Friedrich-Gundolf-Preis

The »Friedrich-Gundolf-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature since 1964.
As a »Prize for German Scholarship Abroad«, for 25 years it was exclusively awarded to linguists and literary scholars at foreign universities.
However, the prize has also been awarded to persons outside of academia who are committed to imparting German culture and cultural dialog since the prize was renamed the »Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland« (Prize for the Imparting of German Culture Abroad) in 1990.
The »Gundolf-Preis« is awarded annually at the spring conference of the German Academy. It has been endowed with €15,000 since 2013.

Awardees

Leonard W. Forster

Leonard W. ForsterLeonard W. Forster

Germanist
Born 30/3/1913
Deceased 18/4/1997
Member since 1957

Friedrich-Gundolf-Preis 1981
Laudatory Address by Roger Bauer
Acceptance Speech by Leonard W. Forster
Diploma

... der das Verständnis für die deutsche Literatur überhaupt in der angelsächsischen Welt wesentlich erweitert und vertieft hat.

Jury members
Kommission: Beda Allemann, Claude David, Eduard Goldstücker, Herman Meyer

Mitglieder des Erweiterten Präsidiums

»Ille incola mundi«

LAUDATOR
Roger Bauer
Born 4/12/1918
Deceased 18/6/2005
Germanist

Die »Kleinen Schriften zur Deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts« (1977) widmete Leonard Forster seinen »Nährmüttern« (»almis matribus«): den Universitäten Cambridge, Basel und London. In Cambridge studierte er, in Cambridge dozierte er bis zur Berufung 1950 auf einen Lehrstuhl des University College London (seine zweite englische »alma mater«). Nach Cambridge kehrte er 1961 zurück, um den dortigen »Schröder Chair of German« zu übernehmen. Mehrere Gastprofessuren auf dem Kontinent, besonders in Deutschland, aber auch in Übersee schlossen sich an. 1975 leitete er als Vorsitzender der »Internationalen Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft« in Cambridge den Kongreß dieser Gesellschaft, den brillantesten vielleicht in deren Geschichte.
Nach dem Studium an illustren deutschen Universitäten − in Bonn hörte er bei Ernst Robert Curtius −, nach den Lektoraten in Leipzig und Königsberg fanden schließlich in Basel − der dritten seiner »almarum matrum« − die Lehrjahre auf dem Kontinent ihren Abschluß. Basel (wie in Cambridge hatte auch hier Erasmus gewirkt!) sollte aber mehr werden als nur eine Station auf dem Wege. Hier wurde Leonard Forster zum Doctor philosophiae promoviert; hier erschien 1944 die grundlegende Studie über den schwäbischen Dichter und englischen Staatsmann Georg Rudolf Weckherlin; hier begegnete er einer gescheiten, von uns allen verehrten Baslerin, mit halb-französischem Namen, Jeanne Billeter, die seine Frau werden sollte und die wir das Glück − »la bonne fortune« − haben, hier begrüßen zu dürfen.

*

Aus Leonard Forsters Feder stammt ein »Persönliches Bekenntnis« betitelter Aufsatz, der amüsanterweise diesen Titel gleich wieder in Frage stellt. Er beginnt nämlich so: »Ich kann nicht von mir behaupten, daß ich ein bekenntnishafter Mensch bin«, und, als ob hiermit schon die Schranken der Diskretion durchbrochen worden wären, wird gleich danach die somit bekundete Scheu vor Selbstoffenbarungen aller Art zum eher nationalen − englischen − als persönlichen Zug erklärt.
Dem Gefühl der Geborgenheit im Ganzen, in das man hineingeboren wurde, entspricht der mehrfache Gebrauch von Begriffen wie Erbschaft und Tradition: »Wir sind Erben«, heißt es im genannten Aufsatz, und »es gehört zum Sinn der Universität, dieses Bewußtsein zu erhalten und, wo nötig, wachzurufen, damit nicht jede Generation geistig von vorne anfangen muß« − »Ich spreche als Kind einer Universität – Cambridge − und einer Kirche − der anglikanischen −, die immer schon sehr große Stücke auf Tradition gehalten haben.« Es entbehrt nicht einer, wohl beabsichtigten Ironie, daß diese »confessio cantabrigensis« 1972 auf deutsch veröffentlicht wurde, kurze Zeit nach der sogenannten Studentenrevolution auf dem Kontinent...

