Johann-Heinrich-Voß-Preis

Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird seit 1958 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung »für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzung«, verliehen. Vor allem werden Übersetzungen literarischer Werke in die deutsche Sprache ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie vergeben. Seit 2002 beträgt die Dotation 15.000 Euro.

Preisträger

Joachim Kalka

Joachim Kalka

Übersetzer, Kritiker und Autor
Geboren 1948
Mitglied seit 1997

Johann-Heinrich-Voß-Preis 1996
Laudatio von Wolfgang Krege
Dankrede von Joachim Kalka
Urkundentext

Joachim Kalka, der in seinen Übersetzungen englischer und amerikanischer Literatur noch für die modernste Idiomatik ein überzeugendes Äquivalent im Deutschen findet...

Jurymitglieder
Kommission: Friedhelm Kemp, Werner von Koppenfels, Roswitha Matwin-Buschmann, Lea Ritter-Santini, Michael Walter, Hans Wollschläger

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Applaus für einen unerschrockenen Übersetzer

LAUDATOR
Wolfgang Krege
Geboren 1.2.1939
Gestorben 13.4.2005
Schriftsteller und Übersetzer
Meine Damen und Herren, sehr geehrte Mitglieder der Deutschen Akademie, lieber Kalka: Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird einem Übersetzer verliehen, dessen Arbeiten so vielfältig sind, daß er wohl nur selbst alle überblickt. Weil ich einen kleinen Teil dieser Arbeiten kenne und weil ich selbst Übersetzer bin, erlaube ich mir, etwas dazu zu sagen. Ich habe als Lektor mit Kalka zusammengearbeitet und bitte ihn, die folgenden Bemerkungen als Amplifikation des anerkennenden Knurrens hinzunehmen, das, fürchte ich, bei diesen Gelegenheiten meine einzige Ehrenbezeigung gewesen ist. Kalka ist ein in die Rolle des professionellen Übersetzers geschlüpfter Homme de lettres. In dieser leicht verwandelten Gestalt kann das klassische Vorbild unseres Métiers sich vielleicht erhalten − als eine individuelle, wenn auch in kommerzielle Kalküls eingebundene Arbeitsweise, die nicht so leicht mit fortgerissen werden kann von einer Entwicklung, die zu einer standardisierten, von Mensch-Maschine-Systemen erbrachten Dienstleistung hinzustreben scheint. Gewiß kann sich, wer heute vom Übersetzen leben will, nicht darauf beschränken, ab und zu einem geistesverwandten Autor die eigene Stimme zu leihen. Er wird mit dieser einen Stimme nicht auskommen; er wird sich das Maß an Versatilität antrainieren müssen, das nötig ist, um heute einem geschniegelten englischen Roman der Jahrhundertwende und morgen einem struppigen Amerikaner gerecht zu werden. Kalka löst ein solches Problem ohne Bauchrednerei: Jedem von beiden gibt er einen eigenen Ton, aber er setzt die Stimmen nicht kontrastierend gegeneinander ab. (Die beiden wissen ja schließlich nichts davon, daß sie sich auf seinem Schreibtisch begegnen. Der Übersetzer ist mit jedem Autor allein. Er arbeitet an diesem bestimmten Text, nicht an seinem Vertreter dieser oder jener Epoche oder Stilrichtung.) Ich habe von einer Entwicklung in der Art unserer Berufsausübung gesprochen. Eine andere Entwicklung, die von den Veränderungen der Sprachen ausgeht, wird dazu beitragen, daß eine solche Behandlungsweise gegenüber dem mehr oder weniger automatisierten Übersetzen konkurrenzfähig bleibt. Wenn wir aus dem Englischen übersetzen, tun wir normalerweise nichts sonderlich »Kreatives«, denn die Beziehungen zwischen den beiden Sprachen sind seit Jahrhunderten gut eingespielt, und wir können gar nicht viel falsch machen. Meistens arbeiten wir auf der Ebene des Stils und der Diktion an den Besonderheiten, die den Schriftstellern wichtig sind − einen hochstandardisierten Sprachhintergrund voraussetzend. Nun gibt es Bücher − und jeder Übersetzer fürchtet sie −, in denen dieser Sprachhintergrund, von dem die Stimme des Autors sich abhebt, selbst in irgendeiner Form mit zu Papier kommt. Da läßt sich nichts übersetzen, man kann nur andeuten, paraphrasieren, dem Leser zu verstehen geben, daß da Leute sind, die auf eine eigenwillige Art reden. Kalkas beste und schwierigste Arbeiten von dieser An sind Übersetzungen aus einem halsbrecherischen Amerikanisch, die Bücher von Gilbert Sorrentino (erschienen im Maro Verlag). Das Amerikanische ist eine Sprache, die sich heute gegenläufig zum Deutschen entwickelt und nach allen Seiten über die Ufer tritt, mit einer babylonischen Vielfalt von Slangs und Idiomen und mit Wörtern, die in andere Sprachen eindringen, weil sie den gleichbedeutenden einheimischen Wörtern einen rätselhaften sinnlichen Reiz voraushaben. Das Deutsche ist von solcher Vitalität weit entfernt. Was kann ein Übersetzer tun, um bei einer solchen Konfrontation der sich gegenläufig entwickelnden Sprachen zu vermitteln? Nichts Dramatisches, nichts Gewaltsames. Die Ungeduld mit der eigenen, ein wenig erstarrten Sprache muß beherrscht werden. Er kann nicht Slang in Slang übersetzen, wenn das Deutsche nichts bietet, woran sich anknüpfen ließe. Kalka bleibt über weite Strecken bei korrektem, wenn auch schriftfernem Deutsch, aber er mischt Wörter und Wendungen ein, die den anderen auf die Füße zu treten scheinen, mit lauten und leisen Zwischenrufen aus dem Hintergrund der Erzählung, die etwas wie ein Bühnenbild aus Worten ergeben − einen »Sound«, den wir auch in der Wiedergabe als den der Straßen von Brooklyn akzeptieren können. Ich applaudiere der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Verleihung ihres Preises an diesen unerschrockenen Übersetzer.