Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Şara Sayin

Şara Sayin

Germanist and Turcologist
Born 6/6/1926

Friedrich-Gundolf-Preis 2010
Laudatory Address by Norbert Mecklenburg
Acceptance Speech by Şara Sayin
Diploma

... der bedeutenden Germanistin und Vermittlerin deutscher Literatur in der Türkei...

Jury members
Kommission: Michael Krüger, Norbert Miller, Per Øhrgaard, Ilma Rakusa, Miguel Saenz, Joachim Sartorius, Jean-Marie Valentin

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

Skeptische Beweglichkeit

LAUDATOR
Norbert Mecklenburg
Born 1943
Germanist

Mit Frau Prof. Dr. Șara Sayın, der langjährigen Leiterin des Faches Germanistik an der İstanbul Üniversitesi, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine der bedeutendsten Vermittlerinnen deutscher Kultur und Literatur in der Türkei. Wenn man ihren Lebensweg, ihre intellektuelle Entwicklung, ihren beruflichen Werdegang skizzieren will, drängt sich einem zweierlei auf: Șara Sayın ist ein charakteristisches Kind der modernen Türkei, im dritten Jahr nach deren Gründung geboren. Und sie ist, so gern sie reist, real und imaginär, eine treue Tochter der multikulturellen Metropole Istanbul am Rande Europas. So wurde sie eine Philologin von weltoffener Modernität und eine Kulturvermittlerin mit vielfältigen Impulsen.
Ihr geistiges Profil bildete sich, indem sie beträchtliche Gegensätze durchlebte und aufarbeitete. Als Enkelin des letzten osmanischen Hofastronomen im Serail des Sultans wuchs sie in der Pionierzeit der Republik mit deren Öffnung für die europäische Moderne auf. Deutsch lernte sie ab ihrem elften Lebensjahr an der traditionsreichen Deutschen Schule in Istanbul, zusammen nicht nur mit türkischen, sondern auch mit armenischen, griechischen, jüdischen, deutschen Mitschülern. Das war damals allerdings eine Auslandsschule des NS-Staates mit entsprechender Atmosphäre. Zu den ersten Vokabeln, die Șara lernte, gehörten ›Ordnung‹ und ›Sauberkeit‹, ›Saustall‹ und ›dreckig‹, gesungen wurden Zupfgeigenhansl und Horst-Wessel-Lied, geschenkt wurden Gustav Freytags Ahnen. Unvergesslich ist ihr geblieben, wie bewegt ein nicht gleichgeschalteter Lehrer damals Kant über Aufklärung, Don Carlos über Gedankenfreiheit zitierte...
Weitere Wechselbäder brachte dann ab 1944 das Studium der Germanistik an der Istanbul-Universität: Beste Grundlagen für westliche Philologien in komparatistisch-interkulturellen Geist hatten Leo Spitzer und sein Kreis gelegt, und Erich Auerbach lehrte noch in Istanbul. Ein anderer Emigrant, der klassische Philologe und Philosoph Walther Kranz, leitete auch die Germanistik. Vorher hatte der Mediävist Hennig Brinkmann ein kurzes Nazi-Gastspiel gegeben und in seiner Romantik-Vorlesung die türkischen Hörer mit permanentem Lob des deutschen Volkes genervt. Und ab 1950 wirkte Gerhard Fricke von eigener NS-Verblendung sich läuternd, viele Jahre lang in Istanbul. Ihn löste sein Schüler Klaus Ziegler ab und stellte idealistische Geistesgeschichte sozialgeschichtlich vom Kopf auf die Füße – wieder ein Wechselbad. Auch wenn Fricke Sayıns Lehrer und Doktorvater wurde, für ihre Dissertation wählte sie, nicht von ungefähr, keineswegs Klassisch-Romantisch-Deutsch-Idealistisches, vielmehr Grillparzer. Das Zwiespältige seiner Figuren zog sie an aber auch das Farbig-Sinnlich-Bewegte seines Theaters. Ihre Interpretationen der Stücke sind ebenso werktreu wie kritisch-distanziert.
