische Lähmung gekrümmt. Mühsam begänne er zu sprechen, ungefähr so:
Er sei der Kollege von nebenan, dessen Schriften ich gerade untersuchte, Hermann der Lahme, Mönch der Abtei Reichenau, gestorben 1054. Er komme wegen meiner Dankrede in Darmstadt. Sie rühme meine Zeitgenossen, die preisverleihende Akademie, den lobredenden Freund, die Lehrer und Leser, übergehe aber meine Helfer aus dem Mittelalter. Wahrscheinlich teilte ich die Meinung eines modernen Zunftgenossen, historische Untersuchungen sollten die unsichtbare Fesselung der Lebenden an die Toten lösen oder wenigstens lockern. Wenn die Freiheit der Lebenden in den Monolog ausweiche, müßten die Behinderten, nämlich die Toten, den Dialog von sich aus anknüpfen. Außerdem ärgere ihn der antike Brauch der Dichter, Totengespräche ins Jenseits zu verlegen. Ob ich bereit sei, ihm etwas von meiner Lebenszeit zu opfern und den Rollstuhl ins Arbeitszimmer zu fahren? –
Er danke mir und entschuldige sich, daß er den Besuch nicht angekündigt habe. Aber wir Heutigen lüden uns in sein Mittelalter auch ungefragt ein. Nach kurzer Besichtigung fällten wir das Urteil, und daß die Damaligen nichts erwiderten, verstünden wir als Eingeständnis ihrer Schuld. Wenn er in unsere postmoderne Epoche einbreche, wisse er, daß er ungelegen komme. Er wolle nichts bestreiten, seine Leidenschaft sei das Fragen. Ob er mich ausfragen dürfe, auf den Kopf zu? –
Alsdann zur Lebenszeit. Wie alt ich sei? – Er gratuliere, ihm seien sechzehn Jahre weniger geschenkt worden. – Dafür, daß der jetzige Durchschnitt um weitere vierzehn Jahre höher liege, dankten wir wohl jeden Morgen unserem Schöpfer. – So, so, wir hätten es dem Fortschritt der Heilkunst zu verdanken. Ob einer meiner Verwandten früh gestorben sei?
– Ein Bruder mit zweiundzwanzig gefallen, er kondoliere. Derlei hätten schon seine Zeitgenossen dem Fortschritt der Kriegskunst verdankt. Wie lang der letzte Krieg zurückliege? – Diesen Fortschritt bewundere er aufrichtig; er habe Frieden in Deutschland als unerhörte Wohltat begrüßt.
Nun zum Wirkungsraum. Wo ich zur Welt gekommen sei? – Mit seinem oberschwäbischen Heimatdorf Altshausen vergleichbar? – Weshalb ich von Kleinstadt spräche, verlaufe großstädtisches Leben anders? – Hunderttausende in einer Gemeinde, das denke er sich berauschend. – Die Kehrseite erschrecke auch ihn. Kleine Siedlungen böten vermutlich mehr Platz für anhängliche Nachbarn. – Wieso nicht? – Mein früher Ortswechsel erkläre wenig. Auch er habe lediglich die ersten sieben Jahre in Altshausen verbracht, die übrigen vierunddreißig auf der Insel Reichenau. Ob ich noch öfter umgezogen sei? – Ja dann! Könne man bei derartiger Unrast irgendwo bleibende Erinnerungen mitnehmen und hinterlassen? –
Nichts für ungut, er habe ebenso vom Aufbruch in die Ferne geträumt und wäre gern wie sein Bruder Werner nach Jerusalem gepilgert. – Weil ihn die Füße keinen Schritt weit trügen, habe er die Erde wenigstens am Rechenbrett durchmessen. – Seine Berechnung des Erddurchmessers sei zwar methodisch richtig, aber im Ergebnis falsch gewesen. Er beneide uns um die genauen Messungen und die daraus folgenden schnellen Bewegungen. – Die Reise ins Universum übersteige seine Fassungskraft. Doch eigentlich heiße »Universum« das auf ein Ziel Gerichtete, und wohin unsere Weltraumflüge zielten, errate er nicht. Vielleicht komme er dahinter, wenn er sich nach der Gesellschaft erkundige.
