Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Zdenko Škreb

Germanist
Born 1904
Deceased 1985

Friedrich-Gundolf-Preis 1979
Laudatory Address by Fritz Martini
Acceptance Speech by Zdenko Škreb
Diploma

Er wurde zum Mittler zwischen Methoden, Sprachen und Völkern, getreu der Geschichte, offen zur Gegenwart.

Jury members
Kommission: Beda Allemann, Eduard Goldstücker, Herman Meyer

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Fritz Martini
Born 5/9/1909
Deceased 5/7/1991
Germanist and Anglicist

Lieber Herr Zdenko Škreb, ich soll Sie vorstellen als den Empfänger des Friedrich-Gundolf-Preises der Akademie für Sprache und Dichtung, der für ausgezeichnete Verdienste auf dem Gebiet der Germanistik im fremdsprachlichen Auslande verliehen wird − ich soll Sie, den Forscher auf dem Gebiet der deutschen, der österreichischen und der allgemeinen Literaturwissenschaft, den akademischen Lehrer von schon mehr als nur zwei Generationen jugoslawischer Philologen, Kritiker und Autoren, den Organisator eines exemplarischen universitären Unterrichts, den Publizisten und Herausgeber beschreiben und das
heißt natürlich auch, ich soll Sie rühmen. Es versteht sich von selbst: ich rühme Sie gern, denn Sie haben in Ihrem Lebenswerk viel Anlaß dazu gegeben, und es ist, so scheint mir, für uns Deutsche endlich an der Zeit, dies Ihnen mit allem dankbaren Nachdruck zu sagen. Wem sonst, wenn nicht Ihnen! Aber ich soll diesen Dank auch in eine kurze Redezeit einpassen.
Man wird etwas ängstlich bei solcher Aufgabe, denn ich komme mir vor, als solle ich ein genau in diesem Jahr 75 Jahre umfassendes, ungemein fleißiges, gewissenhaftes und produktives Leben gleichsam in eine Streichholzschachtel zusammenpressen − und doch nichts von allem jenem auslassen, das im Einzelnen und Ganzen bezeugt, daß Ihnen diesen Preis zu übergeben nicht minder eine ehrenvolle Auszeichnung für die ist, die ihn gestiftet haben und die ihn zu verwalten berechtigt sind. Es bleibt mir nichts anderes übrig − ich muß nach Abbreviaturen, nach einer Formel suchen, in der − vielleicht, vielleicht − Sie sich selbst erkennen mögen. Meine Formel − nicht mehr als ein Versuch − heißt Beständigkeit und Offenheit.
Beständigkeit in der Treue zu der Sache, die Sie als notwendig, richtig und gut erkannt haben, Treue damit zu dem eigenen Selbst − und Weltoffenheit, Weltzustimmung über die Grenzen der Sprachen und Völker hinweg, wenn Ihnen dort das Notwendige, das Richtige und das Gute begegnet.
Sie sind in Zagreb geboren und kommen soeben aus Zagreb. Denn diese Stadt hat Ihnen das höchste Amt übergeben, das mit Genauigkeit allen Ihren Neigungen und Gaben entsprach: nach einem langen, arbeitsreichen, nicht immer nur sanften Weg das Ordinariat für Deutsche Sprache und Literatur an der kroatischen Universität. Sie haben dies Amt jetzt an Jüngere, die Sie dazu herangebildet haben, abgegeben. Dennoch: wer in unserem Kreise Zagreb nennt, sagt damit zugleich auch Zdenko Škreb.
Dem Vierzehnjährigen nahm der Vater Eugenie Marlitts »Frau mit den Karfunkelsteinen« aus der Hand, und er las, eine Woche lang, mit ihm den »Faust«. Dies war eine Art Grundsteinlegung. Aus der österreichischen Kulturatmosphäre heraus, in die Ihr bürgerlich-akademisches Elternhaus eingebettet war, erschien dies wie eine Selbstverständlichkeit, wenn auch als frühe Herausforderung. Aber es war keine Selbstverständlichkeit, denn schon viel zu lange war die deutsche Sprache für das kroatische nationale Bewußtsein die Sprache der Herren gewesen. Der Jüngling Zdenko Škreb erkannte vielleicht schon in dieser Woche seinen Beruf − darf man feierlich sagen: seine Berufung?
