Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The Friedrich Gundolf Prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Tatiana Baskakova

Tatiana BaskakovaTatiana Baskakova

Translator
Born 26/5/1957

Friedrich-Gundolf-Preis 2020
Laudatory Address by Christiane Körner
Acceptance Speech by Tatiana Baskakova

Einen großem Teil der modernen deutschsprachigen Literatur, der heute in Russland zu lesen ist, hat Tatiana Baskakova dorthin gebracht...

Jury members
Günter Blamberger, László Földenyi, Daniel Göske, Claire de Oliveira, Marisa Siguan, Stefan Weidner und Leszek Żyliński

 
LAUDATOR
Christiane Körner
Born 1962
Translator

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Freunde von Tatjana Baskakowa, liebe Tanja,
am heutigen Freudentag wird Tatjana Baskakowa mit dem Friedrich-Gundolf-Preis geehrt, der für die Vermittlung deutscher Kultur ins Ausland verliehen wird. Wer ist die Kulturvermittlerin par excellence, wenn nicht eine Übersetzerin? Großartigerweise ist Tanja Baskakowa nicht die erste ihrer Zunft, die diese Ehrung erfährt. Aber sie ist die erste, die eine Publikationsliste mit folgenden Namen vorweisen kann – Paukenschläge, Fanfarenstöße, gestatten Sie mir die Freude:
Arno Schmidt! Alfred Döblin! Hans Henny Jahnn! Reinhard Jirgl! Jean Paul! Hubert Fichte! Robert Walser! Hans Pleschinski! Thomas Bernhard! Hans Wollschläger!
Die Aufzählung ist natürlich unvollständig. Und fast alle Texte sind mit zahlreichen kundigen Anmerkungen und Erläuterungen und einem umfangreichen, höchst erhellenden Nachwort der Übersetzerin erschienen.
Man kann es kaum glauben, dass dies die Werke einer einzigen, vorerst gut zwanzig Jahre währenden Übersetzerkarriere sind. Um der Frage nachzugehen, wie es zu diesem gewaltigen, außergewöhnlichen Œuvre kam und was Tanja Baskawowa eigentlich tut, wenn sie ihre Ausnahmeautoren ins Russische bringt, möchte ich zunächst ein paar Linien »Aus dem Leben einer Übersetzerin« nachzeichnen.
Tanja Baskakowa ist von Haus aus nicht etwa Germanistin, sondern Historikerin mit dem Fachgebiet Ägyptologie. Promoviert hat sie über Königliche Inschriften im Ägypten der XVIII Dynastie und ihre stilistischen Besonderheiten. (Es war also alles schon da: die Lust am Text, die Freude am Stil, das Interesse an Bildern ... Und die wissenschaftliche Akribie.) Tanja Baskakowa hat einige Jahre in ihrem Beruf gearbeitet, kommt dann aber durch einen Zufall zum Übersetzen. In einer Situation größter wirtschaftlicher Unsicherheit entschließt sie sich mit dem ungeheuren Nachdruck, mit dem Energieüberschuss, der alles kennzeichnet, was sie tut, zu diesem Beruf. Sie tut das als Autodidaktin (wie übrigens die meisten literarischen Übersetzer weltweit) im allerbesten Sinne, bewegt von lebhaftem Interesse und schier unerschöpflicher Wissbegier. Drei Übersetzerpreise, unter anderem der Deutsche Literaturpreis 2014, zeugen davon, dass sie ihr Ziel auf schönste Weise erreicht hat.
Ihr Erstling aus dem Deutschen ist ein ägyptologisches Werk von Jan Assmann, aber gleich darauf folgt Gadir oder Erkenne dich selbst von Arno Schmidt. Dieser Text erscheint in der Zeitschrift Inostrannaja Literatura, »Literatur aus dem Ausland«, die, schon zu Sowjetzeiten ein literarisches Lüftungsfensterchen, ihren Lesern seit den 90ern endlich ohne Zensur und ästhetische Scheuklappen unterschiedliche Weltliteraturen nahebringen kann. In der Redaktion dieser Zeitschrift arbeitet Tanja Baskakowa nach ihrem Start als Übersetzerin lange Jahre und gibt wunderbare Hefte zur deutschen Literatur heraus; zuletzt verantwortet sie Anfang dieses Jahres, nunmehr freiberuflich, eine umfangreiche Sondernummer, die anhand von Literaturpreisen Die Literatur im Nachkriegsdeutschland darstellt.
