Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Manfred Fuhrmann

Klassischer Philologe
Geboren 23.6.1925
Gestorben 12.1.2005

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1990
Laudatio von Uvo Hölscher
Dankrede von Manfred Fuhrmann
Urkundentext

... für seine Übersetzung sämtlicher Reden Ciceros, in der es ihm gelungen ist, die forensische Beredsamkeit deutscher Sprache, soweit diese in ihr entwickelt worden ist, in die Übertragung des lateinischen Textes einzubringen...

Jurymitglieder
Kommission: Hanno Helbling, Friedhelm Kemp, Lea Ritter-Santini, Michael Walter, Hans Wollschläger

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Vernunft vs. Gewalt − Das neue Interesse an Cicero

LAUDATOR
Uvo Hölscher
Geboren 8.3.1914
Gestorben 31.12.1996
Klassischer Philologe

»Cicero« − liest man − »ist so schon einer der größten Wohltäter der Menschheit.« − Wer möchte erraten, daß dies Wort von Nietzsche ist? Er hat es niedergeschrieben in einer Zeit, als durch Mommsens niederschmetterndes Urteil Ciceros Ruhm auf einem Tiefstand war − und zwar zugunsten Caesars. »Größter Wohltäter der Menschheit«: Nietzsche hat dabei allerdings eigentlich das »Genie der Griechen« im Auge, Cicero nämlich als dessen Bewahrer und Vermittler an das Abendland. Wie − fragt er − »wenn nun die Römer die griechische Kultur verschmäht hätten: sie wäre vielleicht radikal zu Grunde gegangen«.
Nun schreibt er aber: »Cicero ist so schon...« − er scheint also noch ganz andere Verdienste des Mannes im Sinn zu haben. Und das ist offenbar der Stil, der große Atem der ciceronischen öffentlichen Rede:

»Das sind Genüsse für antike Menschen, ... Wir haben eigendich kein Recht auf die große Periode, wir Modernen, wir Kurzatmigen in jedem Sinne! Die Alten waren ja insgesamt in der Rede selbst Dilettanten, folglich Kenner, folglich Kritiker − damit trieben sie ihre Redner zum Äußersten.«

