Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Susanne Lange

Susanne Lange

Übersetzerin
Geboren 5.7.1964
Mitglied seit 2014

Johann-Heinrich-Voß-Preis 2009
Laudatio von Martin von Koppenfels
Dankrede von Susanne Lange
Urkundentext

Susanne Lange, die ihre vielseitige Übersetzungskunst ebenso wie ihre philologische Kennerschaft in den Dienst der lateinamerikanischen und spanischen Literatur stellt.

Jurymitglieder
Kommission: Ralph Dutli, Joachim Kalka, Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Michael Walter

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Worte im Schwebezustand belassen

Sehr geehrte Damen und Herren,

lange habe ich überlegt, wie ich bei diesem Dankesritt mein Pferd aufzäumen könnte, denn auch Sancho Panza mit seinem Füllhorn voller Sprichwörter weiß: Eine ungezäumte Zunge tut mehr Schaden als ein Pferd ohne Zaum, und mancher meint sich schon im Sattel und hat noch keinen Fuß im Bügel. Aber mit dem Ritter und seinem Knappen zu beginnen, hieße, das Pferd vom Schwanz aufzäumen. In den letzten sechs Jahren konnte ich allerdings die Erfahrung machen, dass es auf Erden wenig gibt, was nicht mit Don Quijote und seinem Knappen zu tun hat. Man könnte sogar meinen, dieses Gespann aus Unfug, wie es bei Cervantes heißt, habe bei allem die Hand im Spiel. Ja, das Pärchen scheint sogar Sinnbild für die Nöte und die paradoxe Situation der Übersetzer zu sein, denn während Don Quijote allein dem hehren Ruhm entgegenstrebt, fragt sich sein Knappe Sancho unentwegt: »Wo schlafen wir heute nacht?« »Was essen wir heute mittag?« Und klagt nicht auch schon das Ritterross Rocinante zu Beginn: »Man isst fast nie und plagt sich ohne Ende«?
So weltumfassend ist der Roman, dass ich das Gefühl habe, ich hätte im Grunde schon immer auf den Don Quijote zuübersetzt (und tatsächlich gibt es ein Foto, auf dem ich ein paar Wochen alt bin und vor Picassos Quijote-Gemälde posiere).
Bei meinem ersten Projekt hatte ich mich – ohne Vertrag und ohne auf die Warnrufe eines vernünftigen Knappen zu hören – auf das Übersetzen gestürzt wie Don Quijote auf die Riesen, worüber Sancho bekanntlich meckert: »Eben das macht mich so fuchsig, [...] dass mein Herr sich immer auf hundert gerüstete Mannen stürzt wie ein leckermäuliger Bub auf ein halbes Dutzend Wassermelonen.« In meinem Fall war der Brocken von Riese ein neunhundert Seiten langer mexikanischer Roman, den vor allem enzyklopädische, surrealistische Wortballungen ausmachen: Fernando del Pasos Palinurus von Mexiko. Und neulich fiel mir eine damalige Rezension von Wilfried F. Schoeller in die Hände, in der ich erstaunt las: »Selbstverständlich ist dieser Palinurus vom Stamme des Don Quijote.«
Mein Weg führte mich also in einem weiten Bogen über Lateinamerika und seine Literatur zu Don Quijote, denn, wie Sancho Panza sagen würde: Auf dem Weg, den viele gehen, wächst kein Gras, oder: Der längste Weg ist oft der kürzeste. Und vielleicht war dieser Anritt also sinnvoller, als man denken mag. Denn wenn man noch ein Stückchen weiter zurückgeht, zu Kolumbus nämlich, dann ergeben sich enge Verbindungen zwischen der modernen lateinamerikanischen Literatur und Cervantes’ Romanwelt. Die Spanier, die 1492, unvermutet über Amerika stolperten, fanden kaum Worte, um die neue Wirklichkeit zu beschreiben, und Kolumbus konnte in seinem Bordtagebuch zum Vergleich nur die von Don Quijote so geliebten Ritterromane anführen. Während Don Quijote also in einer Welt agierte, in der die Phantastik der Ritterromane an der nüchternen Wirklichkeit zerschellte, entdeckte man jenseits des Atlantiks eine Realität, die sich anscheinend nur nach solch magischen Gesetzen erklären ließ, sozusagen das Terrain, in dem sich Don Quijote hätte zu Hause fühlen können. Und noch ein Band gibt es, das Lateinamerika mit Cervantes verbindet: die Sprache. Die Eroberer nahmen ihr barockes Spanisch mit auf die Reise, das sich jenseits des Meeres ansiedelte, ganz eigene Wege ging und zum Teil über die Jahrhunderte hinweg einen Wortschatz bewahrte, der in Spanien schon archaisch geworden war. So wirkte durch meinen Weg über Lateinamerika Cervantes’ Sprache auf mich vielleicht lebendiger und moderner als auf heutige spanische Leser.