Und er erkannte, daß man mit Leib, Herz und Kraft ein Kroate und mit dem Geist doch auch zugehörig zur deutschen und österreichischen Kultur sein könne − hier und dort zugleich im Notwendigen, Richtigen und Guten beheimatet.
Sie mußten diese Berufung − wiederholen wir ruhig dies Wort − sich als ein Autodidakt erringen. Denn die Universität Zagreb war jung und, was man notdürftig an ihr als Germanistik betrieb und lernte, war noch jünger und wenig entwickelt − zudem stand sie gewiß nicht im Mittelpunkt der nationalen und staatlichen Interessen. Aber Sie waren so energisch zielklar wie beharrlich, Sie arbeiteten auf eigene Weise und Verantwortung, und Sie begriffen rasch, daß wer nur eine Literatur kennt, keine Literatur kennt. Die Romanistik gesellte sich zur Germanistik. Ein glückliches Jahr in Paris wurde die Vorstufe von 15 Jahren Gymnasiallehrer in Zagreb. Sie haben diese Jahre wohl als eine Art erweiterter Vorbereitungszeit angesehen. Als Aufforderung zu strenger, selbstkritisch achtsamer Arbeit. Denn Sie blieben beharrlich dabei, von sich die Höchstleistungen zu erwarten. Es spricht sich so leicht hin und umfaßt doch ein Leben, das sich selbst nicht schonte und das nicht verschont worden ist. Ich glaube, die einzige deutsche Vokabel, die Sie niemals gelernt haben, heißt »Freizeit«. 1931 Honorarlektor für Deutsch an der Zagreber Philosophischen Fakultät, seit 1942 dort Lektor, 1948 noch in der altösterreichischen Form habilitiert, dann zum Dozenten gewählt, seit 1953 Extraordinarius, seit 1958 endlich Ordinarius − und danach kamen auszeichnende Berufungen zur Mitgliedschaft in der Südslawischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Dieser An- und Aufstieg sieht sich so reibungslos, so gesichert an, aber welche Abstürze drohten ihm? Lange nur kärgliche finanzielle Mittel, die nicht erlaubten, außerhalb von Zagreb für eine fördernde Weiterbildung zu sorgen − der eiserne Vorhang, der seit 1933 vom deutschen Sprachgebiet trennte − die Verwüstungen und schrecklichen Leiden, die durch deutsche Schuld seit 1941 über Jugoslawien hereinbrachen und jeden trafen − Ihre wagnisreiche Mitarbeit in der Partisanenbewegung als sein Leben einsetzender Antifaschist − die Not und die Wirren, als endlich die Befreiung zu einer anderen Zukunft hinüberwies und Sie als den einzigen Dozenten der Germanistik an der Zagreber Universität übrig ließ − unter Bergen von Arbeit. Denn es gehört zu Ihrer Beharrlichkeit, daß Sie sich zum unbeirrbaren Ziel gesetzt hatten, allein, ganz allein das Gesamtfach, wie es sich nach alter Tradition präsentierte, den nur langsam sich wieder einfindenden Studenten anzubieten und nichts, gar nichts davon fortfallen zu lassen. Es stockt heute wirklich der Atem vor diesem Pensum: von den Lautverschiebungen, von der gotischen Grammatik bis zu den jüngsten Literatur- und Spracherscheinungen in dem sich teilenden Deutschland.
