Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Stuart Atkins

Stuart Atkins

Germanist
Born 1914

Friedrich-Gundolf-Preis 1984
Laudatory Address by Victor Lange
Acceptance Speech by Stuart Atkins
Diploma

... der dazu beigetragen hat, das Ansehen der deutschen Literatur in den Vereinigten Staaten zu stärken und ihr Verständnis zu vertiefen.

Jury members
Kommission: Beda Allemann, Claude David, Eduard Goldstücker, Herman Meyer

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

 
LAUDATOR
Victor Lange
Born 13/7/1908
Deceased 29/6/1996
Germanist and Anglicist

Lieber Stuart Atkins, der Friedrich-Gundolf-Preis wird von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung heute zum 21. Male verliehen, und zwar für hervorragende Verdienste auf dem Gebiete der Germanistik, sofern sie nicht in Deutschland, sondern im fremdsprachlichen Ausland betrieben wird. Zur Zeit seiner Stiftung vor einem Vierteljahrhundert ließ sich etwas spüren von der Wandlung, die die Vorstellung von Germanistik, genauer gesagt, die Selbsteinschätzung der, wie man meinte, ›eigentlichen‹, der an deutschen Universitäten etablierten Germanisten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges durchgemacht hatte. Das Wissensgebiet der Germanistik hatte sich bedeutsam erweitert, und an dieser Erweiterung waren die bisher eher peripher erscheinenden ausländischen Germanisten spürbar beteiligt. Produktive Germanisten hatte es an französischen, englischen, auch amerikanischen Universitätsfakultäten gewiß seit langem gegeben; aber ihre Zahl und ihr Wirkungsbereich waren begrenzt, sie zelebrierten oft als exzentrische oder jedenfalls exotische Mitglieder ihrer Institution etwas, was sie und ihre Schüler als eine einzigartige und vorbildliche Kultur ansehen durften. Vor allem aber blieb in fast jedem Falle die Bindung an Methoden und Denkweisen der deutschen Germanistik axiomatisch, an verehrte Lehrer, die ja in Deutschland das zentrale Bildungsfach ihrer eigenen Gesellschaft repräsentierten. Ihre ausländischen Schüler sollten später in der Diaspora missionarisch oder wenigstens konsularisch das, was sie in Berlin oder Leipzig gelernt hatten, einen Kanon von deutscher Literatur und ein asketisches Ideal von philologischer Existenz, vertreten und weitergeben.
Diese Abhängigkeit der nicht-deutschen Germanistik von ihren deutschen Vorbildern wurde, wie Sie wissen, in Amerika auf eine eigentümliche Weise aktualisiert und sozusagen entmythologisiert, als durch die Emigration deutsche Germanisten von Rang, denken Sie an Karl Vietor, Martin Sommerfeld, Konstantin Reichard, Richard Alewyn, Werner Richter und einige andere, unmittelbar in den Lebens- und Forschungsapparat der amerikanischen Universität eingegliedert wurden. Die Präsenz dieser Gelehrten verlieh dem Fach − wie übrigens auch der Kunstgeschichte, der Musikwissenschaft, ja selbst der Romanistik, durch Leo Spitzer und Erich Auerbach − nicht nur Glanz und Energie, sondern Selbstbewußtsein. Allerdings blieben diese vorbildlichen Wissenschaftler ihrem geistigen und menschlichen Habitus nach unverkennbar und, wie es schien, unverrückbar deutsch; denn das pädagogische Bezugssystem dieser europäischen Gelehrten ließ sich in den so ganz anders, nämlich eben amerikanisch konstituierten Geisteswissenschaften nicht leicht modifizieren. Es ist deshalb nicht überraschend, daß die amerikanische Germanistik dieser und der folgenden Generation entscheidend von deutschen Prämissen, deutschen methodischen Angeboten, deutschen Zielsetzungen