Als Stadtbewohner erfreute ich mich bestimmt des Titels »Bürger«.
– Beleidigend, o weh! Der Ehrenname »Civis« habe einst der Stadt Rom, dem Gemeinwesen schlechthin gehuldigt. – Daß wir dennoch zivilisiert leben möchten, höre sich nach Gaukelei an. Verkomme die Anrede »Bauer« ebenfalls zum Schimpfwort? – »Kultur« bedeute wörtlich Ackerbau, ob wir das noch wüßten? – Unsere Vorliebe fürs Rustikale wirke auf ihn wie Mummenschanz. Sei etwa das Noble gleichzeitig im Schwang? – Trotzdem gelte als Sonderling, wer sich als »Adliger« ausgebe, nicht wahr? – Seltsame Halbheit, wir hätten das Wort »edel« mit abschaffen sollen. – Er verstehe durchaus: Wir benutzten die alten Standesbegriffe zu Wortspielen. –
Keineswegs schwöre er auf Stände als statische Wirklichkeiten. Das Stabilste an mittelalterlichen Gesellschaften sei die ständige Forderung gewesen, jeder Freie solle endlich so sein, wie er heiße: nobel, urban, geistlich. – Ganz recht, dieser Maßstab eigne sich nur für Unabhängige, die Verantwortung annehmen könnten, nicht für Marschälle und Minister.
– Was es da zu lachen gebe? – Höchst angesehen, nanu! Früher habe man Pferdeknechte Marschälle, unfreie Verwalter Minister geheißen und ihre beschränkten Tätigkeiten geringgeschätzt. – Wenn sich moderne Arbeit mehr am Haben als am Sein ausrichte, sei er neugierig auf diese Art von Wirtschaft.
Womit meine Großväter ihr Brot verdient hätten? – Feinbäcker und Schuhmacher, die Spezialisierung der Techniken ängstige ihn. Sie entferne den Arbeitenden von seinem Urbild, dem Schöpfer einer ganzen Welt. Und mein Vater? – Volksschullehrer, das freue ihn. Durch Generalisierung der Kenntnisse nähere sich der Tätige dem Ebenbild Gottes. Wo ich meinen Beruf ausübte? – Eine Universität aus Fächern, merkwürdig. Allgemeinbildung sei doch schwerlich durch Arbeitsteilung zu erreichen? – Für ihn sei »Universitas« ein Personenverband, kein Fächergestell. In welche Fächer meine Kinder gezwängt würden? – Physik und Psychologie, damit verbinde er Mutmaßungen über Unergründliches, und wir? – Die Auffächerung der Berufe führe also zu gezielten Eingriffen in Seele und Natur, zur Umbildung von Mensch und Welt, ja? –
Jetzt erkenne er, worauf wir hinaus wollten, von der Hinnahme des Unvermeidlichen zur Herstellung des Denkbaren. Was habe diese Tätigkeit noch mit »Wirtschaft« zu tun, mit der Bewirtung der unbehausten Kreatur, zu der wir nach wie vor gehörten? – Er spotte nur ein wenig über unsere Scheuklappen und staune viel mehr über unseren Wagemut. Jedoch vermisse er die Sache, auf die sich unsere Arbeit angeblich beziehe. – Der Mensch wäre ihr Ziel nur dann, wenn wir ihn zur Sache verformten. Ob wir das in Kauf nähmen? –
Im kulturellen Bereich gehe es um den Menschen, das wolle er hoffen. Wie ich Historiker geworden sei? – Geschichte als Universitätsfach studiert, ach je. Und was noch ? – Das sei keine Kunst. Deutsch rede man im Land sowieso, Latein verstehe jeder Gebildete auf der Welt. Er denke an Künste wie Musik und Astronomie. – Nein? Er schäme sich danach zu fragen, aber ob ich die Mondepakten für dieses Jahr auswendig wisse?
