Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The Friedrich Gundolf Prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Tatiana Baskakova

Tatiana BaskakovaTatiana Baskakova

Translator
Born 26/5/1957

Friedrich-Gundolf-Preis 2020
Laudatory Address by Christiane Körner
Acceptance Speech by Tatiana Baskakova

Einen großem Teil der modernen deutschsprachigen Literatur, der heute in Russland zu lesen ist, hat Tatiana Baskakova dorthin gebracht...

Jury members
Günter Blamberger, László Földenyi, Daniel Göske, Claire de Oliveira, Marisa Siguan, Stefan Weidner und Leszek Żyliński

 

Verehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

Meine deutsche Freundin erzählte mir von ihrer Tochter, einer Ethnographin, die im Benin arbeitete und erst nach vielen Jahren entdeckte, dass die Familien dort ihre Kinder tauschen – die Menschen werden Adoptiveltern für fremde Kinder. Sie bezeichnete dieses Phänomen als Wahlverwandtschaften und nahm an, dass es ursprünglich zur Festigung friedlicher Beziehungen in einer Gesellschaft diente, die im 19. Jahrhundert Schauplatz unzähliger Fehden war: „Das Abgeben und Tauschen von Kindern schaffte Allianzen, die zu Befriedung und Sicherheit beitrugen.“ Sie wurde ebenfalls Adoptivmutter für einen Beniner Jungen – er blieb in Benin wohnen, aber besuchte sie in Deutschland, sie bezahlte seine Schulausbildung, und dann studierte er in Deutschland und wurde Geograph ...

Ich erzähle Ihnen davon, weil das Leben dieses Jungen aus Benin – heute längst ein erwachsener Mann – mich an mein eigenes Leben erinnert. Auch ich wurde in einer für mich schweren Zeit, in den harten 1990er Jahren, als ich gerade mit dem Übersetzen begann, in eine fremde Familie aufgenommen, die deutsche. Wer mich zu sich aufnahm, war ein toter Deutscher, zu diesem Zeitpunkt kannte ich keinen einzigen lebenden Deutschen. Aber was heißt – tot? Seine Stimme wurde für mich lebendig, freundschaftlich, tauschte sich mit meiner Stimme aus, sie war ironisch und manchmal böse und überheblich, meist aber – sehr zärtlich. Der Mann heißt Arno Schmidt. Seine Zärtlichkeit galt vor allem der Lüneburger Heide, ihren Bäumen und Winden, von denen er eine als Windin bezeichnete. Manchmal aber verströmte sich seine Zärtlichkeit auch auf mich persönlich. So zum Beispiel, als er erzählte, dass ins Elysium nicht nur Dichter und Philosophen kommen, sondern auch einige Leser. „Gewiss“, sagte er, denn „um einen Dichter recht zu kennen, bedarf es vieler Dinge: viel Liebe, viel Wissen, viel geduldiges Suchen. ... Immer wird beim Leser der Wunsch bestehen, auch die Persönlichkeit kennenzulernen; vom Buch zum Dichter vorzustoßen, um ihm noch näher, noch vertrauter zu werden. Um ein ganz wunderliches Freundschaftsverhältnis über die Jahrhunderte hinweg entstehen zu lassen.“ Und dann sagte er, so schien mir, was er von meinem Wunsch hält, Übersetzerin zu werden: „So scheint es denn als erste Voraussetzung nötig zu sein, den wirklichen Bruder im Geiste zu finden. Jede andere Bemühung wird stets zum Scheitern verdammt sein.“