Später gesellten sich auf meiner Übersetzerlaufbahn spanische Autoren wie Carmen Laforet, García Lorca und Luis Cernuda hinzu, so dass ich mich mit einem breiten Spektrum der Gattungen und Stilebenen für den Ritter rüsten konnte. Denn es gibt wenige Schriftsteller, die einem ein weiteres Feld bieten, um sich sprachlich zu tummeln, als Cervantes, bei dem jede Figur auf ihre Weise frischen Munds vom Leder zieht. Achim von Arnim schreibt dazu: »Die Spanier haben ein eigen Talent, jedes Ding mit seinem eigenthümlichen Geruche zu bewahren und einzumachen.«
Um diesen Geruch zu bewahren, bin ich in den letzten sechs Jahren nicht nur an der Seite von Don Quijote und Sancho Panza geritten, sondern ebenso durch die deutsche Dichtung. Mein Ziel war nicht die »insula«, das oft versprochene Eiland Barataria, das Sancho schließlich guberniert, sondern die »insula germanica«, die deutsche Sprache. Dabei habe ich auf meiner Ritterfahrt vom 17. bis zum 21. Jahrhundert Wörter und Ausdrücke aufgelesen, die einerseits einem vierhundert Jahre alten Roman gut zu Gesicht stehen, andererseits auch heute noch ohne die Patina einer angestaubten Antiquiertheit leuchten können. Eine Art künstliches Barockdeutsch zu erfinden kam nicht in Frage, da dies der sprachlichen Modernität von Cervantes zuwidergelaufen wäre, bei dem die Rede nicht auf Stelzen gehen sollte. Nur, wenn Don Quijote in seinen Wahn fällt und im Stil der Ritterromane redet, darf man als Übersetzer künstlich antiquiert sein, da es auch Cervantes im Original ist, und in einer Sprache schwelgen, die Heine als eine stolze Hofdame in aufgebauschtem Seidenkleid mit rauschender Schleppe beschreibt. Doch es wäre geradezu sträflich gewesen, für das Gesamtkunstwerk des Don Quijote den reichen Wortschatz zu ignorieren, den die deutsche Literatur in den vergangenen vierhundert Jahren hat ansammeln können. Und da Don Quijote dem Aleph gleicht, das laut Borges ein Punkt im Raum ist, in dem alle anderen Punkte enthalten sind, konnte ich von Fischart und Grimmelshausen bis Robert Walser und Arno Schmidt durch die deutsche Literatur schweifen und sehen, welche Lesefrüchte auch auf cervantinischem Boden aufgehen könnten. Zum einen habe ich also kräftig selbst erfunden, zum anderen in der deutschen Dichtung gestöbert wie Don Quijote in den Ritterromanen in seinem Kopf. So kann er seinen Knappen etwa mit Thomas Mann »hobeln und rülpen«, mit Fischart kann die beiden »ein winziges Schauderlein ankommen«, wo anderen gleich »das Gesäß zu schlottern beginnt«, mit Grimmelshausen wird so manchem mit »ungeschliffenem Maul« »seine Frechheit übel eingetränkt«, Döblin scheint exklusiv für Sancho verballhornte Redewendungen bereitzuhalten, Kleist die sich allmählich beim Reden verfertigenden Gedanken des Ritters, so dass am Ende tatsächlich eine Art Zettels Traum nach Arno Schmidt steht: das unendliche Material der Übersetzung – bei dem auch die Übersetzer nicht fehlen dürfen: Denn ob Luther, Fischart, Schlegel oder Tieck und natürlich auch Voß, was sie an sprachlichem Material ins Deutsche einschmuggeln, ist unverzichtbar. Die Don Quijote-Übersetzung war also auch eine Reise durch die deutsche Sprache, eine Art Safari durch Literatur und Wörterbücher, wie sie der kubanische Autor Cabrera Infante in seinem Roman Drei traurige Tiger beschreibt (hier in der Übersetzung von Wilfried Böhringer):