Es war also ein doppeltes Wagnis, etwas doppelt Unzeitgemäßes, als Manfred Fuhrmann daranging, dem heutigen Publikum von neuem Cicero, und eben mit seinen öffentlichen Reden, vorzustellen. Ich rede hier nicht weiter von der immensen Leistung, die in dieser Weise und in diesem Umfang von einem Einzelnen selten vollbracht worden ist − in unserm Fach vergleichbar vielleicht nur mit der Übersetzung des Platonischen Œuvres durch Schleiermacher. Zu reden aber wäre von dem Interesse, dem dies Werk entgegenkommt − denn ein neuerwachtes Interesse an Cicero ist heute allerdings durch mancherlei angezeigt.
Manfred Fuhrmann trat in die Arena mit einem Paukenschlag: mit seiner Konstanzer Antrittsrede 1968 über »die Antike und ihre Vermittler«. Ich darf so sagen: denn der damals 42jährige Professor − der schon an drei Universitäten, Göttingen, Gießen und Kiel, gelehrt und zahlreiche Arbeiten zur antiken Poetik und Rhetorik, zur Geschichte der Wissenschaften in der Antike und zur Philologiegeschichte veröffentlicht hatte − wollte damit seine Fachgenossen, die klassischen Philologen als die berufenen »Vermittler der Antike«, aufwecken. Sein provozierender Ruf − der sich ja nicht nur an die Zunft, sondern mindestens so hörbar an die Öffentlichkeit wendete − schlug starke Wellen in der deutschen Altertumswissenschaft. Denn er forderte nicht weniger als eine geistige und organisatorische Umorientierung des Universitäts- und Schulunterrichts: Weg von der sterilen Fixierung der Forschung auf die »Klassiker«; weg von der einseitigen Anbindung des Lateinischen ans Griechische, Öffnung auf die Geschichte und die Realien des bürgerlichen Lebens. Dies alles im Blick auf die wirklichen, auch quantitativen Verhältnisse der heutigen Studiengänge, die schwindende Zahl der Gräzisten und die überwiegenden Kombinationen des Lateinischen mit den neueren Philologien. Er durfte das, weil er, als ausgebildeter Jurist und in der Romanistik wohlbewandert, die Grenzüberschreitungen der Disziplinen eindrucksvoll vormachte. Er hat damit kräftig in die Lektürepläne der Schulen hineingewirkt und ist wohl heute der meistgehörte Altphilologe an den Gymnasien geworden.
Es hätte, nach diesem Programm, verwundern können, daß es ausgerechnet der zweitausendjährige Klassiker Cicero wurde, dem Fuhrmann einen so großen Teil seiner Lebensarbeit gewidmet hat. Aber das wäre ein Mißverständnis seiner Absichten. Große Texte, »Klassiker« darf man sagen, sind es, die er auch sonst durch neue Übersetzungen für die Gegenwart erschlossen hat: Tacitus’ Germania, die Poetik des Aristoteles, die aristophanische Komödie − also durchaus auch die Griechen. Allerdings kommen gerade bei Ciceros Reden die horizonterweiternden Studien Fuhrmanns zum Tragen, die profunde Kenntnis des römischen Rechtswesens und die Historie. Und man tut Fuhrmanns neuem Ansatz wohl nicht Unrecht, wenn man ihn in der Tradition des 19. Jahrhunderts, des Historismus und der als universale Altertumswissenschaft sich verstehenden Philologie sieht − vermehrt jedoch um eine neue Methodenreflexion, wie sie in den Neuphilologien entwickelt worden ist. Das alles kommt nun den Übersetzungen der ciceronischen Reden − die ja zunächst Anwaltsreden sind, dann mehr und mehr als öffentliche politische Reden in den Mittelpunkt des weltgeschichtlichen Geschehens treten − mächtig zugute, indem sie den vergangenen Moment in eine aufregende Wirklichkeit ziehn.
Es springt in die Augen, in welchem Maß Fuhrmann das Vermitteln der Antike, und also das Übersetzen, als Lebensaufgabe ergriffen hat. Übersetzen ist, recht verstanden, das Erste und das Letzte im Geschäft des Philologen; und Wolfgang Schadewaldt, als er des ewigen »Meinungskarussells« der Wissenschaft, wie er es nannte, überdrüssig wurde, hat sich im Alter ausschließlich dem Übersetzen gewidmet. Unter den Vorgängern des heutigen Empfängers des Übersetzerpreises der Akademie war er der letzte für den Bereich der antiken Literatur.
Dieser Preis ist auf den Namen von Johann Heinrich Voss getauft. Ich schätze Vossens Bedeutung für die deutsche Sprache sehr hoch ein; denn obschon er zum Inbegriff des Gezierten und Abgetanen geworden ist, des ganzen Klassizismus, dessen der humanistische Gymnasiast des 20. Jahrhunderts überdrüssig wurde, ist seine Wirkung immens gewesen. Nicht er alleine; aber seine Odysseeübersetzung stand an einem Wendepunkt der deutschen Sprache, der sie aus dem Regelzwang der Aufklärung befreite. Dies Hineinschlüpfen in den griechischen Rhythmus, in die harte Fügung der Wortstellung, hat das Deutsche, nach der barocken Überlagerung durch den alternierenden Rhythmus der Romanen, erst eigentlich wieder zu sich selber gebracht und fortwirkend unsre lyrische Sprache bis in die Gegenwart geprägt.
