Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Paulus Übersetzerkollegium der deutschen Thomas-von-Aquin-Ausgabe

Geboren

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1978
Laudatio von Hans Maier
Dankrede von Paulus Übersetzerkollegium der deutschen Thomas-von-Aquin-Ausgabe
Urkundentext

... den Übersetzern der ›Summa Theologica‹ des Thomas von Aquin in Würdigung ihrer hingebenden und geduldigen Mühe, das Hauptwerk des mächtigen Denkers der deutschen Bildung zu gewinnen...

Jurymitglieder
Kommission: Hans Hennecke, Hermann Lenz, Horst Rüdiger, Ernst Zinn

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Hans Maier
Geboren 18.6.1931
Philosoph und Kultusminister a. D.

Verehrter, lieber Pater Engelhardt, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat dem Übersetzerkollegium der Deutschen Thomas-Ausgabe ihren diesjährigen Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung verliehen. Sie nehmen ihn als Schriftleiter des Redaktionskollegiums stellvertretend für die beteiligten deutschen, österreichischen und schweizer Gelehrten − meist aus dem Dominikaner-, Benediktiner- und Redemptoristenorden − entgegen. Der Preis gilt nicht nur einzelnen Gelehrten, lebenden Autoren, er gilt, genau genommen, zwei, drei Generationen von Übersetzern, Herausgebern, Verlegern, die sich an dem riesigen, fast erdrückenden Werk des deutschen Thomas abgemüht haben. Und obwohl es längst noch nicht vollendet ist, mögen Sie sich doch − ein anderer, glücklicherer Sisyphus − dem Ziel ein wenig näher fühlen, nachdem runde Dreiviertel des auf fast 40 Bände veranschlagten Gesamtwerks vorliegen: ein Opus, geschaffen in stürmischen Anläufen und ermüdenden Rückschlägen, heftiger Anspannung aller Kräfte und allmählich wachsender Gelassenheit; eine Summa aus dem 13. für Leser des 20. Jahrhunderts; der Doctor angelicus in der Sprache Einsteins, Thomas Manns und Wittgensteins.
Gibt es ihn nun also, den deutschen Thomas? Wer wollte heute schon darüber ein abschließendes und gültiges Urteil fällen! Der heilige Thomas hatte es immer schwer mit seinen lieben Deutschen. Zuerst hielt Luthers unwirsches Diktum vom ›Schwatzmaul Thomas‹ im protestantischen Deutschland die Übersetzer (und die Leser) von ihm ab − jahrhundertelang. Im katholischen Deutschland wiederum hatte man kaum Anlaß, ihn zu übersetzen, man las ihn im Urtext, lateinisch − aber eben deshalb schlug er auch nicht Wurzel im heimatlichen Deutsch. Zu fern den einen, zu nahe den anderen, blieb der letzte große Magister der ungeteilten Christenheit den Deutschen nahezu ein Fremder bis ins 18., ja bis ins 19. Jahrhundert hinein − und mit ihm Sprache, Kultur, geschichtliche und soziale Wirkung des scholastischen Denkens. Es gibt kein deutsches Saint-Germain-des-Prés, nirgendwo lebt bei uns sein Geist so fühlbar weiter in Kirchen, Straßen, Plätzen, Unterrichtsformen wie in romanischen und angelsächsischen Ländern und Universitäten, in Paris und Mailand, Oxford und Löwen, Georgetown und Notre Dame. Chestertons graziöser Essai über den heiligen Thomas hat in unserer Literatur kein Gegenstück, und durch unsere Universitätsgeschichte zieht sich nur eine dünne Spur thomasischen Denkens. Scholastik − das galt in Deutschland lange, allzulange als etwas Unnatürliches, Totes, Mumienhaftes; und Novalis sprach nur ein allgemeines Vorurteil aus, als er über den Scholastiker (als Typus des rohen diskursiven Denkers) sagte: »Aus logischen Atomen baut er sein Weltall − er vernichtet alle lebendige Natur, um ein Gedankenkunststück an ihre Stelle zu setzen − Sein Ziel ist ein unendliches Automat.« (Fragmente und Studien, 1797/98)
Es war also ein langer Weg zurückzulegen zum deutschen Thomas, zu den ersten Versuchen einer Eindeutschung in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts − und die Deutsche Thomas-Ausgabe, systematisch begonnen 1932, aber ältere Vorarbeiten einbeziehend, weist alle Spuren eines wiederholten Kampfes um die endgültige Form der Aneignung auf. Da war zuerst, als auslösendes und lange nachwirkendes Moment, der Neuthomismus, die willentliche, systematische Restauration des von Thomas errichteten Lehrgebäudes − in Gang gesetzt durch Papst Leo XIII. und durch Kardinal Mercier in Belgien, begierig aufgegriffen von den deutschen Katholiken in der Zeit unmittelbar nach dem Kulturkampf. Hier geschah die Aneignung mit einem gewissen Trotz. Man rief den Zeitgeist vor die richterlichen Schranken der philosophia perennis, man bestätigte sich im Anschluß an eine internationale geistige Bewegung die im Innern des wilhelminischen Deutschland den Katholiken bestrittene wissenschaftliche Repräsentanz. Man versuchte den Aquinaten in einer Zeit der Welträtsel, Weltausstellungen, Weltkriege ganz unhistorisch gegenwärtig zu machen − als ein Monument wider die Zeit. Dann folgte die Epoche der bewußten Modernisierung. Nicht die Internationalität des Thomas wurde gesucht, sondern seine produktive, spannungsreiche Beziehung zum Nationalen, Deutschen − getreu der Parole »Heraus aus dem Turm!