Erstaunlich eigenständig, ja eigenwillig auch ihre Habilitation 1958 über das rätselhafteste literarische Werk des deutschen Spätmittelalters: Heinrich Wittenwilers Ring. Sie verschmähte billige hermeneutische Harmonisierung, arbeitete vielmehr scharf den Widerspruch zwischen subversiv-komischer Epik und konservativ-ernsthafter Didaktik heraus – man könnte sagen: in einer Art von dekonstruktiver Lektüre. Im gleichen Jahr dann ihre Antrittsvorlesung: Aus Gottfried Benns Anthologie expressionistischer Lyrik von 1955 wählte sie, im türkischen Kontext atemberaubend, scheinbar arglos, ausgerechnet Armin T. Wegners Sonett ›Heroische Landschaft von 1916‹ mit grauenvollen, apokalyptischen Bildern. Von heute aus gesehen ist das poetische Chiffrierung für eines der größten Tabus der Türkei, den »Untergang des armenischen Volkes«, wie Wegner selbst in einem Brief angedeutet hat, der in der Festschrift für Șara Sayın von 2004 abgedruckt ist. In einer repressiven politischen Atmosphäre mutig und nonkonformistisch schließlich war das Buch, mit dem sie ihre Professur erhielt: über den »revolutionären Dramatiker« Georg Büchner (Devrimci Dram Yazarı Georg Büchner) 1966, eine Arbeit, die auch Büchner-Übersetzungen mitangeregt hat wie die hervorragende des Woyzeck von Hasan Kuruyazıcı.
Als Literaturwissenschaftlerin wandte sich Șara Sayın dann mehr und mehr der Moderne zu: von Rilke zu Kafka, von Ingeborg Bachmann zu Thomas Bernhard. Als Professorin und Lehrerin hat sie viele Studentengenerationen betreut, in deren Folge sich ein Stück Sozialgeschichte der modernen Türkei spiegelt, und Forschung und Lehre behutsam auf deren Voraussetzungen und Bedürfnisse abgestimmt: Die ersten waren aus der Istanbuler bürgerlichen Elite gekommen, dann kamen nach und nach auch junge Menschen aus Anatolien – unter ihnen heutige Professoren –, und schließlich kamen die Remigrantenkinder aus Deutschland. Diese stellten als Lernende, als Literaturrezipienten, als Menschen zwischen zwei Sprachen und Kulturen besondere Herausforderungen für die akademische Lehre dar. Șara Sayın nahm diese Herausforderungen an, u.a. indem sie den Lehrplan für Rezeptionsästhetik und Interkulturalität öffnete. Über zwei Jahrzehnte lang hat sie so der Germanistik ein modernes Profil gegeben, vorbildlich für die ganze Türkei.
Schritt für Schritt betrieb sie eine innovative und auf verschiedene Berufsfelder bezogene Ausdifferenzierung des Fachs. Im Rahmen der in die Istanbul-Universität integrierten Fremdsprachenhochschule eröffnete sie die Abteilung für Deutsch als Fremdsprache und initiierte damit eine zeitadäquate türkische Deutschlehrerausbildung, nicht ohne gleichzeitig die praktischen Disziplinen der Sprach- und Literaturdidaktik zu fördern. Sie schuf institutionelle und personelle Grundlagen für den Aufbau germanistischer Linguistik, die dann Pionierarbeit für die Erforschung auch der türkischen Sprache leisten sollte. Sie gründete eine praxisorientierte Abteilung für Übersetzungswissenschaft und unterstützte, motiviert durch ihr eigenes Interesse an Drama und Theater, energisch die Gründung einer ebenfalls praxisnahen Abteilung für Dramaturgie und Theaterkritik. Planungen zur Gründung einer deutschen Universität in Istanbul, an denen sie in den Jahren vor ihrer Emeritierung lebhaft beteiligt war, ließen sich damals leider noch nicht realisieren.