bestimmt blieb und daß nur selten die Voraussetzungen amerikanischen Lebens und literarischer Bildung das Verhältnis zur anderen Kultur fruchtbar bestimmten. Daß ein Amerikaner die Impulse seiner eigenen Erziehung, seine angestammten Überzeugungen etwa von der demokratischen Funktion der Literatur, ins Spiel bringen konnte, das wurde, ganz anders übrigens als in England oder Frankreich, von den wenigsten amerikanischen Germanisten konzediert oder in ein entsprechendes Verstehenskonzept einbezogen. Wer über die deutsche Literatur etwas Authentisches erfahren wollte, der hielt sich am besten an die in Deutschland geborenen, deutsch Reflektierenden, vielleicht sogar mit einem gewissen Dünkel dem barbarischen deutschen Germanistenjargon verschriebenen Lehrer.
Meine Damen und Herren, ich weiß, daß es meine schöne Pflicht ist, Stuart Atkins vorzustellen und zu loben: er wird sich durch das, was ich angedeutet habe, aufs unmittelbarste und aufs rühmlichste angesprochen fühlen, denn er ist selbst das beste Beispiel eines von jeder Provinzialität, auch der eben implizierten deutschen, völlig freien, unabhängigen, im wirksamsten Sinne autochthonen amerikanischen Germanisten. Atkins ist in Baltimore geboren und hat seine akademische Ausbildung in Yale, und zwar bei Carl Schreiber, dem besten, dem amerikanischsten unter den älteren Kennern des Goetheschen Werkes, empfangen. Ohne den Segen eines Münchner oder Tübinger Doktorates hat er nach Lehrjahren in Dartmouth und Princeton fast zwei Jahrzehnte lang dem Harvarder deutschen Department angehört, bis er, damals für viele überraschend, diesen wichtigen Lehrstuhl aufgab und seit 1965 − als Neuengländer! − den Sprung an die neugegründete Universität im kalifornischen Santa Barbara wagte. Als Amerikaner also lehrte er, drei Kriegsjahre ausgenommen, las und schrieb er, zugleich der eigenen literarischen Tradition verbunden und aus innerer Zuneigung zur deutschen Dichtung, stets klar in seinem Denken und Urteilen, stets kritisch zurückhaltend gegenüber modischen, vorschnellen, trivialen Verallgemeinerungen. An Auszeichnungen und Ehrungen, deutschen und amerikanischen, hat es nicht gefehlt, seine Anteilnahme an den kulturpädagogischen Auseinandersetzungen um den amerikanischen Fremdsprachenunterricht wurde durch seine Präsidentschaft der Modern Language Association belohnt.
Atkins, sagte ich, ist amerikanischer Gelehrter im besten Sinn. Wenn der amerikanische Germanist deutscher Herkunft oft genug ein einigermaßen beschädigtes Leben führt, insofern er unbewußt immer wieder Wege und Umwege zurück in die Heimat sucht, ist Stuart Atkins’ Verhältnis zur deutschen Kultur, zur europäischen Literatur, selbstbewußt und unbelastet von Sentimentalität oder Hochmut: der Grundimpuls seiner Arbeit ist philologisch, das heißt aber, der deutschen wie der eigenen Sprache und ihren Werken als faszinierender Evidenz einer umgreifenden geschichtlichen und philosophischen Tradition zugewandt.
Die Fülle seiner kritischen und interpretatorischen Arbeiten ist nicht leicht zu überschauen: die Zeit der deutschen klassischen und nachklassischen Literatur, ihre großen Werke, das Geflecht ihrer geistigen und sozialen Energien, ihr dichterisches Ethos hat das Material seiner Studien abgegeben − angefangen mit einer Darstellung der Werther-Problematik und ihrer Resonanz, The Testament of Werther, gefolgt von einer umfassenden Analyse des Faust, einer »literarischen Analyse«, wie der Untertitel betont, dem Versuch, das Stück als kohärentes