Er machte mich auch mit einigen seiner „Brüder im Geiste“ bekannt, weil ich tatsächlich sehr gern verstehen wollte, wovon er spricht: Warum er zum Beispiel, als er die wichtigsten Ereignisse seines Lebens aufzählt, sagt, dass er in den Schützengräben gesessen und, übergangslos, dass er die Hand Alfred Döblins gedrückt habe. Oder warum er so begeistert ist von Hanns Henny Jahnn, dessen Namen ich nie gehört hatte und dessen Bücher ich in Moskau nicht mal auf Deutsch auftreiben konnte. Ich bat damals, dass man mir aus Deutschland wenigstens irgendeinen Text von Jahnn schickt, und bekam eine schlechte Photokopie – sie sah aus wie der russische Samizdat – des Stücks „Pastor Ephraim Magnus“, eines schrecklichen, fiebrigen, sehr ehrlichen, des ersten gedruckten Werks eines Schriftstellers, der niemandem gleicht und kein Tabu gelten lässt. Döblin wie Jahnn, und auch Hans Wollschläger, den mir ebenfalls Arno Schmidt geschenkt hat, wurden zu meinen Lieblingsautoren, aber ich hatte – wie sonderbar das auch klingt – das Glück, dass sich die Chance, Jahnns „Fluss ohne Ufer“ zu übersetzen und zu veröffentlichen, erst nach langen Jahren bot, als ich schon all seine publizierten Werke kannte und einen Teil davon übersetzt hatte. Später entdeckte ich für mich auch andere deutschsprachige Autoren, schon ohne den Hinweis von Schmidt, z.B. Reinhard Jirgl, den ich nicht weniger schätze als den von ihm (und mir) geliebten Döblin, oder den zaubermächtigen Jean Paul.

Die ersten lebendigen, heutigen Deutschen, mit denen ich bekannt wurde, kreuzten erstaunlicherweise selbst bei mir auf, in meiner Moskauer Wohnung, und auch das passierte dank Arno Schmidts. Damals, im Jahr 2003, sollte Russland Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Diese paar Leute, Übersetzerinnen aus dem Russischen, wollten zur Eröffnung der Buchmesse einen Film über deutsche und russische Übersetzer machen, und mich wollten sie kennenlernen als die Übersetzerin von Arno Schmidts „Steinernem Herz“. Diese Leute sind bis heute meine Freunde.
Dank ihrer fuhr ich zum ersten Mal nach Deutschland und war später oft dort, und ich fand in diesem Land auch andere Freunde, echte und verlässliche, und einige von ihnen, nur wenige, wurden mir überhaupt zu den vertrautesten Personen. Ich bin all meinen deutschen Freunden dankbar, und den wenigen, deren Namen ich jetzt nicht nenne, grenzenlos dankbar. Vor allem für ihre auf gegenseitiger Offenheit fußende Freundschaft und immerwährende Hilfsbereitschaft. Für die zahllosen Stunden, in denen wir unsere Lebensprobleme und, öfter noch, solche Probleme besprachen, die sich beim Übersetzen deutscher und russischer Texte stellen. Für die gemeinsamen Reisen. Für die Lüneburger Heide und Köln, Hessen und Hamburg und Rheinlandpfalz, für das Schlesien des jungen Schmidt und die Fränkische Schweiz Hans Wollschlägers, für Bamberg und München und für Berlin mit seinen für mich überraschenden Schrebergärten, selbst für das dänische Bornholm, wo Jahnn seinen „Fluss ohne Ufer“ schrieb. Und für die Ausflüge in einige russische Städte.

Diese Begegnungen mit deutschen Büchern und deutschen Menschen waren alle ganz zufällig. Aber ich hatte das Glück, beizeiten zu begreifen, dass es glückliche Zufälle sind, und darum bleiben ihre glücklichen Folgen bis heute bestehen.
All das sind nichts anderes als Beispiele von „Wahlverwandtschaften“. Aber auch in Russland fußt ja mein Leben auf „Wahlverwandtschaften“, und unter den Menschen, mit denen ich befreundet bin oder denen ich einfach begegne, gibt es auch solche, die inzwischen die von mir übersetzten Autoren mögen und die jetzt, beispielsweise, fragen, ob ich nicht noch etwas von Reinhard Jirgl übersetzen will – obwohl Jirgls einziger Roman, den ich übersetzt habe, vor über zehn Jahren erschienen ist.
Hubert Fichte hat einmal die Welt der deutschen Literatur als „Wahlverwandtschaften über die Generationen und zum Nachbarn“ beschrieben.