Sie hatten überlebt, dank Ihrer unverführbaren und unzerstörbaren Beharrlichkeit, Sie waren auch unter den Bedrohungen dem Notwendigen, dem Richtigen und Guten treu geblieben − und Sie hatten sich dazu entschlossen, in der schwierigsten Situation und nach allen Ihren Kräften die Germanistik nicht nur in Zagreb, sondern in Jugoslawien überleben zu lassen. Nicht nur dies: sie zu einer Wissenschaft auszubauen, die den internationalen Ansprüchen gleichkam − eingedenk des Autodidaktentums, in dessen Ratlosigkeit man Sie als jungen Studenten gelassen hatte. Es ist Ihnen gelungen, was Sie gewollt haben. Sie haben die Mehrzahl der heute an den Universitäten in Jugoslawien maßgeblichen Germanisten geschult. Sie haben das Studium dort so organisiert, daß es die wesentlichen Elemente zeigt, die es im muttersprachlichen Lande besitzt − oder, wir müssen es mit bedrückter Scham zugeben, besessen hat. Wir müssen uns von Ihnen vorhalten lassen, was in Umfang und Intensität dieses Studiums von den deutschen Universitäten gestern und heute preisgegeben worden ist. Der gesamte Unterricht wird in Zagreb vom ersten Semester, ja, vom ersten Semester an, in der deutschen Sprache vorgetragen − wo gibt es irgendwie Vergleichbares in unseren anglistischen, romanistischen, slawistischen Studiengängen? Und die Dimension der von Ihren Studenten nicht nur geforderten, sondern auch geleisteten Arbeit reicht vom Gotischen, von der Phonetik bis zur gegenwärtigen Literatur und Methodendiskussion. Es ist eine Dimension, die kein deutscher Universitätslehrer von seinen Studenten auch nur zu erwarten wagen kann. Gewiß, auch Ihre Studenten haben dagegen rebelliert, aber sie haben dann dankbar erkannt, zu welcher Qualität Ihre Strenge sie gefördert hat. Endlich das Dritte Ihrer Leistung als Lehrer der Germanistik: der dichte Kontakt mit Autoren, Wissenschaftlern und anderen aus dem westlichen und östlichen Deutschland, denen Sie reichhaltige Gastfreundschaft schenken, die vielen Wege, die Sie Ihren Studenten zur Bundesrepublik geöffnet haben. Keine Enttäuschung, kein Argwohn unter den weniger freundlichen Kollegen hat Ihre Zielaktivität ermatten lassen. Dies allein würde berechtigen, daß Sie heute den Friedrich-Gundolf-Preis empfangen: − als der geistige und organisatorische Statthalter der Germanistik in Jugoslawien. Ihre Ausstrahlung ist unmeßbar: denn jeder Ihrer Schüler gibt sie an viele Schüler weiter.
Aber meine Formel hat ein zweites Glied: Weltoffenheit, Weltzuwendung. Sie haben vom Beginn an, seit Ihren Entdeckungsabenteuern in den großelterlichen und elterlichen Bücherschränken die österreichische Literatur, vornehmlich des 19. Jahrhunderts, zu Ihrem eigensten Interessengebiet gewählt: an der Spitze Franz Grillparzer, dem Sie viele Studien widmeten, dann Lenau, Hebbel in Wien, Bauernfeld und andere bis hin zu Ilse Aichinger. Grillparzer wurde für Sie die Pforte zur Weltliteratur. Daneben hat sich ein zweites Schwerpunktfeld für Sie aufgebaut: das produktive Interesse an Grundfragen der Literatursystematik, der Poetik. Wo es um Geschichte und Interpretation sich handelt, sind Sie ein Empiriker, für den der Text den Ausgangspunkt und das Erkenntnisziel bedeutet. Wo es um die Reflexion der Methoden, um die Probleme der Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft, deren programmatische Einsätze im sogenannten Formalismus und Strukturalismus geht, sind Sie ein strenger, wohlgerüsteter Logiker. Ideologien liegen Ihnen fern, fern auch die großzügig weitgreifenden, allzu subjektiven Spekulationen. Denn Sie lieben die Genauigkeit, die Beweise. Sie sind ein beneidenswert belesener Mann, lieber