Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The Friedrich Gundolf Prize is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €20,000 since 2013.

Hiroshi Yamamoto

Germanist

Feinsinnig und mit genauem Blick hat er in zahlreichen Veröffentlichungen Autorinnen und Autoren wie Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Herta Müller, Marion Poschmann und Ann Cotten in Japan bekannt gemacht. Viele von ihnen sind durch seine Arbeiten erstmals der japanischen Leserschaft vorgestellt worden.

Jury members
Günter Blamberger, László Földenyi, Daniel Göske, Claire de Oliveira, Marisa Siguan (Vorsitz) und Anja Utler.

Laudatory Address by Christine Frank

Lautes Lachen in aller Stille

„Das Mädchen aus der Fremde“ hat Friedrich Schiller ein vor genau 230 Jahren verfasstes Frühlingsgedicht überschrieben, das er ab 1800 als Prooimion der ersten und allen weiteren Ausgaben seinen gesammelten Gedichten vorangestellt hat. „Mit jedem jungen Jahr“, so heißt es dort, erscheint „das Mädchen aus der Fremde“ „in einem Tal bei armen Hirten“ und bringt „Blumen mit und Früchte,/ Gereift auf einer andern Flur,/ In einem andern Sonnenlichte,/ In einer glücklichern Natur.“ Mit diesen Gaben bereichert „das Mädchen aus der Fremde“ die karge deutsche Kulturlandschaft. Ihre Herkunft bleibt ebenso unerkannt wie ihr Verbleib: „Und schnell war ihre Spur verloren,/ Sobald das Mädchen Abschied nahm.“ Es ist ein intrikater Text, der die befruchtende Leistung der Kulturvermittlung ins Ausland ebenso anerkennt wie er sie lässig auch wieder ausblendet.

„Mit jedem neuen Jahr“ kommt Friedrich Gundolf zu Ihnen, der sich einst als Shakespeare-Übersetzer bei Stefan George einführte und schließlich zu dessen „Lieblingsjünger“ wurde. Gundolf blieb orientiert an den Großen der Weltliteratur und der Weltgeschichte. In zahlreichen Werken widmete er sich, wie bekannt, Caesar und Shakespeare, Paracelsus und Goethe, „Dichter[n] und Helden“, so der Titel eines seiner vielen Bücher.

Derjenige, der in diesem „jungen“ Jahr zu Ihnen kommt, um mit dem in Gundolfs Namen vergebenen Preis für die Vermittlung deutscher Kultur ins Ausland geehrt zu werden, ähnelt eher dem „Mädchen aus der Fremde“ als Friedrich Gundolf. Nichts liegt ihm ferner als Gundolfs Hingabe an den Typus „Superman“, dessen „Hero-Worship“ der amerikanische Dramatiker Eric Bentley bereits 1944 als Problem des Jahrhunderts diagnostiziert hat, und dies mit gutem Grund.

Wohl keiner, der sich je der Erforschung und der Vermittlung der deutschsprachigen Literatur verschrieben hat und der für seine dabei erbrachten hervorragenden Leistungen mit dem Gundolf-Preis ausgezeichnet wurde, ähnelt dessen Namensgeber weniger, erscheint weiter von ihm entfernt als der diesjährige, aus der Fremde Japans zu uns gekommene, Preisträger Hiroshi Yamamoto.

Mit ihrer Entscheidung, Hiroshi Yamamoto in diesem Jahr mit dem Friedrich-Gundolf-Preis auszuzeichnen, hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine ganz besondere Wahl getroffen. Es ist die Entscheidung für eine andere, unauffälliger in Erscheinung tretende Art der Kulturvermittlung, die nun schon über viele Jahre hinweg kontinuierlich erfolgt, aber eher im Verborgenen geschieht. Yamamoto sucht die „Dichter“ auf, scheut aber das Glanzlicht der

„Helden“. Mit Können und Beharrlichkeit sammelt und übermittelt er „Blumen und Früchte“, wobei man seine Spur leicht wieder aus den Augen verliert, wenn man nicht genau hinschaut.

Genauem Hinschauen hingegen ist es zu verdanken, dass Ilma Rakusa, wie ein tüchtiger Vorstehhund, Yamamotos Spur aufgenommen, aufgemerkt und innegehalten und die Kommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung auf das Wirken von Hiroshi Yamamoto hingewiesen hat.