Gedicht zu lesen, seine dramatische Struktur aufzudecken und die kunstvolle Verzahnung von spezifisch Goetheschen Symbolen als das eigentlich Bewegende nachzuweisen. Hier, wie in allen seinen Arbeiten, ist das philologische Verfahren die selbstverständliche Voraussetzung seiner Hermeneutik: er besteht auf Einsichten und Schlüssen, die er aus dem genauesten Überprüfen sprachlicher Intentionen ableitet. Gegen gängige, aber willkürliche Leseweisen will er beispielsweise die berühmte Bergschluchtenszene am Ende des Faust II nicht als unverbindliches Panorama, das zu Fausts Erbauung aufgebaut ist, verstanden wissen, sondern als ein konsequentes Beispiel jener Ironie und Vieldeutigkeit, die dem Stück im Ganzen dichterische Fülle und Logik verleiht. Es entspricht seiner Neigung zum Distanzieren gegenüber auch der nobelsten Art des Pathos, daß er gerade den Text des Tasso zu edieren unternahm und eine der besten Ausgaben der Werke Heines mustergültig herstellte.
Werther, Tasso, Faust, die Metaphern des deutschen Künstlers in extremis, das waren für Atkins die im Sprachwerk Goethes objektivierten und dadurch einsichtigen, ja kardinalen Gestalten der deutschen Literatur. In einem historischen Panorama, The Age of Goethe, stellt er die großen Texte der klassischen Zeit als Dokumente einer umgreifenden aufklärerischen Gesinnung zueinander in Beziehung.
Wofür wir aber, nicht etwa nur wir Amerikaner, dem Germanisten Atkins vor allem dankbar sein müssen, ist seine lange zurückreichende und neuerdings großartig gerechtfertigte Bemühung um eine moderne englische Übertragung des Faust. Der Vorsatz, dieses so ganz deutsch gedachte und figurierte Werk in der eigenen Sprache begreiflich zu machen, entspringt nicht etwa nur Atkins gelehrten Neigungen, sondern der gewiß stets beherrschten Leidenschaft seines Verhältnisses zur Sprache, zur englischen ebenso wie zur deutschen. Als vorläufig letzter von mehr als sechzig angelsächsischen Faust-Übersetzern hat er in diesen Monaten das erstaunliche Unternehmen einer völlig neuen Übertragung beider Teile abgeschlossen. Er stellt sich damit in die beachtliche Tradition englischer und amerikanischer Faust-Übersetzer, die in der Interpretation, die eine Übersetzung ja darstellt, den wechselnden Blick auf Goethes Gestalt und Leistung erkennen läßt. Der heutige Leser braucht gewiß nicht mehr, im Sinne einer Rezension von 1811, gewarnt zu werden, »die Absurditäten des Stückes seien so zahlreich, die Obszönitäten so häufig, die Profanität so grob, die Schönheit so ausschließlich auf den deutschen Geschmack zugeschnitten, daß wir die Übersetzung den englischen Freunden der deutschen Literatur nicht empfehlen können«. Atkins’ Übersetzung wird eine sehr viel günstigere Wirkung ausüben: sie ist das Ergebnis einer präzisen Kenntnis jedes Aspektes des so vielfältigen Textes, der klassischen, deutschen und englischen Prosodie, der Rhetorik und Metrik Goethes, der Gestik und der Konventionen beider Sprachen an Rhythmus, Ton und Reim, vor allem aber genau durchdacht hinsichtlich einer angemessenen Theorie des Übersetzens.
Lieber Stuart Atkins − für diese Leistung hätten Sie wohl den Übersetzer-Preis der Akademie verdient. Wenn Sie nun aber den Friedrich-Gundolf-Preis für Germanistik im Ausland entgegennehmen, dann sei diese Ehrung der Akademie der Dank für ein vorbildliches Wirken als Lehrer und Gelehrter, für ein belebendes und folgenreiches Werk der Vermittlung zwischen unseren Sprachen und den Zeugen und Zeugnissen ihrer gemeinsamen Geschichte.