Mir sind, infolge der zufälligen Begegnungen und des sich allmählich bildenden Systems von Wahlverwandtschaften, beide Deutschlands heimatlich geworden – das heutige Land dieses Namens und der viel umfänglichere Raum der deutschsprachigen Literatur.
Dieses „himmlische Deutschland“ hat, meine ich, keine Grenzen oder kennt zumindest keine Visa, und darum kann man ins heutige reale Deutschland u.a. auch auf diesem Weg gelangen – durch den Raum des Imaginären, den Raum der deutschen Literatur.
Die deutschen Dichter, die in Schmidts Elysium wohnen (das natürlich nicht nach Nationalitäten geordnet ist, sondern wieder nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft), können sich, meine ich, überall frei bewegen.
Aber wenn viele von ihnen auch am Himmel Russlands erscheinen, dann nur wie Hans Christian Andersons wilde Schwäne – „wie die großen Vögel ohne Stimme!“.
Um den Schwänen ihre menschliche Gestalt und die Fähigkeit zur menschlichen Rede zurückzugeben, nimmt das Mädchen aus Andersons Märchen eine lange und mühselige Arbeit auf sich – es muss für jeden von ihnen aus Brennnesseln ein Zauber-Panzerhemd weben.
Dieses Mädchen hatte elf Brüder. Der Übersetzer, so wie dieses Mädchen, kann nicht alle wilden Schwäne retten, nur ein paar, die ausgewählten, geliebten – seine Brüder und Schwestern im Geist. Ich weiß nicht, wie groß ihre Zahl sein kann – sieben oder elf, oder noch ein paar mehr.

Auf jeden Fall werden sie wenige sein – weil man für jeden lange und sorgfältig arbeiten, ein Zauberhemd aus russischen (oder anderen) Wörtern weben muss. Und es kann passieren, dass der Übersetzer, wenn er das irdische Leben verlässt – so, wie es bei diesem Mädchen war – seine letzte Arbeit nicht mehr zu Ende bringt.
Was soll ich sagen? Es bleibt nur, dieses – auf der Erde gewöhnliche – Los zu akzeptieren. Den eigenen bescheidenen Platz in der Sorge für unseren gemeinsamen imaginären Raum.
Dieser Raum des Imaginären, das sich in Gestalten verwandelt hat, ist offen, ansprechbar, wie Paul Celan es einmal ausgedrückt hat, gastlich und wichtig für alle, so wie einmal das Territorium des Tempels wichtig war, auf dem man immer, selbst im Krieg, einen Schutz, eine letzte Zuflucht finden konnte.

Zu meiner Jugendzeit wollten viele Erwachsene aus meiner Umgebung nichts von Deutschland und den Deutschen hören, die man ausschließlich als Feinde darstellte. Als ich erwachsen wurde, hatte sich diese Situation radikal geändert. Wahrscheinlich unter anderem darum, weil sehr viele Menschen, besonders die jungen, nicht ohne deutsche Bücher, die deutsche Musik, deutsche bildende Kunst, deutsches Kino und Theater auskommen konnten und wollten.
In den letzten Jahren scheinen die russischen Autoritäten zu glauben, man könne die russische Kultur entwickeln und propagieren, ohne sich um ihre Verbindungen zur Weltkultur zu kümmern. Und wieder wird auf jede erdenkliche Weise der Abgrund betont, der angeblich Russland und den Westen, die russischen und die europäischen oder amerikanischen Werte trennt. Das ist eine üble Situation, die eine negative Wirkung auf die russische Kultur im Ganzen wie auf die Psychologie der Menschen und insbesondere die Situation derer hat, die Literatur übersetzen. Doch trotz allem, in Russland erscheinen übersetzte Bücher. Das geschieht in der Regel dank der Unterstützung, die den russischen Verlagen oder Übersetzern – wenn wir von Übersetzungen aus dem Deutschen sprechen – von Deutschland, der Schweiz oder Österreich gewährt wird. Und heute möchte ich Deutschland danken ... Aber ich sage es besser konkreter: Ich danke dem Goethe-Institut in Moskau, dem Deutschen Übersetzerfonds, dem Literarischen Colloquium Berlin und ganz persönlich Jürgen Jakob Becker, der so viel Liebe in die Arbeit mit jungen Übersetzern steckt, und auch dem Übersetzerkollegium in Straelen – für jene gewaltige und beständige Unterstützung, die sie sowohl den deutschen Übersetzern wie den Übersetzern deutschsprachiger Literatur aus vielen anderen Ländern und speziell wohl allen russischen Übersetzern aus dem Deutschen leisten.

Ich bin der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sehr dankbar für jene beständige Unterstützung, die sie den bedeutendsten, wenn auch nicht immer populärsten zeitgenössischen deutschen, aber keineswegs nur für Deutschland wichtigen Schriftstellern gegeben hat, und natürlich für die Aufmerksamkeit für mich persönlich; ich möchte auch meiner Laudatorin Christiane Körner danken, und allen, die im Saal sind.
Ich danke Ihnen!