Wer ist Hiroshi Yamamoto? In der deutschsprachigen wikipedia finde ich

Hiroshi Yamamoto (Leichtathlet) (* 1928) Hiroshi Yamamoto (Politiker) (* 1954) Hiroshi Yamamoto (Bogenschütze) (* 1962) Hiroshi Yamamoto (Komiker) (* 1978)

Hiroshi Yamamoto (professioneller Shogi Spieler) (*1996) ausserdem noch in anderen wikipediae

Hiroshi Yamamoto (Radsportler) Hiroshi Yamamoto (Schauspieler) Hiroshi Yamamoto (Schriftsteller)

Hiroshi Yamamoto (Mitglied der Yakuza)

Ich finde nicht: Hiroshi Yamamoto (*1965), ordentlicher Professor und ehemaliger Dekan an der Waseda-Universität in Tokyo, Germanist und Übersetzer zahlreicher Werke aus der deutschsprachigen Literatur vornehmlich des 20. und 21. Jahrhunderts.

Im vergangenen Frühjahr hat Angus Nichols den letztjährigen Friedrich-Gundolf-Preisträger Rüdiger Görner mit Recht als Brückenbauer zwischen den Kulturen gewürdigt. Ist auch Hiroshi Yamamoto ein solcher Brückenbauer zwischen den Kulturen Deutschlands und Japans? So wichtig und wertvoll das Brückenbauen gerade heutzutage ist – als Brückenbauer lässt sich Hiroshi Yamamoto nicht bezeichnen. Eher wohl als einer, der zur Gattung der Maulwürfe gehört, wie sie Ilse Aichinger und Günter Eich der deutschsprachigen Literatur hinterlassen haben.

Es gibt einen berühmten Spruch, den hoffentlich auch heute noch jede und jeder in der Schule zu hören bekommt:

Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Als Günter Eich diesen Weckruf 1950 formulierte und mit seinem Hörspiel Träume über das Radio in ganz Deutschland verbreitete, war Hiroshi Yamamoto noch nicht geboren. Und dennoch scheinen diese Worte bis nach Japan gereicht zu haben, scheinen auch dort zu einem unbequemen Leitspruch geworden zu sein, den sich Yamamoto unbeirrbar und unbestechlich zu eigen gemacht – und sein Lebenswerk daran ausgerichtet hat.

Was er übersetzt, worüber er schreibt, sind zumeist nicht die kanonischen Dichter, nicht die großen Autoren, nicht die Helden der deutschen Literatur und der Geschichte. Es sind die unbequemen Sänger, es sind die, die gegen den Strom schwimmen, wider den Stachel löcken. Es sind nicht die angepassten, gefälligen, sondern die, die Lieder singen, die man aus ihrem Mund nicht erwartet.

Die große Leistung Yamamotos ist es, ebenso unauffällig wie nachdrücklich einen Gegenkanon zu der in Japan bereits lange etablierten großen deutschsprachigen Literatur nach Japan geschmuggelt zu haben, wie es ihn in diesem Umfang, in diesem Ausmaß, in dieser Fülle und Qualität in anderen großen Auslandsgermanistiken nicht gibt, vor allem nicht aus der Feder, in den Worten und mit der Stimme eines Einzelnen.

Die japanische Germanistik hat eine große Tradition des Übersetzens, wobei die kanonischen Werke der deutschsprachigen Literatur von Goethe und Kleist über Kafka bis Celan meist in mehreren vollständigen Ausgaben vorliegen.

Ich darf an dieser Stelle an Tomio Tezuka erinnern, den ersten und bisher einzigen Gundolf-Preisträger aus Japan, der 1982, ein Jahr vor seinem Tod im Alter von 80 Jahren mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. 1903 geboren, gehörte Tezuka zur ersten Generation jener großen Germanisten Japans, die Hölderlin, Rilke und Heidegger ins Japanische übersetzt haben. Tezuka hat Heidegger sogar 1954 in Freiburg besucht und ein langes Gespräch mit ihm geführt, das Heidegger wenig später unter dem Titel „Aus einem Gespräch von der Sprache“ mit dem Untertitel „Zwischen einem Japaner und einem Fragenden“ in seinem Band Unterwegs zur Sprache veröffentlichte – allerdings ohne Tezuka beim Namen zu nennen.