– Schade. Ob ich von seinem Astrolab wenigstens die Stunde dieses Tages ablesen könne? – Das Ding an meinem Handgelenk zeige doch keine richtige Zeit an! – Gelebte Menschenzeit, Morgen und Abend, Sommer und Herbst, Sterben und Gebären, stehe das auf der Teufelsuhr? – Er beruhige sich ja schon. Anscheinend gehe die Verkümmerung der Sinne mit der Vermehrung des Wissens einher, etwa mit dem Aufschwung des Schriftwesens.
Wie viele Bücher in meinen Regalen stünden? – So viel Pergament hätte sein Kloster nie aufbringen können. Schlachte man dafür noch immer Schafe und Kälber? – Papier, humaner und weit billiger. Woher wir zuverlässige Vorlagen und Abschreiber nähmen? – Hunderte von gleichen Exemplaren, phantastisch! – Mein Achselzucken befremde ihn. Wie lang habe er in St. Gallen gebettelt, daß ihm ein Manuskript ausgeliehen würde, und wie arg sei sein Buch zur Zeitrechnung von faulen Schreibern verstümmelt worden! – Er übertreibe nicht. Ob eine einzige Schrift von ihm unbeschädigt bis zu mir gelangt sei? – Eben. Während wir unbehindert mit Autoren aus aller Welt verkehrten, jammerten wir über die Menge des Gedruckten, warum nur? – Wohl wahr, man könne sich auch dumm lesen. Ein Lesender müsse immer »ingenium exercere«, den Geist üben, das verlange Vielseitigkeit. – Er bastle gern Präzisionsinstrumente und spiele oft Zahlenkampf, eine Art Schach mit viel Kopfrechnen. – Nichts für mich, er merke es schon.
Womit Gebildete heute die Phantasie anregten? – Kommunikation durch Medien, er stolpere über den Zwiespalt der Worte. Eine Mitteilung, Communicatio, wirke als Zeichen der Liebe beflügelnd und einigend, ein Mittel, Medium, zu anderen Zwecken wirke unterdrückend und spaltend. – Ihm schwebe unvermittelte Geselligkeit vor, warum nicht in der Universität? – Diesen Trübsinn der Jüngeren kenne er aus der Klosterschule zur Genüge. Und die Älteren, übten sie Diskretion? – Das mönchische Wort sei uns sichtlich abhanden gekommen, es bedeute Unterscheidung des Gesprächs vom Geschwätz. – Sitzungen? Warum setzten sich Langeweiler auch noch zueinander? – Er empfinde Verwaltungsgeschäfte als Strafe Gottes und wundere sich, daß wir diesen Zeitvertreib mit Politik verwechselten. –
Das sei etwas anderes. Auch er habe das Schreiben als öffentlichen Dienst aufgefaßt, freilich nicht, um den Unarten des Kaisers und seiner Bediensteten zu frönen, sondern um sie an Grundsätzen der Res publica zu messen. Wo denn die öffentlichen Versammlungen des Geistes geblieben seien? – Er meine inspirierte Zusammenkünfte, einen Chor mit bewegenden Hymnen, ein aufregendes Gespräch unter Gelehrten und dergleichen. – Aha, Kongresse. Leidenschaftlich um Eintracht und Klarheit ringend, wie ein großes Konzil? – Das sehe uns ähnlich, Dutzende von Päpsten im Parkett, unverbindlich miteinander plaudernd.
Von meiner Cathedra herab verkündete auch ich die Historie gewiß wie ein Papst. – Wenn nicht unfehlbar, dann umfassend, oder? – Also gut, ohne Antike. Auch seine Chronik beginne erst mit Christi Geburt. Aber bis zur Gegenwart müsse jeder Historiker kommen; genauer gesagt, er müsse von seinen Tagen nach rückwärts gehen, um das für ihn Förderliche zu entdecken. – Um so hinderlicher finde er eine Arbeitsteilung, die mich auf das Mittelalter festlege. – Schwerpunkte, zweifellos. Doch bei Beschränkung auf das fränkische Frühmittelalter hätte er sogar die Jahreszählung verfehlt und von den wiederkehrenden und den wandelbaren Eigenschaften der Menschen überhaupt nichts wahrgenommen. –
Einverstanden, ebenso kurzsichtig seien Historiker, die bloß auf ihre Gegenwart starrten. Weil alle Einsicht auf Vergleichen beruhe, habe er seine miterlebten Jahre in den Rahmen des erforschten Jahrtausends gerückt.