Man weiß nicht wie, aber Tanja Baskakowa hat Orte, die ihr die Möglichkeit boten, interessante Literatur zu übertragen und zu veröffentlichen, stets zielsicher angesteuert und meistens im Sturm erobert. Um einen Punkt klarzustellen: Keine Verlegerin hat ihr je angeboten, Jean Paul oder Hans Henny Jahnn zu übersetzen, fast alle ihre Autoren hat sie selber den Verlagen vorgeschlagen. Mittlere, kleine und Kleinstverlage hat sie mit ihrer unnachahmlichen Beharrlichkeit, mit Überzeugungskraft, guten Argumenten und großer Leidenschaft dazu gebracht, Autoren jenseits des Mainstreams zu publizieren – Texte, die heute vermutlich kein deutscher Verlag (im Original!) mehr drucken würde, so hoch wäre das wirtschaftliche Risiko.
Weitere Orte, die Tanja Baskakowa für sich und ihre Tätigkeit entdeckt, liegen im geographischen deutschsprachigen Raum. Im Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen, im Übersetzerhaus Looren, in den Künstlerhäusern Eckernförde und Worpswede, in der Villa Waldberta arbeitet sie als geladene und geförderte Stipendiatin an ihren Projekten, trifft sie auf Künstler- und Übersetzerkollegen. Kollegialer Austausch, Hilfsbereitschaft dem übersetzerischen Nachwuchs gegenüber sind für Tanja Baskakowa ein Muss, sie hat mehrere Seminare und Kurse geleitet, und 2014, auf dem Höhepunkt von nationalistischer und Kriegshysterie in Russland, initiiert sie einen ukrainisch-russischen Workshop zu Arno Schmidts Briefen in Kiew.
Die Unterstützung der Übersetzerinnen hierzulande durch Institutionen wie den Deutschen Übersetzerfonds, das EÜK, den Übersetzerverband VdÜ hat Tanja Baskakowa immer wieder dazu inspiriert, in Russland ähnliche Verhältnisse zu fordern. Das nun war nicht von Erfolg gekrönt. Literarisches Übersetzen ist in Russland bis heute eine Sache von Einzelkämpfern, die ihren Lebensunterhalt mit anderen Erwerbstätigkeiten bestreiten. Es muss in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass literarisches Übersetzen unter diesen Umständen herben persönlichen Verzicht bedeutet (auf Freizeit, Geld, Energie), und auf Tanja Baskakowas Riesenwerk trifft das in besonders hohem Maße zu. Ihr jüngster Vortrag auf der Übersetzer-Sommerschule Petersburg – sie publiziert regelmäßig zu literarischen und übersetzerischen Themen – trägt den Titel: Literaturübersetzung als Beruf (den es im Grunde nicht gibt).
Tanja Baskakowa schafft es dennoch, die Bücher zu übersetzen, die sie überzeugen. Warum gerade diese Texte? Passt es angesichts der immer aggressiveren Repression in Russland, die via Ausgrenzung und Feindbilder funktioniert, zum Beispiel nicht allzu gut, dass sie jüngst Hubert Fichtes Roman Versuch über die Pubertät übersetzt hat, diese so viele Tabus brechende Studie über den Blick auf das Fremde?
Eines lässt sich festhalten: Tanja Baskakowas Autoren sind miteinander verbunden, sie verweisen aufeinander. Ein literarisch-anarchischer Männerbund (ihre Lieblingsautoren sind tatsächlich alle Männer), eine subversive Seilschaft: Um welches Schreiben geht es und um welches Übersetzen?
Fragen wir die Texte. Denken Sie bitte mit, dass hinter zitierten Sätzen ihre übersetzten russischen Schwestern stehen.
»Gegen das Finstere, Unsichtbare, Unausschöpfbare eifern ... Ich bin am Rande des Abgrunds, aber es ist der Platz, der uns zukommt.« So Hans Henny Jahnn über die Position des Schreibenden. Hans Pleschinski scheint 70 Jahre später zu sekundieren: »Man muss mutwillig neue Geschichten erfinden. Man muss Geschichten erfinden, die über den Abgrund führen.« Noch einmal Jahnns Erzähler Gustav Anias Horn: »Aber ich glaube doch, dass ich das Echo der verlorenen Zeit nicht fälsche ..., dass ich selbst das Instrument bin, dem der Widerhall aus großer Ferne die Worte entlockt.«
Was für die Übersetzerin Tanja Baskakowa aus großer Ferne widerhallt, ist das Verdrängte der eigenen Geschichte, ist die unreflektierte, unverarbeitete Vergangenheit, generell das Ausgesparte und Vermiedene. Tanja Baskakowa findet es bei Arno Schmidt in seinen Erinnerungsstudien zu Nationalsozialismus, Krieg und verhärteter Nachkriegsgesellschaft, in Hans Pleschinskis Erzählung von schwulem Aufbruch und Aidstragödie in der BRD, bei Reinhard Jirgl, der sich und die Leser den Zumutungen des geteilten Deutschlands aussetzt. In der Gestaltung nationaler und persönlicher Geschichte fassen Tanja Baskakowas Autoren Abgründiges in Sprache, ermöglichen Empathie und das Zulassen und Miterleiden des Verdrängten – und befördern damit vielleicht auch die Überwindung von Geschichtsblindheit, sozialer Sprachlosigkeit und historischen Traumata. Das Ungesagte sagen – übersetzend erweitert Tanja Baskakowa nicht nur Erkenntnis- und Erfahrungshorizonte, sondern auch die Vorstellungs-, die Reflexions- und damit natürlich die Sprachgrenzen.
