Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Michael Hamburger

Michael Hamburger

Schriftsteller und Übersetzer
Geboren 22.3.1924
Gestorben 7.6.2007
Mitglied seit 1973

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1964
Laudatio von Leonard W. Forster
Dankrede von Michael Hamburger
Urkundentext

... dem namentlich Hölderlin und Hofmannsthal auch in England ihre klassische Geltung verdanken.

Jurymitglieder
Kommission: Rudolf Hagelstange, Hans Hennecke, Karl Krolow, Horst Rüdiger, Walter Franz Schirmer, W. E. Süskind

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Leonard W. Forster
Geboren 30.3.1913
Gestorben 18.4.1997
Germanist

Übersetzen ist in einem ganz besonderen Sinne Kommunikation, und mit der Stiftung eines Übersetzerpreises hatte die Akademie offenbar zweierlei im Auge: die Kommunikation von außen nach innen ‒ die Vermittlung fremdsprachiger Literatur an den deutschen Leser ‒ und von innen nach außen ‒ die Sorge für die Ausstrahlung deutscher Literatur in die anderssprachige Welt. Das erste Mal wurde der Preis an ein schottisches Ehepaar verliehen, Edwin und Willa Muir, das sich in hervorragender Weise um die Weltwirkung Franz Kafkas verdient gemacht hatte. Hier ging es um die Kommunikation von innen nach außen. Die späteren Preisträger ‒ Jakob Hegner, E. K. Rahsin, R. A. Schröder ‒ hatten sich um die Kommunikation von außen nach innen besonders hohe Verdienste erworben. Doch ist auch diese keine bloß lokale, innnerdeutsche Angelegenheit. Die europäische Rolle der deutschen Übersetzungsliteratur ist noch niemals richtig gewürdigt worden; die großen Skandinavier Ibsen, Andersen, Strindberg, Hamsun, Lagerlöf, Kierkegaard, sind erst in deutscher Übersetzung zu europäischem Ruhm gelangt, und den Russen dürfte es zum Teil auch so ergangen sein. Es war in deutscher Übersetzung, daß der Finnlandschwede Runeberg die serbischen Volkslieder las, die ihm für die Welt der eigenen Volksdichtung die Augen öffneten; erst in deutscher Übersetzung ist z. B. die finnische »Kalevala« in die Weltliteratur eingegangen; in Herders Übertragungen hatten die Böhmen und Serben die schottischen Balladen gelesen, die sie die eigenen Volkslieder erst schätzen ließen. Seit Herder ist Deutschland der große Umschlagplatz der Weltliteratur, zwischen Norden und Süden, zwischen Osten und Westen, so daß es auch für uns, die wir nicht Deutsch als Muttersprache haben, keineswegs gleichgültig bleiben darf, was in Deutschland übersetzt und wie es übersetzt wird. Skandinavische, spanische, russische, polnische, südslavische Autoren liest der Westeuropäer heute am besten, am zuverlässigsten auf Deutsch. So erfüllt der Übersetzerpreis der Akademie auch für uns Anderssprachige eine europäische Funktion, indem an zentraler und entscheidender Stelle in einer Sache, die uns näher angeht, als Sie vielleicht meinen, auf Qualität geachtet wird. Um so mehr dürfen wir es begrüßen, daß die Akademie durch diesen Preis für die Vermittlung der deutschen Literatur auch an unsere Landsleute Sorge trägt und hervorragende Leistungen anerkennt.
Wenn man sich als Engländer fragt, was sich die Engländer heute unter deutscher Literatur vorstellen, denkt man in erster Linie an Thomas Mann, Rilke, Kafka und Hölderlin. Die Kafka-Übersetzer hat die Akademie schon geehrt; Rilke kennt man durch die Übersetzungen unseres verstorbenen korrespondierenden Mitgliedes Leishman; wir sind heute hierhergekommen, um den Mann zu ehren, der es durch zwanzigjährige Hingabe zustande gebracht hat, daß in England heute im Gespräch unter gebildeten Leuten der Name Hölderlin fallen kann, ohne daß einer fragt: wer war das? So nüchtern formuliert hört sich das nicht sehr eindrucksvoll an; es ist es aber, denn von keinem seiner Zeitgenossen, von Schiller, Mörike, Novalis, Grillparzer, Kleist, vielleicht nicht einmal von Goethe, könnte man dasselbe behaupten.
Wir leben in einer Epoche dunkler, esoterischer Dichtung, und so ist es vielleicht nicht erstaunlich, daß gerade die dunklen, schwer zugänglichen Dichter am ehesten die Grenzen passieren; Rilke, Kafka und Hölderlin sind wahrhaftig keine leichten Autoren. Daß sie uns überhaupt zugänglich sind, verdanken wir jeweils dem schöpferischen kongenialen Verstehen eines Einzelnen, der uns sie sehen und lesen lehrte. Es geht um Verstehen, und Michael Hamburger ist ein Verstehender; nicht einer von denen, die gleich mit oberflächlichem Verständnis zur Hand sind, wie es mit dem weitverbreiteten und ach so gutgemeinten »Völkerverständnis« so häufig der Fall ist, sondern einer, dessen Verstehen aus den tiefen Schichten kommt. Die meisten Engländer, die sich, wie ich, mit der Literatur und dem Geistesleben unserer festländischen Nachbarn beschäftigen, sind sich bewußt, daß sie über den Kanal oder die Nordsee hinüberblicken; wir bemühen uns, so scharf und so viel wie möglich zu sehen, aber wir vergessen keinen Augenblick, daß die See da ist; wir können sie nicht hinwegdenken, wir können uns bestenfalls, unter höchster Anstrengung, darüber hinwegsetzen. Daraus entspringt eine ganz bestimmte Optik, die gewiß viel für sich hat, die aber nicht alles aufnimmt und lange nicht alles (vielleicht gerade das Entscheidende nicht) versteht. England wird aber durch geologische Schichten, die unter dem Meere hindurchlaufen, mit dem Kontinent verbunden. In solcher Tiefe wurzelt das Verstehen, das ich meine, und das wir heute ehren wollen.