– In der Tat halte er wenig von historischer Abstraktion. Wer Geschichte zum Prinzip erkläre, pflege Allegorese, Zahlensymbolik oder sonst eine schiefe Verbindung zwischen Besonderem und Allgemeinem. – Weit gefehlt! Theorie begeistere ihn, der Bauplan von Versstrophen, Tonarten, Planetenbahnen, alles Zählbare. Aber Geschichte vollziehe sich in der unberechenbaren Praxis; auch ihre Untersuchung bedürfe mehr des langen Atems als der raschen Folgerungen. –
Er überlasse die Historie beileibe nicht den ältlichen Banausen. Nur Manichäer zertrennten Theorie und Praxis, Geist und Natur, Geistes- und Naturwissenschaften. Alle Wissenschaft drehe sich um den ganzen Menschen, der aus Leib und Seele bestehe, und erfordere ungeteilte Hingabe und Sorgfalt, »Diligentia« und »Curiositas«. – Damit meine er weder die Spiele der Dilettanten noch die Kniffe der Experten, sondern die beiden menschlichsten Fähigkeiten, lateinisch »diligere« und »curare«. Aus Liebe unterscheiden und aus Sorge heilen, daher komme und dahin führe Wissenschaft. – Sie sei nicht schon die Wahrheit, nur einer der vielen Zugänge zu ihr, so wie die Kunst. Alle zusammen würden gebraucht.
– Leider trage Sachverstand nicht mit wenig Kunst sich selber vor. Die Anleitung zum Dividieren sei ihm sprachlich so schwer gefallen wie die Kreuzeshymne. –
Natürlich habe er sich gewandelt. In jungen Jahren sei ihm die Schönheit der Proportionen über alles gegangen. Später habe er gelernt, daß sich das Kostbarste der Harmonisierung versage. – Im Alter habe er es Menschlichkeit genannt und als allseitigen Versuch beschrieben. Die unabsehbaren Möglichkeiten und die verwundbare Wirklichkeit des Humanen spiegelten sich am klarsten in Poesie und Historie. – Jawohl, solche Kunstgebilde könnten keine Anweisungen zum täglichen Handeln erteilen, jedoch zu Haltungen erziehen, die den Bestand des Gemeinwesens über den Tag hinaus verbürgten. – Den Wunsch Jacob Burckhardts mache er sich gern zu eigen: »Nicht sowohl klug für ein andermal als weise für immer werden.«
Er habe nun genug geredet. Wenn ich das Verhör fortsetzen wolle, werde er nicht ausweichen. – Er stehe zu den antiken Lehrmeistern der Weisheit, Horaz und Vergil. Er bekenne auch seine Liebe zu den schönen Musen, den Töchtern des Zeus, und gönne Frömmlern den Ärger darüber. – Als Christ habe er es nur theoretisch leichter, weil er Ursprung und Ziel der Geschichte genauer als ein Heide zu kennen glaube. In der Praxis sei der schnurgerade Lebenslauf des Christen ein Leidensweg. Sein Märtyrerbuch male das drastisch aus. – Daß die Postmoderne nicht an den christlichen Himmel glaube, bedaure er. Im Jenseits spreche man immer weniger Latein und immer mehr Arabisch. – I wo, mit Muslimen verstehe er sich gut, nicht allein der Sternkunde wegen. – Wenn wir nicht zu unseren Vorfahren in den Himmel wollten, kämen wir nicht hin, bitte sehr.