Das gilt freilich nicht für die Prosa. Manfred Fuhrmann, als Vermittler, hat seine Übersetzungssprache vornehmlich praktisch, im Übersetzen, gefunden; und da es hier nicht um Nachahmung und sprachliche Manier geht, sondern um Verständlichkeit und Wirkung, greift Fuhrmann bewußt über die schulmäßig-klassizistischen Wort-für-Wort-Übersetzungen zurück auf die Tradition der Aufklärung und die Klarheit ihrer freien, unprätentiösen Prosa. Aber erst darin entfaltet sich auch wieder der große Atem der ciceronischen Rede, der Schwung ihrer Perioden, das beherrschte Pathos der rhetorischen Figuren. Cicero hat es genau und abgestimmt eingesetzt als Mittel zur Lenkung seines Publikums, sei es Senat oder öffentliches Gericht oder Volksversammlung. Und da dies Publikum, in allen Schichten, für die Kunst der Rede weitaus empfindlicher und empfänglicher war als selbst gebildete Auditorien oder Parlamente heutzutage und bei uns zulande, war der unmittelbare Einfluß des Redners auf die Beschlußfassungen von schlechthin entscheidender Bedeutung. Cicero, für den die Redekunst keine Spezialtechnik war, sondern, ausgestattet mit dem ganzen Bildungshintergrund der griechischen Philosophie, die Machtanwendung des Worts und des Geistes auf die Politik, hätte der bestimmende Kopf für den Lauf der römischen Geschichte werden müssen, wenn nicht...
Ja wenn! Ein solches Wenn ist in der Geschichtswissenschaft, seit der Hegelschen Teleologie der Geschichte, lange Zeit verpönt gewesen. Die heutige Historie scheint mir von solcher Perspektive ex eventu sich abzuwenden und weitaus mehr die offene Wirklichkeit der vergangenen Gegenwart und die Alternativen ihrer damaligen Zukunft zu bedenken. Aus dem Gesichtspunkt, wie alles gekommen ist, mußte Ciceros Rolle, ja seine Person und sein Charakter, wesentlich als ein Verkennen des geschichtlichen Moments erscheinen, ja als ein Versagen als Politiker.
Nun hat Fuhrmann seinem Übersetzungswerk jüngst ein anderes, eine große Cicero-Biographie folgen lassen, die die Reden − und in den Reden, nicht in den philosophischen Schriften, die nur den theoretischen Grund für sie legen, besteht das Leben Ciceros − in dem Kontext seiner Epoche verstehen lehrt und die exzentrischen Bewertungen wohltätig zurechtrückt. Es beschönigt nichts, es verdammt nichts, nicht Ciceros Fähigkeiten noch seine Schwächen. Er war von einem ungeheuren Ehrgeiz angetrieben − eine Charaktereigenschaft, die für das antike Bewußtsein noch keineswegs den Makel trug, den unsre hypokritische Moral ihr angeheftet hat. Seine Chance war, daß er in einer Zeit lebte, die ihm aus dem höheren Mittelstand der Grundbesitzer, Kaufleute und Bankiers zum höchsten Staatsamt und in den Senat der Adligen aufzusteigen gestattete. Sein Schicksal war es, daß er, ein ungewöhnliches intellektuelles und politisches Talent, auf das Genie stieß, das Genie der Macht, Caesar.
Das Auftreten des Genies ist immer ein Zufall. Man kann leicht sagen: für die gewaltigen Mißstände der späten Republik gab es keine andre Lösung als die Monarchie − für die Ausplünderung der Provinzen durch die Staatsbeamten zur persönlichen Bereicherung, die Entartung der Legionen zu riesigen Privatheeren, die Militarisierung der entwurzelten Landbevölkerung, das Bandenwesen der Großstadt. Daß diese Probleme nicht mehr grundsätzlich und politisch ausgetragen wurden, dafür sehe ich eine Ursache in der tiefen Erschöpfung, die nach der blutigen Beendigung des Bürgerkriegs durch Sulla und seiner senatorischen Restauration zurückgeblieben war. Aber wer will sagen, daß Reform geschichtlich unmöglich war?
Aber da war Caesar. Und was bis dahin eine Spannung zwischen senatorischer und populärer Politik war, wurde jetzt zur Entscheidung zwischen Republik und Gewalt. Und um so gefährlicher, als die Gewalt mit allen Gaben des Geistes: der Intelligenz, der Disziplin, der literarischen Bildung und des persönlichen Charmes auftrat. Erst jetzt, gegen den Senatsverächter, wurde Cicero zum Verfechter der Senatsherrschaft: Senat und Staat schienen eins.
Es gibt freilich geschichtliche Prozesse, die eine Form von Notwendigkeit tragen. Ein solcher ist es, wenn in bestimmten Epochen die Einzelkräfte sich mit Bewußtsein aus dem Ganzen lösen; »wo die Kräfte, die bisher ins Ganze zusammenwuchsen, anfangen gegen das Ganze sich zu richten« (Karl Reinhardt). Es war Ciceros Versuch, noch einmal die eruptiven Einzelkräfte ans objektive Ganze zu binden: ans Gesetz, an die res publica, die »gemeinsame Sache«. Hier liegt der Grund seines Platonismus. Darf man es eine Illusion nennen? eine Verkennung der geschichtlichen Stunde? Er tat, was not tat. Er kämpfte für eine Sache; Caesar − für nichts als sich selber. Sie haben einander mächtig angezogen und abgestoßen, wechselseitig einander zu sich herüberzuziehn versucht. Beide wußten, warum. Daß Cicero unterlag, ist eine andre Sache.
Unnötig, hiernach noch unser Interesse an der Gestalt Ciceros zu erläutern: die Fülle der Gedanken, die einen beim Lesen der Reden und der Biographie bestürmen − die Analogien zur jüngst erfahrenen Geschichte und ihre Unvergleichlichkeiten, der Kontrast zu ihrer ordinären Mittelmäßigkeit. Der Abstand ist einer des Ranges. Was die Fuhrmannsche Übersetzung für unsre Zeit zurückgewonnen hat, sind Texte von weltliterarischer Wirkung gewesen. Das Wort der Erichtho fällt einem ein: »Hier ward ein großes Beispiel durchgekämpft... − Weiß die Welt doch, wem’s gelang.« Es war zuletzt doch der Kampf der Vernunft mit der Gewalt.
Ich wollte aber auch Zeugnis davon ablegen, wodurch Fuhrmanns Buch mich − nach lebenslanger Reserve − für Cicero gewonnen hat.