Wie kommt man dazu, als Oxforder Student, mitten im Krieg, eine Hölderlin-Übersetzung überhaupt nur zu beginnen? Aus welchem Geist heraus war ein solches Unterfangen möglich? Sicherlich aus dem Gedanken heraus, daß es ein anderes Deutschland gab als das nationalsozialistische, kriegführende; daß deutsche Menschen eine Welt geschaffen hatten, in der auch andere heimisch werden können; daß die großen Schöpfungen deutschen Geistes europäischer Besitz sind. Solche Gedankengänge waren damals keineswegs unbekannt, und fast zur gleichen Zeit arbeitete, ebenfalls in Oxford, Leishman, neben seinen Rilke-Übersetzungen, auch an einer Hölderlin-Übertragung. Es gereicht unserem verstorbenen korrespondierenden Mitglied nicht zur Unehre, wenn wir sagen, daß seine Übersetzung weniger gut war, als die von Herrn Hamburger. Sie war eine gute saubere Arbeit des hochbegabten Menschen, dessen Verstehen über die Nordsee hinüberblickte, nicht unter ihr hindurchging.
Wenn man im Alter von neun Jahren Deutschland verläßt, bringt man die entscheidenden Eindrücke mit ‒ fast die ganze Kindheit, mit allem, was das zu bedeuten hat. Man mag im neuen Lande eine andere Sprache sprechen, in einer anderen Sprache denken, ein neues Leben in diesem Lande und in dieser Sprache führen, doch ist die Tiefenschicht der Kindheit unter diesen Überlagerungen noch unversehrt erhalten und spielt ihre verborgene Rolle in der Weiterentwicklung der Persönlichkeit mit. Die Generationsgenossen Hamburgers in der Emigration sind alle ihre verschiedenen Wege gegangen; viele haben sich vollkommen an die neue Umgebung angepaßt, ihre Kindheit vergessen, alles verdrängt, was sie mit Deutschland verbindet. Andere sind, manchmal unter Schmerzen, Deutsche geblieben; sie sprechen und schreiben noch Deutsch, führen auf Deutsch ihr ganzes geistiges und ‒ wenn es schöpferische Menschen sind ‒ ihr künstlerisches Leben; für sie bleibt trotz Schule und Universität die Sprache des Gastlandes eine Art alltägliches Esperanto. Sie leben aus der deutschen Kindheit heraus, bauen in bewußter Absicht auf sie auf; es kostet viel Nervenkraft. Aus der ersten Gruppe kommen vielleicht englische Dichter, aber keine Übersetzer; aus der zweiten kommen deutsche Dichter und Übersetzer ins Deutsche ‒ ich denke hier z. B. an Erich Fried.
Das sind Extreme, und dazwischen liegen viele Möglichkeiten. Eine davon steht verkörpert vor uns. Mit offenen und wachen Sinnen hat der junge Hamburger das englische Leben in sich aufgenommen und sich darin aufnehmen lassen. Er hat den normalen Bildungs- und Studiengang eines jungen Engländers durchgemacht, die englische Sprache wurde ihm zum natürlichen Ausdrucksmittel, im Sprechen und Schreiben merkt man es ihm nicht an, daß er jemals eine andere gekannt hat, sie wurde für ihn zur Sprache der Bildung und der Dichtung ‒ denn er ist ein Dichter, der auf Englisch seine Gedichte schreibt. Das klingt, als ob er zur ersten Gruppe gehörte, von der ich vorhin sprach. Aber er hat nichts verdrängt; im Gegenteil, aus der Tiefenschicht der Kindheit wächst ein instinktives Verstehen, das z. B. das Werk Hölderlins erfaßte und erkannte als ein Eigentum, das in seine neue Umgebung hinübergerettet werden mußte.