Im Gegensatz zu seinen berühmten Kollegen hat sich Hiroshi Yamamoto als Full Professor für Germanistik an einer der führenden – und immer ein wenig als progressiv geltenden – Privatuniversität des Landes, der Waseda Universität, an der auch Yoko Tawada studiert hat, nicht den schon etablierten Klassikern verschrieben. Er hat sich vielmehr den anderen Stimmen der deutschen Literatur zugewandt und in seiner Sprache deren unbequeme „Lieder“ gesungen, wie es Günter Eich einst angemahnt hatte. Die meisten von ihnen sind seine Zeitgenossen (gewesen).

Die Liste der Werke, die Yamamoto mit unermüdlichem Fleiß in Übersetzungen und wissenschaftlichen Abhandlungen zum Teil erstmals in Japan vorgestellt hat, ist lang; ich kann hier nicht alle Autorinnen und Autoren nennen:

Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Volker Braun, Bertolt Brecht, Ann Cotten, Friedrich Christian Delius, Günter Eich, Gerhard Falkner, Rainald Goetz, Günter Grass, Franz Grillparzer, Durs Grünbein, Christoph Hein, Wolfgang Hilbig, Felicitas Hoppe, Uwe Johnson, Gert Jonke, Thomas Kling, Thomas Kunst, Katja Lange-Müller, Herta Müller, Yves Netzhammer, Hans Erich Nossack, Oskar Pastior, Ulrich Peltzer, Marion Poschmann, Doron Rabinovici, Monika Rinck, Kathrin Röggla, Arno Schmidt, Marlene Streeruwitz, Peter Waterhouse, Josef Winkler.

Dazu kommen 12 eigenständige Bände mit Übersetzungen aus dem Deutschen ins Japanische. Sie umfassen Werke von Ludwig Tieck, Alfred Döblin, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Ana Novac, Thomas Bernhard, Herta Müller und Josef Winkler. Auch hier gilt, dass Yamamoto – beispielsweise mit der Übersetzung von Ana Novac – vielfach Pionierarbeit geleistet hat.

So hat er beispielsweise schon früh das Werk von Herta Müller in Japan bekannt gemacht. Seine Übersetzung von „Der Fuchs war schon damals der Jäger“ erschien bereits 1997. Nach der Nobelpreisverleihung übersetzte Yamamoto dann weitere Texte Herta Müllers, „Niederungen“ (2010) und 2011 „Atemschaukel“. Das zuletzt genannte Werk inspirierte Yamamoto dann auch zu einer weiter reichenden Auseinandersetzung mit der sogenannten Lagerliteratur.

Yamamotos literaturwissenschaftliche Arbeiten bestechen durch ihre ungewöhnlichen Perspektiven wie durch ihre unvergleichliche Lakonie und sprachliche Treffsicherheit, was sich häufig schon den Titeln seiner Beiträge ablesen läßt wie zum Beispiel: „Blick unter den Rock und Leichen im Keller“ (zu Wolfgang Hilbig und Günter Grass); „Der Engel des Verschwindens im Kristallgitter“ (zu Ilse Aichinger und Gert Jonke); „Hohn-ich-Protokoll. Idiotische Dekonstruktion des Subjekts bei Monika Rinck“ oder „Haiku und Waka als Polaroid“ (zu Delius, Grünbein und Kling).

Dabei hat Yamamoto eine ganz eigene Ausdrucksweise entwickelt, die nie die Sprache seiner AutorInnen und Autoren imitiert. Seine Texte sind von einem gleichmäßigen Rhythmus getragen, immer in derselben Tonlage verfasst, dabei reich an Attributen und zugleich voller understatement. So bezeichnet er beispielsweise Kathrin Röggla als „Innenarchitektin des Junk space“, spricht in einem Vortrag über Thomas Kunst von den „Rückständen der Fortschrittsgeschichte“ oder sagt von Lafcadio Hearn, er habe mit seinem Werk „unauslöschliche Stichspuren im kollektiven Gedächtnis