Es sei mir gestattet, hier einige persönliche Erinnerungen einzuflechten: an einen Abend in Cambridge. Der Titel des Vortrags, den ich dort hielt, ist mir entfallen, unvergeßlich blieben mir hingegen das Dinner an der high-table des Selwyn Colleges und der Toast des »Masters«: »Church and Queen«. Unvergeßlich auch, und vor allem, der anschließende Spaziergang durch die Höfe der Colleges. In dem einen zeigte mir Leonard Forster das Fenster, hinter dem einst Erasmus gearbeitet hatte. Auf dem langen Weg unterhielten wir uns in einem Gemisch von Deutsch, Französisch, Englisch − wenig Englisch: meine deutsch-französische Zunge hat da ihre Schwierigkeiten − und in Basler und Straßburger »Ditsch«...
Die vom Fremden so bewunderte (und für ihn so hilfreiche) Vertrautheit Leonard Forsters mit allen diesen Sprachen, et quibusdam aliis, ist nur eine der Erscheinungsformen seiner Freude am und seiner Begabung für das Gespräch: Im Vorwort der dem Emeritus 1980 gewidmeten Sondernummer der Oxforder Zeitschrift »German Life and Letters« erkannten seine britischen Schüler und Freunde mit dem richtigen Sinn für die Qualitäten des Jubilars sein »genius for conversation«, »his witty and incisive formulations«, »his keen interest (and sympathy with) all things human«.
Anders als die Kollegen auf der Insel durften wir uns, auf dem Kontinent, über diese Talente zu selten oder nur über den Umweg der Lektüre freuen: der dort gefeierte »great teacher« ist uns vor allem in der Gestalt des »great scholar« präsent. Als solcher hat er freilich unsere Kenntnis einiger sonst wenig beachteter Aspekte und Epochen der deutschen Literatur grundlegend erneuert, und er erreichte dies, indem er klar und systematisch die Zusammenhänge mit den Nachbarliteraturen darlegte. Die Voraussetzung hierfür waren, wiederum, die profunde Kenntnis dieser Literaturen und die tiefe Sympathie für die polyglotten Autoren aller Zeiten.

Eine Essaysammlung Forsters, die die Ergebnisse früherer Arbeiten zu diesem Thema zusammenfaßt, trägt den bezeichnenden Titel »The Poet’s Tongues«: die Sprachen − im Plural − des Dichters − im Singular (1970)! Untersucht werden die wechselnden Gründe und Vorsätze, die die betreffenden Autoren bewegten. Denn an sich ist das Phänomen der polyglotten Literatur ein ewiges und somit historisch zu interpretieren. Glossiert werden in diesem Zusammenhang Autoren wie Paulus Schede-Melissus, Weckherlin, Opitz (Dichter der Barockzeit also, die seit jeher im Mittelpunkt von Leonard Forsters Interesse standen), aber auch moderne Schriftsteller wie Stefan George, Rainer Maria Rilke, Jean/Hans Arp, James Joyce, Samuel Beckett... und Ernst Jandl. Wir erfahren zum Beispiel, daß Quirinus Kuhlmann bei der genialen Komposition zweier seiner »Kühlpsalmen« ein Gedicht des heiligen Juan de la Cruz und den »Jubilus« des Pseudo-Bernhard ummodelte, und daß in den letzten Versen von Thomas Stearns Eliots »Waste Land« Motive aus Dante, dem »Pervigilium Veneris«, aus Gérard de Nerval und den »Upanischaden« verborgen sind. Zugleich wird überzeugend bewiesen, wie man aus literarischen Texten ein besseres Verständnis der Zeiten, in denen sie entstanden, gewinnen kann, und dies ohne Systematisierung und unzulässige Abwertung der Literatur im Namen der alleinseligmachenden Soziologie...