»Und daß mir auch zu retten mein sterblich Herz
Wie ändern eine bleibende Stätte sei,
Und heimatlos die Seele mir nicht
Über das Leben hinweg sich sehne,

Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl! sei du
Beglückender! mit sorgender Liebe mir
Gepflegt, der Garten, wo ich, wandelnd
Unter den Blüten, den immerjungen,

In sichrer Einfalt wohne, wenn draußen mir
Mit ihren Wellen allen die mächtige Zeit
Die Wandelbare fern rauscht und die
Stillere Sonne mein Wirken fördert.«
[Mein Eigentum]

Und so kam es, daß der Oxforder Student Michael Hamburger 1943 in einer der erstaunlichsten und erfreulichsten Veröffentlichungen der Kriegsjahre dem englischen Leser Hölderlin zum ersten Mal begreiflich machte. Wie Hölderlin selbst sagt:

»Nun, nun müssen dafür Worte, wie Blumen, entstehn.
Tragen muß er zuvor; nun aber nennt er sein Liebstes,«

Schon in dieser ersten Veröffentlichung wirkten Sprachkenntnis und Schöpferkraft zusammen. Es war ein Dichter am Werk, der einen anderen Dichter zugänglich machen wollte. Aber auch das Philologische fehlte nicht; nicht nur die neuere, auch die klassische Philologie hatte an dieser Übersetzung teilgehabt. Als zehn Jahre später die zweite, neudurchgearbeitete Fassung erschien, war aus dem nachdichtenden Studenten ein Lyriker und ein Mann der Wissenschaft geworden, der, als »Friedensfeier« entdeckt wurde, gleich imstande war, nicht nur eine erläuternde Übersetzung, sondern auch einen kritischen und textkritischen Forschungsbeitrag zu liefern.
Wer sich ernsthaft mit Hölderlin befaßt, muß die Antike kennen; wer ihn kongenial übersetzen will, in den Versmaßen des Urtextes, muß selber schon lateinische Verse geschrieben, muß vor allem die lyrischen Metren und die weitausholende pindarische Odenform in sich aufgenommen haben, und das um so mehr, da im Englischen die Wiedergabe klassischer Versmaße mit ganz anderen Schwierigkeiten als im Deutschen verbunden ist. Und wer Hölderlin überhaupt übersetzt, muß wissen, mit welchem Hölderlin er zu tun hat; soll es Zinkernagels Hölderlin sein, Hellingraths oder Beißners? Welchen Text soll er nehmen? Man kommt ja schließlich nicht drum herum; ein richtiger Hölderlin-Übersetzer muß auch den Variantenapparat der Großen Stuttgarter Ausgabe wie eine Partitur beherrschen lernen, und wer das kann, ist wirklich ein Philologe.
Mit diesem Preis wird nicht nur der schöpferische Übersetzer, sondern auch der Germanist geehrt. Die herrschende Richtung innerhalb der Literaturwissenschaft seit dem Kriege ist wohl immer noch die interpretatorische. Sie verlangt eine Begegnung mit dem Text und in dieser Begegnung einen Einsatz der Persönlichkeit in ganz anderem Geiste als die frühere historisch-philologische oder geistesgeschichtliche Richtung. Ihre besten Vertreter sind sich bewußt, daß es sich hier um etwas Besonderes, Persönliches handelt, das mit den herkömmlichen Methoden nicht erfaßt werden kann. Einer der hervorragendsten, unser korrespondierendes Mitglied Emil Staiger, spricht sogar von der »Kunst« der Interpretation, und es kommt häufig genug vor, daß der Interpret wie ein Künstler dem Kunstwerk gegenübersteht, um es im nachschaffenden Verstehen zu erläutern. Wie der Geiger oder der Klavierspieler muß er die eigene Persönlichkeit dem Werk unterordnen; er kann es aber nicht selbst wiedergeben, nur in sich nachvollziehen und seine Hörer oder Leser dazu veranlassen, ihrerseits auch in sich das Werk nachzuerleben. Über diese Stufe hinaus gibt es noch einen logischen Schritt: Wenn Kunst nur durch Kunst interpretiert werden kann, tritt neben die Kunst der Interpretation die Kunst der Übersetzung. Für den deutschen Germanisten erübrigt sich