Immer wieder nennt Tanja Baskakowa als den größten Antrieb ihrer Begeisterung und ihres Tuns die Sprache ihrer Autoren, die exzeptionell ist, kurios in jedem Sinne, die aus der Reihe fällt: So wie Jahnn, so wie Jirgl, so wie Wollschläger habe noch nie jemand geschrieben. Hören wir einige Sätze von Arno Schmidt Aus dem Leben eines Fauns, wo die Bombardierung einer Munitionsfabrik geschildert wird:
»Alle Bäume als Flammen verkleidet [...]: eine Hausfront stolpert drohend vor, mit seidenrotem Schaum vor dem Mauleck und flackernden Fensteraugen. Haushohe Eisenkugeln rollen Getöse um uns, schwärzliche, deren bloßer Schall schon tötet! Ich sprang mich an Käthe, wickelte sie mit zähen Armen ein, und zerrte meine Mächtige: von der Nacht riss die Hälfte ab, und wir fielen tot zu Boden ob des Donners ...«
Dieses bild- und klanggewaltige Deutsch hat Tanja Baskakowa ins Russische herübergeholt und dort geborgen, in seinen eigenen Strukturen, Wörtern und Worthöfen, Klängen und Rhythmen. Wie geht so etwas? Hubert Fichtes Antwort – erwartungsgemäß, denn sein Thema ist der Körper und die in ihm abgelagerte Gewaltgeschichte – würde lauten: Vivisektion. Wenn er die mit der Regiearbeit vergleicht, lässt sich mit Leichtigkeit der Übersetzungsprozess mit-lesen: »Irene und mir schneidet er, ohne die Nervenbahnen zu unterbrechen, Muskeln und Sehnen heraus, bis wir nur noch ein Gerüst aus Knochen und Sensibilität sind, und er setzt uns – Schamane und Akutotrinker in einem – aus durchsichtigem Harz neues Fleisch und neue Häute ein.« In einem unendlich feinfühligen und präzisen Prozess bewahrt Tanja Baskakowa die Nervenbahnen des Ausgangstextes, Knochen und Sensibilität, also Spannung, Haltung, Bild und Stimmung, aber Fleisch und Häute, Muskeln und Sehnen – die Wörter, die Satzstrukturen, die Klänge – spendet das Russische. Und neben stabilem Handwerkszeug (Wissen, Kenntnisse, Recherche) braucht sie dafür immer auch ein wenig Schamanentum und Zauberei, also intuitive Fantasie und Übersetzerwagemut.
Gespeist und befeuert wird diese Fantasie auch durch den Blick auf die in der Literatur gezeigten Dinge. Tanja Baskakowa ist ihren Autoren immer nachgereist – nach Bamberg, in die Lüneburger Heide, nach Hamburg und Lübeck, nach Bornholm, Görlitz, Darmstadt und an viele andere Orte. Hat geschaut, geschmeckt, gelauscht und geschnuppert, um mit allen Sinnen, mit Haut und Haar die Texte, ihre Gegenstände, die Bedingungen ihrer Entstehung in sich aufzunehmen. In diesem beharrlichen Nachspüren, einer Art übersetzerischer Feldforschung der Sinne, zeigt sich ein weiteres Mal Tanja Baskakowas Perfektionismus.
Die Übersetzerin als Feldforscherin! Wie gut passt hier das Bild der Ethnologin, wieder geborgt aus dem Werk von Hubert Fichte. Michael Lentz nennt ihn einen »Meister des ethnologischen Blicks, der Fremdwahrnehmung zur Selbstwahrnehmung werden lässt (und umgekehrt) – und das macht ihm keiner nach – bis heute.«
Was Tanja Baskakowa – Übersetzerin, Herausgeberin, Publizistin, Spracherfinderin, Wissenschaftlerin, Redakteurin – an Wahrnehmungsperspektiven in der russischsprachigen Literaturlandschaft entfaltet, was sie an Schätzen auffindet und nachbildet: »Kupfernickel, Mißpickel, Koboldblüte, Pfefferfraß, Stahlkies« (aus Jean Pauls Raritätenkabinett in den Flegeljahren), und wie sie das tut: akribisch, höchst engagiert, immer mutig, ja übermutig – das macht ihr auch keiner nach! Auch in Zukunft nicht! Dafür wollen wir ihr danken und sie rühmen, preisen und ehren. Und nun, mit den Worten von Hans Pleschinski: »Das Leben, nach Möglichkeit, ein Fest.« Heute gibt es die Möglichkeit. Feiern wir unsere Preisträgerin! Herzlichen Glückwunsch, liebe Tanja!