«, die Hochland, Bibelbewegung, Jugendbewegung ausgaben. Man entdeckte jetzt − oder glaubte zu entdecken − den schöpferischen, den originalen, den individuellen und dichterischen Thomas (Spuren dieser Sehweise reichen mit Wolfram von den Steinen bis in die Georgeschule hinein!), man hob ihn ab von der »Schule«, betonte seine unverwechselbare Eigenart und überschätzte sie zugleich. Es war die Zeit, in der man beim Versuch der Eindeutschung aus Thomas gelegentlich einen verhinderten Meister Eckhart machte und seine Nüchternheit mit hieroglyphischem Zusatz anreicherte − so in der Kröner-Ausgabe der Summa, wo affectio mit Befall, cultus mit Dienstschaft, habitus mit Habung, instinctus mit Intrieb und substantia mit Selbtragung übersetzt wird.
In den 29 Bänden der Deutschen Thomas-Ausgabe lagern diese Epochen wie Sedimente. Sie sind selbst schon ein Stück Geschichte, ein Stück Geistes- und Übersetzungsgeschichte unserer Zeit. Inzwischen sind die Hoch-Zeiten der Restauration ebenso abgeklungen wie die der Modernisierung. Herausgeber und Übersetzer arbeiten heute mit entspannteren Kräften, minder besorgt um ihre Rolle in einem internationalen oder nationalen Kontext. Sie können sich unbefangener dem Wort, der Sache widmen. Sie profitieren davon, daß das Gespräch mit Thomas unvergleichlich breiter geworden ist, als dies im 19. Jahrhundert vorstellbar schien: nahezu alle Richtungen moderner Philosophie konversieren mit dem Mann aus Aquino, die Mittelalterforschung hat sein historisches Profil erschlossen, in der modernen Wissenschaftstheorie ist er ebenso gegenwärtig wie in Rechtsphilosophie und Politik, Anthropologie und Tiefenpsychologie. Und nicht zuletzt: die Deutsche Thomas-Ausgabe ist heute nicht mehr eine katholische, eine Ordensangelegenheit allein, sie steht im Mittelpunkt eines die Konfessionen überschreitenden und zugleich verbindenden Gesprächs.
Nochmals also: haben wir ihn heute, den deutschen Thomas? Wir haben, das läßt sich nach bald 50 Jahren Arbeit sagen, zumindest die äußeren und inneren Voraussetzungen seiner noch ausstehenden Aneignung im Deutschen, nämlich Text (mit Varianten), Übersetzung, Anmerkungen, Kommentar und Register − und das ist viel, sehr viel. Darin liegt das bleibende Verdienst der Übersetzer und Kommentatoren und ihres Schriftleiters Paulus Engelhardt; und da es sich, wie gesagt, nicht allein um ein innerkatholisches Ereignis, ein Ordensereignis handelt, sondern um ein Stück Geistesgeschichte, darf, ja muß auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung davon anerkennend und dankbar Kenntnis nehmen − was mit der heutigen Preisverleihung geschieht.
Die riesige Arbeit der Übersetzung und Kommentierung war wohl nur möglich in der Strenge eines Ordens und in der Abgeschiedenheit eines Klosters − eines Klosters, das zugleich Hochschule ist, wie eben die Philosophisch-Theologische Hochschule Walberberg bei Köln. Kloster und Hochschule − das entspricht genau den Bedingungen der Ordensregel des heiligen Dominikus, die fromme Betrachtung und Studium verbindet. Es reicht aber zugleich über den Dominikanerorden hinaus. Denn Entstehung und Weltwirkung der »Schule«, die mit dem Namen des Thomas verbunden ist − sie sind auch ein Stück Ursprungsgeschichte der abendländischen Universität. Die mühsame Buchstabenarbeit der Edition und Übersetzung läßt etwas vom Geist des mittelalterlichen Lehrbetriebs erkennen, von dem alle Werke des Thomas geprägt sind, der ja ein berufsmäßiger Lehrer war. Der Werkstattbericht der Deutschen Thomas-Ausgabe hebt zu Recht die Systematisierungskraft hervor, die hinter der Aufgliederung der Summe in Teile, Traktate, Quästionen und Artikel steht: »Beim lauten Lesen der fast monoton klingenden Praeterea, des Sed contra und des magistralen Respondeo dicendum sieht man sich in einen Hörsaal der mittelalterlichen Universität von Paris versetzt und atmet etwas von der Leidenschaft und zugleich Abgeklärtheit einer akademischen Disputation.« Disputation − wissen wir, daß wir, wenn wir lesen (im Sinn von Vorlesung halten) oder diskutieren, ja wenn wir einen »Artikel« für die Zeitung schreiben, noch immer in den Begriffen reden, die die Scholastiker für den geistigen Verkehr ersonnen haben?
Wünschen wir der Deutschen Thomas-Ausgabe, daß sie genügend Leser findet, die anfangen mit Lektüre und Studium − und Thomas wollte ja, kühnerweise, mit der Summa theologica ein Werk für Anfänger schaffen!; wünschen wir aber auch, daß die, die heute anfangen zu lesen, auch noch die Vollendung des Werkes erleben mögen zu ihren Lebzeiten, damit das in der Betrachtung Erkannte weitergegeben werde an andere im Sinn der dominikanischen Ordensregel, die für Thomas verpflichtend war: contemplata aliis tradere.