Wir müßten die anderen Verwandtschaften nicht mit verleugnen, die zwischen den Menschenaltern auf Erden. – Mehr als das Verwirklichte bedenke er das Mögliche. Wiewohl aus dem 11. Jahrhundert gebürtig, hoffe er noch im 29. Jahrhundert Gesprächspartner zu treffen. – Ob es dazu komme, stehe nicht mehr bei seinesgleichen, sondern derzeit beim 20. Jahrhundert. – Wenn wir an der Brücke weiterbauen möchten, könnten wir es, um so leichter, als wir zwei Menschenalter für eines besäßen. – Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen und einsehen, daß wir von den Toten kämen und zu den Toten gingen. – Angst vor den Toten sei Selbstmord. Um den Tod zu überwinden, müßten wir uns mit seinen Opfern verbünden.
Solange wir sie verdrängten, drehe sich unsere ganze Beweglichkeit im Kreis und trudle in einen Zustand, den er als zweiten Tod, als Hölle bezeichne. –
Zugegeben, der begrenzte Gesichtskreis des Mittelalters verenge mit der Vorstellung von Himmel und Hölle auch den irdischen Weg. Um seinen Wahlspruch zu erfüllen, daß ihm nichts Menschliches fremd sei, habe er sich bloß in den Dörfern bei Altshausen umsehen müssen und den Rest aus den Büchern der Reichenau und von deren Besuchern erfahren. – Idyllisch, je nun. Das einfache Leben der wenigen behindere die Menschlichkeit.
– Wodurch? Um vom Alltag der Kriege zu schweigen, er habe als Kind 1022 eine Pestepidemie, als Erwachsener 1044 eine Hungersnot erlebt.
– Wenn die deutsche Phantasie wieder einmal versage, könnten wir die Medien einschalten. Anderswo litten noch ganze Völker unter den Plagen seines Jahrhunderts. – »Wie im finstern Mittelalter«, damit rede sich heraus, wer nirgends näher hinzusehen wage. – Sicher, wer die Geschichte fürchte, hasse die Fremden. Zum Beispiel hätten schon seine Landsleute gern übersehen, was sie seit Jahrtausenden mit den Juden verbinde. –
Ich dürfe es ruhig laut sagen, er spreche tatsächlich nicht für die verstummte Mehrheit seiner Zeitgenossen. – Sehr wahr, von außen gesehen hätten Grafensöhne wie er unbesorgt, Mönche wie er wohlversorgt gelebt. Die Innenansicht nehme sich weniger paradiesisch aus. – Beispielsweise im Adel. Wir klagten im Moment über Sozialneid, ahnten aber nichts vom mörderischen Ehrgeiz zwischen Geschlechtern, die einander seit Generationen bis aufs Blut reizten. – Seine Moraldichtung halte dem Adel auch die andere Todsünde vor, eine geschlechtliche Brutalität, die sich häufiger an Gleichrangigen als an Abhängigen austobte. – Ob ich im Ernst dächte, seine Standesgenossen hätten Krüppel verwöhnt? –
Wenn ich schon bei dem Wort »Krüppel« zusammenzuckte, hätte ich seinen Vater Wolfrat hören sollen, als er merkte, daß sein Sohn Hermann, »der Mann fürs Heer«, weder ein Streitroß noch einen Bischofsthron würde besteigen können. – Kein Generationskonflikt. Den Vater habe Angst um das politische Überleben der ganzen Familie getrieben. – Ja, der Mutter Hiltrud sei er als Schmerzenskind ans Herz gewachsen, doch habe sie für das physische Überleben der ganzen Familie sorgen müssen. – Von fünfzehn Kindern seien ihr acht weggestorben, ob mir die Zahlen genügten? – Mangelnde Elternliebe im Mittelalter, diese Nörgelei der Historiker mache ihn rasend. – Abschiebung ins Kloster, na und? Ob ich ein besseres Pflegeheim für Spastiker wisse? –