»Wenn wir Bustrófedon aus den Augen verloren, dann war er [...] auf der Jagd nach Wörtern [...] in irgendeinem Wörterbuch, mit dem er sich in sein Zimmer einschloß, das er beim Essen auf dem Tisch liegen hatte und ins Bad und ins Bett mitnahm, machte auf der Jagd nach dem verborgenen Wortschatz [...] einen seiner tagelangen Parforceritte durch die Wörterbücher, die einzigen Bücher, die er überhaupt las, und er sagte auch immer [...], sie seien besser als Träume, besser als erotische Phantasien, besser als Kino. Besser als Hitchcock sogar. Denn das Wörterbuch erzeuge seine Spannung mit einem einzigen im Wörterwald verirrten Wort (nicht die Nadel im Heuhaufen, die ja leicht zu finden ist, sondern eine Nadel in einer Nadelbüchse).«

So spannend war auch meine Reise, die jedoch kein Parforceritt war, sondern eher ein genießerisches Flanieren und Staunen, was die deutsche Sprache alles bereithält. Sanchos Freude am Essen führte mich geradewegs zu Ausdrücken wie Bauchlust und Schnabelweide, Fresshals und Schmauser, denn der Knappe isst, bis ihm der Bauch strotzt, und alles, wonach ihm die Zähne wässern, Don Quijotes Verrücktheit bescherte mir Wörter wie hirnbrütig und trübetümpelig. Und ich konnte mit Cervantes schimpfen lernen und den Figuren im Deutschen Grobsack, Blotzwedel, Schwindelspind, Galgenspeck, Schelmendeckel, Sudelgruft, Bosheitendrechsler, Torheitenschleuder, Rülp und Schlotterjan an den Kopf werfen (einige davon allerdings frei improvisiert).
So habe ich im Laufe der Jahre mit meinen Fundstücken und Erfindungen ein eigenes kleines Wörterbuch für den deutschen Don Quijote zusammengestellt. Und da einen Ritter und Knappe nicht so einfach loslassen, wächst dieses Wörterbuch seltsamerweise immer noch. Manches deutsche Wort scheint Cervantes’ Figuren zudem wie auf den Leib geschneidert zu sein, etwa wenn man Don Quijote den buchstäblich »erlesensten aller fahrenden Ritter« nennen kann. Und Sanchos blindes Vertrauen in die Stärke seines Herrn, der gerade mit Weinschläuchen kämpft, die für ihn natürlich Riesen sind, darf besonders deutlich werden, wenn er stolz verkündet: »der Riese ist bestimmt schon mausetot.«
Wichtig war mir bei der Übersetzung des Don Quijote vor allen Dingen, die Worte in diesem Schwebezustand zu belassen, der verschiedene Interpretationen zulässt: Ob Dulcinea eine »feine Dame« oder eine »feine Dame« ist, das liegt im Ohr des Zuhörers, und die deutsche Sprache ermöglicht es dem Übersetzer fast immer, nicht expliziter als der Autor werden zu müssen, d.h., sprachlich nicht für den Leser entscheiden zu müssen, ob er nun bei der Bartschüssel ein Scherbecken vor sich sieht oder einen Ritterhelm. Denn genau in dieser oszillierenden Wahrnehmung liegt der Witz des Don Quijote.
Die derben Prügelszenen besitzen eine Oberflächenkomik, die heute eher verblasst ist, aber die funkelnden Gespräche zwischen Ritter und Knappe, die neunzig Prozent des Romans ausmachen, entwickeln ihren Geist allein anhand der Sprache. Deshalb möchte ich hier auch ein vehementes Votum für die Neuübersetzungen der großen literarischen Werke abgeben. Denn jede Epoche, das kann man anhand der Don Quijote-Übertragungen gut nachvollziehen, hat mit einer bestimmten Vorgabe übersetzt und sich dem Roman oft von inhaltlicher Seite genähert, etwa nach dem Motto von David Fassmann, der 1734 in seinem Vorwort schreibt: »Doch wird man sich, in diesem Werck, eben an keine ordentliche Übersetzung binden, sondern nur den Kern heraus nehmen, und die Schaalen weglassen, auf daß alles desto anmuthiger laute.