In der Londoner Antrittsvorlesung von 1950 war folgendes Arbeitsprogramm vorgesehen: erforschen, »in welchem Maße Deutschland an der europäischen Barockliteratur teilhatte und welche Besonderheiten es entwickelte«. Im Laufe der Arbeiten wurde klar, wie man hier, in Deutschland − wo lange noch das Latein als vollgültige Literatursprache galt − Anschluß suchte und fand »an die Formen- und Gedankenwelt der europäischen Renaissance«, wie man dabei eifrig nachahmte, übersetzte, assimilierte. Untersucht wurden gleichzeitig die »verschiedenen Funktionen«, die die nebeneinander gebrauchten Sprachen − Latein, Deutsch, Niederländisch, Französisch usw. − »für den einzelnen Dichter wie für sein Publikum zu erfüllen hatten«. (Dasselbe Problem stellt sich selbst noch bei Johann Peter Hebel, dessen Kalendergeschichten fürs Volk zwar in Hochdeutsch geschrieben sind, die anspruchsvolleren »Gedichte« jedoch in »Alemannisch«). Somit erklärt sich zugleich das besondere Interesse für Randgebiete der germanischen Welt, wie die des unteren und des oberen Rheins: es ist kein Zufall, daß gerade die Universitäten Leyden und Straßburg diesen kosmopolitischen, erasmianisch gesinnten exemplarischen Engländer zum Doctor honoris causa ernannten. Den Vermittlern, den Schmugglern und Grenzgängern der sogenannten Nationalliteraturen hat er endlich den großen Raum zugewiesen, den sie verdienen: den »ronsardisierenden« Deutschen und Niederländern zum Beispiel, Schede-Melissus, Weckherlin, Opitz, Utenhove, van der Noot, Hooft und anderen. Deswegen auch die besondere Beachtung der »polyglotten Literatenkreise«, in denen diese Tendenz der Grenzenlosigkeit gepflegt wurde: Heidelberg um Schede, Muiden-Amsterdam um Pieter Comeliszoon Hooft. Hier, und dasselbe gilt für ähnliche Kreise und andere Zeiten, war Literatur mehr als ein bloßes Spiel mit der Sprache (oder den Sprachen): vielmehr eine Form der Geselligkeit, die Prägung eines Ethos, ein fixiertes oder entworfenes Lebensideal, und somit ein genuiner, auf nichts anderes reduzierbarer Ausdruck einer Epoche, einer Welt.
Die unter dem poetischen Titel »The Icy Fire« (1969) gesammelten Essays zeigen so, wie im Italien des Cinquecento sich das sogenannte »petrarkistische System« (von poetischen Bildern, Sprachfloskeln und Attitüden) ausbildete und wie es sich anschließend über ganz Europa verbreitete. Derselben petrarkistischen Sprache bedienten sich aber noch, in ihren französisch geschriebenen Briefen, Sophie Dorothea von Hannover und Philipp Christoph von Königsmark: Das Spiel endete mit der Ermordung des einen und der Verbannung, auf Schloß Ahlden, der anderen. »Gelebter Petrarkismus« lautet der Titel des schönen Aufsatzes, in dem Leonard Forster diese tragische Geschichte, die unter anderen auch Literatur war, erzählt und kommentiert.

*

Von einem der barocken Niederländer, denen sich Leonard Forster so stark verbunden fühlt und deren eminente Bedeutung für die Gesamtgermanistik er erkannte, von Constantijn Huygens, stammt folgende Definition des wahren Poeten:

»Omne solum vati patria est, ille incola mundi.«

Nur ein Wort braucht in diesem Dictum durch ein anderes, besser zur universitären Bescheidenheit passendes ersetzt werden: »vates« (der Dichter-Seher) durch »Gelehrter«. (Diskreter wäre »scholar«, ein Wort, das leider im Deutschen eine weniger ehrenvolle Bedeutung angenommen hat.) Die so emendierte Übersetzung des Spruchs faßte dann zusammen, was wir bei Leonard Forster vor allem lieben und worin er uns und späteren Generationen Vorbild sein sollte:

»Das Ganze nur kann für den Gelehrten Vaterland sein, er ist ein Bürger der Welt.«