All diese Leistungen waren natürlich nicht im Alleingang zu erbringen. Șara Sayın ist in ihrem stark von autoritären Strukturen geprägten Land einzigartig demokratisch mit ihren vielen Schülern und Mitarbeitern umgegangen: dialogisch-offen, sokratisch-mäeutisch, im Lehren zugleich selber lernend, neugierig, mit Freude an partnerschaftlicher Zusammenarbeit in vielen Richtungen. So wurde sie zur Mutter von sieben germanistischen Töchtern, die sie leitete und begleitete, bis sie alle selber Professorinnen der Germanistik waren. Sie hat aber auch zwei eigene Töchter, von denen die eine sich mit Film befasst und somit ihrer Mutter hätte helfen können, noch eine weitere Abteilung zu gründen...
Die andere ist, wie jene sieben, gleichfalls Germanistikprofessorin geworden und hat gewiss ihren dialogischen Anteil daran, dass Mutter Șara von philologischer mehr und mehr zu kulturtheoretischer Arbeit übergegangen ist und über kulturelle Identität und Alterität, die Vexierbilder des Fremden und des Eigenen, kulturelle Schnittpunkte und transkulturelle Übergänge nachdenkt und schreibt. Dabei bewegt sie sich nicht nur im Rahmen deutscher, d.h. deutschsprachiger Literatur und beobachtet deren Binnendifferenzen als westdeutsche und DDR-Literatur, österreichische und Schweizer Literatur, bis hin zur sogenannten ›Migrantenliteratur‹. Sie widmet sich darüber hinaus seit langer Zeit den türkisch-deutschen Kulturbeziehungen, wofür ihr 1995 die Goethe-Medaille verliehen wurde, und auch der modernen türkischen Literatur, die sie als Jurorin vieler Preise fördert und über die sie eine Reihe von Essays und Kritiken verfasst hat: von modernen Klassikern wie Sait Faik und Haldun Taner bis zu Gegenwartsautoren wie Tomris Uyar, Latife Tekin, Orhan Pamuk, Mario Levi, die auch für deutsche Leser ebenso interessant, vielleicht sogar interessanter sein könnten als Enzensberger, Christa Wolf, Sarah Kirsch, über die Șara Sayın gleichfalls gearbeitet hat.
Angesichts solch einer Vielfalt von Interessen und Aktivitäten dieser so beweglichen und offenen Persönlichkeit ist es nicht leicht, bei Șara Sayın so etwas wie einen geistigen Schwerpunkt herauszustellen. Ein Fixstern ist für sie von früh an zweifellos Goethe gewesen und geblieben. Bereits mit Anfang zwanzig legte sie ihre erste germanistische Publikation vor: einen kleinen Aufsatz über die Faust-Verse zum »farbigen Abglanz« des Lebens. Im Goethe-Jahr 1949 arbeitete sie an einem Gedenkband mit und übersetzte u.a. einen langen Aufsatz von Walther Kranz über Goethes Naturauffassung. 1987 erschien ein Beitrag von ihr über Goethes Modernität. Im Goethe-Jahr 1999 dachte sie mit Richard Rorty und Foucault, Deleuze und Homi Bhabha über Grenzüberschreitungen und Übergänge bei Goethe nach, ergo über Goethes Postmodernität.
Friedrich Gundolf hat an dem persischen Dichter Hafis als diejenigen Züge, mit denen sich diesem der Dichter des West-östlichen Divans verwandt fühlte, u.a. herausgestellt: »die geistige Freiheit gegenüber offiziellen Lehrmeinungen, Einrichtungen und aktuellen Ereignissen, die Selbständigkeit der Person gegenüber Staat, Glaube, Menge und Zeitgeist«. Damit kann sich auch Șara Sayın gewiss identifizieren. Denkt man aber an ihr unablässiges Fragen, mit dem sie weniger bewegliche unter ihren deutschen Kollegen in die Enge treiben kann: Was ist Verstehen? Was ist Kultur? Was ist Identität? Was heißt fremd, was eigen? – dann trifft, was Goethe außerdem noch dem Hafis zugeschrieben hat, recht gut auch auf sie zu: »skeptische Beweglichkeit«. Möge sie Șara Sayın auch weiter erhalten bleiben und ebenso die Freude am farbigen Abglanz!