hinterlassen“. Über Ann Cottens „Katakanien“ Listen meint Yamamoto, „in dieser grafischen Sammlung im Manga-Stil sind die Zeichen wie Badende am Strand über die ganze Bildfläche verstreut.“ Und Gert Jonkes literarisches Programm beschreibt er als Verfahren, „mit Wörtern und Sätzen wie mit Zaunpfählen und Zäunen einen Bereich ein[zu]kreis[en]“. Mit solchen Sprachbildern wird bei Yamamoto Sprache immer wieder vergegenständlicht, anschaulich gemacht, wie überhaupt die Interferenz von Akustischem und Visuellem in der Sprachkunst Yamamoto ebenso fasziniert wie das Spiel mit und das Überschreiten von Sprachgrenzen.

Erst in jüngster Zeit lässt sich Yamamoto durch Yoko Tawada, Marion Poschmann oder Ann Cotten häufiger verführen, den von ihnen produzierten Texten im japanisch-deutschen Zwischenraum nachzugehen. Als einer der wenigen hat er dem unaussprechlichen Mammutwerk Jikiketsugaki.

Tsurezuregusa von Ann Cotten eine kongeniale Analyse gewidmet und sich andererseits intensiv mit der von Tawada und Poschmann gemeinsam herausgegebenen Anthologie Eine raffinierte Grenze aus Licht zeitgenössischer japanischer Dichtung in Übersetzungen deutscher AutorInnen beschäftigt.

In seiner Analyse eines Gedichts aus diesem Band zieht Yamamoto dann zur Erörterung der Problematik des Nachdichtens auf fast schon provokante Weise auch frühere Konzeptualisierungen aus ganz anderen sprachlichen und ideologischen Zusammenhängen mit heran, nämlich von Gregor Laschen 1999, Rainer Kirsch 1976 und Franz Fühmann 1969. Sie werden von Yamamoto im Kontrast zu Aussagen von Ilma Rakusa aus dem Jahr 2005 und Lea Schneider aus dem Jahr 2017 gesetzt. Unkonventionell, aber sachlich inspirierend lässt Yamamoto so aus dem großen Fundus seines literarhistorischen und literaturtheoretischen Wissens Positionen aufeinandertreffen, die in jedem Fall auf die Lesenden anregend wirken – und sei es nur dadurch, dass sie dabei immer wieder mit ihnen bisher unbekannten „Blumen“ und „Früchten“ beschenkt werden.

Hiroshi Yamamoto, der Maulwurf im besten Sinne, ist ein Aufwühler, ein Vermittler, der die deutsche Sprache selbst in die Hand nimmt, der sie belebt, verlebendigt, aufbricht und bearbeitet, der wiederholt und durcharbeitet.

Er ist ein Vermesser, ein Gradmesser, wenn auch keineswegs ein Begradiger, im Gegenteil: Gerade alles, was Widerständigkeit, was Sprachwitz und Aberwitz aufweist, Spitze und Aktualität, ist ihm willkommen, wird durchgelassen, passiert – um ein Zitat von Ilse Aichinger zu gebrauchen.

Wer also von Yamamoto übersetzt oder in einem Aufsatz besprochen und damit dem großen Sprachraum japanischer LeserInnen zugänglich gemacht wird, der hat die Probe bestanden. Yamamoto baut keine Brücken, bei ihm werden Schreiben wie Übersetzen zur Passage – und damit zum Ereignis.

Bescheidenheit und Unauffälligkeit, Unermüdlichkeit und Präsenz, Leselust und Beharrlichkeit, lautes Lachen in aller Stille kennzeichnen seinen Weg, dessen Spur wir – zum Glück – lesend und wiederlesend verfolgen dürfen und ab heute sicher nicht mehr aus den Augen verlieren werden.

Wir danken Hiroshi Yamamoto für diese lebenslange Anstrengung, die er hoffentlich noch lange fortsetzen wird.

Wir danken der Deutschen Akademie für die Entscheidung Yamamotos große Leistung durch die Auszeichnung mit dem Friedrich-Gundolf-Preis anzuerkennen – ihn auszuzeichnen nicht als Verehrer der Dichter und Helden, nicht als Brückenbauer, wohl aber als einen, der die Erde fruchtbarer macht, indem er die deutsche Literatur von Japan aus immer wieder neu aufwühlt.