meistens dieser Schritt; wohl ist es nützlich, etwa Walter von der Vogelweide zu übersetzen, wer möchte es aber an Hölderlin, Goethe oder Mörike tun? (Wenn es schon mehr Sinn hätte, als man vielleicht meinen könnte.) Gerade das aber kann der ausländische Germanist; im alltäglichen Lehrbetrieb muß er es sogar, aber dann auf einem Niveau, das mit eigener künstlerischer Leistung nur wenig zu tun hat. Wenn er selber ein Dichter ist ‒ was die meisten von uns ausländischen Germanisten nicht sind ‒ kann er seine philologische Interpretation in die Form eines nachschaffenden Kunstwerks bringen, wie der Geiger oder der Klavierspieler das Musikwerk interpretiert. Und wie beim Geiger, so ist auch hier eine Unterordnung der Persönlichkeit nötig, die nur durch feines Verstehen, philologisches Erfassen, und geschulte Technik erreicht wird. Und so kommt es, daß neuerdings die Übersetzung eines fremden Kunstwerkes auch in der Wissenschaft seriös geworden ist; man hat nachgerade erkannt, daß eine gute Übersetzung, wie eine gelungene Werkinterpretation, eine wissenschaftliche Leistung sein kann.
Sie ist aber auch eine dichterische Leistung, und es ist in jeder Hinsicht angemessen, daß unsere Akademie, in der Dichter und Wissenschaftler friedlich beieinander sitzen und fruchtbar miteinander arbeiten, gerade diesen doppelten Aspekt hervorhebt und würdigt. Ich habe bisher gesprochen, als ob Herr Hamburger sich nur mit Hölderlin abgegeben hätte. Gewiß geht er von Hölderlin aus und kommt immer wieder zu ihm wie zu einem Mittelpunkt, der Seelenwärme spendet, zurück. So hat er z. B. auch Gedichte von Goethe, Aufsätze von Kleist übersetzt. Von Hölderlin aber führt der Weg direkt zu den Dichtern unserer Zeit, und so hat er uns Gedichte von Benn und Brecht, und unter den Lebenden von Lehmann, Schnurre, Hagelstange, Höllerer, Celan, Piontek, Enzensberger, Meckel und Grass vermittelt. Obwohl er aus seiner äußerst kritischen Stellungnahme zu Benn kein Hehl macht, hat er trotzdem an einer Parallelausgabe von Benns Gedichten im Original mit englischer Versübertragung entscheidend mitgearbeitet und sich auch hier dem Originaltext pietätvoll untergeordnet. An der Entdeckung der expressionistischen Dichtung in England vor etwa zehn Jahren war Hamburger mit kritischen Studien und interpretatorischen Übersetzungen wesentlich beteiligt; seitdem hat er die Linie von den frühen Expressionisten bis zu den lebenden jungen deutschen Dichtern gezogen. Dies geschah vor allem mit der Anthologie »Modern German Poetry 1910 to 1960«, die er mit einem anderen Dichter-Germanisten, Christopher Middleton, 1962 herausgab. Hier wird wieder dem Originaltext eine englische Versübertragung gegenübergestellt; den Löwenanteil an den Übertragungen haben die Herausgeber Hamburger und Middleton, doch haben sie ein Team von anderen begabten Übersetzern um sich zu sammeln gewußt. Die wissenschaftlich fundierte, dichterisch erspürte, poetisch durchgeführte Versübertragung, die Hamburger mit seiner Arbeit an Hölderlin begonnen hatte, hat jetzt Schule gemacht und im Publikum selbst Anerkennung gefunden. Charakteristisch für die Redlichkeit, für die Pietät, mit der in dieser Generation gearbeitet wird, ist der Umstand, daß der Urtext immer mitgegeben wird und so zur Konfrontation veranlaßt. Hier werden keine Surrogate geboten, keine falschen Tatsachen vorgespiegelt; es wird nicht behauptet »So und nicht anders haben Benn, Bachmann, Lehmann, Grass gedichtet«, sondern »Hier ist eine Übersetzung, nach bestem Wissen und Können verfertigt; sie kann wohl nicht alles bringen, was das Original bringt, aber sie kann dem Leser dazu verhelfen, das im Original zu finden, was sie nicht bringen kann«. Nicht nur die Anthologie, auch die Benn- und Hofmannsthal-Ausgaben, ebenfalls durch Zusammenarbeit mehrerer Gleichgesinnter entstanden, beruhen auf derselben Voraussetzung, die auch der ersten Hölderlin-Übertragung zugrunde liegt, in der zweiten verwirklicht wird und in der dritten, ganz unabhängigen Prosaübertragung, die nichts anderes will, als auf den Text zuführen, die letzte logische Konsequenz erreicht.