Richtig, sogar im Kloster sei mancher Behinderte verkümmert. Vor geistiger Lähmung habe ihn allein sein Vater Bern bewahrt. – Er meine, was er sage: Abt bedeute Vater. Andere hätten Abt geheißen, Bern sei es gewesen. – Beinahe wortlos. Der Abt habe ihm befohlen, alte Bücher neu zu bearbeiten, und dreingeschaut, als hinge daran der Fortbestand des Konvents. – Die Mitmönche? Gutmütig, indes gegen Kritik empfindlich. Seine neue Musiktheorie habe den ganzen Kirchenchor verstimmt. – Geistige Autorität, daß er nicht lache! Unheimlich sei er den Braven geworden, als er bei der Mondfinsternis 1049 gerechnet habe statt zu beten. – O nein, die Gleichgesinnten vergesse er nicht. Aufgeweckte Schüler wie Benno, gelehrte Partner wie Berthold im Haus, anregende Freunde wie Herrand weit weg, doch mit Briefen zur Stelle; mithin Gesellschaft genug. – Ermutigung durch die große Geschichte, nicht daß er wüßte. – Was unsere Lehrbücher so forsch als Aufbruch Europas ins Hochmittelalter darstellten, sei am Bodensee als Erschütterung jeglichen Herkommens verspürt worden. – Bedürftig sei die Zeit gewesen, dürftig nicht. Er habe sich vieles an ihr anders gewünscht, ohne sich je in eine andere Zeit zu wünschen. –
Allerdings würde seine kleine Geschichte traurig aussehen, wenn er sich der Herausforderung entzogen und dem Mitleid ergeben hätte. Statt dessen habe er sich auf die Wissenschaft geworfen, um in seiner schwankenden Zeit einen Standpunkt zu begründen und für seine enge Welt Ausblicke zu eröffnen. Das sei ihm halbwegs geglückt und habe auch andere heiter gestimmt. - Zum Vorbild für uns tauge er nicht; im Urwald bewege man sich anders als auf dem Marktplatz. Zu viel Geschichte stehe zwischen seinem Zeitalter der Behinderten und unserer Epoche der Ausweicher. – Vielleicht fehle es auch uns an Standfestigkeit und Zielsicherheit, aber ganz und gar nicht an Standpunkten und Gesichtspunkten. –
Daß er für unsere Zerfahrenheit mitverantwortlich sei, nehme er sich zu Herzen. Er habe beigetragen zu der Fortbildung des Menschen und zu der Entgrenzung der Welt, mit deren Folgen wir fertig werden müßten. – Den erbetenen Rat dürfe er nicht verweigern; auch wenn wir darüber lachten, sei uns schon geholfen. Er empfehle etwas weniger Eigenlob und Selbstkritik, etwas mehr Nachdenken über Sprache und Geschichte: Sich auf ursprüngliche Bedeutungen der Worte besinnen, zumal der alltäglichen, und sich an ferne Freunde erinnern, zumal aus anderen Zeiten. –
Jetzt sei das Lachen an ihm, denn ich drehte ihm das Wort im Mund herum. Mit mir befreunde er sich erst nach mehreren Runden Zahlenkampf. – Daß er ein grober Geselle sei, wisse er schon von den Buchauer Nonnen. Statt inniger Marienlieder habe er ihnen bissige Strafreden gedichtet. – Doch, doch, auf lange Sicht sei es ihnen gut bekommen. Das wünsche er uns auch. Es klingle draußen, man erwarte ihn. – Ob er wiederkomme, hänge von unseren Fortschritten ab. Wohlgemerkt, er hoffe auf Fortschritte nicht der Bedürfnisse oder gar der Behinderungen, sondern der Einsichten. Noch klüger könnten wir kaum werden, ein bißchen weise schon. Ade. –
So ungefähr könnte Hermann der Lahme reden, wenn er käme. Weil er noch nicht gekommen ist, läßt sich nichts Bestimmteres sagen. In den hinterlassenen Schriften klingt seine Stimme ganz leise, wenn wir ihn geradezu befragen. Vernehmlich wird sie, wenn er zu seinen Zeitgenossen spricht. Was ich bis jetzt von dieser indirekten Rede verstehe, halte ich für bemerkenswert genug, um es in die Sprache meiner Zeitgenossen zu übersetzen, anstelle der Dankrede, die ich ihnen schulde.