« Dass aber die Schalen nicht vom Kern zu trennen sind und die Anmut nicht immer das oberste Gebot des Autors war, ist die Grundlage für heutige Neuübersetzungen, und man sollte die Chance nutzen, die Werke in ihrer Sprache genau auszuloten und diese in den Mittelpunkt zu stellen. Denn Klassiker werden heute oft als Stellvertreter ihrer selbst rezipiert, als Altbekanntes, mit dem viele nicht allzu enge Bekanntschaft geschlossen haben, da man sie im kollektiven Sinn als gelesen abhakt. Eine Neuübersetzung kann und sollte also zu einem Vertiefen in die sprachlichen Abgründe des Textes beitragen. Denn wie Don Quijote erklärt, dass der fahrende Ritter ohne Herzensdame ein Baum ohne Blatt, ein Schatten ohne Körper und ein Leib ohne Seele ist, so wäre es auch eine Übersetzung, die nicht tief in die Sprache des Autors und seiner Figuren einzudringen versucht. An dieser sprachlichen Vielschichtigkeit des Originals sollte sich auch die eigene Sprache immer wieder versuchen, d.h. sich die Werke neu vornehmen und sehen, inwiefern man ihnen gerecht wurde, und wie man ihren Ausdrucksreichtum noch besser für die eigene Literatur fruchtbar machen kann. Eine schwierige, vielleicht unendliche Aufgabe, wie August Wilhelm Schlegel sagt, die man womöglich so wenig erreicht wie Don Quijote sein Idealbild Dulcinea, zudem eine Aufgabe mit einer großen Verantwortung, denn schon Don Quijote, der im 2. Teil in einer Welt lebt, die den 1. Teil bereits gelesen hat, erklärt: »Eins [...] muss einen tugendhaften, trefflichen Mann wahrlich erfreuen, nämlich wenn er [...] sehen kann, wie er gedruckt und mit gutem Ruf und Namen in aller Munde ist und in allen Sprachen. Mit gutem Ruf und Namen, sage ich, denn ist das Gegenteil der Fall, kein Tod wäre schlimmer.« Es gibt immer Werke, die bei der Übersetzung keine zweite Chance auf Erden bekommen (was also nicht nur eine Einsamkeit für hundert Jahre, sondern für die Ewigkeit bedeuten würde). Deshalb freue ich mich umso mehr, dass die Akademie hier auch eine Neuübersetzung mit ihrem Preis ehrt.
Ich hoffe, dass die Lebendigkeit dieses seltsamen Figurenpaars den Sprung über die vierhundert Jahre geschafft hat und der Don Quijote heute als so wahr und wirklich gelesen wird, wie die Geschichte, die Sancho seinem Herrn erzählt, um ihn in dunkler Nacht davon abzuhalten, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen:

»›Also, liebster Herr [...] wie schon erzählt, war besagter Hirte in die Schäferin Torralba verliebt, das war ein strammes, sprödes Mädel, das so ein bisschen ins Männische schlug, denn wie ich sie so vor mir sehe, wuchs ihr ein kleines Schnurrbärtchen.‹ ›Dann hast du sie gekannt?‹ fragte Don Quijote. ›Ich nicht‹, antwortete Sancho, ›aber der mir die Geschichte erzählt hat, der hat mir versichert, sie sei so wahr und wirklich, dass ich beim Weitererzählen gut und gern behaupten und beschwören könne, ich hätte alles selbst mit angesehen.‹«

Ich zumindest habe das Gefühl, den Ritter und seinen Knappen mit eigenen Augen gesehen zu haben, und hoffe, dass es den Lesern ebenso geht.
Herzlichen Dank für den Johann-Heinrich-Voß-Preis.