Herr Škreb, beheimatet in der internationalen Diskussion, beheimatet in vielen philosophischen Systemen. So selbstkritisch Sie im eigenen Denken und Schreiben sind, so kritisch sind Sie gegenüber den anderen. Denn Sie lieben die Spiele und die Pfeile der Ironie. Dies klingt nach Aggression, aber Ihre Ironie ist ein Defensivmittel für das Notwendige und Richtige, das für Sie eben auch das Gute ist. Sie ist der Ausdruck für die verhaltene Begeisterung, die Sie in Ihrer Jugend bewegte und die − auf beneidenswerte Weise − noch in Ihrem Alter so kräftige Funken schlägt wie einst. Wie sich bei Ihnen Person und Sache durchdringen, kann man vielleicht daran ablesen, daß Sie sich insbesondere, mit minutiöser Sorgfalt, den kleinen Kunstformen zugewandt haben: dem Wortspiel, dem Epigramm, der Detektivgeschichte. Es sind jene Formen, die von den Literaturwissenschaften oft genug am Rande gelassen werden − so wie Sie immer wieder ganz unprätentiös, vielleicht sogar zu bescheidentlich die Randwege aufgesucht haben. Deshalb sucht man spektakuläre Großbücher bei Ihnen vergeblich. Auch Ihre Grillparzer-Monographie von 1976 nennt sich verhalten »Eine Einführung«, obwohl sie weit mehr sagt und bedeutet. Sie sind nicht der Mann der Posaunen, sondern der feingliedrigen Kammermusik. Daraus versteht man Ihre Befreundung mit der großen und schwierigen Kunst des Epigramms.
Weltoffenheit des wissenschaftlichen Denkens vereinigt sich bei Ihnen mit der polyglotten Weltoffenheit der ästhetischen Perspektiven. Sie waren lange der Erste Sekretär des 1950 gegründeten Kroatischen Philologenverbandes, in dem sich alle Sprachen, die kroatische Muttersprache und die Fremdsprachen zu gemeinsamer Arbeit zusammenfanden: zum Westen so offen wie zum Osten. Wie weit die Dimension Ihrer Studien sich erstreckt, wird jedem sichtbar, der die Zagreber literaturtheoretische Vierteljahrsschrift − zu deutsch »Wortkunst«, in Ihrer Sprache »Umjetmost rijeci« (habe ich es richtig ausgesprochen?) einmal durchblättert hat − was sage ich? man kann sie nicht durchblättern, man muß sie studieren. Sie sind seit 1957 bis heute ihr Hauptschriftleiter, ihr intellektueller Motor. In dieser vielsprachigen Zeitschrift spiegelt sich die Internationaliät der Wissenschaft von der Ästhetik und der Literatur. So führen viele von Ihnen gebaute Wege von Zagreb in die Welt hinaus.
Solche Abbreviaturen müssen genügen; ich stoße an die engen Wände der Streichholzschachtel. Manches noch wäre zu sagen − aber muß denn alles gesagt werden? Es liegt in Männern, wie Sie es sind, eine Ausstrahlung, etwas Charismatisches. Dies hat zu tun mit dem »lebendigen Geist», um Friedrich Gundolf zu zitieren. Man muß ihn nicht bereden. Sie haben nicht an Ihre Person, sondern immer nur an die Sache gedacht. Sie haben Erfolge erreicht, weil Sie niemals auf Erfolge gezielt, um sie geworben, ihnen das Notwendige, das Richtige und das Gute unterworfen haben. Ich meine, dies ist in der gegenwärtigen Welt und Zeit etwas Besonderes, Ungewöhnliches. Und es ist heute auch ein Grund, Ihnen zur Entgegennahme des Friedrich-Gundolf-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit hoher und dankbarer Achtung Glück zu wünschen. Sie schrieben mir in einem Brief: »Seit langem ist jeder Vorbehalt gegen alles Deutsche bis auf den letzten Rest verschwunden, in einer Englisch als erste Fremdsprache wertenden Kulturwelt zeugt die Zagreber Germanistik nach wie vor von der Größe und Bedeutung der deutschen Kultur.« Diese Zagreber Germanistik − das waren Sie, lieber Herr Zdenko Škreb, Sie ganz allein, und Sie sind es noch, auch wenn Sie Ihr Amt an Jüngere abgegeben haben.