Von Hölderlin läuft eine Linie zum Expressionismus; eine andere führt zu Hofmannsthal, diesem hohen dichterischen Vertreter jener europäischen Kulturwelt in deutscher Sprache, die jetzt mit R. A. Schröder endgültig von uns gegangen ist. Die großartige europäische Synthese, die Hofmannsthal verkörpert, muß für jeden, der in zwei Kulturen unseres Europas heimisch ist, einen besonderen Reiz haben; das hohe Dichtertum, worin sie Gestalt gewinnt, muß den Dichter anziehen. So ist es nicht verwunderlich, wenn sich Hamburger neuerdings Hofmannsthal zugewendet hat; dies geschieht, in jetzt gewohnter fruchtbarer Wechselwirkung, durch kritische Studien und schöpferische Übersetzungen, die beide einem liebenden Verstehen entspringen.
Diejenigen unter uns, die nie in der Emigration gelebt haben, können nur schwer ermessen, was die Wiederbegegnung mit der alten Heimat zu bedeuten hat, vor allem wenn man inzwischen in eine neue Heimat hineingewachsen und in ihr groß geworden ist. Vielen bedeutet sie nichts; sie ist wie irgend ein beliebiger Ort, wo man mal als Kind gewohnt hat, der einem jetzt gleichgültig ist. Wer jedoch aus den tiefen Schichten versteht, für den wird es zu einem ganz besonderen Erlebnis. Und wie für Michael Hamburger das Verhältnis zur deutschen Dichtung aus dieser Tiefendimension erwuchs, so auch erwächst ihm unter dem Eindruck einer wiederholten Wiederbegegnung mit der Heimat ein neues Verhältnis zur deutschen Sprache. Für einen Dichter, der in der Sprache leben muß, ist es von bestimmender Bedeutung, in welcher Sprache er lebt; gelebt hat Michael Hamburger in der englischen Sprache, und noch vor ein paar Jahren behauptete er, er sei nur imstande, ein hölzernes und gleichsam aseptisches Deutsch zu reden und zu schreiben, worin das, was ihn innerlich bewegte, nur schwer Ausdruck gewinnen könne. Inzwischen hat er jedoch begonnen, in deutscher Sprache zu schreiben; keine Lyrik zwar, aber wissenschaftliche und kritische Arbeiten, und zuletzt eine reflektierende Prosa, die wohl Dichtung ist. Es ist sicher kein Zufall, daß er hier gerade an die Berliner Kindheit anknüpft und an die physische Wiederbegegnung mit Berlin. Er hat damit begonnen, die deutsche Sprache als eigenes Ausdrucksmittel neu zu entdecken, in diesem weiten Raum ganz anders als vorher sich frei zu bewegen. Man soll, glaube ich, hier nicht von einer Rückkehr nach Hause sprechen; viel eher von einem schönen und schon ansehnlichen Baum, der von der Wurzel her einen kräftigen neuen Schößling emportreibt, der mit der Zeit auch Blüten und Früchte tragen wird. Hier ist nichts Gespanntes, nichts Verkrampftes, nichts Verdrängtes, sondern gesundes organisches Wachstum in eine neue Dimension hinein, von dem der bescheidene, integere Mensch Hamburger nicht viel Aufhebens macht. Aber gerade das ist in den Zeiten, in denen wir leben, nur wenigen gegönnt worden. Die meisten von uns sind irgendwo verbogen, müssen irgendwie überkompensieren; wir können den nur bewundern und glücklich preisen, der ohne das auskommt, der in seiner persönlichen Anspruchslosigkeit ein ganzer gewachsener Mensch ist. Und nur ein solcher Mensch bringt ein solches Werk hervor. Heute feiern wir das Werk und den Menschen, der es schafft.